Die Destabilisierung Europas (Teil 2) Fr. 26. Juni 2020

Fr. 26. Juni 2020

«Dass du aber Eisen mit Tonerde vermengt gesehen hast, bedeutet, dass sie sich zwar mit Menschensamen vermischen, aber doch nicht aneinander haften werden, wie sich ja Eisen mit Ton nicht vermischt» (Dan 2,43). Eine Auslegung für unsere Zeit.

Von Charles H. Dyer, Mark Tobey

Ein zweites Problem, das Europa vom Ziel der Einheit abhält, ist eine zunehmende wirtschaftliche Ungleichheit. Wie bereits erwähnt, ist Europa in zwei grosse Gruppen unterteilt: In den nord- europäischen Ländern gibt es grösseres Wachstum und geringere Arbeitslosigkeit, während die Länder im Süden mit hoher Arbeitslosigkeit und einer stagnierenden Wirtschaft zu kämpfen haben. Garret Martin, Experte in europäischen Angelegenheiten, hat die Komplexität des Problems erkannt: «Trennendes ist eine bedauerliche Realität in der europäischen DNA. Die Bemühungen des Kontinents um Frieden und Einheit sind im Verlauf der Geschichte immer wieder Opfer geworden von Auseinandersetzungen und Kriegen über Religion, Politik oder Ideologien, um nur ein paar zu nennen. Die gegenwärtigen Schwierigkeiten der Europäischen Union sind dafür nur das jüngste Beispiel. Die anhaltende Krise in der Eurozone untergräbt das Ideal der Integration, während alte Zentrifugalkräfte von Neuem auftauchen. Oberflächlich wird das gegenwärtig Trennende durch den unterschiedlichen wirtschaftlichen Wohlstand deutlich, wobei die südeuropäischen Staaten (insbesondere Italien, Spanien, Griechenland und Portugal) unverhältnismässig stark betroffen sind von der Schuldenkrise der Eurozone. Sie sind auf erhebliche wirtschaftliche Unterstützung seitens der reicheren nordeuropäischen Staaten angewiesen.»

In Wirklichkeit sind die Gründe für eine solche wirtschaftliche Ungleichheit unglaublich komplex. Das Ergebnis ist aber, dass die EU-Länder nördlich der Alpen andere Gründe und Lösungen für Europas wirtschaftliche Probleme sehen als die Staaten südlich der Alpen. So wie in einer Ehe können unterschiedliche Wahrnehmungen – und Ansätze – der Staaten bezüglich der Finanzen zu Konflikten führen. Es gilt die Beobachtung: «Wenn sich die Ehe nur um die Liebe dreht, dann dreht sich die Scheidung nur ums Geld.»

Das dritte Problem, das die EU spaltet, ist die Politik der unbegrenzten Einwanderung. Der Schengenraum ist, wie geplant, wirtschaftlich sinnvoll. Die Bürger aus jedem Land der Europäischen Union sind frei, in jedem anderen EU-Land zu leben und zu arbeiten, ohne ein Visum oder eine Arbeitserlaubnis beantragen zu müssen. Leider wurde diese Vereinbarung von dem zunehmenden Einwanderungsstrom überreizt.

Jahrhundertelang erlebte Europa den Zustrom von Einwanderern aus Afrika, dem Nahen Osten und dem Fernen Osten. Ein Grossteil dieser Einwanderung ist auf Europas Kolonialzeit zurückzuführen. Dr. Pieter Emmer und Dr. Leo Lucassen sind Spezialisten für Immigrationsgeschichte an der Universität von Lei-den, und sie haben die Gründe für den Zustrom von Einwanderern nach Europa zurückverfolgt: «Der Kolonialismus hat nicht nur mehr als 60 Millionen Europäer dazu gebracht, nach Übersee zu emigrieren, er führte auch Millionen Asiaten, Afrikaner und Menschen aus anderen Kulturkreisen nach Europa. Anfangs kamen viele dieser Einwanderer als Sklaven nach Europa, aber im 20. Jahrhundert dienten Immigranten aus Afrika und Asien in den beiden Weltkriegen als Soldaten und angeheuerte Arbeiter in europäischen Armeen.»

