Von Jesus berufen. Der Auftrag der Zwölf und unser Platz im Dienst.
Jesus stieg auf einen Berg. Dort rief er die zu sich, die er wollte – und sie kamen zu ihm. Markus berichtet:
«Und er stieg auf den Berg und rief zu sich, welche er wollte; und sie kamen zu ihm. Und er bestimmte zwölf, die bei ihm sein sollten und die er aussandte, um zu verkündigen, und die Vollmacht haben sollten, die Krankheiten zu heilen und die Dämonen auszutreiben» (Mk 3,13-15).
Diese Berufung der Zwölf war keine zufällige Entscheidung. Jesus bestimmte Menschen für eine besondere Aufgabe, für ein Amt. In Markus 3,13-19 sehen wir, dass diese Männer einen dreifachen Auftrag erhielten: Sie sollten bei ihm sein, Gottes Wort verkündigen und mit Vollmacht heilen sowie Dämonen austreiben.
Schon hier liegt eine wichtige Anwendung für uns: Gott bestimmt den Platz, den Dienst und die Werke, in denen wir wandeln sollen. Nicht wir legen letztlich fest, wo und wie wir wirken. Das Haupt sagt den Gliedern, was sie zu tun haben. Darum sollten wir uns immer wieder prüfen: Tue ich das, was der Herr von mir will?
Bei ihm sein
Der erste Auftrag lautete: Sie sollten bei Jesus sein. Das war nicht nebensächlich, sondern grundlegend. Ohne Gemeinschaft mit ihm konnten die anderen Aufgaben nicht recht erfüllt werden.
Auch nach der Himmelfahrt blieben die Apostel in dieser Haltung. In Apostelgeschichte 1 lesen wir, wie sie nach Jerusalem zurückkehrten und im Obergemach zusammenblieben: «Diese alle blieben beständig und einmütig im Gebet und Flehen, zusammen mit den Frauen und Maria, der Mutter Jesu, und mit seinen Brüdern» (Apg 1,14).
Sie blieben bei Jesus – nun im Gebet, in der Gemeinschaft, im Gehorsam und unter der Führung des Heiligen Geistes. Genau das gilt auch für uns als Leib Christi. Wir sind mit Jesus, unserem Haupt, verbunden. Doch die Frage bleibt: Leben wir diese Verbindung auch aus? Pflegen wir Gemeinschaft mit ihm?
Ein Glied, das sich vom Haupt lösen will, wird planlos. Ohne Jesus fehlt die Richtung. Darum gilt: Bleiben wir bei ihm. Dieser erste Auftrag trägt die beiden anderen. Verkündigung und Dienst in Vollmacht können nicht gesund bestehen, wenn die Gemeinschaft mit Jesus vernachlässigt wird.
Das Wort verkündigen
Der zweite Auftrag bestand darin, Gottes Wort zu predigen. Auch das taten die Apostel. Ein besonders eindrückliches Beispiel finden wir in Apostelgeschichte 2,14-36: Petrus steht am Pfingsttag auf und verkündigt den Menschen in Jerusalem Jesus Christus, seine Auferstehung und das kommende Königreich.
Die Apostel hatten nicht einfach eigene Gedanken weiterzugeben. Sie waren berufen, Gottes Botschaft auszurichten. Ihre Predigt war auf Christus ausgerichtet, auf sein Werk, seine Auferstehung und seine Herrschaft.
Heilen und Dämonen austreiben
Der dritte Auftrag war die Vollmacht, Krankheiten zu heilen und Dämonen auszutreiben. Auch dafür finden wir Beispiele in der Apostelgeschichte. In Apostelgeschichte 3,1-10 wird ein Gelähmter am Tempel geheilt. Petrus spricht im Namen Jesu Christi von Nazareth, und der Mann wird sofort gesund. Die Menschen staunen über das, was geschehen ist.
Auch Apostelgeschichte 5,12-16 berichtet von vielen Zeichen und Wundern unter dem Volk. Kranke wurden auf die Strassen hinausgetragen, damit wenigstens der Schatten des Petrus auf einige von ihnen falle. Die Apostel taten viele Zeichen und Wunder unter Israel. Diese Zeichen wiesen darauf hin: Das Königreich war zum Greifen nah. Die Botschaft lautete: Tut Busse.
