Endzeitlich leben: dem Anpassungsdruck widerstehen (Teil 1)

Wie bleibt der christliche Glaube in einer Welt, die sich nicht als christlich versteht, identifizierbar? Wie kann er in einer Zeit, die sich immer mehr von christlichen Inhalten und Werten verabschiedet, erkennbar und kräftig sein? Wie behält unser Glaube solche Konturen, dass er nicht im gesellschaftlichen Mainstream aufgeht bzw. untergeht? Eine Antwort.

Die gestellten Fragen sind nicht neu. Vielmehr sind sie so alt wie der Glaube an den Gott der Bibel selbst ist. Der Glaube an den einen Gott der Bibel steht zu allen Zeiten im Widerstreit mit anderen, dem biblischen Glauben fremden Einflüssen, Einstellungen und Verhaltensweisen. 

Schauen wir in die Heilige Schrift, so sehen wir, wie der Konflikt zwischen Anpassung und Widerstand ein Dauerthema biblischen Glaubens darstellt. Uns begegnet, wie Aaron, Moses Bruder, dem Anpassungsdruck durch das Volk Israel nachgibt und den Gott vom Sinai durch ein goldenes Stierbild ersetzt. Wir sehen aber auch, wie Daniel und seine Freunde dem Anpassungsdruck am babylonischen Hof standhalten und ihre jüdische Identität nicht Preis geben. Bei dem Propheten Jeremia lässt sich erkennen, wie dessen Verkündigung den Worten der Zeitgeist-Propheten widerspricht und er dafür mit persönlichen Schmähungen und Leiden bezahlen muss. Ein Blick in die Evangelien zeigt uns die Unbestechlichkeit und die Widerstandskraft des Herrn Jesus. Paulus schliesslich fordert die Gemeinde in Rom offen dazu auf, sich «nicht dieser Welt gleichzustellen» (Röm 12,2). 

Wir werden uns im Folgenden den Propheten Daniel und seine drei Freunde genauer anschauen. Im Danielbuch können wir nach Gerhard Maier lernen, was Gottvertrauen, was Gehorsam gegen Gottes Gebot und was Treue bis zum Martyrium bedeutet. In zweifacher Hinsicht besitzt das an vielen Stellen geheimnisvolle Buch heute eine besondere Aktualität. Zum einen zeigt es uns, wie wir Christen in der Diaspora leben können. Gläubige, die sich in einer gesellschaftlichen Minderheitensituation befinden und dem Druck einer nicht-christlichen bzw. antichristlichen Öffentlichkeit und Gesellschaft ausgesetzt sind, können vom Danielbuch lernen. Viele Christen in muslimischen Länden leben in Minderheitensituation. Aber auch hier bei uns im Westen spüren wir den Druck der Anpassung an den gesellschaftlichen Mainstream zunehmend. 

Das andere, was wir bei Daniel sehen, ist die endzeitliche Perspektive. Das Danielbuch zeugt von einer starken Hoffnung auf das kommende Reich Gottes. Diese Hoffnung ist von grossen Erschütterungen begleitet. Als Christen leben wir heute in einer vergleichbaren Situation. Weltreiche kommen und gehen, unsere Erde wird vielfach erschüttert. Mitten in alledem aber erwarten wir Gottes neue Welt. 

In fünf Punkten will ich versuchen, einen endzeitlichen Lebensstil zu beschreiben, der sich dem Anpassungsdruck widersetzt:   

Erstens: Im Herzen fest bleiben.

Das Danielbuch führt uns hinein in die gewaltigen Umbrüche im Nahen Osten des 6. vorchristlichen Jahrhunderts. Der babylonische König Nebukadnezar besiegt im Jahre 605 in der Schlacht bei Karkemisch die ägyptische Grossmacht und steigt damit selbst zu unumschränkter Herrschaft in dieser Region auf. Auf dem Rückweg nach Babylon zieht er erstmals gegen Jerusalem, plündert den Tempel und ergreift Deportationsmassnahmen. Daniel und seine drei Freunde werden nach Babylon verschleppt und am Hof des despotischen Königs einem gewaltigen Umerziehungsprogramm unterzogen. Nebukadnezar gleicht darin den Tyrannen aller Zeiten. Er sucht sich junge Leute, die keine Gebrechen haben, schön, begabt und klug sind. Diese will er «auf Linie bringen». Dabei sollen sie nicht nur Schrift und Sprache der Babylonier lernen. Sie sollen sich auch an die babylonische Küche gewöhnen. Dazu werden ihre Namen verändert. Aus Daniel (Gott ist mein Richter) wird schon bald Beltschazar (Bel, der heidnische Gott, schirme sein Leben). – Die Umstellung auf den heidnischen Speiseplan wird für Daniel zu einer ernsten Glaubensprobe. Die Babylonier essen Tiere, die nach dem jüdischen Gesetz als unrein gelten. Dazu trinken sie Wein, der den Göttern geweiht und teilweise geopfert worden ist. Die Frage des Essens ist kein «Adiaphoron», d.h. eine Sache von nachrangiger Bedeutung. Vielmehr geht es an dieser Stelle um den Gehorsam gegen Gottes Gebot. 

