Zwischen Kreuz und Herrlichkeit: Was Gottes Gnade aus einem Menschen macht

Was würden wir ändern, wenn wir wüssten, dass Christus heute Abend wiederkommt?

Diese Frage trifft. Der Kirchenvater Augustinus soll sinngemäss gesagt haben: Der letzte Tag ist verborgen, damit jeder Tag ernst genommen wird. Und John Wesley, der bekannte Erweckungsprediger, wurde einmal gefragt, was er tun würde, wenn er wüsste, dass sein Herr noch am selben Abend wiederkommt. Seine Antwort war schlicht: Er würde aufstehen, frühstücken, hinausgehen und predigen, zurückkommen, essen, sich ausruhen und wieder predigen. Mit anderen Worten: Er würde nichts ändern.

Könnten wir das auch sagen?

Mit dieser Frage führt uns Titus 2,11-14 mitten ins Zentrum des christlichen Lebens. Der Abschnitt spricht von der Gnade Gottes, die erschienen ist, die rettet, erzieht, reinigt und unseren Blick auf die Wiederkunft Christi richtet. Diese Gnade ist kein weiches religiöses Gefühl. Sie ist Gottes wirksame Kraft, sichtbar geworden in Jesus Christus.

Christliche Ethik beginnt nicht bei uns

Paulus hat im Titusbrief zuvor sehr praktisch gesprochen: zu älteren Männern, älteren Frauen, jungen Frauen, jungen Männern, zu Titus selbst und auch zu Knechten. Er spricht über Nüchternheit, Besonnenheit, Ehrbarkeit, Liebe, Geduld, gute Werke, gesunde Lehre und glaubwürdiges Verhalten.

Doch dann setzt er ein entscheidendes Wort davor: Denn.

Warum sollen Christen so leben? Nicht, damit sie sich vor Gott etwas verdienen. Nicht aus moralischem Druck. Nicht aus Gesetzlichkeit. Sondern: Denn die Gnade Gottes ist erschienen.

Christliche Ethik beginnt nicht mit menschlicher Disziplin. Sie beginnt mit Gottes Heilshandeln. Sie wächst nicht aus Angst, Druck oder blosser Erziehung zu moralischen Werten. Christliches Leben wächst aus der Gnade Gottes.

Gnade bedeutet: Gott gibt uns nicht, was wir verdient hätten. Er gibt uns in Christus, was wir niemals verdienen könnten.

Die Gnade hat ein Gesicht

Die Gnade Gottes ist nicht bloss eine Eigenschaft Gottes, keine theologische Formel und kein tröstlicher Gedanke. Sie ist erschienen. Sie ist sichtbar geworden. Sie trat in die Geschichte ein. Sie bekam Hände, Füsse, Augen, Stimme, Blut und Wunden.

Jesus Christus ist die erschienene Gnade Gottes.

Er wurde Mensch, lebte, starb, stand auf und wird wiederkommen. Darum erinnert das Mahl des Herrn nicht nur an ein Ereignis vor 2000 Jahren. Es ruft uns auf, neu zu sehen, was damals geschehen ist, welche Gültigkeit es heute hat und was es ganz persönlich für uns bedeutet.

Paulus sagt: Diese Gnade ist heilbringend für alle Menschen. Das bedeutet nicht, dass automatisch alle Menschen gerettet werden. Es bedeutet: Gottes Gnade ist nicht auf ein Volk, eine Klasse, eine Nation, eine Kultur oder eine soziale Gruppe beschränkt. Jeder diese Gnade. Und diese Gnade kann alle retten, die sie im Glauben ergreifen.

Niemand ist zu hoch für die Gnade. Niemand ist zu tief für die Gnade. Niemand ist zu religiös, um sie nicht zu brauchen. Niemand ist zu verloren, als dass sie ihn nicht retten könnte.

Gnade vergibt nicht nur, sie erzieht

Viele Menschen wünschen sich eine Gnade, die vergibt, aber nicht erzieht. Eine Gnade, die beruhigt, aber nicht verändert. Eine Gnade, die den Himmel verspricht, aber das Leben auf der Erde unangetastet lässt.

Doch das ist nicht die biblische Gnade.

Die Gnade Gottes ist nicht nur Retterin, sie ist auch Lehrerin. Sie ist nicht nur Freispruch, sie ist auch Erziehung. Sie nimmt uns nicht nur aus der Verdammnis heraus, sondern stellt uns in die Schule Christi hinein.

Paulus sagt: Die Gnade erzieht uns dazu, Gottlosigkeit und weltliche Begierden zu verleugnen.

Gottlosigkeit ist jede Lebenshaltung, in der Gott nicht als Gott geehrt wird. Ein Mensch kann religiös sein und trotzdem gottlos leben, wenn Gott nicht wirklich Herr ist über Denken, Reden, Entscheidungen, Geld, Beziehungen, Zeit und Wünsche.

