Markus 2,23-28

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 13

Jesus, der Bräutigam, und der Beginn von etwas Neuem

In Markus 2 begegnen wir nicht nur einer einzelnen Streitfrage, sondern einer ganzen Reihe von Konflikten zwischen Jesus und den religiösen Führern seiner Zeit. Kurz zuvor stand die Frage im Raum, warum die Jünger Jesu nicht fasteten, während die Pharisäer, die Schriftgelehrten und die Jünger des Johannes regelmässig fasteten. Jesus antwortete mit dem Bild des Bräutigams: Solange der Bräutigam bei den Hochzeitsgästen ist, können sie nicht fasten.

Damit machte Jesus deutlich: In ihm ist etwas Neues angebrochen. Nach dem Zeugnis des Alten Testaments ist Gott selbst der Bräutigam Israels. Wenn Jesus sich nun in diese Stellung setzt, zeigt er damit, wer er ist: Gott wurde Mensch. In Christus kommt ein neuer Bund, etwas Besseres. Gesetz, Traditionen und religiöse Formen waren im Vergleich zu dem, was in Christus gekommen ist, nur Schatten und Nebensache.

Diese Auseinandersetzung geht nun weiter. Der nächste Konflikt dreht sich um den Sabbat. Gerade am Sabbat kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Jesus und den Schriftgelehrten und Pharisäern. Siebenmal wird in den Evangelien ausdrücklich erwähnt, dass Jesus am Sabbat heilte. Sicher war es nicht nur siebenmal; doch dass es so häufig berichtet wird, zeigt: Hier liegt eine Lektion für die Schriftgelehrten und Pharisäer, aber auch für uns.

Warum der Sabbat Israel so wichtig war

Für die Juden war der Sabbat von zentraler Bedeutung. Das hatte gute Gründe. Der Sabbat gehört zu den Zehn Geboten und ist bereits in der Schöpfungsordnung angelegt: sechs Tage Arbeit, am siebten Tag Ruhe. Es geht hier nicht um die Frage, ob Christen den Sabbat oder den Sonntag halten sollen. Es geht zuerst darum, den Sabbat im jüdischen Kontext zu verstehen.

Durch Jeremia tadelte Gott sein Volk, weil es den Sabbat vernachlässigt hatte:

«So spricht der Herr: Hütet euch um eurer Seele willen, dass ihr am Sabbattag keine Last auf euch nehmt und sie zu den Toren Jerusalems hineinbringt! Auch sollt ihr am Sabbattag keine Last aus euren Häusern tragen und kein Werk tun; sondern heiligt den Sabbattag, wie ich es euren Vätern geboten habe!» (Jer 17,21-22).

Nach der babylonischen Gefangenschaft setzte Nehemia alles daran, dass wieder geistliche Ordnung in das Volk kam. Dazu gehörte auch, dass der Sabbat wieder ernst genommen wurde:

«Zu jener Zeit sah ich, dass etliche in Juda am Sabbat die Kelter traten und Garben einbrachten und Esel beluden, auch Wein, Trauben, Feigen und allerlei Lasten aufluden und dies am Sabbat nach Jerusalem brachten. Da verwarnte ich sie an dem Tag, da sie die Lebensmittel verkauften» (Neh 13,15).

Der Wunsch, die Sabbatruhe genau zu bewahren, war also nicht falsch. Im Gegenteil: Das Volk hatte verstanden, dass es Gottes Gebot missachtet hatte. Doch sehr schnell wurde aus dem guten Anliegen religiöse Enge. Aus Gehorsam wurde Gesetzlichkeit; aus Ordnung wurde Blindheit.

Wenn ein gutes Gebot zur Last wird

Die Schriftgelehrten stellten im Blick auf den Sabbat rund tausend detaillierte Regeln auf. Man wollte den Sabbat schützen. Doch am Ende wurde nicht der Sabbat geschützt, sondern der Mensch wurde zum Knecht des Sabbats. Man stelle sich vor, es gäbe tausend Regeln dafür, wie Christen den Sonntag zu halten hätten: vom Aufstehen an wäre alles kompliziert.

