Wie Jesus in Markus 2 Menschen entlarvt und verändert
Die Bibel zieht dem Menschen die Maske vom Gesicht. Sie zeigt uns nicht, wie wir gerne wären, sondern wer wir wirklich sind. Gerade deshalb ist sie kein bequemes Buch. Aber sie ist ein rettendes Buch. Denn sie deckt nicht auf, um zu zerstören, sondern um uns zu dem zu führen, der heilen kann.
In Markus 2 begegnen wir Jesus am See. Die Menge kommt zu ihm, er lehrt sie und dann sieht er einen Mann an der Zollstätte sitzen: Levi, den Sohn des Alphäus. Jesus sagt nur zwei Worte: «Folge mir nach!» Und Levi steht auf und folgt ihm. Später sitzt Jesus in Levis Haus zu Tisch. Dort sind viele Zöllner und Sünder, ebenso seine Jünger. Die Schriftgelehrten und Pharisäer sehen das und fragen empört, weshalb Jesus mit solchen Menschen isst und trinkt. Jesus antwortet mit einem Satz, der alles auf den Punkt bringt: «Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken.» Dann fügt er hinzu, dass er nicht gekommen ist, Gerechte zu berufen, sondern Sünder zur Busse (Mk 2,13-17).
Der christliche Glaube ist eine Offenbarungsreligion. Der allmächtige, ewige Gott offenbart sich Menschen. Er teilt sich mit. Er kommt uns entgegen. Und das Ziel seiner Offenbarung ist immer unser Heil: Gott möchte Menschen retten und sie zu sich zurückbringen. Deshalb zeigt er uns den Weg zurück ins Vaterhaus, zurück in die ewige Heimat.
Jesus selbst sagt von sich, dass er der Weg, die Wahrheit und das Leben ist. Die Bibel entfaltet diesen Weg Schritt für Schritt, Gedanke um Gedanke. Gott redet durch sein Wort, erklärt seine Absichten und zeigt: Er ist gekommen, um Menschen zu erlösen.
Schon am Anfang der Bibel wird angekündigt, dass einer kommen wird, der der Sünde ein Ende macht. Einer, der Helfer, Retter und Heiland ist. Einer, der als König kommt, als Herr und Herr aller Herren; einer, der in Gerechtigkeit regiert und Frieden bringt. Durch das ganze Alte Testament hindurch kündigt Gott diesen Kommenden an. Der Hebräerbrief fasst es so zusammen: Gott hat in vergangenen Zeiten durch die Propheten geredet, in diesen letzten Tagen aber durch den Sohn.
In Jesus Christus, dem Sohn, erfüllen sich die Verheissungen Gottes. Er ist der König der Könige, der vollkommene Gottesknecht, der perfekte Mensch und Gott selbst in Menschengestalt. Das bezeugen die Evangelien aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Matthäus zeigt den König. Markus zeigt den vollkommenen Gottesknecht. Lukas zeigt den vollkommenen Menschen. Johannes zeigt: Er ist Gott selbst.
Und nun führt Markus uns in eine Szene, in der verschiedene Menschen auf diesen Jesus reagieren. Im Text begegnen uns die grosse Menge, Levi, die Zöllner und Sünder, die Schriftgelehrten und Pharisäer und in der Mitte Jesus, der Arzt.
Schon in den ersten Abschnitten des Markusevangeliums hat Jesus gezeigt, wer er ist. Da ist die Befreiung eines Besessenen. Da ist die Heilung der Schwiegermutter des Petrus. Da sind viele Kranke und Besessene, ein Aussätziger und ein Gelähmter. Immer wieder wird sichtbar: Hier geschieht etwas Aussergewöhnliches, etwas, das Israel so noch nicht erlebt hat. Die Menschen staunen. In Markus 2,12 heisst es, dass alle ausser sich waren, Gott priesen und sagten: «So etwas haben wir noch nie gesehen!»
