Ein Prophet am Tor des Tempels
Jeremia 7 gehört zu den eindringlichsten Abschnitten im Buch des Propheten. Die Kapitel 7 bis 10 werden häufig als Tempelbotschaft Jeremias bezeichnet, weil Gott seinen Propheten zum Tempel sandte, um dort zu Juda zu reden. In dieser Auslegung steht Jeremia 7 im Mittelpunkt – Vers für Vers, aber in zusammenhängender Form.
Jeremia diente als Sprachrohr Gottes in einer Zeit, in der Juda, das Südreich Israels, immer tiefer in Götzendienst verfiel. Das Nordreich war bereits durch die Assyrer untergegangen; nun stand Juda durch die Babylonier ein ähnliches Gericht bevor.
«Dies ist das Wort, das vom HERRN an Jeremia erging: Stelle dich in das Tor am Haus des HERRN und rufe dort dieses Wort aus und sprich: Hört das Wort des HERRN, ihr alle aus Juda, die ihr zu diesen Toren hineingeht, um den HERRN anzubeten!» (Jer 7,1-2).
Schon der Beginn macht deutlich: Jeremia spricht nicht aus eigener Vollmacht. Er fügt dem Wort Gottes nichts hinzu und lässt nichts weg. Er unterwirft sich dem Auftrag Gottes, auch wenn ihm das Anfeindung, Gefangenschaft, Folter und sogar Morddrohungen einbringt.
Dass Jeremia ausgerechnet im Tempelbezirk auftreten soll, ist kein Zufall. Der Tempel war der religiöse Mittelpunkt Jerusalems. Dort kamen Menschen zusammen, dort wurden Opfer gebracht, dort wurden Gebete gesprochen. Und genau dort hatte sich ein falscher Gottesdienst breitgemacht: fromme Formen ohne gehorsames Herz, religiöse Routine ohne echte Umkehr. Zugleich ging es um die bevorstehende Zerstörung des Tempels, denn Gott wollte nicht länger unter einem abtrünnigen Volk wohnen.
Noch ist Gnadenzeit
«So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Bessert euren Wandel und eure Taten, so will ich euch an diesem Ort wohnen lassen!» (Jer 7,3).
Das Gericht war bereits am Horizont zu sehen. Wie dunkle Gewitterwolken standen die Babylonier vor Juda. Doch noch war Gnadenzeit. Noch bestand die Möglichkeit zur Umkehr. Noch konnte Busse das drohende Gericht abwenden.
Gott hatte schon einmal eingegriffen, als Hiskia das Volk zur Umkehr leitete und den rechten Gottesdienst wieder einführte. Als die Assyrer vor Jerusalem lagerten und die Stadt menschlich gesprochen verloren war, griff Gott ein: Der Engel des HERRN schlug im Lager der Assyrer 185 000 Mann (2Kön 19,35). Dasselbe wäre auch jetzt möglich gewesen, wenn Juda auf Gottes Wort gehört hätte.
Jeremia ruft das Volk deshalb nicht bloss zur religiösen Besinnung auf, sondern zu echter Busse. Doch Gott wird konkret. Er hält seinem Volk seine Verfehlungen, seine Sünden und seine Heuchelei schonungslos vor Augen.
Der Tempel als religiöser Glücksbringer
«Verlasst euch nicht auf trügerische Worte wie diese: Der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN, der Tempel des HERRN ist dies!» (Jer 7,4).
Die religiöse Elite beschwichtigte das Volk. Ihre Botschaft lautete: Kein Grund zur Panik. Wir sind doch Gottes auserwähltes Volk. Gott wohnt mitten unter uns im Tempel. Er wird niemals zulassen, dass dieser Ort und diese heilige Stadt den heidnischen Babyloniern in die Hände fallen.
