Ist Einwanderung nach Israel wichtiger als die Bekehrung der Juden? Fr. 17. Juli 2020

Fr. 17. Juli 2020

Für viele Gläubige ist die Rückkehr eines jüdischen Menschen nach Israel wichtiger, als dass ihm von Jesus erzählt wird. Denn sie sagen sich, dass, sobald alle Juden wieder im Land versammelt wären, die Erlösung schon folgen würde. Stellungnahme eines an Jesus gläubigen Juden.

Von Avi Snyder

Ich glaube wirklich fest an das Kommen eines Tages, da Gott alle jüdischen Menschen wieder im Land Israel versammeln wird. Aber lehrt die Heilige Schrift, dass die physische Sammlung Israels der geistlichen Erlösung Israels vorausgehen muss?

Selbstverständlich lehren wichtige Abschnitte wie z. B. Hesekiel 36,24-25 ausdrücklich, dass Gott viele von uns nach Israel zurückbringen wird, bevor Er uns rettet: «Denn ich will euch aus den Heidenvölkern herausholen und aus allen Ländern sammeln und euch wieder in euer Land bringen. Und ich will reines Wasser über euch sprengen, und ihr werdet rein sein; von aller eurer Unreinheit und von allen euren Götzen will ich euch reinigen.» Allerdings verkündet eine Anzahl anderer Abschnitte der jüdischen Bibel auch, dass wir zuerst in den Ländern unseres Exils Busse tun müssen – daraufhin wird Gott uns dann ins Land Israel zurückbringen. Tatsächlich sagen schon die frühesten Bibeltexte über unsere Rückkehr ins Land ganz klar und deutlich, dass Busse der Rückkehr vorausgeht. Ein Beispiel: «Und es wird geschehen, wenn all diese Worte über dich kommen, der Segen und der Fluch, die ich dir vorgelegt habe, und du es dir zu Herzen nimmst unter all den Nationen, wohin der Herr, dein Gott, dich verstossen hat, und du umkehrst zum Herrn, deinem Gott, und seiner Stimme gehorchst nach allem, was ich dir heute befehle, du und deine Kinder, mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele, dann wird der Herr, dein Gott, dein Geschick wenden und sich über dich erbarmen. Und er wird dich wieder sammeln aus all den Völkern, wohin der Herr, dein Gott, dich zerstreut hat» (5.Mo 30,1-3).

Aus Hesekiel 20,34-38 erfahren wir genau dasselbe: «Und ich will euch aus den Völkern herausführen und euch aus den Ländern sammeln, in die ihr zerstreut worden seid, mit starker Hand, mit ausgestrecktem Arm und mit ausgeschüttetem Grimm; und ich will euch in die Wüste der Völker führen und dort mit euch ins Gericht gehen von Angesicht zu Angesicht. Wie ich in der Wüste des Landes Ägypten mit euren Vätern ins Gericht gegangen bin, so will ich auch mit euch ins Gericht gehen, spricht Gott, der Herr. Ich will euch unter dem Stab hindurchgehen lassen und euch in die Bundesverpflichtungen einführen. Und ich will die Widerspenstigen und die von mir Abgefallenen von euch absondern; ich will sie aus dem Land ihrer Fremdlingschaft herausführen, aber in das Land Israel soll keiner von ihnen kommen.»

Laut diesem Abschnitt wird Gott uns in die (uns in Jer 31,31-34 verheissenen) «Bundesverpflichtungen einführen», während wir noch Richtung Israel unterwegs sind. Wer allerdings nicht in diesen Bund eintreten will, wird auch nicht ins Land Israel eintreten. Das sollte uns nicht weiter überraschen, weil Gott sich selbst immer treu bleibt. Die erste Generation, die aus Ägypten ausgezogen war, erhielt aufgrund ihres Unglaubens keine Erlaubnis zum Betreten des Landes. Genauso wird auch einer späteren Generation der Zutritt verwehrt, aus genau demselben Grund – der Sünde des Unglaubens.

Laut 5. Mose 30 und Hesekiel 20 bringt Gott uns also zunächst in der Diaspora zum Glauben und beseitigt die Widerspenstigen aus unserer Mitte; danach erst bringt Er uns zurück ins Verheissene Land.

Aber wie ist das denn im Licht von Hesekiel 36 überhaupt möglich? Es ist nicht ein Fall von «entweder – oder», sondern von «sowohl – als auch». Einige jüdische Menschen werden nicht in ihr Land zurückkehren, bis sie in der Verbannung Busse getan haben. Andere werden erst Busse tun, nachdem sie in ihr Land zurückgekehrt sind.

Was jedoch haben beide Szenarios gemeinsam, ja, was haben sie sogar als gemeinsames Zentrum? Die Tatsache, dass wir nach dem Willen Gottes Busse tun und zu Ihm zurückkehren sollen. All diese Textpassagen machen deutlich: Das Hauptanliegen auf dem Herzen Gottes ist nicht die Rückkehr Seines Volkes ins Land, sondern die Erlösung Seines Volkes und dessen Rückkehr zu Ihm.

Wäre unsere Rückkehr nach Israel der Schlüssel zur Erlösung und nationale Aliyah die Grundvoraussetzung fürs Zweite Kommen des Herrn, dann müssten wir uns fragen: Warum enthält keine einzige Predigt in der Apostelgeschichte und kein einziger Brief der Apostel auch nur eine einzige Aufforderung an uns, ins Land Israel zurückzukehren? Petrus und Paulus dienten unter Juden im Exil. Dasselbe galt auch für die übrigen im Ausland zerstreuten Apostel und Jünger. Obwohl Israel unter römischer Besatzung damals noch als geopolitischer Staat existierte, lebte bereits eine beträchtliche Anzahl jüdischer Menschen in der Diaspora; überall in den römischen und parthischen Weltreichen gab es blühende jüdische Gemeinden. Ansehnliche jüdische Bevölkerungsgruppen fanden sich etwa in Rom und Alexandria, um nur zwei zu nennen. Doch nirgends im Neuen Testament lesen wir davon, dass die Jünger uns zur Rückkehr ins Land Israel ermahnt hätten. Stattdessen ermahnten sie uns zur Busse und zum Annehmen des Herrn.

Gottes Verheissungen hinsichtlich des Landes sind wahr, verbürgt und ewig. Dasselbe gilt auch für Seine Verheissungen hinsichtlich unserer Rückkehr. Die zentrale Frage indessen ist nicht der Zeitpunkt unserer Rückkehr ins Land, sondern der Augenblick unserer Rückkehr zum Herrn. Gott wird uns wahrlich ins Land Israel zurückbringen. Aber dem Herzen Gottes ist nicht am wichtigsten, ob wir im Land stehen, sondern ob wir auf dem Felsen stehen.