Das Geschenk des unausforschlichen Reichtums Fr. 20. November 2020

Fr. 20. November 2020

Er ist die Krone der Paulusbriefe. In ihm finden wir Herrlichkeiten, die jede Vorstellungskraft sprengen. – Ein kurzer Einblick in den unausforschlichen Reichtum des Christus im Epheserbrief.

Von Norbert Lieth

Ein Sohn sitzt am Sterbebett seines Vaters. Er fragt ihn: «Vater, hast du noch einen Wunsch, den ich dir erfüllen kann?» Und der Vater antwortet: «Bitte, mein Sohn, lies mir doch nochmal den Epheserbrief vor.» Sie kommen nur bis zum zweiten Kapitel; dann stirbt der Vater. Aber diese beiden Kapitel sagen das Wesentliche über den ewigen Zustand des Christen.

Dr. Ulrich Wendel schreibt in der Orientierungsbibel zum Epheserbrief: «Der Epheserbrief schwärmt von der Fülle und dem Reichtum, den Christen in Jesus haben […] Christen haben eine wunderbare Zukunft vor sich, für die der Heilige Geist in ihnen sozusagen die Anzahlung ist.» – «In ihm seid auch ihr, nachdem ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Errettung, gehört habt – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheissung, der das Unterpfand unseres Erbes ist bis zur Erlösung des Eigentums, zum Lob seiner Herrlichkeit» (Eph 1,13-14).

Den Epheserbrief könnte man als «die Krone» aller apostolischen Briefe bezeichnen. Denn in ihm werden alle Segnungen in Jesus Christus in ihrer höchsten Form dargestellt. Zusammen mit dem Philipper- und Kolosserbrief wird der Epheserbrief auch als das «Herzstück» neutestamentlicher Literatur beschrieben. Andere nennen diese Briefe auch die «Vollkommenheitsbriefe», weil sie das «vervollständigen», was in den früheren Briefen des Paulus als Grundwahrheit dargelegt wurde.

Arno C. Gaebelein bemerkt: «Die höchste und herrlichste Offenbarung, die zu geben dem Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus gefallen hat, gab er durch den Apostel Paulus. Die beiden Gefangenschaftsbriefe an die Epheser und Kolosser verkörpern diese Vervollständigung des Wortes Gottes. Der Epheserbrief nimmt unter ihnen die Vorrangstellung ein. Die Offenbarung, die in diesem Brief über gläubige Sünder gegeben wird, die Gott durch das Blut seines Sohnes erlöst und in ihm in die höchste Stellung versetzt hat, ist die weitaus grösste Offenbarung. Gott offenbart sein eigenes, liebendes Herz und verkündet durch seinen Geist, wie sehr er uns geliebt und vor Grundlegung der Welt an uns gedacht hat. Er zeigt den Reichtum seiner Gnade, und nun offenbart er ein Geheimnis, das er von den Zeitaltern her verborgen hatte (Kap. 3,9). Wie reich ist dies alles doch! Wie Gott selbst, so ist auch diese Offenbarung, die aus seinem liebenden Herzen kommt, unerschöpflich. Wir können vom Epheserbrief als dem reichen Brief Gottes sprechen, der uns in Barmherzigkeit von den überschwänglichen Reichtümern seiner Gnade in Güte gegen uns in Christus Jesus erzählt (Kap. 2,7). Aber selbst diese Aussage erschöpft nicht einmal die Hälfte der Herrlichkeit, die dieser wunderbare Brief enthält. Der Epheserbrief ist Gottes höchstes und bestes Dokument. Selbst Gott kann nicht mehr als das sagen, was er in dieser Vervollständigung seines Wortes gesagt hat.»

