Markus 1,35-39

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 7

Wenn der Auftrag den Weg bestimmt

Kapernaum war zur Zeit Jesu keine weltgeschichtlich bedeutende Stadt. Für die Geschichte Israels mochte sie eher unscheinbar gewesen sein. Für die Geschichte Jesu aber spielte sie eine herausragende Rolle. Von Nazareth aus kam Jesus schliesslich nach Kapernaum, und kaum eine Stadt oder Region erlebte so viele Wunder wie Kapernaum und seine Umgebung. Dort wurde Christus in seiner Messianität sichtbar, in seiner Vollmacht, ja in seiner göttlichen Herrlichkeit.

Kurz zuvor hatte Jesus die Schwiegermutter des Petrus geheilt. Viele Kranke waren zu ihm gebracht worden, und auch Dämonen wurden ausgetrieben. Es war eine Zeit, in der der Teufel besonders aktiv war. Wo Christus wirkte, da regte sich auch der Widerstand. Bis zum Kreuz von Golgatha sehen wir immer wieder, wie der Feind versucht, das Werk Christi zu zerstören.

Gerade dort, wo viel Licht ist, ist der Teufel umso aktiver. Darum sollten auch wir nicht überrascht sein, wenn Widerstand aufkommt, sobald Gott in unserem Leben wirkt — sei es persönliche Erweckung, Erweckung in der Familie oder in der Gemeinde. Der Feind hat kein Interesse daran, dass Freude an Gott wächst. Er setzt alles daran, sie zu zerstören.

Vor diesem Hintergrund berichtet Markus: «Und am Morgen, als es noch sehr dunkel war, stand er auf, ging hinaus an einen einsamen Ort und betete dort. Und es folgten ihm Simon und die, welche bei ihm waren; und als sie ihn gefunden hatten, sprachen sie zu ihm: Jedermann sucht dich! Und er spricht zu ihnen: Lasst uns in die umliegenden Orte gehen, damit ich auch dort verkündige; denn dazu bin ich gekommen! Und er verkündigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus» (Mk 1,35-39).

Die Priorität des Gebets

«Und am Morgen, als es noch sehr dunkel war, stand er auf, ging hinaus an einen einsamen Ort und betete dort.»

Das ist im Markusevangelium eine der ersten Stellen, an denen ausdrücklich vom Gebet Jesu berichtet wird. Besonders häufig begegnet uns das Gebetsleben Jesu im Lukasevangelium. Wer dieses Evangelium aufmerksam liest und alle Stellen markiert, an denen Jesus betet, wird feststellen: Er betet in ganz unterschiedlichen Situationen. Er betet vor wichtigen Entscheidungen. Er betet in Krisen und im Leiden. Er betet in Gemeinschaft mit seinen Jüngern. Und selbst am Kreuz von Golgatha betet er.

Das Gebetsleben Jesu ist ein wesentliches Vorbild für uns. Wir müssen uns das vor Augen halten: Der Sohn Gottes, der Ewige, der Schöpfer aller Dinge, sucht die Gemeinschaft mit seinem Vater. Bevor etwas Grosses geschieht, zieht Jesus sich zurück. Auch vor weiteren Ereignissen – etwa der Heilung eines Aussätzigen oder der Heilung des Gelähmten in Kapernaum – sehen wir ihn in der Stille vor Gott.

Jesus sucht die Nähe des Vaters. Für ihn ist Gebet Quelle der Kraft, der Orientierung und der Beziehung.

Und wie steht es um unser Gebetsleben? Unser persönliches Gebet, aber auch das Gebet als Gemeinde, zeigt in gewisser Hinsicht, wie abhängig wir uns von Gott wissen und wie wir ihn erkennen.

Gebet ist nicht nur das kurze Tischgebet, auch wenn dieses seinen Platz hat. Jesus selbst dankte bei der Speisung der Fünftausend. Paulus betete auf dem Schiff, bevor gegessen wurde. Gebet gehört zum Alltag. Aber es ist mehr als eine religiöse Gewohnheit. Es gibt Kraft, Ausrichtung und geistliche Klarheit.

