Markus 1,40-45

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 8

Wenn du willst, kannst du mich reinigen

Im fortlaufenden Bericht des Markusevangeliums begegnen wir einer der bewegendsten Wundererzählungen des Herrn: der Heilung eines Aussätzigen. Obwohl anzunehmen ist, dass Jesus viele Aussätzige geheilt hat, nennen die Evangelien nur zwei konkrete Fälle. Der eine betrifft die zehn Aussätzigen in Lukas 17; alle wurden geheilt, doch nur einer kehrte zurück, um Gott die Ehre zu geben. Der andere Fall ist die Heilung eines einzelnen Aussätzigen in Markus 1,40-45.

Dort heisst es: «Und es kam ein Aussätziger zu ihm, bat ihn, fiel vor ihm auf die Knie und sprach zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich reinigen! Da erbarmte sich Jesus über ihn, streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will; sei gereinigt! Und während er redete, wich der Aussatz sogleich von ihm, und er wurde rein. Und er ermahnte ihn ernstlich und schickte ihn sogleich fort und sprach zu ihm: Hab acht, sage niemand etwas; sondern geh hin, zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis! Er aber ging und fing an, es vielfach zu verkündigen, und breitete die Sache überall aus, sodass Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt hineingehen konnte, sondern er war draussen an einsamen Orten; und sie kamen von allen Seiten zu ihm.»

Diese Heilung hat einen so hohen Stellenwert, dass sie in allen drei synoptischen Evangelien überliefert wird: in Matthäus 8, Lukas 5 und Markus 1. «Synoptisch» bedeutet, dass diese Evangelien denselben Blickwinkel, denselben Fokus haben. Bemerkenswert ist, wie ähnlich der Wortlaut in diesen Berichten ist.

Aussatz: Krankheit, Isolation und Bild der Sünde

Aussatz bezeichnete im Alten Testament verschiedene ansteckende Hautkrankheiten. In Markus 1,42 wird das griechische Wort lepros verwendet, das sich auf die schuppige Haut eines Aussätzigen bezieht. Die schwerste Form gehörte zu den schrecklichsten und unheilbaren Krankheiten der Antike. Sie konnte sich über zwanzig oder dreissig Jahre hinziehen.

Kaum eine Krankheit machte einen Menschen über so viele Jahre hinweg zu einem derart entstellten Wrack wie der Aussatz. Auch heute noch leiden Millionen Menschen an Lepra, besonders in ärmeren Regionen der Welt. Lepra beginnt mit kleinen roten Flecken auf der Haut. Nach kurzer Zeit werden diese grösser und verfärben sich weisslich; sie können glänzend oder schuppig aussehen. Bald breiten sie sich über den ganzen Körper aus. Die Haare fallen aus, zuerst auf dem Kopf, später sogar die Augenbrauen. Wenn sich der Zustand verschlimmert, lösen sich Finger- und Zehennägel, beginnen zu faulen und fallen ab. Danach werden Finger- und Zehengelenke angegriffen. Das Zahnfleisch schrumpft, die Zähne fallen aus. Schliesslich greift die Krankheit das Gesicht an, bis Nase, Gaumen und Augen zerstört werden. Der Kranke verkümmert und stirbt.

Hinzu kommt, dass auch die Nervenempfindlichkeit beeinträchtigt wird. Viele Betroffene verletzen oder verbrennen sich, ohne es zu merken. Sie halten die Hand ins Feuer oder in heisses Wasser und spüren den Schmerz nicht. Das macht die Krankheit zusätzlich entstellend und grausam.

In 3. Mose 13 und 14 wurde der Umgang mit Aussätzigen in biblischer Zeit geregelt. Das Ziel dieser göttlichen Gesetze bestand darin, Israel, das Volk des Herrn, vor ansteckenden Krankheiten zu bewahren. Weil Aussatz unheilbar war, trennte er einen Menschen dauerhaft von seinen Liebsten und von der Gesellschaft.

In 3. Mose 13,45-46 heisst es: «Der Aussätzige, an dem die Plage ist, soll aber in zerrissenen Kleidern einhergehen, mit entblösstem Haupt, und seine Lippen soll er verhüllen, und er soll ausrufen: Unrein, unrein! Solange die Plage an ihm ist, soll er unrein sein; er ist unrein. Er soll allein wohnen; ausserhalb des Lagers soll seine Wohnung sein.»

Über die vordergründige Bedeutung hinaus ist Aussatz auch ein Bild für Sünde. Der Herr führt seinem Volk damit plastisch vor Augen: Sünde trennt, und Sünde zerstört.

