Markus 3,7-12

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 15

Zwei Reaktionen auf Jesus. Markus 3,7-12 stellt uns eine unbequeme Frage: Folgen wir Jesus um seinetwillen oder nur wegen dem, was er uns geben kann?

Als Napoleon zu Beginn des 19. Jahrhunderts grosse Teile Europas eroberte, wurde er von manchen als Befreier und Vorreiter einer modernen Ordnung begrüsst. Er reformierte die Justiz, und bis heute profitieren Länder wie die Schweiz von manchen seiner Reformen. Andere, vor allem in England und Russland, sahen in ihm dagegen einen zerstörerischen Diktator, der ganz Europa auf Frankreich ausrichten wollte. Einige gingen sogar so weit, ihn als Antichristen zu bezeichnen.

Die Weltgeschichte ist voll von Persönlichkeiten, die solch gegensätzliche Reaktionen hervorriefen. Auch Markus beschreibt in seinem Evangelium, wie unterschiedlich Menschen auf Jesus reagierten – besonders auf sein Wirken.

Kurz zuvor, in Markus 3,1-6, hatte die Auseinandersetzung um Jesus einen neuen Höhepunkt erreicht. Nachdem er am Sabbat einen kranken Mann geheilt hatte, fassten die Pharisäer gemeinsam mit den Herodianern den Beschluss, ihn umzubringen. Die geistliche und politische Führung des Volkes hatte ihren Standpunkt klargemacht.

In Markus 3,7-12 begegnen uns zwei weitere Reaktionen auf Jesus. Der Abschnitt berichtet, dass Jesus sich mit seinen Jüngern an den See zurückzog, dass ihm grosse Menschenmengen aus Galiläa, Judäa, Jerusalem, Idumäa, von jenseits des Jordan sowie aus der Gegend von Tyrus und Zidon folgten. Viele drängten sich an ihn heran, weil sie von seinen Taten gehört hatten. Jesus liess ein kleines Schiff bereithalten, damit die Volksmenge ihn nicht bedrängte. Die unreinen Geister aber fielen vor ihm nieder und riefen: «Du bist der Sohn Gottes!» Jesus gebot ihnen streng, ihn nicht offenbar zu machen.

Markus berichtet dieses Ereignis nicht nur, um eine historische Szene zu schildern. Er fordert seine Leser zur Selbstprüfung heraus: In welcher Beziehung stehe ich zu Jesus?

Zwei Gefahren werden sichtbar: Nachfolge aus Eigennutz und Wissen ohne Liebe.

Nachfolge aus Eigennutz

Jesus zog sich mit seinen Jüngern an den See zurück, an den See Genezareth im Norden Israels. Doch er war dort nicht allein. Eine grosse Volksmenge folgte ihm. Die Menschen kamen aus Galiläa, aus Judäa und Jerusalem, aus Idumäa, von jenseits des Jordan und sogar aus der Gegend von Tyrus und Zidon.

Das ist bemerkenswert. Manche legten eine Reise von weit über 200 Kilometern Luftlinie zurück. Wer bedenkt, welche Entbehrungen und Gefahren eine solche Reise damals mit sich brachte, kann diesen Menschen ein ernsthaftes Interesse kaum absprechen. Sie wollten zu Jesus.

Es kamen so viele, dass Jesus seine Jünger anwies, ein Boot bereitzuhalten. Auf den ersten Blick mag das hart oder übertrieben wirken. Doch wenn man bedenkt, dass sich bei Jesus teilweise Tausende von Menschen über Tage hinweg aufhielten, versteht man, wie aussergewöhnlich diese Szenen gewesen sein müssen.

Warum aber kamen diese Menschen?

Der Text beantwortet die Frage deutlich: Sie kamen, weil sie gehört hatten, wie viel Jesus tat. Sie suchten ihn auf, weil er viele heilte. Alle, die Plagen hatten, drängten sich an ihn heran, um ihn anzurühren.

Ihre Motivation war Nachfolge aus Eigennutz.

