Die Entrückung: Fakten und Mythen Teil 1 Fr. 18. September 2020

Fr. 18. September 2020

«Die Prophetie hat aus mehreren Gründen einen schlechten Ruf … wegen vieler falscher Voraussagen von wohlmeinenden, aber fehlgeleiteten Seelen» (Erwin W. Lutzer). Eine Richtigstellung.

Von Ed Hindson, Mark Hitchcock

Die meisten von uns würden gerne glauben, dass Jesus noch zu unseren Lebzeiten kommt. Doch selbst wenn wir die Rückkehr des Herrn erwarten, müssen wir uns bewusst sein, dass eschatologische Begeisterung und prophetische Panik nicht weit auseinanderliegen. Jedes Mal, wenn im Nahen Osten ein «Blutmond» oder ein neuer Krieg aufkommt, gibt es ein paar «prophetische Trittbrettfahrer», die uns versichern wollen, dass es jetzt so weit ist. Obschon die Gemeinde schon seit 21 Jahrhunderten um ein gründliches und korrektes Verständnis von der biblischen Prophetie bemüht ist, behaupten zeitgenössische Spekulanten oftmals, den Zeitpunkt der letzten Tage und der Rückkehr Christi bereits herausgefunden zu haben – manche von ihnen sogar bis auf den exakten Tag!

Eschatologische Spekulationen gibt es insbesondere unter neuen Gläubigen. Sie sind begeistert von ihrem neuen Glauben und der Verheissung auf die Rückkehr Christi. Sie glauben aufrichtig der Bibel, aber häufig wollen sie mehr in sie hineinlesen, als sie in Wirklichkeit aussagt. Vor allem wollen sie glauben, dass sie in den letzten Tagen leben und aktuelle Ereignisse von grosser prophetischer Bedeutung sind. Das Problem ist, dass einige Christen Prophezeiungen über die Zukunft mit den Augen der Gegenwart lesen. Die Ergebnisse sind ein Haufen falsch berechneter Vermutungen, die auf fehlerhaften Annahmen basieren.

Natürlich ist nichts falsch daran, wenn Christen die Lehre vom zweiten Kommen Christi ernst nehmen. Die Schrift sagt, dass Christus eines Tages buchstäblich auf die Erde zurückkehren wird, um die Gemeinde zu rehabilitieren und die Welt zu richten. In Fragen über das Wann und Wie Seiner Rückkehr mögen wir unterschiedlicher Auffassung sein, aber dennoch sind wir überzeugt, dass Er tatsächlich zurückkommen wird, wie Er es verheissen hat.

Allerdings müssen wir gut unterscheiden, wenn wir uns mit den Lehren über die nahe bevorstehende Rückkehr Christi befassen. Ja, es ist richtig zu glauben, dass Er in jedem Augenblick kommen könnte. Mit wenigen Ausnahmen erwarten die meisten evangelikalen Christen eine baldige Rückkehr. Diese Hoffnung gibt der Gemeinde grossen Trost und Vorfreude, kann aber auch leicht zu übermässigen Spekulationen führen. Zu den klassischen Beispielen dafür zählen Edgar Whisenants Buch 88 Reasons Why the Rapture Will Be in 1988; die Zeitungsanzeigen einer koreanischen Sekte, die den 22. Oktober 1992 als den Tag der Rückkehr Christi voraussagte; die weitverbreiteten Sorgen über das Jahr 2000 und J. M. Hiles Timeline 2000; Harold Campings berüchtigte «Weltuntergangs-Prophezeiung» für den 21. Oktober 2011; der Jüngste Tag laut dem sogenannten Kalender der Mayas am 21. Dezember 2012; und die vier Blutmonde vom 15. April 2014, 8. Oktober 2014, 4. April 2015 und 27. September 2015.

Da sie es einfach nicht besser wissen, übernehmen neue Gläubige solche Vorhersagen oft, ohne zu fragen. Viele von ihnen wissen nur wenig über die Bibel, und noch weniger über die biblische Prophetie. In den meisten Fällen neigen sie dazu, der Endzeitposition zu glauben, die in der Gemeinde vertreten wird, wo sie Christus angenommen haben. «Schliesslich», sagen sie sich, «wenn meine Gemeinde bei der Errettung richtig liegt, wird sie auch in Fragen der Prophetie richtigliegen.» Sogar Pastoren mit einem gewissen Mass an theologischer Ausbildung sind schon auf den neusten eschatologischen Schwindel hereingefallen.