Warren Wiersbe schreibt in seinem Kommentar, dass man beim Lesen der Vorschriften zur Feststellung von Aussatz in 3. Mose 13 erkennt, wie sehr diese Krankheit ein Bild für die Sünde ist. Wie Aussatz reicht die Sünde tief unter die Haut. Sie breitet sich aus, verunreinigt und isoliert. Sie bringt Dinge in einen Zustand, in dem sie nur noch fürs Feuer taugen. Und Wiersbe wendet dies persönlich an: Jeder Mensch, der nicht dem Erlöser vertraut, befindet sich in einem schlimmeren Zustand, als dieser Mann es gesundheitlich war.

Vor diesem Hintergrund betrachten wir Markus 1,40-45.

Die Anbetung des Meisters

Der erste Vers zeigt die Anbetung des Meisters: «Und es kam ein Aussätziger zu ihm, bat ihn, fiel vor ihm auf die Knie und sprach zu ihm: Wenn du willst, kannst du mich reinigen!»

Lukas berichtet ergänzend, dass der Mann Jesus mit «Herr» ansprach. Matthäus erwähnt, dass Jesus von einer grossen Volksmenge begleitet wurde. Lukas stellt ausserdem genau fest, dass der Mann «voll Aussatz» war.

So entsteht ein eindrückliches Bild: Jesus ist von vielen Menschen umgeben. Da bahnt sich ein Mann seinen Weg durch die Menge, mit zerrissenen Kleidern, gedemütigt, bedeckt von den Zeichen seiner Krankheit, isoliert von der Gesellschaft. Er ruft: «Unrein, unrein!» Die Menschen weichen zurück. Dann wirft er sich vor Jesus auf die Knie. Lukas sagt: Er fiel auf sein Angesicht vor die Füsse Jesu.

Vor Jesus liegt ein Mensch, dessen Körper vom Verfall gezeichnet ist. Und dieser Mann sagt: «Herr, wenn du willst, kannst du mich reinigen.»

Welch persönliche Verzweiflung liegt in diesen Worten. Zugleich zeigen sie Demut, Ehrfurcht vor dem Meister und einen Glauben, der Jesus alles zutraut, aber offenlässt, wie der Meister handeln soll.

«Wenn du willst, kannst du mich reinigen.»

Das ist wahre Anbetung des Meisters.

Woher dieser Mann seinen Glauben hatte, wissen wir nicht genau. Vermutlich hatte er von den grossen Taten des Herrn in Kapernaum und anderswo gehört. Er hatte erkannt: Nur dieser Jesus kann helfen.

Das Erbarmen des Meisters

Die Reaktion Jesu ist überwältigend: «Da erbarmte sich Jesus über ihn, streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach zu ihm: Ich will; sei gereinigt! Und während er redete, wich der Aussatz sogleich von ihm, und er wurde rein.»

Während andere Ekel und Abscheu empfanden, hatte Jesus tiefstes Mitgefühl. Jesus ist so anders als die Menschen. Sein Erbarmen zeigte sich sogar darin, dass er diesen Mann berührte.

Damals war das ausgeschlossen. Wer einen Aussätzigen berührte, machte sich unrein. Doch Jesus streckte die Hand aus und rührte ihn an.

Wie viele einsame Jahre hatte dieser Mann keine liebevolle Berührung mehr erfahren, vielleicht nicht von seiner Frau, nicht von seinen Kindern, nicht von seinen Angehörigen. Und nun berührt ihn der Herr.

Das heilige Gesetz Gottes trieb den Aussätzigen aus der Gesellschaft hinaus. Die wiederherstellende Gnade Gottes trieb den Aussatz weg und brachte den Aussätzigen wieder in die Gemeinschaft zurück.

Kein Mensch ist so abstossend, dass der Menschensohn Jesus Christus ihn nicht berühren und wiederherstellen könnte. Keiner. Ist das nicht ein Trost?

Jesus spricht: «Ich will; sei gereinigt!» Und während er redet, weicht der Aussatz sogleich von ihm. Er wird rein. Welch monumentaler, ja majestätischer Moment. Denn jeder wusste: Nur Gott kann Aussatz heilen.

