Die grenzenlose Toleranz und die Leidensfähigkeit der Christen Teil 1 Fr. 9. Oktober 2020

Fr. 9. Oktober 2020

Eine scheinbar grenzenlose Toleranz beherrscht unsere Gesellschaft … aber sie geht nur in eine Richtung. Was bedeutet das für Christen?

Von Johannes Pflaum

Möglicherweise kennen Sie noch den Werbeslogan für ein bekanntes Schmerzmittel: «Gegen allen Schmerz auf der Welt.» Wir dürfen tatsächlich dankbar sein für all die Schmerzmittel, die uns heute zur Verfügung stehen. Das gilt besonders für Menschen, die mit sehr starken Schmerzen zu kämpfen haben. Dennoch müssen wir auch eine Gefahr erkennen. Diese Hilfsmittel lassen unsere Leidensbereitschaft immer weiter absinken. Wir erliegen der Täuschung, dass es so etwas wie ein schmerz- und leidensfreies Leben geben könnte. Dies wird uns nicht nur im körperlichen Bereich vorgegaukelt.

Von überall her suggeriert uns die Wohlstandsgesellschaft, dass es so etwas wie ständiges Wohlbefinden und immer zugänglicher Wellness als Lebenselement geben muss. Ein Leben ohne Spannungen, ohne Schwierigkeiten, in der die Wünsche sofort erfüllt werden, ist die Devise. Wer etwas kaufen will, muss nicht mehr sparen und sich überlegen, ob er’s wirklich benötigt, sondern kann eine Ratenzahlung vereinbaren. Wem es nach Pommes gelüstet, der muss nicht mehr auf das nächste Festessen warten, sondern schaut kurz bei McDonalds vorbei.

Diese Prägung aus dem Alltag übertragen wir automatisch auf unser geistliches Leben. Auch dort muss alles möglichst ohne Spannungsfelder und den damit verbundenen Leiden vorübergehen. Das grosse Dilemma für uns heute ist: die Heilige Schrift sagt über das geistliche Leben und die persönliche Nachfolge genau das Gegenteil (vgl. 2Kor 4,7ff.; 1Petr 2,11). Die Bibel kennt kein geistliches Leben und Wachstum ohne Wachstumsschmerzen. In Johannes 15 wird die Rebe beschnitten, damit sie mehr Frucht bringt. Wen der Herr liebt, den züchtigt, schlägt und erzieht Er, damit diese Seiner Heiligkeit teilhaftig werden (Hebr 12,4-11).

Eine Nachfolge ohne Leid und Einschränkungen um des Herrn Jesus willen gibt es nicht (2Tim 3,12). Christus versprach Seinen Jüngern an keiner Stelle ein spannungsfreies Leben. Immer wieder sprach Er vom Preis der Nachfolge und von dem Leiden, das untrennbar damit verbunden ist (Mt 10,38; 16,24). Auch bei den Aposteln war das Leid um Christi und Seiner Wahrheit willen ein fester Bestandteil der Verkündigung (Apg 14,22).

Neben der Sehnsucht nach einem schmerzfreien Leben und ständigem Wohlfühlen besteht noch ein drittes Merkmal unserer Wohlstandsgesellschaft. Alles und jeder lechzt geradezu danach, anerkannt zu sein und als ein wichtiges und wertvolles Mitglied der Gesellschaft angesehen zu werden. Niemand möchte an den Rand gedrückt werden oder als Aussenseiter gelten. Die heute verbreitete Philosophie der «grenzenlosen Toleranz» verstärkt dieses Verlangen noch.

In unserer Gesellschaft scheint alles möglich. Nichts ist mehr schlecht, solange nicht irgendjemand über irgendetwas behauptet, es sei die absolute Wahrheit. Alle Meinungen und Lebensstile kann man stehen lassen, nur nicht mehr, dass etwas entweder grundsätzlich als gut oder als böse betrachtet wird. Vielmehr geht es nach dem Motto: «Hauptsache, es stimmt für dich.» Und wenn dann für alle Religionen und esoterische Praktiken Platz ist, dann meinen wir fälschlicherweise, dass dem Evangelium auch irgendwo ein Plätzchen eingeräumt werden müsste. Oder wir laufen Gefahr, uns so präsentieren zu wollen, dass wir auch noch irgendwie in diesen pluralistischen Gemüseeintopf passen – nur, damit wir von der Gesellschaft als zumindest ebenso gleichwertig wie alle anderen anerkannt werden.