Und Henry Alford, den Gaebelein auch zitiert, meint: «Wer den Epheserbrief oder auch die Bibel, die Offenbarung Gottes, studiert, darf nicht meinen, über die Verse zu schnell hinweggehen zu können. Er darf nicht enttäuscht sein, wenn er am Wochenende immer noch mit demselben Abschnitt oder gar mit demselben Vers beschäftigt ist. Er wird lernen, die Inhalte einzuschätzen und zu beurteilen, allmählich durch die Kraft des Geistes durch eine äussere Oberfläche tiefer eindringen und den einen oder anderen sich verzweigenden Faden in seine Hand bekommen, bis er schliesslich die Hauptschnur erfasst, von wo aus sie alle abzweigen und wo sie sich alle vereinigen. Dann freut er sich über seinen Lohn, ist tiefer im Glauben verwurzelt und hat die Wahrheit, wie sie in Christus ist, noch mehr erfasst. Und da die wunderbare Wirkung des Geistes der Inspiration auf den Geist des Menschen nirgendwo in der Schrift offensichtlicher ist als in diesem Brief, ist hier mehr als anderswo die geistliche Gesinnung vonnöten, welche die Dinge des Geistes erkennt.»

Der Schlüsselvers des Briefes ist Epheser 3,8: «Mir, dem allergeringsten unter allen Heiligen, ist diese Gnade gegeben worden, unter den Heiden den unausforschlichen Reichtum des Christus zu verkündigen.»

Der Brief, um 60 bis 62 n.Chr. von Paulus im Gefängnis verfasst, war wahrscheinlich ein Rundbrief, der über Ephesus hinaus in den Gemeinden der Provinz Asia verbreitet wurde. Er enthält deshalb keine persönliche Anrede oder spezielle Grüsse an Glaubensgeschwister, wie das bei anderen Briefen des Apostel Paulus der Fall ist. Auch fehlt in einigen wichtigen alten Handschriften in der Grusszeile der Adressat: «in Ephesus» (Eph 1,1). Allerdings enthalten alle griechischen Manuskripte die Überschrift «An die Epheser». Neben dem Philipper- und Kolosserbrief gehört der Epheserbrief zu den Gefangenschaftsbriefen des Paulus, die er von Rom aus geschrieben hat (Eph 3,1; 4,1; 6,20). Zwar ist der Philemonbrief auch aus der Gefangenschaft geschrieben worden, aber er verfolgt ein anderes Ziel und ist sehr persönlich gehalten.

Offenbar ist kein negativer Grund Anlass des Epheserbriefes. Er ist kein Korrekturbrief wie der Galaterbrief; kein Antwortbrief auf Probleme oder Fragen wie die Korinther- und Thessalonicherbriefe; er zielt nicht auf eine bestimmte Gemeindesituation oder warnt vor besonderen Gefahren wie der Kolosserbrief; er ist auch kein persönlicher Brief wie die Timotheusbriefe, der Titus- oder Philemonbrief. Der Epheserbrief ist allgemein gehalten, passend für jede Situation und in allen Umständen. Er verkündet die höchste Wahrheit über die Gemeinde aus Juden und Heiden als Leib Christi mit Christus als Haupt (Eph 1,23; 2,16; 3,6; 4,4.12.15; 5,23.29-30).

Paulus vermittelt im Epheserbrief eine zweifache Last: Erstens möchte er die Christen an ihre unermesslichen geistlichen Segnungen in Christus Jesus erinnern. «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jedem geistlichen Segen in den himmlischen Regionen in Christus» (Eph 1,3). – Liegt zum Beispiel im Kolosserbrief der Schwerpunkt auf Christi Grösse und Herrlichkeit, so betont Epheser die Grösse und Herrlichkeit derer, die an Ihn glauben. – Zweitens möchte Paulus die Gläubigen damit dazu anspornen, ihr Glaubensleben treu in die Praxis umzusetzen. «So ermahne ich euch nun, ich, der Gebundene im Herrn, dass ihr der Berufung würdig wandelt, zu der ihr berufen worden seid» (Eph 4,1). – Geht es in den ersten drei Kapiteln um den Willen und Ratschluss Gottes zur Erlösung (1-3), so dreht es sich in den letzten drei Kapiteln um den Willen des Menschen zum Gehorsam (4-6).