In jüngster Zeit flohen unzählige Menschen aus kriegszerrütteten Gebieten in Afrika und dem Nahen Osten nach Europa. Der Bürgerkrieg in Syrien zwang mehr als sechs Millionen Syrer, ihr Zuhause zu verlassen. Nahezu fünf Millionen von ihnen sind in andere Länder gezogen, annähernd 60 Prozent haben die Grenze zur Türkei überquert. Einige haben es bis in den Westen der Türkei geschafft, wo sie – nach einer gefährlichen Überfahrt mit Booten – auf einer der vielen griechischen Inseln strandeten. Andere reisten auf dem Landweg von Istanbul nach Griechenland oder Bulgarien. Nachdem sie erst einmal diese EU-Länder erreicht hatten, versuchten sie sich entweder anzupassen oder beantragten politisches Asyl. Allein im Jahr 2015 suchten fast dreihunderttausend syrische Flüchtlinge Asyl in der Europäischen Union.

Europa hat damit zu kämpfen, sich um die gewaltige Zahl von Flüchtlingen zu kümmern, insbesondere in der anhaltenden Finanzkrise, die seine Ressourcen stark strapaziert. Was den finanziellen und sozialen Druck noch vergrössert, ist die Angst, der Islamische Staat könnte seine Kämpfer mit den Flüchtlingen nach Europa hineinschmuggeln. Ein IS-Kämpfer behauptete, unter den syrischen Flüchtlingen hätten sich etwa viertausend Dschihadisten befunden. Und die Tatsache, dass an den Terroranschlägen in Paris, Brüssel und Istanbul IS-Kämpfer beteiligt waren, macht solche Behauptungen glaubwürdig.

Kein Zweifel, für die Europäische Union scheinen harte Zeiten angebrochen zu sein. Raf Casert, Redakteur der Nachrichtenabteilung der Associated Press in den Beneluxstaaten, fasste die Worte des EU-Präsidenten Donald Tusk zusammen: «Nach Jahrzehnten einer oftmals ungezügelten Erweiterung und eines wachsenden Wohlstands steht die einst so stabile Europäische Union […] vor ihrer grössten Herausforderung – dem inneren Auseinanderfallen.»

Muss aber bald schon ein Nachruf auf die Europäische Union geschrieben werden oder weist die Bibel darauf hin, dass Europa eine andere, finsterere Richtung einschlägt?
Der Prophet Daniel wurde von Jerusalem ins Exil nach Babylon gebracht. Er erlebte aus erster Hand den Niedergang und Fall des Königreiches Juda und den Aufstieg des ersten einer Reihe von heidnischen Reichen, die über das Land herrschen sollten, das Gott Israel verheissen hatte. In einer Reihe von dramatischen Prophezeiungen stellte Daniel mit grossem Detailreichtum die Ereignisse dar, die sich in den «Zeiten der Heiden» zutragen sollten, die andauern, bis der Messias kommt, um Gottes verheissenes Reich einzuläuten.

In den Kapiteln 2–7 wechselte Daniel vom Hebräischen ins Aramäische, der internationalen Sprache der damaligen Zeit, um auf die Zeit hinzuweisen, in der das jüdische Volk unter heidnischer Herrschaft stehen würde. Er gab seinem Material eine chiastische literarische Struktur, die in antiken jüdischen Schriften relativ weit verbreitet war, auch wenn sie von heutigen Lesern nicht leicht zu verstehen ist. Charakteristisch für diese Struktur ist, dass sie die enthaltenen Gedanken parallel anordnet. In den sechs aramäischen Kapiteln von Daniel 2–7 verlaufen das erste und das letzte Kapitel parallel, ebenso wie das 3. und 6. Kapitel und das 4. und 5. Kapitel. Die Struktur sieht in etwa so aus:

A Prophezeiungen über vier heidnische Nationen und das Reich Gottes (Kap. 2)
B Verfolgung/Befreiung der Nachfolger Gottes (Kap. 3)
C Gottes Offenbarung an den ersten König von Babylon (Kap. 4)
C’ Gottes Offenbarung an den letzten König von Babylon (Kap. 5)
B’ Verfolgung/Befreiung der Nachfolger Gottes (Kap. 6)
A’ Prophezeiungen über vier heidnische Nationen und das Reich Gottes (Kap. 7)

