Leben in der Naherwartung Fr. 23. Oktober 2020

Fr. 23. Oktober 2020

Dürfen wir noch zu unseren Lebzeiten mit der Wiederkunft Jesu rechnen? Was sagt die Bibel dazu? Handelt es sich dabei um blosse Spekulation oder ist es eine tragende Notwendigkeit? Was ist schlimmer: Jederzeit damit zu rechnen oder nicht damit zu rechnen?

Von Norbert Lieth

John Wesley schrieb in einem Brief an seinen Bruder Charles über die richtige Einstellung bezüglich der Erwartung zur Rückkehr Jesu: «Ich weiss, dass viele sich geirrt haben über das Jahr seiner Rückkehr, aber sollen wir wegen der voreiligen Behauptungen solcher Menschen unvernünftig sein? Nur weil sie ‚heute‘ sagen, sollen wir dann ‚niemals‘ und ‚Friede, Friede‘ sagen, wenn wir voller Erwartung Ausschau halten müssen?»

Gerard Kramer meinte: «Wir sollten uns aber vielleicht fragen, wie es kommt, dass wir nicht etwas aufgeregter sind über die Wiederkunft Jesu Christi.»

William MacDonald erklärte: «Es ist nicht genug, wenn wir an der Wahrheit über Seine Wiederkunft festhalten; diese Wahrheit muss uns festhalten.»

Und Calvin machte die Anmerkung: «Das wichtigste Anliegen gläubiger Menschen sollte darin bestehen, ihre Gedanken voll und ganz auf seine Rückkehr auszurichten.»

Petrus schreibt den Gliedern der Gemeinde Jesu, wie sie sich durch «heiligen Wandel und Gottesfurcht auszeichnen sollten»: «Indem ihr das Kommen des Tages Gottes erwartet und ihm entgegeneilt, an welchem die Himmel sich in Glut auflösen und die Elemente vor Hitze zerschmelzen werden!» (2Petr 3,12).

Wir werden nicht bloss dazu aufgerufen, das Kommen des Herrn zu erwarten, sondern Ihm sogar entgegenzueilen. John MacArthur schreibt dazu in einer Anmerkung seiner Studienbibel: «‚Entgegeneilt‘ bedeutet, ‚eifrig ersehnen‘, dass etwas Bestimmtes geschieht.»

Wo ist diese Sehnsucht denn noch zu finden? Wie weit sind wir von dieser biblischen Aufforderung bereits abgewichen? Die Situation der Gemeinde kommt mir vor wie ein Schiff, das sich immer weiter vom Leuchtturm und dem Ziel, dem sicheren Hafen, entfernt und sich in den Wellen der Welt verliert. Da sind nur noch ganz Wenige, die auf dem Ausguck stehen und rufen: «Land in Sicht!»

Dr. Robert Fischer schrieb zum Thema «Dein Reich komme!»: «Der Glaube, dass Christus wiederkommen wird, zu richten die Lebenden und die Toten, ist zu einem verdrängten, ungepredigten und ungeglaubten Glaubensartikel geworden.»

Ist es dem Feind gelungen, der Gemeinde Jesu die Hoffnung der Wiederkunft Jesu zu rauben? Befindet sich dieses Thema nur noch irgendwo am Rande unserer Verkündigung und nicht mehr im Zentrum? Fragen wir überhaupt noch nach der Wiederkunft Jesu? Gleichen wir hierin mehr dem treuen als dem untreuen Knecht (Lk 12,41–46)? Wann haben Sie das letzte Mal inständig darum gefleht, dass Jesus bald wiederkommen möge?

Paulus schreibt den Thessalonichern lobend: «Denn sie selbst erzählen von uns, welchen Eingang wir bei euch gefunden haben und wie ihr euch von den Götzen zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen, und um seinen Sohn aus dem Himmel zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat, Jesus, der uns errettet vor dem zukünftigen Zorn» (1Thess 1,9-10).

Dazu wieder ein Kommentar von John MacArthur aus seiner Studienbibel: «‚erwarten‘: Ein in den Thessalonicherbriefen immer wiederkehrendes Thema. […] Diese Abschnitte sprechen vom unmittelbaren Bevorstehen der Erlösung; Paulus meinte, dass dies durchaus während ihres Lebens geschehen könnte.»