Doch dieses Denken machte den Tempel zu einer Art Glücksbringer. Man vertraute auf ein Gebäude, nicht auf Gott. Ähnlich ist es heute, wenn Menschen ein Kreuz tragen, ohne an den Gekreuzigten zu glauben; in die Kirche gehen, ohne an den Gott der Bibel zu glauben; Weihnachten feiern, ohne an die Menschwerdung Gottes zu glauben; oder Ostern begehen, ohne an die Auferstehung zu glauben.
Ein Gebäude rettet nicht. Kein Tempel, keine Kathedrale, keine Kirche und kein religiöses Symbol kann den Gehorsam gegenüber Gott ersetzen. Auch Frömmigkeit, Gebete, Almosen und Opfer werden nutzlos, wenn Menschen nicht nach Gottes Willen fragen und ihren religiösen Worten keine Taten folgen lassen.
Glaube zeigt sich im Umgang mit Menschen
«Denn nur wenn ihr euren Wandel und eure Taten ernstlich bessert, wenn ihr wirklich Recht übt untereinander, wenn ihr die Fremdlinge, die Waisen und Witwen nicht bedrückt und an dieser Stätte kein unschuldiges Blut vergiesst und nicht anderen Göttern nachwandelt zu eurem eigenen Schaden – dann will ich euch an diesem Ort wohnen lassen, in dem Land, das ich euren Vätern gegeben habe, von Ewigkeit zu Ewigkeit» (Jer 7,5-7).
Gott betont, dass echter Glaube sich im Verhalten untereinander erweist. Praktizierter Glaube ist keine blosse Privatsache; er wird sichtbar im Umgang mit anderen Menschen. Im Galaterbrief heisst es entsprechend: «Dient einander durch die Liebe» (Gal 5,13).
Gott nennt ausdrücklich Fremdlinge, Waisen und Witwen. Das waren Menschen, die sich selbst kaum schützen konnten und auf Hilfe angewiesen waren. Gottes Volk hätte sie nicht bedrücken, sondern schützen und unterstützen sollen. Wo das unterblieb, wurde der Gottesdienst hohl.
Auch heute ist christliche Nächstenliebe nicht nur Wort, sondern Tat. Sie wendet sich Menschen zu, die in Not sind und sich selbst nicht helfen können. Eine Gruppe, die in unserer humanistisch geprägten Gesellschaft besonders unter die Räder kommt, sind die ungeborenen Kinder im Mutterleib. Sie können sich nicht wehren, sie können ihre Stimme nicht erheben, und oft haben sie kaum Fürsprecher. Wer friedlich und betend auf das Töten unschuldiger Kinder hinweist, wird häufig beschimpft und von Kirche, Politik und Medien im Stich gelassen.
Das Vergiessen unschuldigen Blutes war in Juda keine theoretische Frage. Jeremia 22,17 bestätigt, dass die Augen und das Herz auf ungerechten Gewinn und auf das Vergiessen unschuldigen Blutes gerichtet waren. Auch 2. Könige 24,4 nennt das unschuldige Blut, mit dem Jojakim Jerusalem erfüllt hatte.
Neben der Unterdrückung der Schutzlosen und dem Vergiessen unschuldigen Blutes nennt Gott den Götzendienst. Er ist die Wurzel des Übels. Wenn der einzig wahre Gott verlassen wird, steht der Sünde Tür und Tor offen. Dann muss auch in anderen Bereichen das Gute dem Bösen Platz machen.
Die Zusage in Vers 7 blieb für jene Generation unerfüllt, weil sie den Bussruf Gottes ablehnte. Doch Gottes Verheissung als solche bleibt bestehen. Gott kommt mit seinem Volk zum Ziel; endgültig erfüllt wird diese Zusage im kommenden Reich des Messias.
Fromme Lügen und ein unbussfertiges Herz
«Siehe, ihr verlasst euch auf trügerische Worte, die gar nichts nützen!» (Jer 7,8).
Gott geht es nicht um einen prunkvollen Tempel an sich. Wenn Menschen auf Gebäude, Schmuckstücke, Reliquien oder Traditionen vertrauen, statt auf Gott und sein Wort, dann sind das fromme Lügen, die nicht nur nichts nützen, sondern in den Abgrund führen.