Ist es falsch, wenn ein leidender Mensch Heilung von Jesus erhofft? Selbstverständlich nicht. Es ist natürlich, sich Heilung, Linderung und Hilfe zu wünschen. Aber genau darin liegt der Punkt: Es ist natürlich. Es beweist noch keine geistliche Veränderung.

Diese Menschen kamen nicht in erster Linie wegen Jesus selbst. Sie kamen, weil sie etwas von ihm wollten. Sie hatten von seinen Taten gehört und hofften, dass sie dasselbe erleben würden. Sie verehrten ihn und folgten ihm, weil er Dinge tat, die ihnen nützlich waren. Dazu ist jeder Mensch fähig. Das ist die natürlichste Reaktion der Welt.

Doch sie ist nicht automatisch Glaube.

Die Menge, die sich hier auf Jesus stürzt, um ihn zu berühren und geheilt zu werden, ist später nicht mehr von derselben Hingabe geprägt. Als Jesus ihre Erwartungen an den Messias nicht erfüllt – als er nicht alle heilt, die Römer nicht mit Gewalt vertreibt und keinen politischen Triumphzug anführt –, bleibt plötzlich nichts mehr übrig, was sie an ihm lieben.

Das erinnert an ein kleines Kind, das an der Kasse im Migros erklärt, seine Mutter nicht mehr zu lieben, weil sie ihm keine Süssigkeiten kauft.

Wie anders klingt dagegen Psalm 73: «Wen habe ich im Himmel [ausser dir]? Und neben dir begehre ich nichts auf Erden!» Und selbst wenn Leib und Seele vergehen, bleibt Gott der Fels des Herzens und der ewige Anteil des Glaubenden.

Das ist die entscheidende Frage: Wo stehen wir?

Leben wir in Nachfolge aus Eigennutz? Oder ist unser Verlangen auf Gott selbst gerichtet?

Gott sucht keine Menschen, die ihm dienen, weil sie sich davon Segen versprechen. Er sucht keine Bibelleser, die nur gestärkt werden wollen, keine Beter, die Gott gnädig stimmen möchten, und keine Sänger, die am Sonntagmorgen nur ihre Gefühle erheben wollen.

Wir sollen Gott dienen, weil er es wert ist. Wir sollen die Bibel lesen, weil Gott sich in seinem Wort offenbart und wir ihn darin kennenlernen dürfen. Wir sollen beten, um Gemeinschaft mit unserem Schöpfer zu haben. Und wir sollen Gott durch Musik anbeten, weil er es verdient, gelobt zu werden.

Jesus ist barmherzig und gnädig. Deshalb gewährte er vielen Menschen tatsächlich Heilung. Auch heute tut Gott in seiner Güte selbst denen Gutes, die ihn nicht kennen. Paulus sagt in Lystra, Gott habe sich nicht unbezeugt gelassen, sondern Gutes getan, Regen und fruchtbare Zeiten gegeben und die Herzen mit Speise und Freude erfüllt (Apg 14,17).

Aber dabei darf es nicht bleiben.

In Markus 3 heisst es, dass Jesus viele heilte – nicht alle. Indem er sich in ein Boot zurückzog, verwehrte er manchen die Möglichkeit, ihn zu berühren und geheilt zu werden. Im nächsten Kapitel sehen wir, was Jesus vom Boot aus tat: Er predigte.

Das entspricht seinem Verhalten in Markus 1. Auch dort gab es noch viele Menschen, die Heilung suchten. Die Jünger sagten: «Jedermann sucht dich!» Jesus aber antwortete: «Lasst uns in die umliegenden Orte gehen, damit ich auch dort verkündige; denn dazu bin ich gekommen!»

Die Priorität Jesu war nicht, möglichst viele körperliche Bedürfnisse zu stillen. Seine Priorität war, den Vater zu offenbaren. Gottes Güte soll Menschen zur Umkehr führen. Und mit dieser Umkehr, mit der Wiedergeburt, kommt der Heilige Geist in das Leben eines Menschen. Er weckt ein neues Empfinden und bewirkt eine neue Ausrichtung.