Die Zahl Zwölf und der Blick in die Zukunft
Markus 3,14 nennt ausdrücklich die Zahl zwölf. Diese zwölf Männer erhielten den dreifachen Auftrag, und sie führten ihn aus. Zugleich weist die Zahl zwölf auf die zwölf Stämme Israels hin – und damit auch in die Zukunft.
Jesus sagte zu seinen Jüngern: «Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird, auch auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten» (Mt 19,28).
Auch Jesaja 61,6 weist in diese Richtung: «Ihr aber werdet Priester des HERRN heissen; man wird euch Diener unseres Gottes nennen. Ihr werdet den Reichtum der Heiden geniessen und in ihre Herrlichkeit eintreten.»
Die Berufung der Zwölf steht also nicht isoliert da. Sie ist mit Gottes Handeln an Israel verbunden und weist zugleich auf die kommende Wiederherstellung hin.
Gebet vor wichtigen Entscheidungen
Markus berichtet, dass Jesus auf den Berg stieg und die Zwölf bestimmte. Lukas ergänzt ein wichtiges Detail: «Es geschah aber in jenen Tagen, dass er hinausging auf den Berg, um zu beten; und er verharrte die Nacht hindurch im Gebet zu Gott. Und als es Tag wurde, rief er seine Jünger zu sich und erwählte aus ihnen zwölf, die er auch Apostel nannte» (Lk 6,12-13).
Jesus traf diese Entscheidung nicht leichtfertig. Er verharrte die ganze Nacht im Gebet. Daraus lernen wir, wie dringlich das Gebet gerade vor wichtigen Entscheidungen ist – besonders, wenn es darum geht, Personen für Aufgaben einzusetzen.
Hier wird auch ein Prinzip sichtbar, das später in der Gemeinde weitergeführt wird: Älteste setzen neue Älteste ein. Nicht die Gemeinde wählt Älteste, sondern Älteste berufen Älteste – und dieser Prozess muss von Gebet getragen sein. Paulus schreibt an Titus: «Ich habe dich zu dem Zweck in Kreta zurückgelassen, damit du das, was noch mangelt, in Ordnung bringst und in jeder Stadt Älteste einsetzt, so wie ich dir die Anweisung gegeben habe» (Tit 1,5).
Darum sollten wir uns fragen: Beten wir dafür, dass Gott in der Gemeinde die richtigen Personen an die richtigen Posten stellt? Ist uns das ein Anliegen? Dabei geht es nicht nur um Gemeindeleitung, sondern auch um einfache Dienste. Wir tun gut daran, ernstlich dafür zu beten, dass der Herr selbst Menschen an die Aufgaben stellt, die er für sie vorgesehen hat.
Was waren das für Männer?
In Markus 3,16-19 werden die Namen der Zwölf genannt. Was waren das für Menschen?
Es müssen eher jüngere Männer gewesen sein. Jesus rief zumindest die ersten von ihnen während ihrer Arbeit. In Matthäus 4 sehen wir, wie er Fischer direkt aus ihrem Alltag heraus berief. Jakobus und Johannes waren noch mit ihrem Vater bei der Arbeit. Auch Jesus selbst diente als junger Mann; nach Lukas 3,23 war er ungefähr 30 Jahre alt, als er seinen Dienst begann. Ebenso wurden Priester mit 30 Jahren in ihr Amt eingesetzt.
Das führt zu einer ernsten Frage, besonders an jüngere Menschen, aber letztlich an uns alle: Was ist im Kern unsere Lebensmotivation? Wollen wir uns selbst verwirklichen? Wenn uns jemand fragt, was unser Lebensziel ist – wie antworten wir? Ein Haus? Ein gutes Einkommen? Sicherheit? Familie und Kinder?
Es ist interessant und zugleich erschreckend, dass es heute so viele Missionswerke und Gemeinden gibt, die suchen und suchen, aber keinen Nachwuchs finden. Da scheint etwas nicht zu stimmen. Dabei geht es nicht darum, einander etwas aufzuzwingen. Es geht darum, unsere Motivation vor dem Herrn zu prüfen, uns von ihm korrigieren zu lassen und unser Leben neu an ihm auszurichten.