Es gibt einen falschen Gottesdienst. Es ist nicht gleichgültig, wen man anbetet, wem man dient und wem man huldigt.
«Wie? Stehlen, morden, ehebrechen und falsch schwören, dem Baal räuchern und anderen Göttern nachlaufen, die ihr nicht kennt – und dann kommt ihr und tretet vor mein Angesicht in diesem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, und sprecht: Wir sind errettet! – nur, um dann alle diese Gräuel weiter zu verüben?» (Jer 7,9-10).
Das Volk war tief in Sünde verstrickt – geistlich, moralisch und im Umgang miteinander. Trotzdem glaubte es, Gott werde einfach darüber hinwegsehen, weil man ja weiterhin religiös blieb. Man betete, ging in den Tempel, beschnitt die Kinder, fastete vermutlich und hielt äussere Formen aufrecht.
Dasselbe Muster findet sich bis heute: Ich bin doch getauft. Ich tue Gutes. Ich gehe in den Gottesdienst. Ich bete. Ich zahle Kirchensteuer. Ich spende. Und überhaupt bin ich ein recht netter Mensch. Solche Sätze werden zu trügerischen Worten, wenn sie Busse ersetzen sollen.
Das Entscheidende fehlte: Bereitschaft zur Umkehr. Man hoffte, es werde schon alles gut, ohne das eigene Leben zu hinterfragen, geschweige denn es nach dem Willen Gottes auszurichten. Das gleicht einem Fallschirmspringer, der meint, den Schirm nicht öffnen zu müssen, weil der Sprung bisher angenehm verlief.
Eine Räuberhöhle im Haus Gottes
«Ist denn dieses Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, in euren Augen zu einer Räuberhöhle geworden? Siehe, ich, ich habe es gesehen! spricht der HERR» (Jer 7,11).
Der Tempel sollte Gottes Heiligkeit offenbaren. Das Volk aber machte eine Räuberhöhle daraus: einen Ort, an dem gelogen, geheuchelt, gestohlen, gelästert und gespottet wurde. Erschütternd ist, dass der Herr Jesus gut 600 Jahre später bei der Tempelreinigung genau diese Worte Jeremias aufgriff.
Gott bleibt nichts verborgen. «Ich habe es gesehen», sagt der HERR. Keine religiöse Fassade kann verbergen, was vor Gott offenliegt.
Die Warnung von Silo
«Denn geht doch hin zu meiner Stätte in Silo, wo ich früher meinen Namen wohnen liess, und seht, was ich mit ihr getan habe wegen der Bosheit meines Volkes Israel!» (Jer 7,12).
Silo war der Ort, an dem die Stiftshütte, der Vorläufer des Tempels, lange gestanden hatte. Doch durch Götzendienst und Ungehorsam wurden die Israeliten wiederholt von den Philistern besiegt. Schliesslich wurde sogar die Lade Gottes erbeutet, nachdem Israel sie eigenmächtig mit in die Schlacht genommen hatte. Silo, der Ort des Heiligtums, wurde der Bedeutungslosigkeit preisgegeben und später zerstört.
Die Frage liegt auf der Hand: Wenn Gott einst Silo nicht verschonte und sogar zuliess, dass gottlose Heiden die Bundeslade raubten, warum sollte er dann Jerusalem und den Tempel verschonen, wenn Juda denselben Weg ging? Auch Ephraim, das Nordreich Israel, war rund ein Jahrhundert zuvor untergegangen. Hätte Juda daraus nicht lernen müssen?
Man kann nicht beliebig lange warten. Wer Gottes Ruf zur Umkehr immer wieder verachtet, verpasst irgendwann den Zeitpunkt. Dann ist der Zug nicht deshalb abgefahren, weil der Zugführer zu früh losfuhr, sondern weil die Passagiere in ihrem Hochmut den Einstieg verstreichen liessen.