Gottlosigkeit bedeutet: Ich lebe, als wäre Gott nicht gegenwärtig. Ich entscheide, als hätte Gott nichts zu sagen. Ich plane, als müsste ich ihm keine Rechenschaft geben. Ich geniesse seine Gaben, ohne ihn als Geber zu ehren.

Auch weltliche Begierden sind nicht einfach normale Wünsche. Gott hat den Menschen mit Wünschen geschaffen. Aber weltliche Begierden sind Wünsche, die von Gott losgelöst sind. Wünsche, die sich an einer gefallenen Welt orientieren. Wünsche, die stärker werden als der Gehorsam gegenüber Christus.

Das kann unsere Gedankenwelt betreffen, sexuelle Unreinheit, Geldliebe, Menschenfurcht, Stolz, Bequemlichkeit, Bitterkeit, mangelnde Vergebung, Suchtverhalten oder Selbstverwirklichung ohne Unterordnung unter Christus.

Die Gnade lehrt uns nicht, solche Dinge zu entschuldigen. Sie lehrt uns, sie zu verleugnen. Paulus sagt nicht: Reduziert Gottlosigkeit ein wenig. Er sagt nicht: Verwaltet eure Begierden besser. Er sagt: Sagt Nein. Kehrt euch ab.

Gerettet, aber nicht unverändert

Die Bibel lehrt keine sündlose Vollkommenheit in diesem Leben. Paulus sagt in Philipper 3,12 offen, dass er noch nicht vollendet ist. Aber er jagt danach.

Das ist entscheidend: Ein Christ fällt vielleicht, aber er bleibt nicht gleichgültig liegen. Er kämpft. Er richtet sich wieder auf. Er hasst die Sünde, die er früher liebte. Er sehnt sich nach Heiligkeit. Er will Christus gefallen.

Gnade ist keine Erlaubnis zur Sünde. Gnade ist die Kraft, der Sünde abzusagen.

Darum ist die Frage nicht nur: Bin ich gerettet? Sondern auch: Lasse ich mich von der Gnade erziehen? Gibt es in meinem Leben ein bewusstes Nein zu Gottlosigkeit und weltlichen Begierden?

Besonnen, gerecht und gottesfürchtig

Paulus bleibt nicht beim Nein stehen. Die Gnade erzieht uns nicht nur dazu, etwas zu lassen. Sie führt uns in ein neues Leben: besonnen, gerecht und gottesfürchtig in der jetzigen Weltzeit.

Besonnen leben wir im Blick auf uns selbst. Besonnenheit bedeutet innere Nüchternheit, Selbstbeherrschung und geistliche Klarheit. Ein besonnener Mensch wird nicht von Impulsen, Launen, Ängsten, Stimmungen oder Begierden regiert. Er fragt: Was ehrt Christus? Was entspricht Gottes Wort? Was dient meinem geistlichen Wachstum?

Gerecht leben wir im Blick auf andere Menschen. Das betrifft Ehe, Familie, Gemeinde, Arbeit, Geld, Besitz, Worte, Versprechen, den Umgang mit Schwachen, Ehrlichkeit, Treue und Verlässlichkeit. Glaube ist keine Privatsache, die nur zu Hause oder in der Gemeinde sichtbar wird. Die Gnade Gottes prägt den Alltag.

Gottesfürchtig leben wir im Blick auf Gott. Gottesfurcht bedeutet: Ich lebe vor Gottes Angesicht. Ich weiss, der Herr sieht mich. Er kennt mich. Er ist heilig, gnädig, mein Retter und mein Richter. Gottesfurcht ist ehrfürchtige Liebe, die Gott ernst nimmt.

Und all das gilt nicht erst später. Nicht erst im Himmel. Nicht erst, wenn die Umstände einfacher sind. Paulus sagt: in der jetzigen Weltzeit. In dieser Generation. In dieser gefallenen Umgebung. In dieser Gemeinde. In diesem Haus. In diesem Beruf. In deinem Alltag.

Christus rettet uns nicht, damit wir uns aus der Welt zurückziehen und geistlich einschlafen. Er rettet uns, damit wir mitten in dieser Welt Zeugen seiner verändernden Gnade sind.

Leben zwischen zwei Erscheinungen

Christen leben zwischen zwei Erscheinungen.

Die erste liegt in der Vergangenheit: Die Gnade Gottes ist erschienen in Jesus Christus, in seinem Kommen, seinem Leben, seinem Sterben und seiner Auferstehung.

Die zweite liegt vor uns: die Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Retters Jesus Christus.

Das erste Kommen Christi war ein Kommen in Niedrigkeit. Das zweite wird ein Kommen in Herrlichkeit sein. Beim ersten Kommen lag er in einer Krippe. Beim zweiten kommt er als König. Beim ersten Kommen wurde er verachtet, verspottet und mit Dornen gekrönt. Beim zweiten wird sich jedes Knie vor ihm beugen.

