Worauf es bei einer Bibelübersetzung ankommt Fr. 12. Juni 2020

Fr. 12. Juni 2020

Sind nicht-wörtliche Übersetzungen vom Teufel? Einige Gedanken.

Von Thomas Lieth

Die Bibel ist das inspirierte Wort Gottes, doch das Original (der Urtext) steht uns nicht mehr zur Verfügung. Es existieren nur noch Abschriften. Der Grundtext, auf den die gängigen Übersetzungen basieren, ist daher schon nicht mehr wortwörtlich inspiriert. Somit sind logischerweise alle Übersetzungen nicht wortwörtlich inspiriert. Es gibt keine von Gott inspirierte Luther-Übersetzung und es gibt zwar eine revidierte Elberfelder-Bibel, aber keine inspirierte Elberfelder-Übersetzung. Aber wir dürfen selbstverständlich darauf vertrauen, dass der Heilige Geist selbst über das Wort Gottes wacht und wir bei den uns zur Verfügung stehenden Bibelübersetzungen völlig zu Recht vom «Wort Gottes» sprechen dürfen.

Jeder Übersetzer muss sich demzufolge auch seiner hohen Verantwortung bewusst sein, das Wort Gottes nach bestem Wissen und Gewissen in eine entsprechende Sprache und Form zu übersetzen. Und jeder, der Gott ernstnimmt, weiss um diese seine Verantwortung. Darum sollten wir auch nicht gleich von vornherein bestimmte Bibelübersetzungen als schlecht oder gar «unbiblisch» bezeichnen, nur, weil sie womöglich aus Kreisen stammen, denen wir nicht sonderlich zugeneigt sind. Wohlgemerkt, ich rede hier von der reinen Übersetzung oder auch Übertragung, und nicht von Kommentaren, Anmerkungen und Einleitungen (und auch nicht davon, ob diese oder jene Übersetzung auch die Deuterokanonische Schriften/Apokryphen enthält). Das Beste wäre es, weil unverfälscht und von Gott inspiriert, den Urtext zu lesen. Doch dieser liegt nicht mehr vor. Das Zweitbeste ist’s, die Bibel in ihrer Originalsprache zu lesen, also in Hebräisch, Aramäisch und Griechisch. Viel Vergnügen!

Übersetzungen sind also vonnöten, will man gewährleisten, dass alle Menschen Gottes Wort lesen können. Nur ist das leichter gesagt als getan. Übersetzen Sie beispielsweise einmal: «It’s raining cats and dogs.» Das ist übrigens Englisch. Nun denn, ich schaue in mein schlaues Wörterbuch und stelle fest, das ist doch ganz einfach: «Es regnet Katzen und Hunde.»

Wenn dies nun in der Bibel stehen würde, käme ich ganz schön ins Grübeln. Handelt es sich um ein Wunder? Liegt ein Druckfehler vor? Nein, nichts dergleichen, ich habe nur schlecht übersetzt, trotz Wörterbuch. An diesem Beispiel erkennen wir, dass eine Wort-für-Wort-Übersetzung nicht unbedingt auch eine gute Übersetzung ist. Denn was nutzt mir die wortwörtliche Übersetzung, wenn der Sinn und die eigentliche Aussage völlig verlorengehen und keiner weiss, was wirklich gemeint ist. Richtig, gut und sinngemäss übersetzt müsste es lauten: «Es regnet in Strömen», oder besser noch: «Es regnet sehr stark.»

So sind auch einige Begriffe aus der Zeit der Bibel ohne entsprechende Kommentare nicht oder nur schwer zu verstehen; zum Beispiel der Ausdruck: «umgürtet eure Lenden». Wer kann sich darunter etwas vorstellen?

«So aber sollt ihr es essen; eure Lenden gegürtet» (2.Mo 12,11). «Gürte doch wie ein Mann deine Lenden!» (Hiob 38,3). «Es seien eure Lenden umgürtet …» (Lk 12,35). «So steht nun, eure Lenden umgürtet mit Wahrheit» (Eph 6,14).

