Wie sich unsere Kultur selbst zerstört Fr. 5. Juni 2020

Fr. 5. Juni 2020

Die progressive Gedankenpolizei zerstört gerade die westliche Gesellschaft. Warum das so ist und was das bedeutet – eine Untersuchung.

Von René Malgo

Auf Welt Online berichten Professoren, wie eine «Minderheit radikaler Studenten» sich an den Universitäten «als Gedankenpolizei» aufspielt und ihre Lehrer attackiert, verunglimpft und droht. Diese Gedankenpolizei ist mittlerweile überall. Da scherzte beispielsweise die Unionspolitikerin Annegret Kramp-Karrenbauer über Toiletten für «intersexuelle Menschen» und – wie zu erwarten war – eine Welle der Empörung ergoss sich über sie.

In den USA geht die progressive Gedankenpolizei noch aggressiver vor, und zwar so sehr, dass die Revolution buchstäblich ihre eigenen Kinder frisst. Ein Beispiel dafür war das geplante Buchdebüt von Amélie Wen Zhao. Bei einem Twitter-Wettbewerb für Jugendbücher, in dem Minderheiten berücksichtigt werden sollten, gewann sie den Zuschlag, und sie konnte sich unter den grössten Verlagen der USA den aussuchen, der ihre Romantrilogie herausbringen sollte. Der erste Band ihrer Fantasy-Saga, Blood Heir (Bluterbe), wurde von Barnes & Noble als das meist erwartete Buch für junge Erwachsene für 2019 bezeichnet.

Doch dann schlug der politisch korrekte Twitter-Mob der progressiven «Tugendwächter» zu. Zhaos Buch wurde noch vor Veröffentlichung Rassismus vorgeworfen, weil in der fiktiven Welt, die sie geschaffen hat, ein dunkelhäutiger Sklave sich selbst opfert … und eine dunkelhäutige Person mit hellen Augen beschrieben wird. Andere Autoren im Buchgenre für junge Erwachsene fielen wie tollwütig gewordene Hunde über Zhao her. Und die blinde Wut lautstarker Twitter-Nutzer, die noch keine einzige Silbe ihres Buches gelesen hatten, prasselte auf sie ein.

Das Pikante: Amélie Wen Zhao gehört selbst zur «Gemeinschaft» (wie sie diese nannte) der politisch korrekten Progressiven, die die LGBT- und alle anderen Minderheiten ehren und schützen wollen. Bevor der Feuersturm der Entrüstung über sie hereinbrach, schrieb sie in einem Blogbeitrag über Blood Heir:
«Wir leben in einer Welt, in der ich sehe, dass so viele andere wie ich verletzt werden. Ich sehe Angst, die als Waffe von denen benutzt wird, die sich für den Hass entscheiden. Ich sehe das uralte Monster der Vorurteile, das Grenzen zieht zwischen denen, die anders sind. Mein Stift ist mein Schwert, meine Worte sind meine Stimme, und ich hoffe, dass Blood Heir ein Orientierungslicht für diejenigen sein wird, die es am meisten brauchen.»

Nun, diejenigen, denen sie mit ihrem Buch dienen wollte, haben sie mit aller Schärfe angegriffen. Warum? Weil ihr Roman, der sich eigentlich gegen Vorurteile stellen und für Minderheiten einstehen wollte, nicht politisch korrekt genug war. Und Zhaos tieftraurige Reaktion darauf? Sie sagte nicht: «Jetzt erst Recht!», sondern gab sich zerknirscht, dankte dem Twitter-Mob für das Gift, das es verbreitet hatte, und gelobte feierlich, in sich zu gehen und das Buch nicht zu veröffentlichen. Der Verlag akzeptierte ihre Entscheidung, und damit löste sich ihr mutmasslicher Millionendeal und ihr Kindheitstraum in Luft auf.