Die Bibel lehrt uns allzu deutlich die Naherwartung des Herrn. Die Bibel lehrt nicht, dass der Entrückung noch bestimmte Zeichen und Ereignisse vorausgehen müssten. Deshalb warten wir weder auf die Trübsal noch auf den Antichristen noch auf die Zahl 666. Warum? Weil wir Jesus erwarten. Es gibt keine Liste von Ereignissen, die geschehen müssten, bevor Jesus Christus Seine Gemeinde heimholt. Das hat der Herr Jesus nie gelehrt und das haben auch Seine Apostel nie gesagt.

Sobald wir etwas anderes der Wiederkunft des Herrn Jesu voranstellen, erwarten wir automatisch diese Dinge vorher und erst an zweiter Stelle Jesus Christus. Wen wir aber zuerst erwarten sollen, erklärt uns die Bibel an folgenden Stellen: «Indem wir die glückselige Hoffnung und Erscheinung der Herrlichkeit unseres grossen Gottes und Retters Jesus Christus erwarten» (Tit 2,13). «… während ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus erwartet» (1Kor 1,7). «Maranatha!» (1Kor 16,22). «Unser Bürgerrecht aber ist im Himmel, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus erwarten als den Retter» (Phil 3,20). «… um seinen Sohn aus dem Himmel zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat, Jesus, der uns errettet vor dem zukünftigen Zorn» (1Thess 1,10). «So wird der Christus, nachdem er sich einmal zum Opfer dargebracht hat, um die Sünden vieler auf sich zu nehmen, zum zweiten Mal denen erscheinen, die auf ihn warten, nicht wegen der Sünde, sondern zum Heil» (Hebr 9,28). «Bewahrt euch selbst in der Liebe Gottes und hofft auf die Barmherzigkeit unseres Herrn Jesus Christus zum ewigen Leben» (Jud 21).

Alle diese Bibelstellen zeigen, dass die Wiederkunft des Herrn Jesus jederzeit stattfinden kann. Wenn Paulus über die bevorstehende Entrückung schreibt, betont er das Wörtlein «wir» ganz besonders: «Denn wenn wir glauben, dass Jesus gestorben und auferstanden ist, so wird Gott auch die Entschlafenen durch Jesus mit ihm führen. Denn das sagen wir euch in einem Wort des Herrn: Wir, die wir leben und bis zur Wiederkunft des Herrn übrig bleiben, werden den Entschlafenen nicht zuvorkommen […] Danach werden wir, die wir leben und übrig bleiben, zusammen mit ihnen entrückt werden in Wolken, zur Begegnung mit dem Herrn, in die Luft, und so werden wir bei dem Herrn sein allezeit» (1Thess 4,14-15.17).

Warum schreibt der Apostel in der Wir-Form, obschon er selbst die Entrückung gar nicht erlebt hat? Es gibt mehrere Möglichkeiten: – Paulus hat sich geirrt, weshalb er nicht vom Heiligen Geist inspiriert war, als er das niederschrieb. Das aber ist unmöglich, weil er ja schreibt: «Denn das sagen wir euch in einem Wort des Herrn …»

– Der Heilige Geist hat sich geirrt. Das ist ebenso unmöglich und bedarf keiner weiteren Erklärung.

– Gott hat es Paulus wohl eingegeben, es sich später aber anders überlegt. Die Bibel kann sich jedoch nicht selbst widerlegen. Es gibt zwar eine fortlaufende Offenbarung im Wort Gottes, aber keine, die sich selbst widerspricht («… die Schrift kann doch nicht gebrochen werden», Joh 10,35).

Es gibt nach meiner Überlegung nur einen Grund, warum der Apostel Paulus, inspiriert durch den Heiligen Geist, immer wieder «wir» schreiben musste: Die Naherwartung sollte aufrechterhalten bleiben; die Entrückung sollte für jede Generation in jeder Zeit aktuell sein, weil sie jeden Augenblick geschehen könnte. Die Wiedergeborenen jeder Generation sollten «wir» sagen können. Niemand weiss den Zeitpunkt der Entrückung, weil Jesus jeden Augenblick wiederkommen kann.