Ist der Messias wirklich das Ziel der Torah? Teil 2 Fr. 6. November 2020

Fr. 6. November 2020

Jesus Christus sagt, dass Mose von Ihm geschrieben hat. Stimmt das wirklich? In den fünf Büchern Moses wird der kommende Erlöser kaum erwähnt. Eine kritische Untersuchung.

Von Seth D. Postell, Eitan Bar, Erez Soref

Obschon die Geschichte eine göttliche Rechtfertigung für Israels Anspruch auf das Verheissene Land liefern mag, ist dies doch lediglich eine untergeordnete einer weitaus grösseren und universelleren Absicht. Wir behaupten, die Absicht der Geschichte – einer Geschichte, die über den Exodus hinausgeht und den Rest der Torah ebenso beinhaltet wie die früheren Propheten (Josua, Richter, 1.–2. Samuel, 1.–2. Könige) – besteht darin, der messianischen Hoffnung und der Eschatologie in der hebräischen Bibel als Ganzes ein biblisches «Alibi» zu liefern.

Diese durchaus kühne Behauptung wollen wir durch ein paar Gedanken über die Gestaltung und Natur dieser Geschichte stützen.

1. Die hebräische Bibel oder die Tanach (Gesetz, Propheten und Schriften) fängt mit einer einzigen fortlaufenden historischen Erzählung an, die mit der Schöpfung der Welt beginnt und mit der Erhöhung Jojachins, dem Sohn Davids, im Babylonischen Exil endet (2Kö 25,27-30). Diese Erzählung umfasst nahezu die Hälfte aller in der ganzen hebräischen Bibel enthaltenen Worte.

2. Der Schluss dieser Geschichte ist vom Leser vorhersehbar, da seine Handlung bereits in der Einleitung angedeutet wird (1Mo 1–11). In der rabbinischen Literatur fällt dieses Phänomen unter die Kategorie ma’asei avot, siman l’banim (die Taten der Väter sind ein Zeichen für die Söhne). Mit anderen Worten, die früheren Kapitel dieser Geschichte, insbesondere der Geschichte, was aus Adam und Eva wurde, sollen uns nicht nur mitteilen, was in der Vergangenheit mit Adam passierte, sondern auch was mit Israel in der Zukunft geschehen wird. Adams Geschichte in 1. Mose 1–3 wird in den Büchern Josua bis 1.–2. Könige zu Israels Geschichte (das Geschenk des Gartens/des Landes; der Empfang der Gebote; das Versagen, den Versuchungen der Bewohner des Gartens/des Landes zu widerstehen; Ungehorsam und das Exil im Osten).

3. Das prophetische Wesen der Einleitung der Torah wird von Moses Vorhersagen am Ende der Torah noch verstärkt: «Und der Herr sprach zu Mose: Siehe, du wirst dich zu deinen Vätern legen, und dieses Volk wird aufstehen und den fremden Göttern des Landes nachhuren, in dessen Mitte es hineinkommt; und es wird mich verlassen und meinen Bund brechen, den ich mit ihm gemacht habe. So wird zu jener Zeit mein Zorn über es entbrennen, und ich werde es verlassen und mein Angesicht vor ihm verbergen, dass sie verzehrt werden; und viele Übel und Drangsale werden es treffen, und es wird an jenem Tag sagen: ‹Haben mich nicht alle diese Übel getroffen, weil mein Gott nicht in meiner Mitte ist?› Ich aber werde zu jener Zeit mein Angesicht gänzlich verbergen um all des Bösen willen, das es getan hat, weil sie sich anderen Göttern zugewandt haben. So schreibt euch nun dieses Lied auf, und du sollst es die Kinder Israels lehren; lege es in ihren Mund, damit mir dieses Lied ein Zeuge sei gegen die Kinder Israels. Denn ich werde sie in das Land bringen, das ich ihren Vätern zugeschworen habe, in dem Milch und Honig fliesst, und sie werden essen und satt und fett werden, und sie werden sich anderen Göttern zuwenden und ihnen dienen, und mich werden sie verachten und meinen Bund brechen. Und wenn sie dann viele Übel und Drangsale getroffen haben, soll dieses Lied gegen sie Zeugnis ablegen; denn es soll nicht vergessen werden im Mund ihrer Nachkommen; denn ich kenne ihre Gedanken, mit denen sie jetzt schon umgehen, ehe ich sie in das Land bringe, das ich ihnen zugeschworen habe!» (5Mo 31,16-21).

Mose, der grösste aller Propheten der hebräischen Bibel, erklärt in ganz klaren Worten, dass Israel wie sein Vater Adam in das Land eingehen, von der Frucht des Landes essen, die Gebote des sinaitischen Bundes brechen und ins Exil geführt wird (s. 5Mo 4,25-28; 30,1).

