Simchat Torah – Die Freude an Gottes Wort und die Hoffnung auf Erlösung

Vor über einem Jahr begann ich regelmässig über die Wochenlesung der Torah zu schreiben. Rückblickend erkenne ich, dass mich dabei eine tiefe Verbindung zwischen zwei zentralen Lieben meines Lebens leitete: meiner Liebe zu Gott und zu seinem Wort auf der einen Seite und meiner Liebe zum Volk Israel und zum Land Israel auf der anderen.

Die erste Liebe – Gott – ist vollkommen. Sein Wort ist voller Gnade, Wahrheit und Erlösung. In jeder Parascha offenbart sich aufs Neue seine Langmut, sein Erbarmen und seine Treue zum Bund, selbst wenn wir ihn verraten.

Die zweite Liebe – das Volk Israel – ist das genaue Gegenteil: ein widerspenstiges, sündiges und aufrührerisches Volk. Und dennoch ist es geliebt von seinem Gott.

Jedes Mal, wenn ich mich mit der Wochenlesung beschäftige, entdecke ich die Gnade Gottes in Jesus zwischen den Zeilen des Textes. Ich erkenne seine Liebe, selbst wenn sie verborgen scheint. Und auf der anderen Seite finde ich mich selbst wieder. Ich identifiziere mich mit Israel, nicht weil es vollkommen ist, sondern gerade weil auch ich sündige, vergesse und Gnade und Umkehr brauche.

Am 14. Oktober 2025 feiern wir Simchat Torah (Freude über die Torah), das Fest, an dem das Volk Israel den Abschluss des jährlichen Torahzyklus und den Neubeginn mit Bereschit (1. Mose) begeht. Es ist ein Fest der Freude an der Torah, der Nähe zum Buch, das das Herzstück jüdischer Identität über Generationen hinweg bildet. Obwohl das Volk mit der Torahrolle tanzt, ist es oft weit von ihrem Inhalt entfernt. Nach der Zerstörung des Tempels und dem Ende des Opferdienstes geriet das geschriebene Wort Gottes in den Hintergrund, und an seine Stelle traten mündliche Auslegungen, Halacha und Tradition (Mischna und Talmud). Dennoch blieb die wöchentliche Lesung der Torah ein zentraler Pfeiler des religiösen Lebens. Der Brauch der Hakafot – das Umhertragen der Torahrolle um die Bima mit Gesang und Tanz – drückt die Liebe des Volkes zur Torah aus, auch wenn ihre Stimme manchmal ungehört bleibt.

An Simchat Torah beginnen viele sofort nach dem Ende von 5. Mose mit der Lesung von 1. Mose. Damit soll die Kontinuität der Torahlesung ohne Unterbrechung ausgedrückt werden. Es ist ein tiefes Bekenntnis zur Überzeugung, dass Treue zu Gottes Wort nicht saisonal oder vorübergehend ist, sondern eine beständige Verpflichtung: «Du sollst Tag und Nacht darin lesen» (Jos 1,8). Der stets erneuerte Zyklus erinnert daran, dass Gottes Wort nie endet. Auf jedes Ende folgt ein neuer Anfang: eine Rückkehr zu 1. Mose, eine Rückkehr zum Ursprung.

Manche Gemeinden lesen an Simchat Torah im Anschluss als Haftarah (eine Lesung aus den Propheten oder Schriften) das erste Kapitel aus dem Buch Josua. Diese Auswahl symbolisiert die Weitergabe von Gottes Wort nach dem Tod Moses an Josua – und so von Generation zu Generation. Die Botschaft ist klar: Gottes Wort endet nicht, es wird weitergetragen. Die zyklische Torahlesung und die Haftarah erfüllen das Gebot: «Und du sollst es deinem Sohn erzählen» (2Mo 13,8), und die persönliche Aufforderung: «Du sollst Tag und Nacht darin lesen» (Jos 1,8).

Die Gestalt Josuas, des Schülers und Nachfolgers Moses, ist in den letzten Jahren zu einem Symbol des innerisraelischen Konflikts geworden, insbesondere seit Simchat Torah im Oktober 2023, dem Tag, an dem der Krieg ausbrach. Jede Seite sieht in Josua ein Vorbild für ihre Haltung zur Wehrpflicht. Befürworter einer Wehrpflicht für ultraorthodoxe Juden sehen in Josua das Ideal des vollkommenen Juden: einerseits ein geistlicher Mensch – ein Gelehrter, der Tag und Nacht in der Torah liest – und andererseits ein Krieger und Eroberer, der das Volk ins Land führt. Die ultraorthodoxe Gemeinschaft hingegen sieht in Josua vor allem einen, der sich ganz der Torah widmet, und betont, dass das Studium einiger Weniger den Schutz für viele gewährleistet. Für sie ist das Leben im Beit Midrasch keine Flucht vor Verantwortung, sondern die Erfüllung der zentralen Bestimmung Israels, die zu Segen und Gelingen führt: «Dann wirst du auf deinem Weg Erfolg haben und weise handeln» (Jos 1,8).

Für uns ist die Torah – Gottes vollkommenes Wort – ein leitendes Licht (Ps 119,105), das uns aufruft, Licht für die Welt zu sein (1Petr 2,9). Es lehrt uns, in wahrer Liebe zu leben: «Liebe den Herrn, deinen Gott» (5Mo 6,5). «Liebe deinen Nächsten wie dich selbst» (3Mo 19,18). Gottes Wort formt in uns die Werte der Güte, der Gerechtigkeit und der Familie, aber es trägt auch einen tiefen Ruf an sein Volk Israel in sich, einen Ruf der Liebe, gesunden Eifersucht und Zurechtweisung.

Unsere Treue zum Wort Gottes ist nicht nur eine persönliche oder moralische Frage; sie ist auch eine Mission: das Volk Gottes, Israel, zur Wahrheit zu reizen, damit es seinen Messias, Jesus, den es durchbohrt hat, erkennt (Sach 12,10). In Simchat Torah erinnern wir uns daran, dass die Tora nicht nur ein Buch ist, sondern eine lebendige Stimme, die uns mit Hoffnung zur Erlösung führt, wenn die Augen von ganz Israel geöffnet werden und das Volk seinen Herrn und König erkennt.

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