Markus 2,1-5

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 9

Markus 2,1-5 zeigt: Bei Jesus steht das Wort im Zentrum – und die Vergebung der Sünden hat Vorrang vor jeder Heilung.

«Und nach etlichen Tagen ging er wieder nach Kapernaum; und als man hörte, dass er im Haus sei, da versammelten sich sogleich viele, so dass kein Platz mehr war, auch nicht draussen bei der Tür; und er verkündigte ihnen das Wort. Und etliche kamen zu ihm und brachten einen Gelähmten, der von vier Leuten getragen wurde. Und da sie wegen der Menge nicht zu ihm herankommen konnten, deckten sie dort, wo er war, das Dach ab, und nachdem sie es aufgebrochen hatten, liessen sie die Liegematte herab, auf welcher der Gelähmte lag. Als aber Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!» (Mk 2,1-5).

Kein Zufall in Kapernaum

Jesus verbrachte einen grossen Teil seines irdischen Wirkens in Galiläa, besonders rund um den See Genezareth und in Kapernaum. Da er einige Zeit im Haus des Petrus lebte, liegt die Annahme nahe, dass sich auch diese Begebenheit dort abspielte.

Dass Jesus sich gerade in dieser Gegend aufhielt, war kein Zufall, sondern Erfüllung biblischer Prophetie. Matthäus 4,12-16 verweist auf Jesaja 8,23–9,1: In Galiläa sollte das Licht aufgehen. Nichts geschieht zufällig in dieser Welt, und bei Gott schon gar nicht.

Das Wort steht im Zentrum

Markus berichtet, dass sich so viele Menschen versammelten, dass kein Platz mehr war, nicht einmal draussen vor der Tür. Man könnte über die Enge des Hauses nachdenken, über die grosse Menschenmenge oder darüber, dass selbst der Eingang blockiert war. Entscheidender ist jedoch ein anderer Satz: Jesus «verkündigte ihnen das Wort».

Er hatte nicht zu einem geselligen Treffen und auch nicht zu einem Heilungsgottesdienst eingeladen. Was immer die Menschen erwarteten und aus welcher Motivation sie kamen, Jesus begann mit dem Wort Gottes. Manche waren sicher neugierig und wollten den Nazarener sehen. Andere hofften auf Wunder oder auf eigene Heilung. Doch nicht wenige kamen, um ihn zu hören. Lukas 5,1 beschreibt es ähnlich: «Es begab sich aber, als die Menge sich zu ihm drängte, um das Wort Gottes zu hören, dass er am See Genezareth stand.»

Man wollte diesen Jesus hören, der anders auftrat und anders redete, als man es von Priestern, Schriftgelehrten und Pharisäern gewohnt war. Matthäus 7,28-29 fasst die Wirkung seiner Worte so zusammen: «Und es geschah, als Jesus diese Worte beendet hatte, erstaunte die Volksmenge über seine Lehre, denn er lehrte sie wie einer, der Vollmacht hat, und nicht wie die Schriftgelehrten.»

Die Strahlkraft dieses Mannes aus dem unbedeutenden Nazareth lag nicht in erster Linie in seinen Wundern, sondern in seinem Wort. Man kann es so zuspitzen: Nur durch seine Wunder, ohne sein Wort, wäre niemand zum lebendigen Glauben gekommen; aber durch sein Wort, auch ohne jedes Wunder, hätte es Glauben gegeben.

An diesem Prinzip hat sich nichts geändert. Auch heute muss in unseren Zusammenkünften das Wort im Zentrum stehen, nicht vermeintliche Wunder, Erfahrungen oder Heilungen. Paulus schreibt in Römer 10,17: «Demnach kommt der Glaube aus der Verkündigung, die Verkündigung aber durch Gottes Wort.»

Vier Träger und eine entschlossene Hoffnung

Dann kommen vier Männer zu Jesus und bringen einen Gelähmten. Markus lässt offen, von wem die Initiative ausging. Wollte der Gelähmte zu Jesus, und die vier halfen ihm? Wollten die Helfer ihn zu Jesus bringen, vielleicht sogar gegen seinen eigenen Widerstand? Oder waren alle fünf von dem Verlangen ergriffen, Jesus zu begegnen?