Wer meint, Heilungswunder seien normal, sollte bedenken: Im ganzen Alten Testament werden nur zwei Aussätzige ausdrücklich geheilt. Die erste ist Miriam, die Schwester von Mose. Sie hatte sich aufgelehnt und wurde zur Strafe aussätzig. Mose beschreibt ihren Zustand mit erschütternden Worten: Sie sei wie eine Totgeburt, deren Fleisch bereits verwest. Diese Begebenheit steht in 4. Mose 12,10-15. Der zweite ist Naeman, der Syrer, in 2. Könige 5 – ebenfalls eine herrliche Begebenheit.

Doch Mose bewirkte die Heilung nicht. Es war Gott, der Lebendige, der eingriff und Miriam nach einer gewissen Zeit vom Aussatz und damit auch von der Isolation befreite. Auch Elisa konnte keine Heilung bewirken; er konnte nur im Auftrag Gottes sagen, was Naeman tun sollte. Die Heilung selbst kam von Gott.

Hier aber steht einer, der grösser ist als Mose und grösser als die Propheten.

Über Heilung und Glauben

Das Thema Heilung ist heute heikel und bringt viel Verwirrung mit sich. Deshalb ist es wichtig, nüchtern zu beachten, wie Jesus damals heilte.

Jesus heilte alle. Niemand wurde abgelehnt.

Jesus heilte sofort. Es brauchte keine mehrstündige, aufwühlende Heilungsversammlung, keine Chöre und keine religiöse Dramatisierung.

Jesus heilte umfassend. Die Geheilten benötigten danach keine Physiotherapie.

Jesus heilte anhaltend. Es gab keinen Rückfall.

Keiner der heutigen selbsternannten Heiler vermag das zu tun. Nicht einer. Und wenn einer es könnte, müsste man ihn nicht in Heilungsversammlungen suchen, sondern in Notfallpraxen, Spitälern und Altersheimen. Doch dort findet man sie nicht.

Unser Glaubensgebet heute muss deshalb so lauten, wie es hier sichtbar wird: Herr, du kannst. Das heisst: Herr, du bist allmächtig. Bei dir ist kein Ding unmöglich. Du vermagst alles.

Zweitens: Dein Wille geschehe. Das ist kein Fatalismus, sondern Vertrauen. Es bedeutet: Herr, du allein kennst die Herzen. Du weisst, was das Beste für mich ist.

Drittens: Wenn du es tust, bin ich es nicht wert. Es ist nicht mein grossartiger Glaube, der mich gesund macht. Viele, die gesund geworden sind, haben überhaupt nicht geglaubt, sie waren geistlich tot. Es ist nicht mein Glaube, sondern die souveräne Gnade Gottes.

Genau das war die Gesinnung dieses Aussätzigen. Wir müssen das im Kopf behalten und dürfen es nicht durcheinanderbringen, gerade in notvollen Zeiten. Es ist normal, sich nach Hilfe zu sehnen. Doch der biblische Weg lautet: Herr, du kannst. Herr, dein Wille geschehe. Herr, wenn du es tust, bin ich es nicht wert.

Die Ermahnung des Meisters

In diesem überwältigenden Glücksmoment erhält der geheilte Mann eine Ermahnung, die auf den ersten Blick sonderbar wirkt: «Und er ermahnte ihn ernstlich und schickte ihn sogleich fort und sprach zu ihm: Hab acht, sage niemand etwas; sondern geh hin, zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, was Mose befohlen hat, ihnen zum Zeugnis!»

Warum sollte der Mann niemandem etwas von seiner Heilung sagen? Es war doch eine grosse Volksmenge um Jesus herum. Viele hatten es gesehen. Und warum musste er sich umgehend den Priestern zeigen und in Jerusalem Opfer bringen?

Zunächst ist wichtig zu verstehen, dass Jesus sich an die bestehende Ordnung seiner Zeit hielt. Im Zeitalter des Gesetzes schrieb 3. Mose 14 die genaue Prozedur vor, durch die ein Aussätziger schrittweise wieder in die Gemeinschaft integriert wurde. Der erste Schritt war, sich dem Priester zu zeigen. Danach musste der Geheilte im Rahmen eines mehrtägigen Reinigungsrituals verschiedene Opfer darbringen: Speisopfer, Schuldopfer, Sündopfer und Brandopfer.

Dass man Aussatz als Bild für Sünde anwenden darf, zeigt sich auch daran, dass der Aussätzige so viele verschiedene Opfer bringen musste. Gott zeigt damit, wie wichtig ihm eine tiefgehende Reinigung von Sünde ist.

Jesus Christus selbst ist das vollkommene Speisopfer, Schuldopfer, Sündopfer und Brandopfer. Hebräer 9,14 sagt, dass Christus «sich selbst durch den ewigen Geist als ein makelloses Opfer Gott dargebracht hat». Nur dieses vollkommene Opfer des Herrn Jesus heilt vom geistlichen Aussatz der Sünde.

