Was sind die Schwerpunkte der Offenbarung? (Teil 3)

Über das letzte Buch der Bibel kursieren so viele verschiedene Ansichten wie Sand am Meer. Doch das erste Kapitel macht deutlich, wo der eigentliche Schwerpunkt der Apokalypse liegt und was das für unser Leben bedeutet.

Die Offenbarung beschreibt das Ende und das Ziel Gottes mit Seiner Schöpfung. Sie ist der Höhepunkt des Ratschlusses Gottes mit der Welt durch Jesus Christus. Die Offenbarung ist der abschliessende Triumph der Auswirkungen von Jesu erstem Kommen, Seinem Sterben und Seiner Auferstehung. Darum ist die Rede davon, dass Er der Erstgeborene aus den Toten ist und Sein Blut zur Erlösung gegeben hat (Offb 1,5), dass Er der ist, der ist, war und kommt (V. 4.8), dass Er tot war und lebt (V. 17) und dass Er den Schlüssel des Todes besitzt (V. 18). 

«Johannes an die sieben Gemeinden, die in Asia sind: Gnade sei mit euch und Friede von dem, der ist und der war und der kommt, und von den sieben Geistern, die vor seinem Thron sind, und von Jesus Christus, dem treuen Zeugen, dem Erstgeborenen aus den Toten und dem Fürsten über die Könige der Erde. Ihm, der uns geliebt hat und uns von unseren Sünden gewaschen hat durch sein Blut, und uns zu Königen und Priestern gemacht hat für seinen Gott und Vater – ihm sei die Herrlichkeit und die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen» (Offb 1,4–6).

Die sieben Gemeinden sind die Gemeinden, an die sich die sieben Sendschreiben richten. Da die Zahl Sieben eine Vollkommenheitszahl ist, deutet sie auf die Gesamtgemeinde aller Zeiten hin. 

Die sieben Geister sind ein Bild für die Fülle des Heiligen Geistes, für Seinen siebenfachen Dienst (Jes 11,2), der auch in dem siebenarmigen Leuchter, der Menora, dargestellt ist (Sach 4,2–6). «Und auf ihm wird ruhen der Geist des Herrn, der Geist der Weisheit und des Verstandes, der Geist des Rates und der Kraft, der Geist der Erkenntnis und der Furcht des Herrn» (Jes 11,2).

Manche sind der Ansicht, dass es sich bei diesen sieben Geistern um sieben Engelwesen handelt, da Engel in der Schrift auch als Geister beschrieben werden (Hebr 1,14). Und weil sie sich vor dem Thron befinden, scheinen sie eine untergeordnete Stellung zu haben. Das kann man von dem Heiligen Geist nicht behaupten, der doch Gott ist. (Zugleich könnte man aber auch sagen, dass die sieben Geister vor dem Thron tatsächlich mit Gott gleichgestellt werden, da Johannes den Gemeinden «Gnade» und «Friede» gleichermassen von dem Vater, dem Sohn und den sieben Geistern wünscht.) Wenn nach Vers 20 die sieben Sterne die Engel der sieben Gemeinden darstellen und die sieben Leuchter für sieben Gemeinden stehen, dann könnten die sieben Geister deswegen wohl auch auf sieben besondere Engel hindeuten, die ausgesandt werden in die ganze Welt (Offb 5,6). Beide Deutungen – Fülle des Heiligen Geistes oder sieben Engelfürsten – scheinen möglich. 

Sogleich im ersten Kapitel macht die Offenbarung jedenfalls die Vorrangstellung und Einzigartigkeit des Herrn Jesus deutlich: Er ist derjenige, der ist, war und kommt. Er ist von Ewigkeit her Gott. Er war in dieser Welt. Und Er kommt wieder (Offb 1,8). Wenn er sich «das A und das O, der Anfang und das Ende, der Erste und der Letzte» (Offb 22,13) nennt, macht Er sich damit selbst zu Gott, denn dies ist ein göttlicher Titel: «Ich bin der Erste, und ich bin der Letzte, und ausser mir gibt es keinen Gott» (Jes 44,6; vgl. 41,4; 48,12). Gott hat sich in Christus Jesus offenbart (Offb 4,9; 11,17). 

Jesus ist der treue Zeuge, der als Mensch auf dieser Erde Gott dem Vater ergeben diente (Jes 55,4; Joh 4,34; Lk 22,42). Als solcher ist Er der Erstgeborene aus den Toten, der nie mehr sterben wird (Kol 1,18). Er ist der Fürst über die Könige der Erde, der zukünftige Herrscher auf Erden.

Durch Ihn empfangen wir «Gnade», eine Gottesgunst ohne unser Zutun. Durch diese Gnade erhalten wir «Frieden» mit Gott. So schenkt Er uns Seine Liebe, denn Er hat sich für uns hingegeben und Sein Blut zu unserer Vergebung vergossen. 

Und dieser Jesus, unser Herr und Erlöser, kommt wieder: «Siehe, er kommt mit den Wolken, und jedes Auge wird ihn sehen, auch die, die ihn durchstochen haben, und wehklagen werden seinetwegen alle Stämme des Landes. Ja, Amen» (Offb 1,7).

Schon der alttestamentliche Prophet Daniel schreibt davon, dass der Herr mit den Wolken kommen wird (Dan 7,13). Christus selbst bezeugt auch, dass Er auf den Wolken des Himmels mit Macht und Herrlichkeit wiederkommen wird (Mt 24,30; 26,64). Eine Wolke nahm Ihn auf, als Er vom Ölberg in den Himmel aufstieg (Apg 1,9–11), und genauso wird Er auch wieder herabkommen (Sach 14,4).