Jesus stand auf, als es noch sehr dunkel war – noch bevor die Sonne aufging. Er ging hinaus an einen einsamen Ort. Dort gab es keine Ablenkung, keine Störungen, keine Erwartungen anderer Menschen. Es war: Jesus und der Vater.

So sollte es auch bei uns sein: eine Zeit, in der es nur um Gott und uns geht. Eine stille Zeit. Ein Ort des Gebets. Ein bewusstes Suchen seiner Nähe.

Der Psalmist drückt diese Haltung ähnlich aus: «Vernimm, o Herr, meine Worte; achte auf mein Seufzen! Höre auf die Stimme meines Schreiens, mein König und mein Gott; denn zu dir will ich beten! Herr, in der Frühe wirst du meine Stimme hören; in der Frühe werde ich dir zu Befehl sein und Ausschau halten» (Ps 5,2-4).

Auch Psalm 119 spricht von dieser frühen Ausrichtung auf Gott: «Ich komme der Morgendämmerung zuvor und schreie; ich hoffe auf dein Wort. Meine Augen kommen den Nachtwachen zuvor, damit ich nachsinne über dein Wort» (Ps 119,147-148).

Im Orient hat dieses Bild eine besondere Tiefe. In der Region Israels gibt es Pflanzen, die mit sehr wenig Regen auskommen. Sie überleben durch den Tau, der sich vor Sonnenaufgang auf sie legt. Dieser Tau gibt ihnen genug Kraft für den Tag.

So ist auch das Gebet am Morgen: Bevor der Tag beginnt, bevor die Hitze kommt, bevor Aufgaben und Anforderungen auf uns einstürmen, gehen wir zu Gott. Wir empfangen Kraft, Orientierung und Ruhe für das, was vor uns liegt.

Das soll kein Gesetz sein. Nicht jeder Mensch ist gleich. Manche finden ihre stille Zeit eher am Abend. Doch Paulus sagt: «Werdet meine Nachahmer, gleichwie auch ich [Nachahmer] des Christus bin.» Wenn Christus etwas tut, dann dürfen und sollen wir daraus lernen.

Frühes Aufstehen braucht Disziplin. Viele kennen den Kampf mit der Schlummertaste am Wecker. Für manche ist der Morgen schwer. Andere sind sofort wach und voller Energie und wecken damit gleich das ganze Haus. Doch der entscheidende Punkt bleibt: Beginne mit Gott. Suche ihn. Ob Arbeitsalltag, Familie, Kinder, Haushalt oder Dienst – alles soll in bewusster Abhängigkeit von Gott geschehen.

Jesus lebte in Abhängigkeit von seinem Vater. Er suchte diese Gemeinschaft. Darum sollte auch unser persönliches Gebet Priorität haben. Jesus entfernte alle Störfaktoren. Er ging an einen einsamen Ort. Auch wir brauchen solche Orte und Zeiten.

Die Dringlichkeit menschlicher Bedürfnisse

Dann kommen die Jünger. Simon und die, die bei ihm waren – wahrscheinlich Petrus, Andreas, Jakobus und Johannes – suchen Jesus. Als sie ihn finden, sagen sie: «Jedermann sucht dich!»

Man spürt den Druck in diesem Satz. Ganz Kapernaum und die Menschen aus der Umgebung suchen Jesus. Sie haben seine Wunder gesehen. Sie erwarten Heilung, Hilfe, Lösungen, vielleicht weitere Predigten. Die Not der Menschen ist real.

Jesus sieht diese Not. Aber er lässt sich nicht allein von menschlichen Bedürfnissen leiten.

Auch wir kennen solchen Druck. Am Arbeitsplatz wird etwas von uns erwartet. In der Familie gibt es Anforderungen. In der Gemeinde gibt es Bedürfnisse. Menschen fragen, hoffen, drängen. Nicht alles davon ist falsch. Oft sind diese Erwartungen aufrichtig und berechtigt.

Doch wir müssen lernen, zuerst Gottes Stimme zu hören, bevor wir den Stimmen der Menschen folgen.