Einige der Zwölf wurden mitten aus ihrem Alltag heraus gerufen. Sie verliessen ihre Komfortzone und folgten dem Herrn ins Unbekannte. Sie wussten nicht genau, wohin Jesus sie führen oder was er mit ihnen tun würde. Aber sie waren von ihm angezogen, fasziniert und ergriffen. In ihrer Schwachheit hielten sie an seiner Person fest.
Sind auch wir so von Jesus ergriffen? Von ihm und von seinem herrlichen Wort?
Schwache Menschen in Jesu Hand
Diese Zwölf waren keine makellosen Helden. Sie wurden von Freunden ausgelacht, Feinde stellten ihnen Fallen, und manchmal erhoben Zweifel laut ihre Stimme im Herzen. Bei Petrus ging es so weit, dass er Jesus verleugnete.
Petrus war überzeugt von seiner eigenen Stärke. Er war leidenschaftlich, mutig – und zugleich fehlbar. Jakobus und Johannes, die Söhne des Zebedäus, erhielten von Jesus den Beinamen Boanerges, das heisst Donnersöhne. Sie waren impulsiv, redeten schneller, als sie dachten, und hielten sich offenbar für gerechter als andere. Einmal verwechselten sie göttlichen Eifer mit eigener Rache und wollten Feuer vom Himmel fallen lassen.
Thomas zweifelte später. Matthäus war Zöllner – und an Zachäus sehen wir, was Zöllner damals oft kennzeichnete: Betrug, ein krummes Leben, das Abnehmen von zu viel Geld. Simon wird in Markus 3 der Kananiter genannt; in Lukas 6,15 und Apostelgeschichte 1 begegnet er als Zelot. Zelot bedeutet Eiferer. Der Zelotismus war eine jüdische Widerstandsbewegung gegen die römische Besatzungsmacht, oft mit militanten und revolutionären Tendenzen. Simon scheint also einen solchen Hintergrund und einen übermässigen Eifer gehabt zu haben.
Philippus war skeptisch. Bei der Speisung der Fünftausend überschlug er nüchtern die Lage und meinte, 200 Denare würden niemals ausreichen. Beim letzten Abendmahl sagte er zu Jesus: «Herr, zeige uns den Vater.» Jesus antwortete: «So lange Zeit bin ich bei euch, und du hast mich noch nicht erkannt, Philippus? Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen» (Joh 14,9).
Und am Ende der Liste steht Judas Ischariot. Auch er wurde von Jesus gewählt. Auch Verräter bekommen bei Jesus eine Chance. Jesus vertraute ihm sogar die Finanzen an.
Niemand ist ausgeschlossen
Jesus baut sein Königreich mit Versagern. Und mit seiner Gemeinde, dem Leib Christi, handelt er nach demselben Prinzip. Er arbeitet mit schwachen, notvollen Menschen – mit Menschen, die in vieler Hinsicht versagen.
Kein Impulsiver ist bei Jesus ausgeschlossen. Keiner, der verleugnet. Keiner, der in Bedrängnis sagt: Ich kenne Jesus nicht. Keiner, der schweigt, wenn es darauf ankäme, den Glauben zu bezeugen. Keiner, der auf die eigene Stärke baut oder zu hoch von sich denkt. Keiner, der zweifelt oder skeptisch ist. Kein Betrüger, kein Berechner, kein Eifersüchtiger, keiner mit übermässigem Eifer ist bei Jesus ausgeschlossen.
Jeder darf kommen. Und Jesus will seine Heilsgeschichte mit dir und mit mir weiterführen – mit unseren Hintergründen, unseren Prägungen und seinem ganz persönlichen Plan für jedes einzelne Leben.
Jeder Name in Markus 3 hat seine Geschichte. Jeder Name hat seine Schwierigkeiten. Jeder Name steht für einen eigenen Charakter. Und das Schöne ist: Genau diese Menschen hat Jesus gewählt.
Bei Jesus werden die Bedürftigen und die grössten Versager zuerst gewählt – ganz anders als beim Kinderfussball in der Turnhalle. Und Jesus vermag sie alle zu verändern.
Damit landen wir genau beim Abendmahl: bei seiner Gnade, seiner Wahl und seiner verändernden Kraft.