«Und nun, weil ihr alle diese Taten getan habt, spricht der HERR, und ich zu euch geredet habe, indem ich mich früh aufmachte und redete, ihr aber nicht gehört habt, und ich euch gerufen habe, ihr aber nicht geantwortet habt, so will ich mit diesem Haus, über dem mein Name ausgerufen ist, auf das ihr euch verlasst, und mit dem Ort, den ich euch und euren Vätern gegeben habe, ebenso verfahren, wie ich mit Silo verfahren bin» (Jer 7,13-14).
Gott hatte lange genug geredet. Immer wieder hatte er Propheten gesandt, gewarnt und zur Umkehr gerufen. Doch das Volk wollte nicht hören. Irgendwann hat die Langmut Gottes ein Ende. Dann folgt dem ständigen Ungehorsam die Strafe.
«Und ich will euch von meinem Angesicht verwerfen, wie ich alle eure Brüder, den ganzen Samen Ephraims, verworfen habe» (Jer 7,15).
Ephraim hätte ein warnendes Beispiel sein sollen. Juda nahm diese Warnung nicht ernst. Nun dient Ephraim als Beispiel für die kommende Verwerfung. Man kann die Augen vor einem Tornado schliessen, aber aufhalten kann man ihn damit nicht.
Wenn Fürbitte nicht mehr erhört wird
«Du aber sollst für dieses Volk keine Fürbitte einlegen und weder Flehen noch Gebet für sie erheben und sollst nicht in mich dringen; denn ich werde dich nicht erhören!» (Jer 7,16).
Diese Worte sind erschütternd. Weil das Gericht unumkehrbar geworden ist, weil das Volk sein Herz verschliesst und nicht umkehren will, soll Jeremia nicht mehr für Juda beten. Die Begründung folgt später: Selbst wenn Jeremia Gottes Worte redet, werden sie nicht hören; wenn er ruft, werden sie nicht antworten (vgl. Jer 7,27).
Das Volk gleicht einem Kettenraucher, der immer wieder gewarnt wird, aber weiterraucht – bis zur letzten Diagnose. Dann ist nicht mehr Warnung nötig, sondern das Gericht der eigenen Entscheidung bricht herein.
«Siehst du nicht, was sie in den Städten Judas und auf den Strassen von Jerusalem tun? Die Kinder lesen Holz auf, und die Väter zünden das Feuer an, und die Frauen kneten den Teig, um der Himmelskönigin Kuchen zu backen; und sie spenden anderen Göttern Trankopfer, um mich zu kränken» (Jer 7,17-18).
Das ganze Volk war in Götzendienst verstrickt: Kinder, Väter, Mütter. Die Unmoral und Ungerechtigkeit waren nicht verborgen, sondern lagen auf den Strassen Judas und Jerusalems offen zutage. Über Jahrzehnte hinweg gab es keinen Ansatz zur Besserung.
«Kränken sie denn mich? spricht der HERR. Tun sie es nicht vielmehr sich selbst, zu ihrer eigenen Schande?» (Jer 7,19).
Wer Gott kränkt, schadet am Ende sich selbst. Es geht nicht nur um Strafe, sondern auch um Schande – eine Schande, die auf dem Volk haften bleibt, bis es am Ende der Tage Busse tut, den Messias erkennt und annimmt.
Der heilige Zorn Gottes
«Darum, so spricht GOTT, der Herr: Siehe, mein Zorn und mein Grimm wird sich über diesen Ort ergiessen, über die Menschen und über das Vieh, über die Bäume des Feldes und über die Früchte des Landes; und er wird brennen und nicht erlöschen!» (Jer 7,20).
Das «Darum» ist entscheidend. Das kommende Gericht hat einen Grund. Juda trägt selbst die Verantwortung. Auffällig ist, dass Gottes Zorn Menschen, Tiere, Bäume und Früchte umfasst. Es ist, als würde Gott sagen: Alles ist verunreinigt, alles ist entweiht, alles trägt die Spuren der Sünde.
