Markus 4,1-20

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 18

Auf welchen Boden fällt Gottes Wort?

Das Gleichnis vom Sämann und die entscheidende Frage, wie wir das Wort Gottes aufnehmen

Es ist immer gut, eine Bibel dabeizuhaben – denn wer geht schon in diesen Zeiten unbewaffnet aus dem Haus?

In unserer fortlaufenden Auslegung des Markusevangeliums kommen wir zu Kapitel 4. In Kapitel 3 haben wir die Verwerfung Jesu durch die Pharisäer und Schriftgelehrten gesehen und gehört, wen Jesus als seine wahren Verwandten bezeichnet. Nun beginnt der Herr, seine Lehre verstärkt in Gleichnisse zu kleiden.

Markus berichtet, wie sich am See eine grosse Volksmenge um Jesus versammelte. Die Menschen wollten ihn hören, und schliesslich waren es so viele, dass Jesus in ein Fischerboot stieg, sich darin niedersetzte und vom Wasser aus zu den Menschen am Ufer sprach. Ein Fischerboot wurde zur Kanzel – ein anschauliches Beispiel dafür, wie kreativ und unkonventionell unser Herr das Evangelium verkündigte.

Unweit von Kapernaum befindet sich eine kleine Bucht, die heute als «Sower’s Cove», die «Bucht des Sämanns», bekannt ist. Ihre natürlichen akustischen Eigenschaften ermöglichen es, die Stimme eines Menschen vom Ufer beziehungsweise vom Wasser aus weit den Hang hinauf zu hören. Ob Jesus tatsächlich genau dort gesprochen hat, lässt sich nicht beweisen; die örtlichen Gegebenheiten passen jedoch bemerkenswert gut zu der von Markus beschriebenen Situation.

Dann fordert Jesus die Menschen auf: «Hört zu! Siehe, der Sämann ging aus, um zu säen» (Mk 4,3).

Diese Aufforderung ist entscheidend: Hört zu!

Die Menschen sollten die Gleichnisse mit grosser Aufmerksamkeit hören. Gleichnisse waren nicht dazu gedacht, dass man sich hinsetzt und jedes einzelne Detail wie in einer Allegorie mit einer eigenen geistlichen Bedeutung versieht. Sie sollten eine geistliche Wahrheit veranschaulichen. Abstrakte Gedanken wurden durch konkrete, lebendige Bilder verständlich.

Jesus griff deshalb Begebenheiten auf, die seinen damaligen Zuhörern in Galiläa bestens vertraut waren. Sie kannten Saat und Ernte, Äcker und Wege, Dornen und felsigen Boden. Die irdischen Vorgänge verstanden sie. Was ihnen jedoch verborgen blieb, war die himmlische Bedeutung, auf die Jesus mit diesen Bildern hinwies.

Darüber hinaus besitzen die Gleichnisse vom Reich Gottes – oder vom «Reich der Himmel», wie Matthäus 13 es nennt – auch einen prophetischen Charakter. Sie geben einen Einblick in die Gestalt des Reiches in der Zeit zwischen der Ablehnung Jesu als König und seiner Wiederkunft.

Auch die Szenerie am See lässt sich heilsgeschichtlich betrachten. Das griechische Wort thalassa kann mit «Meer» oder «See» wiedergegeben werden. Bildlich gesehen befindet sich Israel am Land, während Jesus auf dem Meer steht, das in der Prophetie auch für die Völkerwelt stehen kann. Nach der Verwerfung Jesu und nach Pfingsten geschah genau dies: Das Wort Gottes ging hinaus zu den Nationen.

Markus berichtet nur vier dieser Reich-Gottes-Gleichnisse. Das passt zum besonderen Charakter seines Evangeliums. Markus schildert Jesus vor allem als den Handelnden. Immer wieder begegnet uns der Ausdruck «sogleich» – 38-mal wird er verwendet. Alles wirkt gedrängt und dringlich. Entsprechend berichtet Markus stärker über die Werke und Taten des Herrn als über längere Lehrreden.

Der Sämann geht aus

Das erste Gleichnis ist das Gleichnis vom Sämann.

Der Sämann nimmt sein Saatgut und streut es auf dem Feld aus. Dabei fällt ein Teil des Samens auf den Weg. Durch die damaligen Felder führten Wege, die von den Dorfbewohnern benutzt wurden. Der Boden war dort festgetreten und hart. Der Same konnte nicht eindringen und keimen; die Vögel kamen und frassen ihn auf.

