Die grenzenlose Toleranz und die Leidensfähigkeit der Christen Teil 2 Fr. 16. Oktober 2020

Fr. 16. Oktober 2020

Eine scheinbar grenzenlose Toleranz beherrscht unsere Gesellschaft … aber sie geht nur in eine Richtung. Was bedeutet das für Christen?

Von Johannes Pflaum

Was hat aber der Apostel Petrus den Gläubigen unter zunehmendem Druck geraten? «Passt auf, dass ihr ja nicht zu viel über das Evangelium redet!»? «Nehmt euch in Acht, wo ihr was sagt, damit sie euch keinen Strick daraus drehen können!»? Nein, etwas ganz anderes: «Seid aber allezeit bereit zur Verantwortung gegenüber jedermann, der Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist» (1Petr 3,15).

Es geht nicht darum, dass wir plump oder dumm auftreten und beispielsweise öffentliche Veranstaltungen durch Zwischenrufe und ungebührendes Verhalten stören. Vielmehr benötigen wir Mut, klar zu den biblischen Überzeugungen zu stehen; auch dann, wenn wir dadurch unter Druck kommen und es einen Preis kostet. Eine falsche Diplomatie auf Kosten der Wahrheit wird nicht nur unser Zeugnis, sondern auch unser geistliches Leben beschädigen. Je mehr wir zu schweigen beginnen, desto schneller zieht sich ausserdem die Schlinge der grenzenlosen Toleranz um uns zu.

Wenn im Namen einer grenzenlosen Toleranz die Wahrheit und feste Überzeugungen ausgeblendet werden, offenbart sich genauso eine totalitäre Gesinnungs- und Gewissensdiktatur wie im Nationalsozialismus. – Es ist möglicherweise einzigartig, dass die nationalsozialistische Diktatur aus einer demokratischen Bewegung hervorging und zu einem grossen Teil durch demokratische Wahlen installiert wurde.

Wie kam es überhaupt dazu, dass viele Gläubige, Gemeinden, Glaubens- und Missionswerke vom Nationalsozialismus mitgerissen wurden und nicht klar das Evangelium und die biblischen Wahrheiten bekannten, die eindeutig im Gegensatz zu dieser dämonisierten Ideologie standen? Diese Frage wollen wir auf keinen Fall anklagend oder selbstherrlich gegenüber den Gläubigen damals stellen. Wir stehen alle nur durch Gnade. Ausserdem stehen wir heute in der Gefahr, an denselben Punkten zu versagen, wenn auch äusserlich unter anderen Vorzeichen. Denken wir nur an den Schutz des ungeborenen menschlichen Lebens, den zunehmenden Antisemitismus – auch im Rahmen der Israelfrage – sowie das Anpassen biblischer Überzeugungen an den neomarxistischen Mainstream.

Einige der Gläubigen, die durch den Sog des Nationalsozialismus mitgerissen wurden, erkannten anfangs noch die ideologischen Elemente, die den biblischen Überzeugungen entgegenstanden. Aber unter dem Druck dieser antichristlichen Ideologie reagierten sie in falscher Weise mit Diplomatie. Es ging dabei auch um das Anliegen, die Versammlungsfreiheit für die Gemeinde aufrechtzuerhalten. Ein weiteres Argument für die verhängnisvolle Diplomatie waren die evangelistischen Möglichkeiten. Diejenigen, die bereit waren, zu dieser oder jener Frage zu schweigen, konnten doch weiterhin evangelisieren und Menschen für Jesus gewinnen. War das nicht das Wichtigste? Wenn man entsprechende Vorgaben erfüllte, konnte man sich auch weiterhin versammeln, ohne ein drohendes Verbot. Und so begann das unselige Abwägen zwischen vermeintlich wichtigen und unwichtigen Überzeugungen, bis sich ein grosser Teil von Gläubigen am Ende von dieser antichristlichen Ideologie mitreissen liess. Bei all diesem verhängnisvollen Abwägen ging es letztlich darum, den Leiden doch aus dem Weg zu gehen.

Für die Standhaften reichte die Bedrängnis damals von der gesellschaftlichen Ächtung, über die Verweigerung beruflicher Aufstiegschancen bis hin zu Gefängnissaufenthalten. Und für manche endete die Treue zum Herrn auch im Konzentrationslager, verbunden mit dem Märtyrertod. Nicht alle wurden denselben Weg geführt. Aber der Herr stellte sich trotz aller Bedrängnis und trotz allem Leid zu Seinen Zeugen.

Pfarrer Wilhelm Busch gehörte zu denen, die trotz aller Bedrohung das Evangelium kompromisslos weiterverkündigten. Er nahm dafür ein enormes Risiko in Kauf, sowohl für sich als auch für seine Familie. Mehrfach landete er im Untersuchungsgefängnis der Gestapo. Ehrlich berichtete er später von den teilweise dunklen und mutlosen Stunden, die er dort erlebt hatte, aber wie sein Herr ihm auch immer wieder neu begegnete und ihn aufrichtete. Dabei betonte er, dass er auf keinen Fall als Held oder grossartigen Widerstandskämpfer gefeiert werden wollte. Vielmehr hätte er, nach seiner Einschätzung im Rückblick, noch viel mehr den Mund auftun sollen.