Wenn uns dafür das Verständnis fehlt, liegt das daran, dass wir die Heiligkeit Gottes kaum erfassen. Gott duldet keinen Schmutz und keine Sünde in seiner Gegenwart.
Gott fordert Gehorsam, nicht leere Rituale
«So spricht der HERR der Heerscharen, der Gott Israels: Fügt nur eure Brandopfer zu euren Schlachtopfern und esst Fleisch!» (Jer 7,21).
Mit anderen Worten: Euer ganzer Opferdienst ist mir zuwider, solange ihr im Ungehorsam lebt. Gott fordert keine Rituale um der Rituale willen. Er fordert Gehorsam.
«Denn ich habe zu euren Vätern nicht geredet und ihnen nichts geboten wegen Brandopfer und Schlachtopfer an dem Tag, als ich sie aus dem Land Ägypten herausführte, sondern dieses Wort habe ich ihnen geboten: Hört auf meine Stimme, so will ich euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein; und wandelt auf dem ganzen Weg, den ich euch gebieten werde, damit es euch wohl ergeht!» (Jer 7,22-23).
Hier liegt einer der Schlüsselverse des Abschnitts. Gott macht deutlich: Als er Israel aus Ägypten herausführte, stellte er das Volk vor eine grundlegende Entscheidung: Hört auf meine Stimme. Ich will euer Gott sein, und ihr sollt mein Volk sein. Geht auf dem ganzen Weg, den ich euch gebiete.
«Der ganze Weg» meint ein ungeheucheltes Herz, das jede Religionsvermischung ausschliesst. Ganz oder gar nicht. Was nützt das Einhalten äusserer Gebote, wenn der Gehorsam fehlt? Was nützen Opfer, Gebetszeiten oder Gottesdienstbesuch, wenn das Herz Gott den Rücken gekehrt hat?
Gehorsam umfasst Glauben, Treue, Liebe, Vertrauen und Hingabe – ungeheuchelt und ungeteilt. Deshalb heisst es schon im Alten Testament: «Der Gerechte aber wird durch seinen Glauben leben» (Hab 2,4).
Israel und Juda hatten dem Gott ihrer Väter diesen Gehorsam verweigert. Sie hatten nicht aufgehört zu beten oder zu opfern. Sie hatten nicht aufgehört, religiöse Formen zu pflegen. Aber sie hatten aufgehört, Gott zu lieben, ihm treu zu bleiben, ihm zu folgen, an ihn zu glauben und auf ihn zu hören. Sie hatten ihrem Gott den Rücken zugewandt.
Der Rücken statt das Gesicht
«Aber sie gehorchten nicht und neigten ihr Ohr nicht, sondern wandelten nach den Ratschlägen und nach dem Starrsinn ihres bösen Herzens; und sie kehrten mir den Rücken zu und nicht das Angesicht» (Jer 7,24).
Diese Formulierung erinnert an Hesekiel 8, wo Männer am Tempel ihre Gesichter nach Osten wandten, um die Sonne anzubeten, und dabei dem Haus Gottes den Rücken kehrten. In geistlicher Hinsicht ist das wie ein Ehemann, der seiner Frau den Rücken zukehrt, um eine andere zu küssen.
«Von dem Tag an, da eure Väter aus dem Land Ägypten auszogen, bis zu diesem Tag habe ich alle meine Knechte, die Propheten, zu euch gesandt, indem ich mich täglich früh aufmachte und sie sandte; aber sie haben nicht auf mich gehört und ihr Ohr nicht geneigt, sondern sie verhärteten ihren Nacken; sie haben es schlimmer gemacht als ihre Väter» (Jer 7,25-26).
Es fehlte nicht an Mahnung. Gott sandte seine Propheten immer wieder. Doch das Volk verhärtete Herz und Ohren. Sprüche 29,1 fasst diese Wahrheit zusammen: «Ein Mann, der allen Warnungen trotzt, geht plötzlich unheilbar zugrunde.»