Der Sämann hatte den Samen natürlich nicht absichtlich auf den Weg geworfen. Er säte nach bestem Wissen und Gewissen, konnte aber nicht verhindern, dass einzelne Körner auf den Weg fielen oder vom Wind dorthin getragen wurden.

Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden. In Galiläa lag unter einer dünnen Erdschicht häufig felsiger Untergrund. Weil der Boden warm war und das Gestein eine gewisse Feuchtigkeit speicherte, konnte die Saat schnell keimen. Doch sie konnte keine tiefen Wurzeln bilden. Sobald die heisse Sonne aufging, verdorrte die Pflanze.

Wieder anderer Same fiel unter die Dornen. Der Boden sah zunächst geeignet aus, doch unter der Oberfläche befanden sich bereits Wurzeln von Dornen und Unkraut. Beides wuchs gemeinsam auf. Das schneller und kräftiger wachsende Unkraut entzog der Saat Nährstoffe, sodass sie schliesslich erstickt wurde und keine Frucht hervorbrachte.

Und schliesslich fiel Same auf gutes Erdreich. Dieser Boden war weder festgetreten wie der Weg noch flachgründig wie der felsige Boden. Er war auch nicht von Dornen überwuchert. Er war weich, tief, nährstoffreich und feucht.

Das Ergebnis war erstaunlich: Der Same brachte Frucht – «dreissigfältig, […] sechzigfältig und […] hundertfältig» (Mk 4,8).

Auf den ersten Blick könnte man sagen: Nur ein Viertel des ausgestreuten Samens brachte überhaupt Frucht. Was für ein Verlust! Doch genau dieses eine Viertel brachte mehr hervor, als man angesichts der verlorenen Saat erwarten würde.

Nehmen wir als einfaches Rechenbeispiel an, eine Ähre bringe acht Körner. Bei drei verlorenen Samenkörnern wären theoretisch 24 Körner verloren. Dem steht jedoch der Ertrag des einen Samenkorns auf gutem Boden gegenüber: dreissig-, sechzig- oder sogar hundertfach.

Was zunächst nach einem schlechten Ergebnis aussieht, verwandelt sich in eine ausserordentlich reiche Ernte.

Darauf sagt Jesus: «Wer Ohren hat zu hören, der höre!» (Mk 4,9).

Was haben die Zuhörer wohl gedacht? Die landwirtschaftliche Szene war ihnen völlig vertraut. Sie wussten genau, wovon Jesus sprach – und verstanden doch nicht, was er ihnen damit sagen wollte.

Warum sprach Jesus in Gleichnissen?

Als Jesus später mit seinen Jüngern und weiteren Menschen aus seinem engeren Umfeld allein war, fragten sie ihn nach dem Gleichnis.

Jesus antwortete, ihnen sei es gegeben, «das Geheimnis des Reiches Gottes zu erkennen»; denen aber, «die draussen sind», werde alles in Gleichnissen zuteil (Mk 4,11).

Dann nimmt Jesus Bezug auf Jesaja 6,9-10. Diese Aussage ist schwerwiegend und muss im damaligen Zusammenhang verstanden werden.

Die Feindseligkeit und bewusste Ablehnung gegenüber Jesus hatte zu einer Verstockung geführt. Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten die Werke Jesu gesehen. Sie hatten Wunder erlebt, die in der Kraft des Heiligen Geistes geschehen waren – und schrieben sie Satan zu. Genau darin bestand die in Markus 3,28-30 angesprochene Sünde gegen den Heiligen Geist.

Diese konkrete Sünde kann heute in derselben Form nicht mehr begangen werden, weil Jesus nicht sichtbar vor unseren Augen Wunder in der Kraft des Heiligen Geistes vollbringt, die wir anschliessend bewusst Satan zuschreiben könnten.

Die damaligen Schriftgelehrten und Pharisäer wollten nicht hören. Sie wollten Jesus keinen Raum geben und sich nicht auf ihn einlassen. Damit verschlossen sie sich selbst der Errettung.

Entsprechend ernst ist Jesu Gerichtswort über Kapernaum. In Matthäus 11,23 weist er darauf hin, wie gross die Verantwortung dieser Stadt war: Jesus hatte dort gewirkt, Wunder getan und sich als der offenbart, der Sünden vergeben kann – als Gott selbst. Deshalb würde Kapernaum bis zum Totenreich hinabgestossen werden. Hätten in Sodom dieselben Wunder stattgefunden, so sagt Jesus, wäre es bis heute stehen geblieben.

