Ist der Messias wirklich das Ziel der Torah? Teil 1 Fr. 30. Oktober 2020

Fr. 30. Oktober 2020

Jesus Christus sagt, dass Mose von Ihm geschrieben hat. Stimmt das wirklich? In den fünf Büchern Moses wird der kommende Erlöser kaum erwähnt. Eine kritische Untersuchung.

Von Seth D. Postell, Eitan Bar, Erez Soref

Wie viele Verse in der Torah beziehen sich auf den Messias und wie viele auf das Gesetz? Die prozentuale Aufteilung ist wirklich erstaunlich. In der Torah lassen sich etwa neun deutlich erkennbare Verse finden, die weithin als messianische Prophezeiungen angesehen werden (1Mo 3,15; 49,8-12; 4Mo 24,17-19; 5Mo 18,15), von insgesamt 5845 Versen, was weniger als ein Viertelprozent ausmacht (0,15 %). Andererseits handeln in etwa 3605 Verse von Geboten, die dem Volk Israel gegeben werden. Das sind nahezu 62 % aller Verse in der Torah. Betrachten wir ausschliesslich die Prozentsätze, müssten wir sagen, dass das Gesetz viel wichtiger ist als der Messias. Somit muss das Gesetz das Ziel der Torah sein!

Bevor wir über das Ziel der Torah voreilige Schlüsse ziehen, wollen wir uns einen wichtigen Grundsatz in der narrativen Literatur ansehen. Der Grundsatz lautet: Qualität geht vor Quantität. Würden wir die Frage stellen, wer der Held der klassischen Erzählung Die Chroniken von Narnia von C. S. Lewis ist, würden die meisten Leute ohne Zögern Aslan sagen. Aber warum ist Aslan der Held? Er tritt erst am Ende des Buches auf und der Haupterzählstrang handelt von vier Kindern. Berücksichtigt man den erzählerischen Raum, den C. S. Lewis Peter, Edmund, Susan und Lucy gibt, ist Aslan nur eine kleine Nebenfigur. Woher wissen also wir, dass Aslan der Held ist? Er ist der Held der Erzählung, weil der Grundsatz Qualität vor Quantität gilt. Unsere Gleichung beruht nicht darauf, wie häufig, sondern an welcher Stelle Aslan in der Geschichte auftaucht und wie er die Probleme der Handlung löst. Er kommt nicht nur an strategisch wichtigen Stellen vor, sein Charakter liefert auch die Lösung für den Handlungsverlauf.

Wir glauben, auch die Hinweise auf den Messias in der Torah sollten anhand ihrer Qualität und nicht ihrer Quantität beurteilt werden. Ja, das Gesetz macht 62 % der Geschichte aus, aber wie wir gesehen haben, wird bereits prophezeit, dass Israel das Gesetz und somit den sinaitischen Bund brechen wird. Ein grundlegendes Hindernis in der Handlung der Torah sind der Ungehorsam gegenüber dem Gesetz Gottes sowie die Konsequenzen des Fluches, den der Ungehorsam mit sich bringt (Exil und Tod). Dieses Problem sehen wir am Anfang und Ende der Torah (1Mo 3; 5Mo 28). Aber Gott beabsichtigt, Israel und der ganzen Menschheit Segen zu geben, ein anderes Thema, das am Anfang und Ende der Torah auftaucht (1Mo 1,28; 5Mo 33). Wenn Ungehorsam gegenüber dem Gesetz das Hindernis ist, um Gottes Segen zu empfangen, welches Heilmittel hält die Torah dann bereit?

Die Torah enthält Hinweise, dass ihr Heilmittel, das heisst, das Mittel, mit Hilfe dessen Gott Seine Absichten an und durch Israel erreichen will, das Kommen des Messias und Königs in den letzten Tagen ist. Für Mose sind «die letzten Tage» so wichtig, dass er den Ausdruck vier Mal in der Torah verwendet, und jedes Mal ist er von struktureller Bedeutung. Drei Mal kommt er am Anfang von grossen prophetischen Reden vor: 1) am Ende des patriarchalischen Berichts (1Mo 49,1); 2) als Bileam Israel während des Übergangs von der alten zur neuen Generation von Israeliten in der Wüste erfolglos zu verfluchen versucht (4Mo 24,14); 3) am Ende der Torah als Prolog zum Lied des Mose (5Mo 31,29). Das vierte Mal finden wir den Begriff im Zusammenhang mit einer Prophezeiung, als Mose Himmel und Erde als Zeugen anruft (5Mo 31,28; 32,1): Israel wird wegen seines Ungehorsams aus dem Verheissenen Land ins Exil geführt, kehrt aber inmitten seiner Drangsal in den letzten Tagen zum Herrn um (5Mo 4,25-31).