Der Journalist Rod Dreher bemerkte, dass Zhao es offenbar gelernt habe, Big Brother zu lieben. Widerspruchslos unterwarf sie sich der Gesinnungsdiktatur der Progressiven, mit denen sie sich auf Gedeih und Verderb eins gemacht hatte. Doch damit ist die Saga der linken Selbstzerstörung im Genre der Bücher für junge Erwachsene nicht zu Ende. Einer, der mit auf Zhao losgegangen war und liebend gern ihren Traum zerstört hatte, war der homosexuelle und schwarze Autor Kosoko Jackson. – Eigentlich erfüllte Amélie Wen Zhao schon zur Genüge das bevorzugte Profil der progressiven Gesellschaftskämpfer: jung, weiblich, nicht weiss und eine Immigrantin aus China. Kosoko Jackson genügte dem Profil noch mehr: schwarz und homosexuell. Für Progressive eine himmlische Kombination. Und doch wurde auch er von seiner eigenen «Gemeinschaft» vernichtet.

Der Grund: Er schrieb ein Buch für junge Erwachsene, in dem es um eine Liebesbeziehung zweier amerikanischer Männer vor dem Hintergrund des Kosovo-Krieges geht. Der Sturm der Entrüstung brach dann über ihn herein, weil er einen realen Konflikt im Ausland als Hintergrund benutzt habe, die Helden Amerikaner seien und der Bösewicht ein Muslim. Das durfte nicht sein. Da rettete ihn sogar sein LGBT-Bonus nicht. Auch er beugte sich, wie Zhao, Big Brother und zog bussfertig sein Buch für die Veröffentlichung zurück.

Erschreckend an diesen Episoden ist, dass es nicht totalitäre Regierungen waren, die die Veröffentlichung dieser Werke stoppten, sondern freie Mobs im Internet. Es ist fast so, als sehnten sich die Menschen im Westen nach einer Diktatur. Und wenn sie keine bekommen, dann errichten sie sich eben selbst eine. Wenn die Zeit jemals reif war für den Antichristen, dann jetzt!

Als Christen müssen wir den verhinderten Büchern von Zhao und Jackson sicher nicht hinterhertrauern, aber das Mitleid mit ihren verlorenen Seelen, die vom Gift des totalitären Progressivismus buchstäblich zerstört werden, muss uns wohl in die Fürbitte treiben und weinen lassen, wie Christus über die Schafe ohne Hirten geweint hat.

Wir könnten uns über die progressive Gedankenpolizei lustig machen oder über sie aufregen, aber dabei verkennen wir vielleicht die erschütternde Wahrheit, die dahinter steht: diese Menschen, die oft wirklich Idealisten sind, werden vom Vater der Lüge und grossen Durcheinanderbringer in ihren Begierden versklavt, von Gott weggeführt und seelisch immer weiter abgetötet … bis nichts mehr übrig bleibt und der brüllende Löwe sie völlig verschlungen hat.

Das ist ein geistlicher Kampf. Als Christen sollten wir diese Kriegserklärung des Teufels an die Menschen, die Gott in Seinem Bild geschaffen hat, ernstnehmen. Wir sollten zum Vater der Barmherzigkeit beten, schreien und flehen, dass das Licht Seines befreienden Evangeliums von unserem Herrn und Heiland Jesus Christus wieder neu in unsere immer finsterer werdende Gesellschaft hineinleuchten darf und dass Er uns dabei als Balsam und Erquickung für unsere Nächsten benutzen möge.

Dabei wollen wir aber nicht übersehen, dass das irrationale Verhalten der Progressiven nur die Symptome des kulturellen Niedergangs sind, in dem unsere westliche Gesellschaft begriffen ist. Der Kirchenhistoriker Carl Trueman weist diesbezüglich auf den christlichen Denker Philip Rieff hin. Rieff hat in seinem Werk Sacred Order/Social Order (Heilige Ordnung/Soziale Ordnung) die Kulturen der Menschheit in drei Kategorien eingeteilt.