Um das zu verstehen, muss man in den Tanach, in das Alte Testament, zurückgehen, besonders zum Propheten Jesaja. Dort finden sich die sogenannten Gottesknechtlieder: Jesaja 42, Jesaja 49, Jesaja 50 und schliesslich Jesaja 52,13 bis 53,12. Dort wird der Knecht des Herrn als einer beschrieben, der in Gerechtigkeit handelt, für die Nationen kommt, verfolgt und abgelehnt wird und schliesslich Sünde, Gericht und Strafe auf sich nimmt.
Jesaja 42 spricht von Gottes Knecht, auf dem Gottes Geist liegt. Dieser Knecht bringt Recht zu den Heiden. Er öffnet die Augen der Blinden, führt Gebundene aus dem Gefängnis und holt die aus dem Kerker, die in der Finsternis sitzen. Genau das zeigt Markus: Jesus befreit, heilt, richtet auf und bringt Licht in die Finsternis.
Damit steht die Frage im Raum: Wie reagieren Menschen auf das Reden des lebendigen Gottes?
Alle staunen. Alle sind bewegt. Alle sind überrascht. Alle fragen sich: Wer ist dieser Jesus? Doch Staunen allein ist noch keine Nachfolge. Begeisterung ist noch keine Hingabe.
Die erste Gruppe ist die grosse Menge. Dicht gedrängt stehen sie am See. Viele sind zu Jesus gekommen. Sie staunen über seine Wunder, freuen sich über die Zeichen und hören gebannt seiner vollmächtigen Predigt zu. Und doch bleiben sie als Masse im Hintergrund. Sie lieben die Anonymität. Sie schwimmen mit im Strom.
Die Menge kann jubeln: «Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn!» Und kurze Zeit später kann dieselbe Menge rufen: «Kreuzige ihn!» Das ist die Gefahr der Masse: Sie ist begeistert, aber unentschieden. Sie ist beeindruckt, aber ohne persönliche Beziehung. Sie jubelt Jesus zu und will ihn am Ende doch nicht wirklich haben.
Dann sind da die Zöllner und Sünder. Markus berichtet, dass viele von ihnen mit Jesus und seinen Jüngern zu Tisch sitzen. Wie schnell schaut man auf solche Menschen herab. Wie schnell zeigt man mit dem Finger auf andere, sucht die Schuld bei ihnen und betont, was sie falsch gemacht haben.
Doch die Bibel lässt uns nicht in dieser bequemen Distanz. Sie zieht uns die Maske vom Gesicht. Sind wir nicht alle vor Gott schuldig geworden? Römer 3 sagt: «Es ist keiner gerecht, auch nicht einer.» Und Jesaja beschreibt den Menschen so: Wir sind geworden wie Unreine, unsere Gerechtigkeit ist wie ein beflecktes Kleid, unsere Sünden tragen uns fort wie der Wind.
Eine weitere Gruppe sind die Schriftgelehrten und Pharisäer. Man könnte sie die Superfrommen nennen. Sie kennen die Bibel. Sie sind Gesetzesgelehrte, Professoren, Doktoren der Theologie. Doch bei ihnen liegen Wissen und Leben weit auseinander. Sie beherrschen den Buchstaben, erfinden aber immer neue Vorschriften, die am Ende das Wort Gottes überdecken und sie selbst in den Mittelpunkt stellen.
Ihre Regeln knechten Menschen, rauben ihnen Freiheit und führen sie in die Abhängigkeit eines religiösen Systems. Sie sehen sich als die Oberen, die Besseren, die Rechtschaffenen. Unten steht das normale Volk: die Sünder, die Zöllner, die Gottlosen. Mit solchen Menschen an einem Tisch zu sitzen, ist für sie undenkbar.
Und genau dort sitzt Jesus.
Mitten in der Menge. Mitten unter Kranken. Mitten bei denen, die als Sünder gelten. Er, der Knecht Gottes, steht vor ihnen allen und sagt: Nicht die Starken brauchen den Arzt, sondern die Kranken.