Ein Beispiel macht das deutlich. Jemand wurde einmal um eine Entscheidung gebeten. Statt sofort zu antworten, sagte er: «Ich gebe dir jetzt keine Antwort. Ich muss das zuerst im Gebet vor den Herrn bringen.» Zunächst wirkt eine solche Reaktion vielleicht ungewohnt. Man denkt: Warum nicht einfach spontan antworten? Doch zwei Tage später kam seine Antwort, anders als erwartet, aber im Gebet gereift. Am Ende bestätigte sich, dass dieser Weg richtig war.

Alles hat seine Zeit. Menschen haben Erwartungen. Die entscheidende Frage aber lautet: Was will Gott?

Der bekannte Evangelist Billy Graham wurde einmal gefragt, was er anders machen würde, wenn er sein Leben noch einmal leben könnte. Seine Antwort war bemerkenswert: Er bereue, nicht genug studiert zu haben. Er wünschte, er hätte mehr studiert und weniger gepredigt. Menschen hätten ihn gedrängt, vor Gruppen zu sprechen, während er eigentlich hinter der Bibel hätte sitzen und sich vorbereiten sollen.

Auch er kannte den Druck menschlicher Erwartungen. Sein Dienst wurde zwar zum grossen Segen, doch rückblickend erkannte er: Es hätte noch tiefer gehen können, wenn er mehr Zeit vor Gott und in seinem Wort gesucht hätte.

Menschliche Erwartungen können gut und berechtigt sein. Dennoch hat Gott Vorrang. Für Jesus war klar: zuerst Gebet. Zuerst die Zeit mit dem Vater.

Der Auftrag bestimmt den Weg

Dann gibt Jesus eine erstaunliche Antwort: «Lasst uns in die umliegenden Orte gehen, damit ich auch dort verkündige; denn dazu bin ich gekommen!»

Man könnte fragen: Herr, siehst du Kapernaum nicht? Siehst du die Menschen nicht, die auf dich warten? Doch Jesus bleibt bei seinem Auftrag. Er lässt sich nicht festhalten, weder von Erfolg noch von Popularität noch von menschlichem Druck.

Genau diesen Punkt verlieren auch wir leicht aus den Augen: den Auftrag, den Gott gegeben hat.

Dieser Auftrag kann persönlich sein. Er kann Ehe und Familie betreffen. Er kann die Gemeinde betreffen, ein Missionswerk, einzelne Verkündiger, letztlich jeden Einzelnen von uns. Jesus bleibt klar auf seine Mission ausgerichtet: das Reich Gottes zu verkündigen.

Die Menschen in Kapernaum hatten gehört. Sie hatten erlebt. Sie hatten die Zeichen des Messias gesehen. Doch diese Botschaft sollte nicht in Kapernaum stehen bleiben. Sie musste weitergehen in andere Orte und Regionen.

Erfolg darf nicht zum Hindernis werden. Popularität darf nicht binden. Auch wir brauchen die innere Freiheit, nicht allen gefallen zu müssen, sondern bewusst in der Berufung zu leben, die Gott uns gegeben hat.

Verkündigung und geistlicher Kampf

Markus fasst den weiteren Dienst Jesu zusammen: «Und er verkündigte in ihren Synagogen in ganz Galiläa und trieb die Dämonen aus.»

Galiläa war eine grosse Region. Jesus ging von Ort zu Ort, von Synagoge zu Synagoge. Wie lange diese Reise dauerte, wird nicht gesagt. Es können Tage, Wochen oder sogar Monate gewesen sein. Wenn er durch ganz Galiläa zog, war das kein kurzer Abstecher. Es war ein bewusster, ausgedehnter Dienst.

Die Synagoge war damals der Ort, an dem sich die Juden versammelten. Dort wurde Gottes Wort gelesen und studiert. Dort wurde Gemeinschaft gelebt. In gewisser Weise hatte die Synagoge zur Zeit Jesu manche Parallele zur Gemeinde heute: Sie war nicht nur ein Gebäude, sondern ein Ort des gemeinsamen Glaubenslebens.

Dorthin ging Jesus. Er suchte die Menschen dort auf, wo sie Gottes Wort hörten und Gott suchten.