Nachfolge aus Eigennutz ist Gott ein Gräuel. Denn der Vater sucht Anbeter, die ihn «im Geist und in der Wahrheit anbeten».

Wissen ohne Liebe

Die zweite Gefahr ist Wissen ohne Liebe.

Markus berichtet, dass die unreinen Geister Jesus erkannten. Wenn sie ihn sahen, fielen sie vor ihm nieder und riefen: «Du bist der Sohn Gottes!» Jesus aber gebot ihnen streng, ihn nicht offenbar zu machen.

Mit den unreinen Geistern sind Dämonen gemeint, die in diesen Menschen wirkten. Dabei ist wichtig: Es handelt sich nicht um Gläubige, die von Dämonen besessen waren. Es waren Menschen ohne geistliche Erneuerung – ebenso wie jene, die Jesus nur aus Eigennutz nachliefen.

Wahre Gläubige sind mit dem kostbaren Blut Christi erkauft, versiegelt und Gottes Eigentum. Deshalb können sie niemals von Dämonen beherrscht werden.

Dass diese von Dämonen besessenen und offensichtlich ungläubigen Menschen sich dennoch vor Jesus niederwarfen, zeigt etwas Erschütterndes: Man kann vieles wissen, ja sogar Gottes Autorität anerkennen – und trotzdem ewig verloren sein.

Dasselbe sehen wir in Offenbarung 16. Während der Schalengerichte straft Gott die Menschen mit furchtbaren Plagen. Die Menschen erkennen, dass Gott Macht über diese Plagen hat, und doch tun sie nicht Busse. Stattdessen lästern sie seinen Namen (V. 9).

Sie wissen, dass Gott handelt. Sie wissen, dass er Macht hat. Und trotzdem verfluchen sie ihn.

Am Tag des Endgerichts werden Grosse und Kleine vor Gottes Thron erscheinen. Dann werden alle Knie sich beugen und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist. Doch nicht jedes Bekenntnis ist rettender Glaube.

Auch die Dämonen in Markus 3 gehorchten Jesus. Aber ihr Gehorsam entsprang nicht der Liebe, sondern der Furcht vor der Macht des Sohnes Gottes. Trotz ihres Wissens und ihrer Anerkennung seiner Autorität blieben sie verloren. Es war ein Lippenbekenntnis. Es war Kadavergehorsam.

Darum müssen auch wir uns prüfen.

Vielleicht kommst du seit Jahren in die Gemeinde. Vielleicht, weil deine Eltern es möchten. Vielleicht, weil dein Ehepartner gläubig ist. Vielleicht lebst du ein christliches Leben, weil du denkst, du schuldest Gott etwas. Vielleicht stimmst du sogar zu, dass es einen Schöpfer gibt, vor dem du verantwortlich bist. Vielleicht weisst du, dass du Schuld auf dich geladen hast – und trotzdem ist dein Herz weit von Gott entfernt.

Man kann viel über Christus sprechen und innerlich doch kalt bleiben. Manch einer, gerade unter den Jüngeren, hat sich ein riesiges Bibelwissen angehäuft. Das ist zweifellos eine gute Sache. Aber um Bibelwissen zu besitzen, muss man nicht gläubig sein.

Die Dämonen haben ein tiefes Wissen über Gott. Sie wissen, dass Jesus Gottes Sohn ist. Doch dieses Wissen rettet sie nicht.

Alle Lehre, alles Bibelwissen, alle Erkenntnis muss ein Ziel haben. Paulus schreibt in 1. Timotheus 1,5: «Das Endziel des Gebotes aber ist Liebe aus reinem Herzen und gutem Gewissen und ungeheucheltem Glauben.»

Wissen ohne Liebe – also Wissen über Gott ohne Liebe zu Gott – ist nichts und bringt nichts. Es bläht höchstens auf.

Der traurige Tiefpunkt ist erreicht, wenn man meint, Gott zu dienen, ohne den Herrn des Dienstes zu lieben. Genau das wirft Gott seinem Volk in 5. Mose 28,47 vor: Sie dienten ihm nicht «mit fröhlichem und bereitwilligem Herzen».