Die Kapitel 2 und 7 konzentrieren sich auf eine Abfolge von vier heidnischen Reichen, die sich erheben werden zwischen der Zeit Daniels und dem Kommen des Messias, um Sein Reich aufzurichten. Die vier Reiche werden in Kapitel 2 als vier Teile einer riesigen Statue dargestellt und in Kapitel 7 als vier Tiere. Daniel identifizierte das goldene Haupt der Statue als Nebukadnezar, als er verkündete: «Du, o König, bist ein König der Könige, dem der Gott des Himmels das Königtum, die Macht, die Stärke und die Ehre gegeben hat; und überall, wo Menschenkinder wohnen, Tiere des Feldes und Vögel des Himmels, hat er sie in deine Hand gegeben und dich zum Herrscher über sie alle gemacht; du bist das Haupt aus Gold!» (Dan 2,37-38).

Anschliessend sagte er, der nächste Teil der Statue stellt ein «anderes Reich» dar und der dritte weist auf ein «drittes Königreich» hin, das «über die ganze Erde herrschen wird» (V. 39). Der vierte, aus Eisen bestehende Teil der Statue repräsentiert ein viertes Reich, das an der Macht sein wird, wenn Gott einen Stein sendet, der die Statue zerschmettert. Der Stein repräsentiert ein Königreich, das «in Ewigkeit nicht untergehen wird» (V. 44). Die vier Tiere in Kapitel 7 entsprechen den vier Reichen aus Kapitel 2. Wenn Nebukadnezar und das Babylonische Reich aber das erste in der Reihe sind, wer sind dann die übrigen drei?

Aus der Geschichte wissen wir, dass das Babylonische Reich von Kyrus zerstört wurde, dem Anführer des medo-persischen Reiches. Medo-Persien war das nächste Reich, das seine Kontrolle über Jerusalem und das jüdische Volk ausübte. Es wurde schliesslich von Alexander dem Grossen erobert, dem Herrscher des Griechischen Reiches. In einer anschliessenden Vision bestätigte Daniel diese Abfolge der Reiche: «Siehe, ich verkünde dir, was in der letzten Zeit des Zornes geschehen wird; denn es bezieht sich auf die bestimmte Zeit des Endes. Der Widder mit den beiden Hörnern, den du gesehen hast, das sind die Könige der Meder und Perser. Der zottige Ziegenbock aber ist der König von Griechenland; und das grosse Horn zwischen seinen beiden Augen, das ist der erste König» (Dan 8,19-21).

Babylon, Medo-Persien, Griechenland. Drei der vier heidnischen Reiche werden im Buch Daniel mit Namen genannt. Doch was ist das letzte Reich, das sich erheben muss, bevor Gott Sein verheissenes Reich einführt? Die Geschichte und Daniel geben uns die Antwort.

Aus der Geschichte wissen wir, dass Rom das Reich war, das das einst von Griechenland beherrschte Gebiet eroberte. Rom kontrollierte auch das verheissene Land, als Jesus als Israels Messias kam. Die Geschichte deutet auf das Römische Reich hin als viertes Reich in Daniels Vision.

Daniel bestätigt dies in Kapitel 9. Er empfing einen detaillierten zeitlichen Ablauf der Geschichte vom Erlass, Jerusalem nach der babylonischen Gefangenschaft wiederaufzubauen, über das erste Kommen des Messias bis zu der noch zukünftigen 7-jährigen Drangsalszeit, die in der Ankunft des verheissenen Reiches Gottes gipfeln wird. Nach der Ankunft des verheissenen Messias kündigte Gott an, würde dieser «Gesalbte ausgerottet werden». Genau das passierte mit Jesus.

Anschliessend sagte Gott: «Die Stadt aber samt dem Heiligtum wird das Volk des zukünftigen Fürsten zerstören» (9,26). Das Handeln dieses noch zukünftigen Herrschers wird dann in Vers 27 beschrieben. Achten Sie aber besonders darauf, dass diese zukünftige Person durch das identifiziert wird, was nach dem Tod des Messias mit Jerusalem geschah. Es war das «Volk» dieses Herrschers, das Jerusalem und den Tempel zerstörte, nachdem der Messias ausgerottet war. Und wer zerstörte Jerusalem nach dem Tod Jesu?

Die Römer.