Die «Erste Welt» sind die Kulturen, die ihre Existenz mithilfe von Mythen rechtfertigen. Das sehen wir in den nordischen Sagen, in den griechischen Göttermythen und so weiter und so fort. Es sind Geschichten über das Schicksal. Diese Legenden sorgen dafür, dass die Kulturen der Ersten Welt etwas grösserem als sich selbst verpflichtet sind.

Die «Zweite Welt» nun wird nicht charakterisiert von ihrem Glauben an Schicksal, sondern vom Glauben selbst. Beispiele für Kulturen dieser Welt sind die des Judentums, Christentums und Islam. In ihnen sind die kulturellen Ordnungen dem Glauben an eine höhere, richtende Macht verpflichtet. Die Erste und die Zweite Welt sind sich ähnlich, weil sie ihre Sozialordnung auf eine tiefere, ja heilige Ordnung fussen lassen.

Die «Dritte Welt» allerdings ist eine Kultur, die jegliche heilige Ordnung mit Füssen tritt. In der Dritten Welt gibt es nichts ausserhalb dieser Welt selbst, was die Kultur bestimmen könnte oder sollte. Trueman schreibt: «Die Folgen dessen sind, laut Rieff, umfassend und katastrophal.» Denn eine solche Kultur muss ihre Existenz um ihrer selbst willen rechtfertigen – und nicht um einer höheren Macht willen. Das sehen wir in dem Drama um Zhao und Jackson: Es sind beleidigte Gefühle, die die Menschen bestimmen, und nicht etwa die verbindlichen Normen einer höheren Macht ausserhalb von ihnen. Keine Kultur in der Geschichte habe sich aber jemals erfolgreich ohne höhere Prinzipien am Leben erhalten, schreibt Trueman.

Mit anderen Worten: Eine Kultur, die ihre Normen weder von Mythen noch Gott selbst als höhere und heilige Ordnung nimmt, wird in sich selbst zusammenbrechen. Sie kann sich nicht halten. Kulturen, in denen nichts mehr heilig ist und die nur noch um ihrer selbst willen existieren, zerfallen zwangsläufig. Und das macht den gegenwärtigen Genderwahn, den Angriff auf die Familie, den Zerfall der Werte und die blutrünstige Mob-Mentalität der Progressiven so gefährlich und so tragisch. Wenn jegliche Art der Unmoral erlaubt ist und gefördert wird und eine Gesellschaft keine gemeinsamen Normen und Tabus mehr hat, hört diese Gesellschaft auf, als Gesellschaft zu existieren. Damit stösst die gegenwärtige Verwirrung, die unsere westliche Kultur so sehr ins Chaos stürzt, die Tür weit auf für den Antichristen.

Der Gesinnungsterror der politisch Korrekten wird sich nicht ewig halten können. Wie gesagt: ohne höhere Prinzipien ist er selbstzerstörerisch. Das zeigt ja die Vernichtungswut um Zhao und Jackson. Der Mensch und die menschliche Kultur brauchen von Natur aus eine höhere Ordnung, an die sie sich orientieren können. Der Mensch braucht Schranken. Und der Antichrist, der starke Mann, wird sie wohl bieten. Er könnte Ordnung in das gesellschaftliche Chaos bringen. Er könnte «aufräumen» …

Die politisch korrekte und progressive Gedankenpolizei ist deshalb nicht so furchterregend wie das, was nach diesem kommen könnte, nämlich jener starke Mann, der die Scherben einer in sich zusammengefallenen Kultur auflest und zu einem antichristlichen Reich neu zusammensetzt: wie ein Cäsar den gesellschaftlichen Niedergang der römischen Republik für sich genutzt hat oder wie ein Napoleon die Scherben der französischen Revolution oder wie ein Hitler die Dekadenz der Weimarer Republik … Deshalb bete ich; und wollen wir doch alle beten: «Herr, erbarme Dich!» Und: «Herr, komme bald!»