Wo stehst du in deiner Beziehung zu Jesus?

Jesus offen abzulehnen, wie es die Pharisäer taten, würde wahrscheinlich kaum jemand tun, der regelmässig eine Gemeinde besucht. Aber vielleicht geschieht deine Nachfolge aus Eigennutz. Vielleicht besitzt du nur theoretisches Wissen ohne Liebe.

Warum Jesus die Dämonen zum Schweigen brachte

Der Abschnitt endet mit der Bemerkung, dass Jesus den Dämonen streng gebot, ihn nicht bekannt zu machen.

Dafür gibt es zwei Gründe.

Erstens wollte Jesus nicht von Dämonen bezeugt werden. Sie sind wie ihr Anführer, der Teufel: Selbst wenn sie Wahres aussprechen, bleibt alles an ihnen von Lüge, Verdrehung und Finsternis geprägt. Sie besitzen Wissen ohne Liebe. Darum ist ihr Zeugnis unbrauchbar.

Zweitens sollte die Identität Jesu nicht vor dem Zeitplan des Vaters öffentlich gemacht werden. Jesus verbot sogar Geheilten, über sein Wirken zu sprechen, und später wies er auch seine Jünger an, seine Identität nicht vorschnell preiszugeben.

Seine Herrschaft war zu diesem Zeitpunkt noch verhüllt – ein Geheimnis, das nur im Glauben verstanden werden konnte. Die Juden verbanden mit dem Messias vielfach Erwartungen, die dem eigentlichen Auftrag Jesu widersprachen. Jesus wollte nicht, dass seine Identität bekannt wurde, bevor seine Nachfolger verstanden, wer der Messias wirklich ist und worin sein Auftrag besteht.

Heute ist das Werk Jesu vollendet. Er hat sein Leben als Opferlamm für deine und meine Sünden gegeben. Durch seine Auferstehung wurde er als Sohn Gottes bestätigt.

Und doch ruft die Person Jesu bis heute ganz unterschiedliche Reaktionen hervor.

Zwei davon haben wir betrachtet: Nachfolge aus Eigennutz und Wissen ohne Liebe. Beide fordern uns zur Selbstprüfung heraus.

Wenn du heute merkst, dass deine Nachfolge nur von Eigennutz geprägt ist oder dass du lediglich Wissen ohne Liebe zu Jesus besitzt, dann bring es in Ordnung. Lass dich mit Gott versöhnen. Der Tod Jesu kann die durch die Sünde zerstörte Beziehung zu Gott wiederherstellen.

Und wenn deine Prüfung ergibt, dass Gott selbst der Fels deines Herzens und dein Teil auf ewig ist, dann lebe auch danach. Wenn das Realität ist, muss man es in deinem Leben sehen, spüren und hören.

Denn auch die, die Jesus wirklich nachfolgen und in einer lebendigen Beziehung zu Gott stehen, sind in Gefahr, sich ablenken zu lassen. Wie schnell verrutschen Prioritäten. Wie schnell wird anderes wichtiger als Jesus und die Gemeinschaft mit ihm. Manchmal wird unser Christsein mechanisch, und die Liebe beginnt zu erkalten – wie bei der Gemeinde in Ephesus.

Darum dürfen wir nicht nachlässig werden. Wir müssen uns immer wieder an die Prioritäten erinnern.

Ein Mittel dazu ist das Gebet.

Jonathan Edwards, ein Theologe des 18. Jahrhunderts, schrieb: Im Gebet erklären wir Gott nicht seine Vollkommenheit, Majestät, Heiligkeit, Güte und Allgenügsamkeit, als wüsste er davon nichts. Wir bekennen auch nicht unsere Abhängigkeit, Unwürdigkeit, Bedürfnisse und Wünsche, um sein Herz zu bewegen. Vielmehr sollen unsere eigenen Herzen durch das, was wir im Gebet ausdrücken, neu zu Gott hinbewegt werden.

Genau das brauchen wir: Herzen, die nicht nur von Jesus wissen, sondern ihn lieben.

Zurück