Ein «Geheimnis» hat dabei nichts mit mystischem Spezialwissen zu tun. Ein biblisches Geheimnis – ein Mysterium – ist eine Wahrheit, die zuvor unbekannt war und nur durch eine besondere Offenbarung Gottes erkannt werden konnte.

Diese Offenbarung erhielten diejenigen, die bei Jesus blieben: die Zwölf und die anderen, die ihn umgaben. Man könnte sie etwas salopp die «Koalition der Willigen» nennen. Sie wollten mehr wissen. Sie glaubten dem Herrn und folgten nicht einfach der grossen Masse. Ihnen öffnete Jesus das Verständnis für das Gleichnis.

Wie grundlegend dieses Gleichnis ist, zeigt seine nächste Frage: «Wenn ihr dieses Gleichnis nicht versteht, wie wollt ihr dann alle Gleichnisse verstehen?» (Mk 4,13).

Das Gleichnis vom Sämann ist also ein Ausgangspunkt für das Verständnis der Gleichnisse überhaupt.

Der Same ist das Wort

Dann beginnt Jesus selbst mit der Auslegung: «Der Sämann sät das Wort» (Mk 4,14).

Damit erfahren wir eindeutig, wofür der Same steht: für das Wort Gottes.

Interessanterweise erklärt Jesus nicht ausdrücklich, wer der Sämann ist. Natürlich liegt zunächst nahe, an Jesus selbst zu denken. Doch die Aussage reicht weiter. Das Gleichnis sollte auch zwei Jahrtausende später noch gelesen werden. Jeder wiedergeborene Gläubige ist auf die eine oder andere Weise dazu berufen, das Wort Gottes weiterzugeben.

Du und ich – wir sollen Sämänner sein.

Der Sämann hat dabei nur eine Aufgabe: Er soll säen. Am Saatgut selbst darf er nichts verändern. Der Same besitzt dieselbe Kraft und Wirksamkeit, unabhängig davon, auf welchen Boden er fällt.

Dabei sehen wir, wie grosszügig Gott mit seinem Saatgut umgeht. Menschlich gesprochen würden wir vielleicht anders rechnen: Wer ein Geschäft mit nur 25 Prozent Erfolgsaussicht vor sich hätte, würde es womöglich gar nicht erst beginnen.

Gott dagegen ist grosszügig. Er will, dass die Menschen die Botschaft hören. Deshalb wird der Same weit ausgestreut.

Doch was geschieht mit ihm? Jesus erklärt, dass die unterschiedlichen Bodenarten unterschiedliche Herzen beschreiben.

Das harte Herz

Zuerst ist da der festgetretene Weg – das harte Herz.

Jesus erklärt, dass bei diesen Menschen das Wort zwar gesät wird, Satan es aber wieder wegnimmt, sobald sie es gehört haben (vgl. Mk 4,15).

Das Wort löst keinerlei Reaktion aus. Das Herz ist verhärtet. Es beschreibt Menschen, die dem Evangelium gegenüber gleichgültig oder bewusst ablehnend sind.

Was müsste geschehen, damit das Wort aufgenommen werden kann? Der harte Boden müsste umgepflügt werden. Und ein solcher Vorgang kann mitunter schmerzhaft sein.

Das oberflächliche Herz

Als Zweites beschreibt Jesus das oberflächliche Herz.

Der Same auf dem steinigen Boden steht für Menschen, die das Wort hören und es zunächst «sogleich mit Freuden aufnehmen». Doch sie haben «keine Wurzel in sich» und sind «wetterwendisch» (Mk 4,16-17).

Das Wort weckt grosse Gefühle. Religiöse Gefühle können wohltuend sein – auch für einen Menschen, der noch nicht wiedergeboren ist. Doch das Fleisch kann dadurch eine falsche Sicherheit erzeugen. Es fehlt die Wurzel: keine Wiedergeburt, kein Verwurzeltsein in Christus.

Sobald Schwierigkeiten, Bedrängnis oder Verfolgung wegen des Wortes entstehen, wenden solche Menschen sich wieder ab.

Petrus spricht später von einer «Feuerprobe» und fordert die Gläubigen auf, sich dadurch nicht befremden zu lassen (vgl. 1Petr 4,12).