Ein Beispiel dafür findet sich in der Auslegung von 2. Mose 16,29:

«Seht, der Herr hat euch den Sabbat gegeben; darum gibt er euch am sechsten Tag für zwei Tage Brot; so soll nun jeder an seiner Stelle bleiben, und niemand soll am siebten Tag seinen Platz verlassen!» (2Mo 16,29).

Der Zusammenhang ist die Wüstenwanderung und das Manna. Aus diesem Vers leitete man später ab, dass man am Sabbat nur eine begrenzte Strecke zu Fuss gehen dürfe. In Apostelgeschichte 1,12 ist von einem «Sabbatweg» die Rede: «Da kehrten sie nach Jerusalem zurück von dem Berg, welcher Ölberg heisst, der nahe bei Jerusalem liegt, einen Sabbatweg entfernt.» Dieser Weg wurde von den Schriftgelehrten und Pharisäern auf etwa 2000 Ellen festgelegt.

Um sich dennoch in einer grösseren Stadt bewegen zu können, entwickelte man Konstruktionen, mit denen ein Gebiet gewissermassen als zusammengehöriger Raum definiert wurde. Das zeigt, wie kompliziert die Sache geworden war. Der Sabbat war den religiösen Führern wichtig, doch sie lebten ihn nicht so, wie Gott ihn gemeint hatte.

Die Jünger in den Kornfeldern

Vor diesem Hintergrund lesen wir Markus 2,23-28:

«Und es begab sich, dass er am Sabbat durch die Kornfelder ging. Und seine Jünger fingen an, auf dem Weg die Ähren abzustreifen. Da sprachen die Pharisäer zu ihm: Sieh doch, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist? Und er sprach zu ihnen: Habt ihr nie gelesen, was David tat, als er Mangel litt und er und seine Gefährten Hunger hatten, wie er zur Zeit des Hohenpriesters Abjatar in das Haus Gottes hineinging und die Schaubrote ass, die niemand essen darf als nur die Priester, und auch denen davon gab, die bei ihm waren? Und er sprach zu ihnen: Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen, nicht der Mensch um des Sabbats willen. Also ist der Sohn des Menschen Herr auch über den Sabbat.»

Am Sabbat durfte man tatsächlich nicht ernten. Die Frage ist also: Haben die Jünger geerntet? Wahrscheinlich befinden wir uns jahreszeitlich irgendwo zwischen März und Juni, in der Zeit, in der zuerst die Gerste und später der Weizen reif wird. Die Jünger gingen durch Kornfelder und streiften Ähren ab. Für heutige Ohren klingt das vielleicht nach Diebstahl. Doch nach Gottes Gesetz war es erlaubt, auf dem Feld eines Nächsten mit der Hand Ähren abzureissen und sie zu essen:

«Wenn du in den Weinberg deines Nächsten gehst, so darfst du Trauben essen, so viel du willst, bis du satt bist; aber du sollst nichts in dein Gefäss tun. Wenn du durch das Getreidefeld deines Nächsten gehst, so darfst du mit der Hand Ähren abstreifen; aber die Sichel sollst du nicht über das Getreidefeld deines Nächsten schwingen!» (5Mo 23,25-26).

Gottes Wort zeigt hier ein erstaunliches soziales System. Wer hungrig war, durfte essen. Wer arm war, wurde mitbedacht. Die Ränder der Felder sollten nicht abgeerntet werden; was bei der Ernte zu Boden fiel, sollte liegen bleiben. So konnten Arme sammeln, wie Ruth es tat. Doch sie mussten dennoch Verantwortung übernehmen. Ruth musste auf das Feld gehen, sammeln und daraus Mehl machen. Es gab Versorgung, aber keine bequeme Passivität. In diesem Sinn steht auch das biblische Prinzip: Wer nicht arbeiten will, soll auch nicht essen.