Oder denken wir an Paul Schneider, den Prediger von Buchenwald. Von Natur aus war der junge Familienvater eher schüchtern und zurückhaltend. Aber er verkündigte klar das Evangelium, nannte das Unrecht der Gewissensdiktatur beim Namen und landete dafür im Konzentrationslager Buchenwald. Auch dort gab er im Bekenntnis für die Wahrheit nicht nach, obwohl er am Ende zu Tode gefoltert wurde. Eines Morgens, als Tausende von Häftlingen zum Appell antreten mussten, rief er durch die Gitterstäbe seiner Zelle: «Jesus Christus spricht: Ich bin das Licht der Welt, wer mir nachfolgt, wird nicht wandeln in der Finsternis!» Alle Häftlinge hörten diese Worte und die Nazischergen stürzten sofort wieder in seine Zelle, um ihn zu foltern. Selbst Kommunisten, die das KZ Buchenwald überlebten, waren tief bewegt und beeindruckt von dem mutigen Zeugnis dieses Pfarrers.

Uns geht es ja wirklich noch gut, verglichen mit den bekennenden Christen im Dritten Reich oder dem ungebrochenen Zeugnis vieler Märtyrer im Nahen Osten und in Asien. Was ist es schon im Vergleich, wenn wir gesellschaftlich geächtet und an den Rand gedrückt werden? Gleichwohl müssen wir die Gefahr der Gewissensdiktatur durch die grenzenlose Toleranz klar erkennen und benennen. Wir sollten uns davor hüten, in dieselbe Falle zu laufen, in die ein erheblicher Teil der Christenheit im Dritten Reich geraten ist. Wir können nicht klare biblischen Positionen verschweigen, mit dem Verweis auf vermeintlich evangelistische Möglichkeiten oder die Versammlungsfreiheit. Anders formuliert: Wehe uns, wenn wir biblische Wahrheit verleugnen. Je mehr sich das Gedankengut der unbegrenzten Toleranz rund um uns herum durchsetzt, desto mehr werden wir vor die Frage gestellt sein, was uns der Glaube und die göttliche Wahrheit wirklich wert sind.

Es geht eben nicht nur um die «grossen» theologischen Fragen, wie die Gottheit Jesu, Seine leibliche Auferstehung oder die Errettung durch Glauben. So vieles, was die grenzenlose Toleranz an Akzeptanz und Relativismus von uns fordert, ist ein Grundangriff auf die Wahrheit der Heiligen Schrift. Seien es das Verständnis von Wahrheit an und für sich, die Aussagen der Bibel zum Thema Ehe, Sexualität und Homosexualität, die Schöpfungsbestimmung von Mann und Frau im Zusammenhang mit der Genderthematik und, und, und …

Es gibt bereits Beispiele von Menschen in Westeuropa, die nicht wegen ihres unmöglichen Verhaltens, sondern um ihres Glaubens willen und aufgrund der biblischen Überzeugungen, die sie ehrlich bekannten, ihre Arbeitsstelle verloren bzw. ihre Karrierechancen verspielt haben. Im Grossen und Ganzen sind das noch Einzelfälle. Und manche dieser Personen haben dann auch keine arbeitsrechtlichen Prozesse angestrebt, sondern sich an das Wort aus 1. Petrus 2,21-23 gehalten.

Lassen wir uns nicht entmutigen durch das Gewissensdiktat der grenzenlosen Toleranz. Widerstehen wir dem uns allen angeborenen Reflex der Leidensscheue! Wenn der Gegenwind heftiger wird, wollen wir uns ganz neu an dem orientieren, was uns die Heilige Schrift über das Leiden um Christi und der Wahrheit willen sagt. Schauen wir doch auch auf die grossen Verheissungen, die uns der Herr dafür gegeben hat. Es ist allein Christus selbst, und Seine Gnade, die uns stärken und festhalten kann. Aber es braucht unsere Bereitschaft, Ihm ganz zu vertrauen, Unannehmlichkeiten und Schwierigkeiten auf uns zu nehmen und uns nicht von unserer Bequemlichkeit und unserem Sicherheitsdenken leiten zu lassen. Wir sind nicht auf uns selbst gestellt, sondern gehören dem Herrn, dem alle Vollmacht im Himmel und auf Erden gegeben ist.

Es ist, wie John MacArthur sagt: «In jeder Generation hat sich der Kampf um die Wahrheit letztlich als unvermeidbar erwiesen, weil die Feinde der Wahrheit niemals nachgeben …» Darum: «Kämpfe den guten Kampf des Glaubens, ergreife das ewige Leben, zu dem du berufen worden bist und bekannt hast das gut Bekenntnis vor vielen Zeugen!« (1Tim 6,12). Und «schäme dich nun nicht des Zeugnisses unseres Herrn noch meiner, seines Gefangenen, sondern leide mit für das Evangelium nach der Kraft Gottes!» (2Tim 1,8).