«Und Jakob rief seine Söhne zu sich und sprach: Kommt zusammen, damit ich euch verkünde, was euch in den letzten Tagen begegnen wird!» (1Mo 49,1).

«Und nun siehe, da ich zu meinem Volk ziehe, so komm, ich will dir sagen, was dieses Volk deinem Volk in den letzten Tagen tun wird!» (4Mo 24,14).

«Wenn du in der Drangsal bist und dich alle diese Dinge getroffen haben in den letzten Tagen, so wirst du zu dem Herrn, deinem Gott, umkehren und seiner Stimme gehorsam sein» (5Mo 4,30).

«Denn ich weiss, dass ihr nach meinem Tod gewiss verderblich handeln und von dem Weg abweichen werdet, den ich euch geboten habe; so wird euch in den letzten Tagen dieses Unheil treffen» (5Mo 31,29).

In jedem Fall taucht der Ausdruck an so wichtigen Knotenpunkten im Handlungsverlauf der Torah auf, dass er wie das Thema Glauben als Schlüssel zum Verständnis der theologischen Absichten der Torah als Ganzes angesehen werden muss. Ein weiterer Hinweis auf die Bedeutung der letzten Tage sind die Anfangsworte der Torah: «Im Anfang» – ein Ausdruck, der im Hebräischen ein «Ende» verlangt. Das hebräische Wort für «letzten» in dem Ausdruck «die letzten Tage» wird in der hebräischen Bibel stets als Gegenteil von «Anfang» benutzt (4Mo 24,20; 5Mo 11,12). Die Torah beginnt mit der Geschichte vom Aufstieg und Fall Adams «am Anfang der Tage». Die einleitende Geschichte der Torah dient als Prolog für Gottes Plan, das grösste Problem der Menschheit zu lösen: unsere Trennung von Gott, die auf Unglauben und Ungehorsam zurückzuführen ist. Diese Lösung kommt nicht durch das Gesetz, sondern trotz Israels wiederholtem Ungehorsam gegen das Gesetz. «In den letzten Tagen» stellt Gott in dem Messias und König das einzig wirksame Heilmittel gegen die Sünde zur Verfügung (s. 1Mo 49,1.8-12; 4Mo 24,14.17-19).

Im Anschluss schauen wir uns an, wie wichtig der Messias im Handlungsverlauf der Torah ist.

Die Tatsache, dass die Torah mit einer Erzählung und nicht mit Geboten anfängt, war für die Rabbis im Mittelalter ein Problem, das sie nicht lösen konnten. Raschi, der bekannteste aller jüdischen Bibelkommentatoren, beginnt seinen Kommentar der Torah mit den Worten: «Rabbi Isaak sagte: ‹Die Torah hätte anfangen sollen mit: ‘Dieser Monat soll euch … sein’ (2Mo 12,2), da dies das erste Gebot ist, das Israel zur Einhaltung gegeben wurde.› Und weshalb fängt sie [die Torah] mit ‹Im Anfang› an?»

Raschi erklärt weiter, dass die Torah mit der Geschichte von der Schöpfung bis zum Exodus beginnt (1Mo–2Mo 12), um zu rechtfertigen, dass Israel die Kanaaniter aus dem Verheissenen Land vertrieben hat. Sollten die Völker der Welt Israel beschuldigen, das Land von sieben kanaanitischen Völkern gestohlen zu haben, wäre Israels Verteidigung die GESCHICHTE: «Die ganze Welt gehört dem Heiligen; Er sei gesegnet. Er schuf sie, und Er gibt sie, wem Er sie geben will.» Die Geschichte ist Israels «Alibi», seine Eigentumsurkunde und Rechtfertigung für die Eroberung des Landes.