Die Jünger stahlen also nicht. Sie handelten im Rahmen dessen, was Gott erlaubt hatte. Sie waren unterwegs und hatten Hunger. Dennoch griffen die Pharisäer ein: »Sieh doch, warum tun sie am Sabbat, was nicht erlaubt ist?«

Die Suche nach einem Anklagepunkt

Die Pharisäer beobachteten Jesus ständig. Sie wollten wissen, wer er war; vor allem aber suchten sie einen Fehler. Sie wollten einen Anklagepunkt finden. Ähnlich wie bei Daniel, gegen den man keine Schuld fand ausser in Bezug auf seinen Glauben, suchten sie auch bei Jesus nach etwas, womit sie ihn zu Fall bringen konnten.

Markus zeigt dieses Muster immer wieder. In Markus 2,6-7 dachten die Schriftgelehrten in ihren Herzen gegen Jesus. In Markus 2,16 kritisierten sie ihn, weil er mit Zöllnern und Sündern ass. In Markus 2,24 werfen sie seinen Jüngern Sabbatbruch vor. Und in Markus 3,2 heisst es: «Und sie lauerten ihm auf, ob er ihn am Sabbat heilen würde, damit sie ihn verklagen könnten.»

Dieser Vers zeigt, wie weit sie sich vom göttlichen Verständnis des Sabbats entfernt hatten. Der kranke Mensch war ihnen gleichgültig. Entscheidend war für sie nur, ob Jesus ihre Sabbatvorschriften einhielt.

Sie sahen Jesus als Bedrohung. Er lehrte mit Vollmacht. Er stellte sich über menschliche Sabbatvorschriften. Dabei brach Jesus nie Gottes Gesetz; er erfüllte es bis zum letzten Komma. Was er sehr wohl brach, waren menschliche Überlieferungen, vor allem dort, wo diese Überlieferungen dem Wort Gottes gleichgesetzt oder sogar darübergestellt wurden.

Diese Gefahr besteht auch heute in der Gemeinde. Nebensachen, die nicht unwichtig sind, können zu Hauptsachen werden. Regeln können zu Gesetzen werden. Es braucht Ordnung und Regeln. Doch wenn sie über Liebe, Gnade und Wahrheit gestellt werden, verfehlen sie ihren Zweck. Jesus stellt sich gegen menschliche Vorschriften, die Gottes Barmherzigkeit verdunkeln.

David, die Schaubrote und der Geist des Gesetzes

Jesus antwortet den Pharisäern mit David: «Habt ihr nie gelesen, was David tat?» Vor ihnen steht der Sohn Davids, der verheissene Messias. Wenn Jesus David erwähnt, verstehen sie sehr wohl, worauf er hinauswill. David zu kritisieren wäre nicht einfach, denn Gott selbst tadelt David in dieser Sache nicht.

Die Begebenheit steht in 1. Samuel 21. David war auf der Flucht vor Saul. Er kam nach Nob, zum Priester Achimelech. Dort erhielt er die Schaubrote, heiliges Brot, das eigentlich nur die Priester essen durften. Markus erwähnt Abjatar, obwohl in 1. Samuel 21 Achimelech genannt wird. Das ist eine typische biblische Redeweise: Abjatar war der Sohn Achimelechs und später der Priester, der in Davids Dienst eine wichtige Rolle spielte, zusammen mit Zadok.

Entscheidend ist: Gott verurteilt David in diesem Fall nicht. Jesus gebraucht diese Geschichte als Beleg dafür, dass menschliche Not Vorrang vor zeremoniellen Vorschriften hat. Das darf man nicht missbrauchen und nicht zu Gesetzlosigkeit verkehren. Aber hier geht es um ein echtes Dilemma. Was hätte jemand sagen sollen, der während der nationalsozialistischen Zeit Juden versteckte, wenn die Nationalsozialisten gefragt hätten: «Sind Juden in deinem Haus?» Auf diese Frage wurde im Vortrag bewusst keine Antwort gegeben. Sie zeigt aber, um welches Spannungsfeld es geht.