Daniel hat in seiner jüdischen Ursprungsfamilie die jüdischen Speisevorschriften kennengelernt und diese auch praktiziert. Nun steht er unter Druck, sie fallen zu lassen oder aber als seine eigenen Überzeugungen zu übernehmen. Daniel befindet sich als junger Mensch in einer Entscheidungssituation von grosser Tragweite. Wird er seinen religiösen Überzeugungen treu bleiben oder diese den äusseren Gegebenheiten anpassen und dem Druck nachgeben? Wir können diese Frage auch uns stellen: Wo werden wir als Christen dazu angehalten, uns dem kulturellen Kontext anzupassen? Wo müssen wir uns davon unterscheiden und Gott mehr gehorchen als den Menschen? 

Daniel ist in mehreren Hinsichten angepasst. Er muss sich mit heidnischer Sprache, Schrift und Wissenschaft beschäftigen. Er bewegt sich tagtäglich am Hof des Königs und pflegt Umgang mit Menschen, denen sein Glaube nichts bedeutete. Er erlebt die heidnischen Feste und wird sogar mit einem neuen Namen angesprochen. Daniel lebt ganz und gar in einer heidnischen Welt. Zugleich aber trifft Daniel eine grundlegende Entscheidung. Er will sich nicht verunreinigen. Bei aller äusseren Solidarität zum heidnischen Weltreich bleibt er in seinem Herzen Gott treu. So heisst es: «Daniel nahm sich in seinem Herzen vor, dass er sich mit des Königs Speise und seinem Wein nicht unrein machen wollte.»

Daniel trifft in seinem Herzen den festen Entschluss: Er will zu den Traditionen, die ihm in seiner jüdischen Erziehung mit auf den Weg gegeben wurden, stehen. Niemand zwingt ihm diesen Entschluss von aussen auf. Vielmehr übernimmt er an dieser Stelle für sich selbst Verantwortung. Er will seinem Gott, seinem Glauben und seiner religiösen Erziehung treu bleiben. 

Drei Lehren lassen sich aus dieser Begebenheit ziehen. Zum einen brauchen wir eine entscheidend christliche Prägung von Kindern. Kinder sind auf Wurzeln angewiesen, auf die sie sich besinnen können. Sie benötigen Traditionen, Gewohnheiten und Rituale, die ihnen später im Leben Halt geben können. Im Zeitalter der sogenannten Postmoderne, dessen Kennzeichen unter anderem der völlige Traditionsabbruch ist, stehen wir vor grossen Herausforderungen. Wie können wir hilfreiche Traditionen für uns selbst pflegen und an die nächste Generation weitergeben? 

Was in diesem Kontext weiter auffällt, ist die Tatsache, dass Daniel zu einer eigenen Entscheidung findet. Tradition will übernommen werden. Überzeugungen wollen persönlich verantwortet werden. Es genügt nicht, den Glauben nur äusserlich zu übernehmen. Vielmehr ist eine «intrinsische Motivation» nötig. 

Schliesslich: Der Glaube in einer säkularen oder auch multi-religiösen Welt nötigt zu Entscheidungen. Entscheidungen treffen aber bedeutet, dass ein Christ nicht einfach nachgibt und sich mit dem grossen Strom treiben lässt, sondern sich bekennt und damit Verantwortung übernimmt. 

Ein solches Bekenntnis erfordert Mut. Aus dem Neuen Testament wissen wir, dass Jesus Christus ein solches Bekenntnis anerkennt und segnet (Mt 10,32). Auch zu Daniel bekennt sich Gott. Er erfährt nicht nur die Gunst des königlichen Kämmerers. Er erlebt auch, wie er mit Gesundheit, Wohlergehen und göttlicher Weisheit beschenkt wird.

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