Ebenso offen bleibt zunächst, was sie erwarteten. Wollten sie nur das Wort hören, oder hofften sie auf ein Wunder? Ihr Verhalten spricht eine deutliche Sprache: Nur um zuzuhören, wäre niemand auf das Dach gestiegen und hätte es aufgebrochen. Diese Männer kamen in der Erwartung eines Wunders und in der Hoffnung auf Heilung. Sonst wäre der Aufwand kaum zu erklären.

War dieses Verhalten dreist und egoistisch? Vor dem Haus standen vermutlich noch andere, die auf Heilung, Segen, Handauflegung oder eine Begegnung mit Jesus warteten. Man hätte auch resigniert sagen können: Offensichtlich ist es heute nicht Gottes Wille; sonst wären die Türen nicht versperrt, oder jemand hätte Platz gemacht.

Doch manchmal muss man entschlossen, ja sogar aufdringlich handeln. Manchmal gilt es, aus gewohnten Denkmustern auszubrechen: das Navi nicht nur einschalten, sondern losfahren; nicht nur beten, sondern glauben; nicht nur reden, sondern handeln; nicht nur einmal beten, sondern unablässig.

Diese fünf Menschen sind ein Musterbeispiel dafür, wie Glauben und Handeln ineinandergreifen. Der Aufwand und die Energie, die sie aufbrachten, waren eine tatkräftige Offenbarung ihres Glaubens vor den Augen vieler Anwesender. Manche mögen sich über die Störung geärgert haben; andere hielten sie vielleicht für Fanatiker und spotteten über sie. Jesus aber reagierte ganz anders.

Glaube, den Jesus sieht

Fühlte Jesus sich gestört, weil seine Rede unterbrochen wurde? Nein. Tadelte er die aufdringliche Vorgehensweise? Nein. Er sah ihren Glauben.

Markus formuliert: «Als aber Jesus ihren Glauben sah …» Wer ausser Gott kann Glauben sehen? Nur Gott kennt das Herz und lässt sich nichts vormachen. So sah Jesus nicht nur das tatkräftige Handeln dieser Männer, sondern auch das Herz des Gelähmten und seiner Helfer. Sie standen nicht einfach einem Wunderheiler gegenüber. Sie glaubten, dem Messias zu begegnen, dem Gesalbten, dem verheissenen Erlöser.

Die grosse Überraschung folgt sofort: Jesus heilt den Gelähmten zunächst nicht. Ausgesprochen wurde diese Bitte ohnehin nicht, auch wenn die Männer Heilung zweifellos erhofften. Stattdessen spricht Jesus ihn in inniger Vertrautheit an: «Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!»

Damit setzt Jesus die Prioritäten. Für ihn hat die Vergebung der Sünden Vorrang vor der Heilung. Sie ist wichtiger als körperliches und materielles Wohlergehen. Wo ein Mensch Kind Gottes ist, sind auch seine Sünden vergeben.

Auffällig ist auch die Unmittelbarkeit dieser Vergebung: keine Frist, kein Aufschub, keine Bedingungen. Jesus sagt gewissermassen: Jetzt, in diesem Augenblick, sind dir deine Sünden vergeben.

Mehr als ein Prophet

Jesus leistet keine Fürbitte, wie Abraham, Mose, Propheten oder besonders fromme Rabbis es hätten tun können. Er bittet nicht, er vergibt. Jesus ist mehr als Abraham, mehr als Mose, mehr als ein Prophet und mehr als ein Rabbi. Er ist kein Bittsteller, sondern derjenige, der Sünden vergeben kann, Sünden vergeben will und Sünden vergibt.

Das ist eine ungeheure Aussage. Sie setzt allem bisher Geschehenen die Krone auf. Entweder war Jesus anmassend, lebensmüde und ein Gotteslästerer oder er war Gott. Gerade deshalb ist die Behauptung, Jesus sei zwar ein guter Mensch, aber nicht Gott gewesen, keine neutrale Möglichkeit. Wenn er nicht Gott war, dann war er auch kein guter Mensch, sondern ein Lügner.

Thomas Lieth ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Er absolvierte seine theologische Ausbildung an der Bibelschule Neues Leben in Wölmersen/Deutschland. Sein Aufgabenbereich ist die Verlagsarbeit des Missionswerkes.
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