Im 20. Jahrhundert gab es unzählige prophetische Spekulationen, die ungenau waren oder nie eintrafen. So gab es beispielsweise nahezu endlose Versuche, wichtige internationale Führungspersonen mit dem Antichristen der letzten Tage zu identifizieren: Kaiser Wilhelm: Dieser deutsche Führertitel bedeutete «Cäsar», und er beabsichtigte, ganz Europa zu erobern und das alte Römische Reich wiederzuvereinigen. Doch am Ende verlor er den Ersten Weltkrieg und erfüllte nicht die Erwartungen der prophetischen Spekulanten.

Benito Mussolini: Der starke Mann aus Rom kam nach dem Ersten Weltkrieg an die Macht und wurde schon bald als der kommende Antichrist angesehen, lange bevor der Zweite Weltkrieg begann. Schliesslich, folgerte man, war er in Rom, wo er eine Allianz mit dem Papst schmieden könnte, um das alte Römische Reich wieder aufleben zu lassen.

Adolf Hitler: Hitler wurde zur ultimativen Verkörperung des Bösen. Er verfolgte und tötete sechs Millionen Juden und versuchte, ganz Europa zu erobern. Während des Zweiten Weltkriegs bildete er eine Allianz mit Mussolini, aber letzten Endes wurden beide besiegt und vernichtet.

Josef Stalin: Dieser atheistische Führer der Sowjetunion war im Zweiten Weltkrieg ein Verbündeter, aber bestenfalls ein unsicherer Verbündeter. In den ersten Jahren des Kalten Krieges war er der Führer Russlands; er war verantwortlich für die Ermordung von Millionen von Landsleuten.

Nikita Chruschtschow: Dieser unverblümte, mit dem Schuh hämmernde, kahlköpfige, grosse Mann der Sowjetunion drohte, uns alle zu begraben. Aber er täuschte sich.

John F. Kennedy: In den 1960ern glaubten anti-katholische Fundamentalisten überraschenderweise, Kennedy sei der Spitzenkandidat für den Antichristen. Sie waren sich sicher, er würde die amerikanische Öffentlichkeit täuschen, eine Allianz mit dem Papst bilden und die Welt erobern.

Michail Gorbatschow: Extremisten verwiesen auf das Geburtsmal auf seiner Stirn und fragten, ob es vielleicht das «Malzeichen des Tieres» sein könnte. Sie dachten, sein Angebot von Frieden, Perestroika und Glasnost wäre zu gut, um wahr zu sein, und man könnte ihm nicht trauen.

Ronald Wilson Reagan: Ja, sogar der Liebling der Neuen Rechten wurde als Kandidat für den Antichristen ins Auge gefasst, weil seine drei Namen aus jeweils sechs Buchstaben bestanden, was einige mit der Zahl 666 in Verbindung brachten (s. Offb 13,18).

Saddam Hussein: Manche spekulierten, dass das irakische Staatsoberhaupt einen Friedensvertrag mit Israel unterzeichnen würde, nur um diesen später zu brechen und seine Feindschaft zum Verheissenen Land zu erneuern.

Bill Clinton: Einige Leute hielten Clinton für den Antichristen und Al Gore für den falschen Propheten der New-Age-Religion.

Andere Kandidaten waren Henry Kissinger, Margaret Thatcher, Boris Jelzin, George W. Bush, Hillary Clinton und Barack Obama. Das Problem mit solchen Identifizierungen ist, dass sie stets vorläufig sind und durch die kulturelle und politische Linse der Zeit gesehen werden. Identifizierungen, die heute lächerlich erscheinen, waren einst sehr populär.

Bei der Auslegung der biblischen Prophetie treffen wir häufig auf das Problem, dass die Menschen dazu neigen, eine biblische Prophezeiung mit den Augen ihrer eigenen persönlichen Erfahrung zu betrachten. Die Deutschen nennen das Zeitgeist, eine aktuelle Stimmung oder Reaktion auf bestimmte existierende Zustände. Wer die biblische Prophetie auslegen möchte, steht in der grossen Versuchung, sich von den biblischen Fakten weg- und zu seinen eigenen Annahmen und Spekulationen hinzubewegen. Wenn sie die Zukunft durch die Augen der Gegenwart betrachten, können ihre Spekulationen letztendlich wie reale Möglichkeiten erscheinen.

Das führt zu folgender Tragödie: Statt prophetische Spekulationen als solche zurückzuweisen, lassen sich viele Christen von ihnen täuschen. Wer versucht, das Datum des Kommens Christi und die Identität des Antichristen herauszufinden, behauptet, mehr als die Verfasser der Schrift zu wissen. Daniel Mitchell, Professor der Theologie an der Liberty University, hat gesagt: «Spekulationen über die Rückkehr Christi bringen nicht nur eine schlechte Theologie hervor … sie greifen auch noch einmal die ursprüngliche Sünde auf – man versucht, so viel zu wissen wie Gott.»