Und zugleich trieb er Dämonen aus. Es war eine dunkle Zeit und zugleich eine Zeit grossen Lichts. Johannes der Täufer war gekommen und hatte die Menschen auf den Messias vorbereitet. Viele hatten sich taufen lassen. Die messianische Erwartung war lebendig. Aber gerade dort, wo viel Licht ist, wird auch die Finsternis besonders aktiv.

Darum sollten wir nicht überrascht sein, wenn geistlicher Widerstand auftritt, sobald Gott wirkt. Wenn Menschen erneuert werden, wenn Gemeinden aufwachen, wenn Familien geistlich gestärkt werden, dann ist der Teufel nicht untätig. Er möchte diese Freude zerstören.

Zugleich müssen wir vorsichtig sein, nicht alles, was zur Zeit Jesu geschah, direkt und unreflektiert auf uns anzuwenden. Es gibt falsche Lehren, die hinter jeder Sünde sofort einen Dämon vermuten: jemand raucht, also müsse ein «Dämon des Rauchens» ausgetrieben werden; jemand flucht, also müsse ein «Dämon des Fluchens» herausgebetet werden. So wird am Ende alles den Dämonen zugeschrieben, und der Mensch trägt keine Verantwortung mehr.

Das ist nicht gemeint.

Die Dämonenaustreibungen zur Zeit Jesu hatten einen besonderen heilsgeschichtlichen Zusammenhang. Damals offenbarte sich die Vollmacht Christi in einzigartiger Weise. Ich denke, dass Dämonen im Gemeindezeitalter nicht in derselben Weise wirken wie damals zur Zeit Jesu. Aber es wird eine Zeit kommen, in der die Hölle wieder los sein wird. Noch leben wir in der Gnadenzeit.

Und gerade in dieser Zeit bleibt der Auftrag bestehen: beten, abhängig bleiben, Gottes Stimme suchen und den Auftrag erfüllen.

Was wir aus diesem Morgen lernen

Was lernen wir aus Markus 1,35-39?

Zuerst: Wir lernen die Priorität des Gebets. Jesus selbst suchte die Gemeinschaft mit dem Vater. Wenn er, der Sohn Gottes, betete, wie viel mehr brauchen wir das Gebet. Es braucht Disziplin. Manchmal bedeutet es, früher aufzustehen. Manchmal bedeutet es, auf anderes zu verzichten.

Ein junger Mann, der später nicht mehr ganz so jung war, lebte genau das vor. Während andere abends noch unterwegs waren, ging er gegen neun Uhr nach Hause. Nicht aus Gesetzlichkeit, sondern weil er wusste: Ich brauche diese Zeit mit meinem Herrn. Gebet und Bibelstudium verlangen Disziplin und Verzicht.

Dasselbe gilt am Morgen. Früher aufzustehen kostet etwas. Aber Gebet hat Kraft. Gelebtes persönliches Gebet macht innerlich frei, weil wir Gott unsere Anliegen übergeben.

Wir reden mit dem, der eine Antwort auf alles hat. Und er ist gut. Immer. Doch wir müssen unsere Sorgen wirklich ihm übergeben. «Werft alle eure Sorge auf ihn.» Alle. Nicht manche. Nicht nur die grossen. Alle.

Zweitens: Wir lernen, menschliche Bedürfnisse nicht über Gottes Willen zu stellen. Menschen haben Erwartungen. Druck ist da: in Arbeit, Familie, Gemeinde und Dienst. Doch die entscheidende Frage bleibt: Herr, was willst du?

Drittens: Der Auftrag bestimmt den Weg. Gottes Berufung für dich, für uns als Gemeinde, für uns als Missionswerk, darf nicht von Druck, Erfolg oder Popularität verdrängt werden.

Diese Berufung können wir nur ausüben, wenn wir in der Abhängigkeit von Gott bleiben. Jesus lebte in Abhängigkeit von seinem Vater. So soll es auch bei uns sein.

Nathanael Winkler absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland. Er spricht fliessend Hebräisch. Sein Aufgabenschwerpunkt ist die breitgefächerte Israelarbeit des Missionswerkes und die grosse Jugend- und Kinderarbeit der Gemeinde Mitternachtsruf.
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