Ein Schlüsselthema ist «in» oder «durch» Christus und die Erwählung in Ihm (1,3-13.20). Es geht um die himmlischen Segnungen der Gemeinde, Gottes ewige Ratschlüsse über die Gemeinde, Seine Geheimnisse in Bezug auf die Gemeinde und die himmlische Stellung der Gemeinde. Dabei offenbart Paulus fünf besondere Wahrheiten über die himmlischen Regionen: Sie sind eine Region der Segnung (1,3), der Kraft (1,19-20), der Ruhe (2,6), der Kundgebung (3,10) und des Sieges (6,12).

Im Epheserbrief geht es weniger um die örtliche (lokale) Gemeinde (wie z.B. in den Pastoralbriefen), sondern viel mehr um die universale Gemeinde als Leib Christi. Von daher redet Paulus kaum über die gemeindlichen Ordnungen.

Ausgerechnet in der Zeit, in der Paulus gefangen war, schrieb er die «herrlichsten» Briefe mit den tiefsten Wahrheiten und Offenbarungen an die Epheser, Philipper und Kolosser. Obwohl körperlich gefangen, lebte Paulus in der absoluten Freiheit des Geistes. «In Ketten freimütig» (6,20). Das ist eine Botschaft für sich. Paulus schrieb einmal: «… in dessen Dienst ich Leiden erdulde, sogar Ketten wie ein Übeltäter – aber das Wort Gottes ist nicht gekettet!» (2Tim 2,9). Alles muss zur Verherrlichung Gottes dienen. So sagt Jesus: «Gott wird durch alles, was geschieht, verherrlicht» (Joh 13,31). Gegenüber Petrus betonte Er sogar, dass dessen Tod Gott verherrlichen würde (Joh 21,19).

In der Dunkelheit eines Gefängnisses empfing Paulus das höchste Licht über himmlische Wahrheiten. In der Enge des persönlichen Wirkungskreises gab Gott ihm den weitesten Raum der Erkenntnis. In der Gefangenschaft offenbart ihm der Herr die höchste Freiheit der Kinder Gottes. – Das ist sicher auch ein vom Heiligen Geist gewollter und gebrauchter Zustand, um uns den Hinweis darauf zu geben, dass Christen keine irdischen Verheissungen haben (im Gegensatz zum Alten Bund und Israel), sondern geistliche und himmlische. In den Lehrbriefen ist äusserst wenig darüber zu lesen, dass es uns gut gehen muss, aber sehr viel über Leid, Verfolgung, Hunger und Blösse, Mangel und Tod, Anfeindung und Anfechtung. Die Verheissungen zielen nicht darauf, dass es uns hier auf Erden gut geht. Vielmehr sprechen sie hauptsächlich von den geistlichen Gütern und Segnungen in den himmlischen Regionen und der Ewigkeit. Jemand sagte einmal treffend: «Das Christentum gehört nicht zu dieser Schöpfung. Es gehört zur Ewigkeit.»

Was Gott tut, das tut Er aus Liebe und Gnade. Und Er will uns durch diese Offenbarungen im Epheserbrief Ermutigungen schenken für unser Leben hier auf Erden. Wir sollen jetzt schon in den Geschmack der Ewigkeit kommen, was einer Vorspeise vor der Hauptmahlzeit gleichkommt. Und für diese kommende Herrlichkeit ist uns der Heilige Geist bereits als Unterpfand und Garantie gegeben. «In ihm seid auch ihr, nachdem ihr das Wort der Wahrheit, das Evangelium eurer Errettung, gehört habt – in ihm seid auch ihr, als ihr gläubig wurdet, versiegelt worden mit dem Heiligen Geist der Verheissung, der das Unterpfand unseres Erbes ist bis zur Erlösung des Eigentums, zum Lob seiner Herrlichkeit» (Eph 1,13-14).