Um es wirklich zu verstehen, müssten wir entweder den kulturellen und geschichtlichen Hintergrund kennen oder weiterführende Literatur wälzen, die uns den Sinn dieser Aussage erläutert. So ist in einigen Kommentaren zu lesen, dass zur damaligen Zeit in den östlichen Ländern ein Gürtel um die Taille geschlungen wurde, um die langen, weiten Gewänder zu halten, wenn ein Mensch schnell gehen oder laufen wollte. Vor diesem Hintergrund können wir den Sinn bzw. die eigentliche Aussage besser verstehen. Wenn es beispielsweise heisst, die Lenden sollen gegürtet sein, heisst das soviel wie: seid bereit! Von daher ist es durchaus legitim, wenn eine Übersetzung diese Realitäten auch mitberücksichtigt.

Die Gute-Nachricht-Bibel übersetzt deshalb wie folgt: «Beim Essen sollt ihr reisefertig gekleidet sein» (2.Mo 12,11). «Nun gut! Steh auf und zeige dich als Mann!» (Hiob 38,3). «Haltet euch bereit …» (Lk 12,35). «Seid also bereit! Legt die Wahrheit Gottes als Gürtel um» (Eph 6,14).

Diese Übersetzung ist zwar wörtlich gesehen falsch, gibt aber doch das wieder, was ausgesagt wurde. Die Bibel beinhaltet eine normale Sprache, in der Gott zu Seinen Geschöpfen spricht; und als solche soll sie von allen Menschen, unabhängig ihrer Kultur und Sprache, auch verstanden werden. Der biblische Text sollte so übersetzt werden, wie er gemeint war. Sicherlich würde auch Martin Luther heute die Bibel in einem anderen Wortlaut übersetzen, als er es im 16. Jahrhundert getan hat. Jedenfalls glaube ich nicht, dass er auch heute noch von «sintemal aber» sprechen würde. Gerade Martin Luther sagte seinerzeit: «Man muss die Mutter im Haus, die Kinder auf den Gassen, den gemeinen Mann auf dem Markt darum fragen und ihnen auf den Mund sehen wie sie reden, und dementsprechend übersetzen; so verstehen sie es dann und merken, dass man Deutsch mit ihnen redet.»

Die Texttreue, also der Sinn, die Aussage des Satzes, ist wesentlich. So verfügen wir auch im Deutschen über die unterschiedlichsten Bibelübersetzungen, wobei es meines Erachtens nicht so wichtig ist, wer diese Übersetzung herausgegeben und daran mitgewirkt hat, sondern ob es sich dabei um eine «gute» Übersetzung handelt; also eine, die zwar versucht, sehr genau und nahe am Grundtext zu sein, aber auch dem Anspruch gerecht wird, von den Menschen der jeweiligen Kultur und Sprache verstanden zu werden. Wobei es ohnehin zu unterscheiden gilt, ob ich mit einer Bibelübersetzung einfach nur erreichen will, dass sie gelesen und gut verstanden wird, oder ob diese zu einem weiterführenden und tiefgehenden Bibelstudium Verwendung finden soll.

So standen einst die Übersetzer, die die Bibel in eine Sprache der Eskimos verständlich übersetzen wollten, vor einer grossen Herausforderung. Wie sollte man zum Beispiel den «guten Hirten» übersetzen für Menschen, die es gewohnt sind, Tiere zu jagen, aber nicht zu hüten? Zumal Schafe in diesen Gebieten völlig unbekannte Tiere waren. Die Übersetzer entschieden sich, aus dem «guten Hirten» einen «Babysitter für Schlittenhunde» zu machen und aus dem Lamm Gottes wurde eine Robbe oder ein Seehund. Natürlich war das keine «gute» und vielleicht noch nicht einmal eine wirklich gelungene Übersetzung, aber es war der Versuch, den Eskimos das Wort Gottes verständlich zu übermitteln. Bei dieser «Milch» darf es dann natürlich nicht bleiben und als Weiterführung und Vertiefung im Wort Gottes müssen die entsprechenden Begriffe erklärt und ausgelegt werden.

Kurzum: Zum weiterführenden Bibelstudium kann eine Übersetzung gar nicht nahe genug am Grundtext sein, aber wenn es darum geht, einem Menschen überhaupt erst einmal das Lesen einer Bibel ans Herz zu legen, haben Übersetzungen im «heutigen Deutsch» bzw. in der jeweiligen verständlichen Landessprache durchaus ihre Berechtigung.