Wo keine Wurzel vorhanden ist, hält die anfängliche Begeisterung einer solchen Prüfung nicht stand.

Das überfüllte Herz

Als Drittes beschreibt Jesus ein Herz, das man das «überfüllte Herz» nennen könnte.

Hier fällt der Same unter die Dornen. Die Menschen hören das Wort, doch «die Sorgen dieser Weltzeit und der Betrug des Reichtums und die Begierden nach anderen Dingen» dringen ein und ersticken es (Mk 4,18-19).

Unendliche Betriebsamkeit, zahllose Meinungen, Wünsche und Sorgen lassen das Wort nicht zur Frucht kommen.

Ist das nicht ein treffendes Bild unserer gestressten Zeit?

Ein Leben kann derart voll sein, dass für Gottes Wort zwar theoretisch noch Platz vorhanden ist, es praktisch aber immer wieder überwuchert wird.

Das fruchtbare Herz

Schliesslich beschreibt Jesus das fruchtbare Herz.

Die Menschen, die dem guten Erdreich entsprechen, hören das Wort, nehmen es auf und bringen Frucht: der eine dreissigfältig, der andere sechzigfältig, der dritte hundertfältig (Mk 4,20).

Das sind Menschen, die auf Gottes Wort hören, darauf eingehen, es aufnehmen und schliesslich gerettet werden.

Nur wer Jesus persönlich aufgenommen und ihn um Vergebung seiner Schuld gebeten hat, ist wirklich wiedergeboren. Gott schenkt die Wiedergeburt durch den Heiligen Geist.

Die daraus entstehende Frucht ist dabei nicht die Ursache der Errettung, sondern ihr Beweis.

Jesus sagt an anderer Stelle: «An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen» (Mt 7,16).

Das Gleichnis zeigt ausserdem, dass nicht jeder wiedergeborene Christ in gleichem Mass Frucht bringt. Der eine bringt dreissigfach, ein anderer sechzigfach, wieder ein anderer hundertfach. So, wie Gott es schenkt. Aber jeder bringt auf seine Weise Frucht.

Und wie sieht mein Herzensboden heute aus?

Das Gleichnis richtet sich nicht nur an Menschen, die das Evangelium noch nie angenommen haben. Auch wir, bei denen der Same irgendwann im Laufe unseres Lebens auf fruchtbaren Herzensboden gefallen ist und denen Gott aus Gnade die Wiedergeburt und das Wachstum geschenkt hat, müssen uns immer wieder neu fragen:

Wie sieht es heute in meinem Leben aus?

Ja, ich bin wiedergeboren. Ich bin gerettet für alle Zeit und Ewigkeit.

Aber fällt der Same des Wortes Gottes in meinem täglichen Leben noch immer auf fruchtbaren Boden?

Oder lasse ich zu, dass mir der Feind das Gehörte nach der Verkündigung wieder raubt – durch andere Gedanken, Gespräche und Aktivitäten? Wird das Wort durch Emotionen vernebelt? Wird es von Sorgen erstickt?

Diese Fragen dürfen wir nicht nur auf andere Menschen beziehen. Das Gleichnis hält auch jedem Gläubigen einen Spiegel vor.

Säe – und überlasse die Ernte Gott

Zum Schluss bleibt eine besondere Ermutigung für alle, die Gottes Wort aussäen.

Was dürfte der damaligen Menge unmittelbar aufgegangen sein, nachdem sie das Gleichnis gehört hatte? Sicherlich dies: Am Ende stand eine prächtige Ernte – obwohl ein grosser Teil der Saat zunächst verloren schien.

Darin liegt gewissermassen das Ende der Verzweiflung.

Wie oft sieht es so aus, als sei unsere Mühe umsonst? Wie oft scheint unsere Arbeitskraft vergeudet? Wir säen, reden, erklären, laden ein, beten – und sehen wenig oder gar nichts.

Doch das Gleichnis lehrte die Menschen damals und lehrt uns heute Geduld.

Verrichte deine Arbeit. Säe aus. Verändere den Samen nicht. Und überlasse alles andere Gott.

Die reiche Ernte ist gewiss.

Fredy Peter ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Sein Aufgabenbereich ist die Öffentlichkeits- und Verlagsarbeit des Missionswerkes. Er absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland und in der Schweiz.
Zurück