Alle werden Ihn sehen – auch und gerade Israel, nämlich «alle Stämme des Landes» (Offb 1,7). Diese Formulierung leitet sich von der Prophetie in Sacharja 12,10–12 ab: «Aber über das Haus David und über die Einwohner von Jerusalem will ich den Geist der Gnade und des Gebets ausgiessen, und sie werden auf mich sehen, den sie durchstochen haben, ja, sie werden um ihn klagen, wie man klagt um den eingeborenen Sohn, und sie werden bitterlich über ihn Leid tragen, wie man bitterlich Leid trägt über den Erstgeborenen. An jenem Tag wird es eine grosse Klage geben in Jerusalem, wie die Klage in Hadad-Rimmon war in der Ebene von Megiddo. Und das Land wird klagen, jedes Geschlecht für sich; das Geschlecht des Hauses David für sich und ihre Frauen für sich, das Geschlecht des Hauses Nathan für sich und ihre Frauen für sich …»

Deshalb weist Offenbarung 1,7 insbesondere auf Israel hin, auf das Volk der Juden, «die ihn durchstochen haben». Gott wird einen Geist der Gnade und des Flehens auf sie ausgiessen, und sie werden über jenen Herrn wehklagen (Sach 12,10; Mt 24,30), den sie zwei Jahrtausende lang so völlig verachtet haben.

Die Visionen der Offenbarung empfängt Johannes am «Tag des Herrn»: «Ich war im Geist am Tag des Herrn, und ich hörte hinter mir eine gewaltige Stimme, wie von einer Posaune, die sprach: Ich bin das A und das O, der Erste und der Letzte!, und: Was du siehst, das schreibe in ein Buch und sende es den Gemeinden, die in Asia sind: nach Ephesus und nach Smyrna und nach Pergamus und nach Thyatira und nach Sardes und nach Philadelphia und nach Laodizea!» (Offb 1,10–11). 

Viele sehen im «Tag des Herrn» einen Hinweis auf den Sonntag als Auferstehungstag Jesu Christi. Wahrscheinlicher ist’s aber, dass Johannes hiermit den in der Heiligen Schrift mehrfach erwähnten Gerichtstag des Herrn meint, den er im Geist durchlebt und über den er sich als Prophet Gedanken macht. Diesen Tag hat Er gesehen (vgl. Offb 4,2). Darum soll Johannes nach Vers 11 auch aufschreiben, was er «im Geist» sieht. Der «Tag des Herrn» wird im Alten und im Neuen Testament wiederholt als Gerichtstag angekündigt (Joel 1,15; 3,4; Jes 13,6.9; Mal 3,23; 1.Thess 5,2; 2.Petr 3,10). In der Offenbarung findet dieser Tag seine Erfüllung.

Im Neuen Testament wird der Auferstehungstag stets als der «erste Tag der Woche» bezeichnet (Mt 28,1; Apg 20,7 u.a.). Hätte Johannes den Auferstehungstag gemeint, so hätte er wohl eher auch diese Formulierung verwendet, wie es das Johannesevangelium und die anderen biblischen Autoren jener Zeit taten (vgl. Joh 20,1.19). Erst später in der Geschichte der Gemeinde wurde der Begriff «Tag des Herrn» mit dem Auferstehungstag und dem Sonntag gleichgesetzt. Der biblische Zusammenhang ist immer der Schlüssel zur Auslegung. 

Wörtlich müsste es heissen: «Ich befand mich im Geist in dem Herrn gehörenden Tag», oder: «Ich befand mich im Geist in des Herrn Tag». Es ist der Tag, der dem Herrn gehört und den Gott Seinem Sohn übertragen hat: «Offenbarung Jesu Christi, die Gott ihm gegeben hat» (Offb 1,1). Die Offenbarung ist der Tag des Herrn und gehört ganz und gar dem Herrn Jesus.

«Denn der Vater richtet niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohn übergeben […] Und er hat ihm Vollmacht gegeben, auch Gericht zu halten, weil er der Sohn des Menschen ist» (Joh 5,22.27). Ausgerechnet als «Sohn des Menschen» wird der Herr Jesus in Zusammenhang mit dem «Tag des Herrn» in Offenbarung 1,13 auch vorgestellt. Christus selbst bestätigt, dass dieser zukünftige Tag Ihm gehört: «Denn gleichwie der Blitz, der in einer Himmelsgegend erstrahlt, bis zur anderen leuchtet, so wird auch der Sohn des Menschen sein an seinem Tag» (Lk 17,24).

So ist der «Tag des Herrn» der Tag, der Ihm gehört, und Johannes durchlebt diesen Tag «im Geist» als Prophet. Der Ausdruck «im Geist» passt zum Propheten Hesekiel, der das Gleiche erlebte: «Mich aber nahm der Geist und führte mich im Gesicht, im Geist Gottes, wieder nach Chaldäa zu den Weggeführten; und die Erscheinung, die ich gesehen hatte, hob sich von mir hinweg» (Hes 11,24). Und: «Die Hand des Herrn kam über mich, und der Herr führte mich im Geist hinaus und liess mich nieder mitten auf der Ebene, und diese war voller Totengebeine» (Hes 37,1).

Norbert Lieth absolvierte seine theologische Ausbildung an der Bibelschule des Mitternachtsruf in Südamerika und war dort auf verschiedenen Missionsbasen tätig. Ein zentraler Punkt seines weltweiten Verkündigungsdienstes ist das prophetische Wort Gottes.
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