Reden, obwohl niemand hören will
«Und wenn du ihnen alle diese Worte sagen wirst, so werden sie doch nicht auf dich hören; und wenn du ihnen zurufst, so werden sie dir nicht antworten» (Jer 7,27).
Gott kennt das Herz seines Volkes. Wie mag Jeremia sich gefühlt haben? Er steht vor dem Haus Gottes. Das abtrünnige Volk geht ein und aus, als sei nichts geschehen. Er verkündet das kommende Gericht und ruft zur Umkehr, weiss aber zugleich, dass man nicht auf ihn und damit nicht auf Gott hören wird.
«Darum sollst du zu ihnen sagen: Dies ist das Volk, das auf die Stimme des HERRN, seines Gottes, nicht hören will und keine Züchtigung annimmt! Die Treue ist verloren gegangen und aus ihrem Mund verschwunden» (Jer 7,28).
Trotzdem soll Jeremia reden. Das ist kein leichter Auftrag. Aber wenn Gott den Auftrag gibt, die Wahrheit zu verkünden, dann sind Gottes Kinder verpflichtet, die Wahrheit zu sagen – auch wenn sie dadurch Sympathien verlieren und das bequeme Leben unbequem wird.
Totenklage über eine verworfene Generation
«Schere dein Haupthaar ab und wirf es weg, und erhebe auf den kahlen Höhen ein Klagelied! Denn der HERR hat das Geschlecht, über das er zornig ist, verworfen und verstossen» (Jer 7,29).
Das Scheren des Haares war ein Zeichen der Trauer. Dass bereits Totenklage gehalten werden soll, zeigt: In Gottes Augen ist diese Generation schon gerichtet – verstossen und verworfen.
Nicht das Volk Israel als solches ist verworfen, sondern diese Generation. Spätere Generationen durften aus dem babylonischen Exil zurückkehren. Gott bewahrt sich einen Überrest, führt seine Geschichte weiter und kommt mit seinem Volk im Reich des Messias zum Ziel.
Gräuel im Haus Gottes
«Denn die Kinder Judas haben getan, was böse ist in meinen Augen, spricht der HERR; sie haben ihre Gräuel in das Haus gestellt, über dem mein Name ausgerufen ist, um es zu verunreinigen» (Jer 7,30).
Juda trägt die Verantwortung für das Gericht. In Hesekiel 8 wird beschrieben, wie der Tempel entweiht wurde: An den Wänden waren Bildnisse von Gewürm, gräulichem Getier und Götzen des Hauses Israel zu sehen (Hes 8,10). Auch Manasse stellte ein Götzenbild in das Haus Gottes (2Chr 33,7). Und 2. Chronik 36,14 fasst zusammen, dass die Obersten der Priester samt dem Volk sich schwer versündigten und das Haus des HERRN verunreinigten.
Das Tal des Grauens
«Sie haben auch die Höhen des Tophet im Tal Ben-Hinnom errichtet, um ihre Söhne und Töchter mit Feuer zu verbrennen, was ich ihnen nie geboten habe und was mir nie in den Sinn gekommen ist» (Jer 7,31).
Hier erreicht die Anklage einen erschütternden Tiefpunkt. Das Tophet war eine heidnische Kultstätte ausserhalb der Stadtmauern im Hinnomtal. Dort wurden Menschenopfer und Kindesopfer dargebracht, wie es bei den Kanaanitern üblich war – etwas, das Gott verabscheute und Israel ausdrücklich verboten hatte.
Ist das wörtlich zu verstehen? Haben Israeliten wirklich Menschenopfer dargebracht? Die Antwort lautet: Ja. Über König Manasse heisst es in 2. Chronik 33,6, dass er seine Söhne im Tal des Sohnes Hinnoms durchs Feuer gehen liess. 2. Könige 23,10 berichtet später von Josia, dass er das Tophet im Tal der Söhne Hinnom verunreinigte, damit niemand mehr seinen Sohn oder seine Tochter dem Moloch durchs Feuer gehen liesse. Jeremia 19 wiederholt diesen Tatbestand nochmals.