Wenn wir uns diese drei Punkte anschauen – die Geschichte von Israels Ungehorsam und dem anschliessenden Exil, die Vorschattierung eines Themas in Adams Ungehorsam und seinem darauf folgenden Exil und Moses ausdrückliche Prophezeiungen über Israels Ungehorsam und deren anschliessendem Exil –, drängt sich uns die Frage auf: Welches Ziel hat die Geschichte, da Mose doch Israels Ungehorsam und Exil in der Torah voraussah? Da Mose im Voraus wusste, dass Israel den Bund vom Sinai brechen und ins Exil gehen würde, und genau so kam es in den früheren Propheten auch, ist es nicht in erster Linie das Ziel der Geschichte, Israel zum Gehorsam zu ermutigen. Was ist das letztendliche Ziel der Torah und der ganzen hebräischen Bibel, wenn Israels Ungehorsam und Exil doch sicher sind? Wir glauben, die beste Antwort auf diese Frage ist in einem einzigen Wort zusammenzufassen: Messianismus. Wie wir sehen werden, ist der Messias das Ziel der Geschichte, und der Messias aus der Torah-Geschichte wird zum Mittelpunkt der späteren heiligen Schriften Israels (die späteren Propheten und die Schriften).

Einigen Bibelgelehrten zufolge ist der Messianismus ein eher marginales Thema in der hebräischen Bibel. Die scheinbar begrenzte Menge an offenkundigen messianischen Prophezeiungen in der hebräischen Bibel, insbesondere in der Torah, könnte zu intellektuellen Unstimmigkeiten mit klaren neutestamentlichen Aussagen über die zentrale Bedeutung des Messias in der Tanach führen. So behauptet Jeshua beispielsweise über die Torah: «Denkt nicht, dass ich euch bei dem Vater anklagen werde. Es ist einer, der euch anklagt: Mose, auf den ihr eure Hoffnung gesetzt habt. Denn wenn ihr Mose glauben würdet, so würdet ihr auch mir glauben; denn von mir hat er geschrieben. Wenn ihr aber seinen Schriften nicht glaubt, wie werdet ihr meinen Worten glauben?» (Joh 5,45-47). Andere neutestamentliche Aussagen behaupten uneingeschränkt, dass der Messias ein zentrales, wenn nicht sogar das zentrale Thema Moses und der Propheten ist. Als Nachfolger Jeshuas, die die Autorität und Glaubwürdigkeit des Neuen Testaments akzeptieren, ehren wir Jeshuas Aussagen über die Torah, auch wenn manche Schwierigkeiten bekommen werden, wenn sie sich vor dem bema (Richterstuhl) nur mit der Torah in der Hand zu verteidigen versuchen. Wir behaupten, dass der Messianismus ein Hauptthema in der Torah ist und sie die Quelle bildet, aus der der Messianismus in den Rest der hebräischen Bibel fliesst.

Angesichts der Tatsache, dass die Begriffe «Messianismus» und «Messias» nicht in der Torah vorkommen – und nur sehr selten in der restlichen hebräischen Bibel –, wollen wir sie hier einmal definieren, um den zu beschreiben, von dem dieses Kapitel handelt. Der Ausdruck «Messias» (maschiach, «Gesalbter») taucht in der Tanach 39 Mal auf, und gelegentlich, wenn auch selten, kommt er als Fachbegriff vor und bezieht sich auf die Person, die später von nachbiblischen Schreibern der «Messias-König» genannt wird (z.B. Ps 2,2; Dan 9,25-26).10 In nicht fachspezifischer Hinsicht bezieht sich der Begriff auf den Hohenpriester (3Mo 4,3), auf Könige (1Sam 24,6), auf Propheten (Ps 105,15) und auf Kyrus (Jes 45,1). Wir gebrauchen «Messias» hier als allumfassenden Begriff für die Person, durch die Gott in den letzten Tagen Seine ursprünglichen Absichten mit der Schöpfung verwirklichen wird. Ab und an wird diese vielschichtige Person als König dargestellt, ein andermal als Prophet und an manchen Stellen als Priester. In einigen Passagen wird Er als Herrscher beschrieben, in anderen als verachteter und zurückgewiesener Wurm. Aber in allen Fällen ist Er der Dreh- und Angelpunkt im Plan Gottes, um Seine gesegnete Herrschaft über eine vorübergehend fluchbeladene Schöpfung wiederherzustellen. «Messias» bezieht sich auf den Held dieser Geschichte, und mit dem Ausdruck «Messianismus» werden die relevanten Merkmale Seiner Geschichte hervorgehoben.