Interessanterweise fehlt bei den vorgeschriebenen Opfern das fünfte grosse Opfer: das Dankopfer. Das weist darauf hin, dass Dankbarkeit nicht ein einmalig dargebrachtes Opfer sein soll, sondern das ganze Leben prägen soll. Paulus schreibt in Epheser 5,20: «sagt allezeit Gott, dem Vater, Dank für alles, in dem Namen unseres Herrn Jesus Christus».

Allezeit. Für alles.

Doch warum schärfte Jesus dem Geheilten trotz der vielen Zeugen ein: «Sage niemand etwas»?

Die Nachricht von seiner Befreiung sollte die Priester in Jerusalem nicht erreichen, bevor der Mann in aller Form für rein erklärt worden war. Der Priester, dem er sich vorstellen sollte, sollte die Geschichte des Mannes erst danach erfahren.

Seit Jahrhunderten war kein Aussätziger geheilt worden. Die Priester, die damalige oberste Gesundheitsbehörde, mussten sich also mit einem Fall befassen, den sie so noch nie erlebt hatten. Durch den geheilten Aussätzigen sollte ihnen ein stilles Zeugnis vor Augen stehen, ein Zeugnis der Autorität, der Vollmacht und letztlich der Gottheit Jesu, dem sie nicht widersprechen konnten.

Acht Tage lang hätten sie ihn gesehen, ein Opfer nach dem anderen. Und die entscheidende Frage hätte im Raum gestanden: Wer ist dieser Mann, der ihn befreit hat?

Die Verdrängung des Meisters

Doch es kam anders: «Er aber ging und fing an, es vielfach zu verkündigen, und breitete die Sache überall aus, sodass Jesus nicht mehr öffentlich in eine Stadt hineingehen konnte, sondern er war draussen an einsamen Orten; und sie kamen von allen Seiten zu ihm.»

Das Verhalten des Geheilten zeigt, wie begründet die ernste Ermahnung Jesu war. Eigentlich ist es erstaunlich, dass der Mann sich nicht an Jesu Worte hielt. Hatte er nicht gerade zuvor eine ausserordentlich demütige Gesinnung gezeigt?

Man darf durchaus Verständnis für ihn haben. Was muss das für ein euphorischer Gefühlsausbruch gewesen sein: die unfassbare, sofortige Heilung; der Wechsel vom sicheren Tod zurück ins Leben. Vielleicht dachte er: Es wäre doch das Grösste, wenn nun alle von diesem Wunder und von Jesus erfahren.

Vermutlich ging er später dennoch zu den Priestern, damit er offiziell wieder in die Gesellschaft zurückkehren konnte. Doch zunächst geschah das Gegenteil von dem, was Jesus angeordnet hatte.

Während der Aussätzige wieder in die Gesellschaft integriert wurde, musste der Meister weichen. Jesus konnte nicht mehr öffentlich in eine Stadt hineingehen. Seine Lehre sollte nicht von einem blossen Wunderglauben überschattet werden.

Wir dürfen nie meinen, einen besseren Plan zu haben als unser Herr. Was in seinem Wort steht, ist gut. Er weiss, was er sagt. Und was er sagt, sollen wir tun.

Der grosse Tausch

In diesem Geschehen wird letztlich jener Tausch vorausgeschattet, der zu unserer Erlösung führte.

Wir als Sünder, geistlich Aussätzige, lebten in der Wüste, getrennt von der Gemeinschaft mit Gott. Der Menschensohn hingegen war in der Gemeinschaft mit Gott. Doch er verliess diese Gemeinschaft, nahm am Kreuz unseren Sündenaussatz auf sich und wurde dort von Gott verlassen.

Genau auf diese Weise wurde dieser Tausch zu unserem ewigen Heil.

Am Ende erkennen wir in dieser Begebenheit auch einen kleinen, aber eindeutigen Hinweis auf die Inspiration der Bibel. Kein Schriftsteller hätte dieses überragende Ereignis mit so wenigen und so unspektakulären Worten erzählt. Wenn jemand diese Geschichte erfunden hätte, hätte er sie ausgeschmückt. Doch Gott, der Lebendige, kann solche Geschichten schreiben, weil er die Wahrheit ist.

Fredy Peter ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Sein Aufgabenbereich ist die Öffentlichkeits- und Verlagsarbeit des Missionswerkes. Er absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland und in der Schweiz.
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