David handelte nicht gesetzlos, sondern im Geist des Gesetzes. Das Leben des Menschen hat Vorrang. Ebenso handeln die Jünger Jesu nicht gegen Gottes Willen, wenn sie am Sabbat Ähren abstreifen, um ihren Hunger zu stillen. Das Gesetz ist da, um Leben zu schützen, nicht um Leben zu verhärten.

Das Gesetz zeigt unsere Bedürftigkeit

Das Gesetz Gottes ist nicht schlecht. Es regelte das Leben Israels in einer heidnischen Umgebung und gab dem Volk eine Ordnung. Schwer wurde es dort, wo man es in einer Weise lebte, die Gesetz auf Gesetz häufte und das Herz Gottes aus dem Blick verlor.

Zugleich zeigt das Gesetz dem Menschen seine Grenze. Vor Gott kann kein Mensch aus eigener Kraft bestehen. Jeder Einzelne hat Gottes Gebote gebrochen. Wer meint, das treffe auf ihn nicht zu, müsste sich dieser Frage ehrlich stellen. Das Gesetz offenbart unsere Bedürftigkeit und weist uns darauf hin, dass wir Gnade brauchen.

Die Argumentation Jesu ist den Pharisäern vertraut: Wenn David so handelte und Gott ihn nicht verurteilte, warum sollten dann die Jünger Jesu schuldig sein? Darauf hatten sie keine Antwort. Wenn David, der Gesalbte Gottes, so handeln durfte, dann hat Jesus, der wahre Messias und Sohn Davids, erst recht Autorität, den Sinn des Sabbats zu erklären.

Herr über den Sabbat

Jesus sagt: «Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen, nicht der Mensch um des Sabbats willen.» Er stellt sich damit nicht gegen den Sabbat, sondern gegen die pharisäische Verdrehung seines Sinnes. Der Sabbat wurde nicht gegeben, um Menschen zu belasten, sondern um ihnen Wohltat und Ruhe zu schenken.

Man kann den Sabbat so halten, dass er zu einem Joch wird. Und auch der Sonntag kann zu einer blossen Form oder zu einem beliebigen Tag unter vielen werden. Aus christlicher Perspektive ist der Sonntag ein Geschenk Gottes: ein Tag, an dem unser Wille zur Ruhe kommen darf; ein Tag, an dem wir bewusst vor Gott treten, die Gemeinschaft der Heiligen geniessen und als Gemeinde gemeinsam vor ihm stehen. Darum ist es keine gute Entwicklung, wenn der Sonntag in unserer Gesellschaft immer mehr zu einem Tag wie jeder andere wird. Es raubt uns die Konzentration auf das Eigentliche.

Doch auch hier gilt: Der Tag ist für den Menschen da, nicht der Mensch für den Tag. Jesus ist Herr über den Sabbat. Er ist mehr als David. Er ist der Sohn Davids, der Messias, der Gottes Willen vollkommen offenbart. Er steht über rabbinischer Tradition, aber nie gegen Gottes Willen.

In Christus sehen wir den Gott, der immer schon war und der Knechtsgestalt annahm, um verlorene Menschen zu erlösen. Und letztlich führt uns Christus in den eigentlichen Sabbat: in die Ruhe bei ihm. Diese Ruhe kann keine Kraft dieser Welt wegnehmen.

Nathanael Winkler absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland. Er spricht fliessend Hebräisch. Sein Aufgabenschwerpunkt ist die breitgefächerte Israelarbeit des Missionswerkes und die grosse Jugend- und Kinderarbeit der Gemeinde Mitternachtsruf.
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