Für die Schriftgelehrten muss dieser Satz wie ein Stich ins Herz gewesen sein. Denn sie kannten die Bibel. Sie wussten, worauf Jesus anspielt. In 2. Mose 15,26 sagt Gott: «Denn ich bin der HERR, dein Arzt!» Wenn Jesus sich nun mitten unter den Kranken und Sündern als Arzt zu erkennen gibt, nimmt er für sich in Anspruch, der zu sein, der heilen kann, Gott selbst.
Die Zeichen und Wunder hatten ihn bestätigt. Er hatte getan, was nur der Messias tun konnte. Er hatte Blinde sehend gemacht, Gebundene befreit, Lahme aufgerichtet und Menschen aus dem Kerker der Dämonie herausgeführt. Die Faktenlage war klar: Wenn das stimmt, dann ist Jesus der Messias, der Verheissene, der Gottesknecht.
Und nun müssen sich alle entscheiden.
Die grosse Menge muss sich fragen: Bleibe ich anonym in der Masse? Bin ich nur zu Jesus gekommen, weil er Wunder tut, weil er Eindruck macht, weil er vielleicht etwas für mich leisten kann? Suche ich bei ihm eine grosse Show, eine besondere Erfahrung, religiöse Unterhaltung oder suche ich wirklich ihn?
Auch die Zöllner und Sünder müssen sich entscheiden. Sie finden Jesus beeindruckend. Sie staunen über seine Menschlichkeit. Sie staunen darüber, dass dieser grosse Rabbi mitten unter ihnen sitzt. Sie bewundern seinen Lebensstil. Aber Bewunderung ist nicht dasselbe wie Umkehr. Wollen sie wirklich die Bequemlichkeit aufgeben? Wollen sie klare Sache mit Jesus machen?
Auch die Schriftgelehrten und Pharisäer müssen sich entscheiden. Sie können fromm reden, gut beten, viel wissen. Doch wenn ihre Frömmigkeit nur Show ist, wenn ihr Leben von Heuchelei und Selbstbezogenheit bestimmt wird, dann stehen auch sie vor der Frage: Lassen sie sich von Jesus entlarven und heilen?
Und dann ist da Levi.
Er gehört zur Menge. Er gehört zu den Zöllnern und Sündern. Er weiss, was die Bibel sagt. Aber er ist bereit, alles daranzugeben: seinen Beruf, sein Geld, seinen Einfluss. Levi erkennt: Der, der hier vorübergeht, ist nicht nur der Gottesknecht und der Arzt für andere. Er will auch der Arzt seiner Seele und seines Herzens sein.
Levi erkennt: Hier ist Gott. Hier ist der, der meine Schuld auf sich nehmen will. Hier ist der, der mich aus dem Gefängnis meines eigenen Ich befreien kann. Hier ist der, der mich aus dem Kerker der Gebundenheit herausholt.
Und Jesus sieht Levi. Der Arzt ruft ihn: «Folge mir nach!» Levi steht auf. Er hat von Jesus gehört, seine Wunder gesehen, nachgedacht, geprüft und sich in seinem Herzen entschieden. Nun folgt die Tat: Er steht auf und folgt Jesus.
Das Schöne ist: Levi öffnet Jesus nicht nur einen kleinen Bereich seines Lebens. Er öffnet sein Haus. Er öffnet sein Herz. Er öffnet sein ganzes Sein, bis in die privaten Kammern seines Lebens. Markus berichtet, dass Jesus in Levis Haus zu Tisch sitzt. Ausgerechnet dort, wo andere Abstand halten würden, nimmt Jesus Platz.
So handelt Gnade. Aus Levi wird Matthäus, der Apostel. Das kann nur die Gnade Gottes.
Und genau darin liegt die Einladung auch an uns. Wenn wir unser Leben, unser Herz, unser ganzes Sein bis in die tiefsten Kammern hinein dem Herrn Jesus öffnen, dann kann Gott uns verändern, umgestalten und völlig neu machen.
Die entscheidende Frage bleibt: Sind wir bereit, unser Ja zu geben? Sind wir bereit zu sagen: Herr Jesus, komm in mein Herz. Es gehört dir, mit allem, was ich bin, was ich habe und was ich kann. Bin ich bereit, mich dir immer wieder neu zur Verfügung zu stellen?