Paulus nennt diese Erwartung die glückselige Hoffnung. Sie ist nicht Wunschdenken, sondern feste Erwartung, weil Gott es verheissen hat. Christus wird kommen, um die Seinen zu sich zu holen. Dann werden wir bei ihm sein und ihn sehen, wie er ist.

Wer Christus erwartet, lebt anders. Wer Christus sehen wird, nimmt Sünde ernst. Wer vor Christus stehen wird, prüft sein Leben. Wer Christus liebt, will bereit sein.

Wir leben nicht heilig, nur weil Christus heute kommen könnte. Wir leben heilig, weil Christus würdig ist, ob er heute kommt oder in 1000 Jahren. Er ist derselbe Herr. Er verdient denselben Gehorsam, dieselbe Liebe und dieselbe Hingabe.

Das Kreuz ist Grund und Ziel der Rettung

Paulus schreibt von Christus: Er hat sich selbst für uns hingegeben.

Christus gab nicht nur etwas. Er gab sich selbst. Er gab nicht nur Lehre, nicht nur ein Beispiel, nicht nur Heilungen und Trost. Er gab sich selbst am Kreuz von Golgatha.

Das Kreuz ist der Grund unserer Rettung. Aber Paulus zeigt auch das Ziel des Kreuzes: Christus hat sich hingegeben, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen.

Gesetzlosigkeit bedeutet: Leben ohne Gottes Massstab. Leben in Auflehnung gegen Gottes Willen. Leben nach eigener Autorität. Christus starb nicht, damit wir in dieser Gesetzlosigkeit bleiben können. Er starb, um uns daraus zu befreien.

Wir sind nicht billig erlöst worden. Nicht mit Silber oder Gold, sondern mit dem kostbaren Blut Christi.

Darum hat Christus Anspruch auf unser Leben. Wenn du ein Kind Gottes bist, gehörst du Christus. Dein Körper ist nicht dein Eigentum. Deine Zeit ist nicht dein Eigentum. Deine Gaben sind nicht dein Eigentum. Deine Zukunft ist nicht dein Eigentum. Alles gehört ihm.

Christus rettet uns nicht, damit wir weiterhin uns selbst gehören. Er rettet uns, damit wir ihm gehören.

Gute Werke sind Frucht, nicht Wurzel

Paulus sagt, Christus reinigt sich ein Volk, das eifrig ist, gute Werke zu tun.

Das ist wichtig: Gute Werke sind nicht die Wurzel unserer Rettung. Sie sind die Frucht unserer Rettung.

Wir tun keine guten Werke, damit Christus uns erlöst. Christus hat uns erlöst, darum wollen wir gute Werke tun. Epheser 2 macht es deutlich: Aus Gnade sind wir gerettet durch Glauben, nicht aus Werken. Aber wir sind in Christus Jesus geschaffen zu guten Werken, die Gott vorbereitet hat, damit wir darin wandeln.

Ein wiedergeborener Christ fragt nicht: Wie wenig muss ich tun, um noch als Christ zu gelten? Er fragt: Herr, wie kann mein Leben ganz dir gefallen?

Dieser Eifer zeigt sich praktisch: im Dienst, in der Evangelisation, in der Liebe zur Gemeinde, in Heiligung, Treue im Kleinen, Hilfe für Schwache, Gastfreundschaft, Opferbereitschaft, Reinheit, Wahrhaftigkeit und einem guten Wandel vor der Welt.

Gute Werke dienen nicht der Selbstverherrlichung. Sie sollen Gott verherrlichen.

Die entscheidende Frage

Was macht die Gnade mit dir?

Sie rettet von der Strafe der Sünde. Verlässt du dich auf Jesus Christus oder auf Religion, Werke, Herkunft, Erkenntnis oder äussere Frömmigkeit?

Sie befreit von der Kraft der Sünde. Gibt es in deinem Leben ein bewusstes Nein zu Gottlosigkeit und weltlichen Begierden?

Sie richtet dich auf die Wiederkunft Christi aus. Lebst du als jemand, der Christus erwartet, oder bist du innerlich in dieser Welt zu Hause?

Sie macht dich zu Christi Eigentum. Gehört dein Leben wirklich ihm: deine Zeit, deine Pläne, dein Körper, deine Worte, dein Geld, deine Zukunft?

Die Herausforderung dieses Textes lautet nicht: Verbessere dich ein bisschen. Sie lautet: Sieh auf die erschienene Gnade Gottes in Jesus Christus. Lass dich von dieser Gnade retten, erneuern, erziehen und reinigen. Lebe als Eigentum Christi. Und erwarte die Erscheinung seiner Herrlichkeit.

Er ist gekommen.
Er kommt wieder.
Wie lebst du zwischen diesen beiden Erscheinungen?

Nathanael Winkler absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland. Er spricht fliessend Hebräisch. Sein Aufgabenschwerpunkt ist die breitgefächerte Israelarbeit des Missionswerkes und die grosse Jugend- und Kinderarbeit der Gemeinde Mitternachtsruf.
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