Wer Gottes Strafe bisher für unverhältnismässig hielt, sollte angesichts dieser Kindesopfer eines Besseren belehrt sein. Anders als viele menschliche Rechtsprechung legt Gott mehr Gewicht auf den Schutz der Opfer als auf den Schutz der Täter.
«Darum siehe, es kommen Tage, spricht der HERR, da man nicht mehr vom Tophet oder vom Tal Ben-Hinnom reden wird, sondern vom Tal der Schlachtung; und man wird im Tophet begraben müssen, weil es sonst keinen Raum mehr gibt; und die Leichname dieses Volkes werden den Vögeln des Himmels und den wilden Tieren zur Speise dienen, und niemand wird sie verscheuchen» (Jer 7,32-33).
Aus dem Tal des Todes und der Gräuelstätte soll ein Tal der Schlachtung werden. Dort, wo Kinder dem Moloch dargebracht wurden, werden sich die Leichname der Bewohner Jerusalems auftürmen. Diesmal werden nicht Kinder geopfert; diesmal fallen die Täter selbst dem Gericht durch die Babylonier zum Opfer.
Dass die Leichname nicht begraben, sondern den Tieren und Vögeln zum Frass werden sollen, zeigt das plötzliche und schreckliche Verderben, dem niemand entfliehen kann. Zugleich verdeutlicht es, dass Gottes Zorn über diese Schande sogar über den Tod hinausreicht. Im Judentum war und ist es eine Schande, nicht begraben zu werden. Deshalb ist es jüdischen Angehörigen bis heute so wichtig, selbst getötete Geiseln zurückzuerhalten, damit sie würdevoll bestattet werden können.
Dieses Gericht ist die Folge von Ungehorsam, Untreue, Lieblosigkeit, Götzendienst und fehlendem Glauben. Schon in 5. Mose 28,26 war im Zusammenhang von Segen und Fluch angekündigt worden, dass Leichname den Vögeln des Himmels und den Tieren zur Nahrung dienen würden, wenn Israel Gottes Wort verwirft.
Wenn Freude verstummt
«Und ich will in den Städten Judas und auf den Strassen Jerusalems aufhören lassen die Stimme der Wonne und die Stimme der Freude, die Stimme des Bräutigams und die Stimme der Braut; denn das Land soll zur Einöde werden!» (Jer 7,34).
So endet das Gericht über Juda: Freude verstummt, Hochzeitsjubel endet, das Land wird zur Einöde. Was für ein Gericht – und doch war es längst angekündigt, falls das Volk nicht auf Gottes Wort hören und seinen Willen weiterhin missachten würde.
Worin der Mensch sich rühmen darf
Die Tempelbotschaft Jeremias endet nicht in religiöser Selbstsicherheit, sondern in Gottes Ruf zur Erkenntnis seiner selbst. Darum passen die Worte aus Jeremia 9 als Schlussakkord:
«So spricht der HERR: Der Weise rühme sich nicht seiner Weisheit, und der Starke rühme sich nicht seiner Stärke, der Reiche rühme sich nicht seines Reichtums; sondern wer sich rühmen will, der rühme sich dessen, dass er Einsicht hat und mich erkennt, dass ich der HERR bin, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt auf Erden! Denn daran habe ich Wohlgefallen, spricht der HERR» (Jer 9,22-23).
Das ist die eigentliche Frage: Rühmen wir uns unserer eigenen Sicherheiten, unserer religiösen Formen, unserer Traditionen, unserer Gebäude, unserer Weisheit, Stärke oder unseres Besitzes? Oder rühmen wir uns dessen, Gott zu erkennen, den Herrn, der Barmherzigkeit, Recht und Gerechtigkeit übt?
Jeremias Tempelrede warnt vor einem Glauben, der nur noch Fassade ist. Sie ruft zur Umkehr, solange Gnadenzeit ist. Und sie zeigt: Gott sucht kein religiöses Selbstbewusstsein, sondern ein Herz, das auf seine Stimme hört.