Ob wir‘s wahrhaben wollen oder nicht: wir sind alle von Natur aus leidensscheu. Auch als Nachfolger des Herrn Jesus prägt uns die Sehnsucht nach einem schmerzfreien Leben. Und der ungeheure Wohlstand der letzten Jahrzehnte hat dieses Verlangen nach ständigem Wohlergehen und Wohlfühlen zusätzlich gefördert. Die Ehre von Menschen und gesellschaftliche Anerkennung zu erhalten, ist ein Wunsch, der durch unser sündiges Wesen in uns allen steckt (vgl. Joh 12,43). Das sind Faktoren, die unser geistliches Immunsystem schwächen und uns anfällig machen für die Versuchung der gegenwärtigen Toleranzideologie.

John MacArthur hat bereits vor einigen Jahren in seinem Buch Der Kampf um die Wahrheit beobachtet: «Der Gedanke, dass die christliche Botschaft biegsam und verschwommen sei, scheint insbesondere auf junge Leute anziehend zu wirken, die auf einer Wellenlänge mit der Kultur und in den Zeitgeist verliebt sind. Sie können es nicht ertragen, dass man massgebliche biblische Lehre präzise als Korrektiv auf einen weltlichen Lebensstil und unheiliges Denken und gottloses Verhalten anwendet. Und das Gift dieser Anschauung wird den evangelikalen Gemeinden mehr und mehr eingeimpft.» Und: «Zu jeder Generation hat es in der gesamten Kirchengeschichte zahllose Märtyrer gegeben, die auf gleiche Weise lieber starben, als die Wahrheit zu verleugnen.

aren sie nur Narren, die zu viel von ihren Überzeugungen hielten? War ihre unbedingte Zuversicht auf das, was sie glaubten, tatsächlich fehlgeleiteter Eifer? War ihr Tod vergeblich? Viele denken heutzutage erwiesenermassen so – einschliesslich mancher, die sich zum Glauben an Christus bekennen. Da sie in einer Kultur leben, in der gewaltsame Verfolgung nahezu unbekannt ist, scheinen ganze Massen solcher, die sich Christen nennen, vergessen zu haben, was die Treue zur Wahrheit oft kostet. Sagte ich oft? Es ist eine Tatsache, dass die Treue zur Wahrheit immer auf die eine oder andere Weise ihren Preis hat.»

John Piper bemerkt in seinem Buch Beharrlich in Geduld: «In unserer westlichen Wohlstandsgesellschaft hat sich zunehmend die Mentalität durchgesetzt, dass wir eine schmerz- und sorgenfreie Existenz verdienen … Diese Denkwiese gibt dem Leben einen nahezu universell vorherrschenden Lauf – weg vom Stress und hin zu Bequemlichkeit, Sicherheit und Entlastung. Einige Menschen mit einer solchen Gesinnung fangen an, über den christlichen Dienst und darüber nachzudenken, wie sie Gott innerhalb der Grenzen dienen können, die ihnen der angestrebte Selbstschutz vorgibt. Dann entstehen Gemeinden mit dieser Mentalität, und niemand in einer solchen Glaubensgemeinschaft kommt jemals in den Sinn, dass es recht – ja, sogar normal und biblisch – ist, Unannehmlichkeiten, Belastungen und Gefahren auf sich zu nehmen. Ich habe mit Christen gesprochen, für die es einfach selbstverständlich ist, dass man sich oder seine Familie keinem Risiko aussetzen darf. Das Streben nach Sicherheit und Bequemlichkeit ist ein Gut, das nicht hinterfragt wird. Die Anforderungen an Christen im 21. Jahrhundert werden diesen Leuten wahrscheinlich ein böses Erwachen bescheren.»

Wir sollen Leid nicht herbeiwünschen und dürfen dankbar sein für jede Freiheit, die wir noch geniessen. Je mehr sich aber das Denken der grenzenlosen Toleranz durchsetzt, desto mehr wird der Weg für diejenigen, die die Bibel und Christus als absolute Wahrheit ansehen, zwangsläufig in Leid führen. Es ist sogar so, dass das grenzenlose Toleranzdenken uns viel schneller in die Enge treiben wird als beispielsweise eine drohende Islamisierung der westlichen Gesellschaft. Von letzterer kann niemand sicher sagen, ob sie nun tatsächlich kommt oder nicht.

Gerade im einseitigen Toleranzdenken unserer Kultur liegt für uns die grosse Gefahr. Aus Furcht vor der zunehmenden Stigmatisierung der absoluten Wahrheit und im Verlangen, weiterhin die Vorzüge der Toleranzgesellschaft zu geniessen, beginnen wir zu verschiedenen Themen einfach zu schweigen. Wir vertreten unsere Überzeugungen nur noch in den eigenen Gemeinderäumlichkeiten oder einem gesicherten Umfeld. Denken wir an das obige Zitat von John Piper! Wir entwickeln eine Art U-Bootchristentum, ohne Zeugnis und dem Bekennen der göttlich-biblischen Wahrheit nach aussen.