Eine aufschlussreiche Botschaft gibt uns das Wort aus Johannes 16,33: «Dies habe ich zu euch geredet, damit ihr in mir Frieden habt. In der Welt habt ihr Bedrängnis; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden!»
Statt «Bedrängnis» kann man auch «Trübsal, Not, Angst» oder «unter Druck stehen» übersetzen. Mit «Welt» ist ja nicht ein stimmungsvoller Sonnenuntergang auf den Bahamas oder der traumhaft verschneite Säntis gemeint. «Welt» steht für die Menschheit in ihrer Auflehnung und Rebellion gegen Gott. Satan ist der Weltherrscher der gefallenen Schöpfung. Der Herr Jesus sagt den Jüngern nicht: «In der Welt könnt ihr möglicherweise Bedrängnis haben», oder: «Ab und zu kann es zu Bedrängnis kommen.» Vielmehr sagt Er klipp und klar voraus: In der von Gott losgelösten Menschheit werdet ihr «Not leiden» oder «unter Druck» stehen. Eine Sache, die unausweichlich mit der Nachfolge verbunden ist.
Hier steht genau derselbe Begriff, der in Offenbarung 7 und Matthäus 24 für die grosse Trübsal verwendet wird. Nur, dass hier das Eigenschaftswort «gross» fehlt. Mit anderen Worten: Auch wenn die Entrückung vor der grossen Trübsal sein sollte, haben die Jesusjünger in dieser Welt Trübsal, Angst, Not, Bedrängnis um Christi willen zu erwarten. Das sollte vor aller Blauäugigkeit oder Schönmalerei bewahren. Und gleichzeitig soll es dazu führen, dass wir den Entwicklungen um uns herum ins Auge sehen und nicht meinen, dass es mit der Glaubensfreiheit immer so weiterginge wie bisher.
Ein Bericht aus zuverlässiger Quelle über die damalige Situation in China:
«Die Erweckung im China der 30er-Jahre und darüber hinaus des vergangenen Jahrhunderts hatte ihren Ursprung bzw. wesentliche Impulse durch drei bedeutende Männer Gottes empfangen: Wang Min Dao, Dr. John Sung und Watchman Nee. Alle drei waren stark geprägt von der Brüderbewegung.
Durch diesen lehrmässigen Einfluss wurde u.a. auch die Entrückung vor der grossen Trübsal verkündet. Als 1966 die grosse proletarische Kulturrevolution begann, – und diese war das schlimmste apokalyptische Ereignis bis zu diesem Zeitpunkt – fielen etliche von ihrem Glauben ab. Sie konnten sich nicht vorstellen, dass es noch schlimmer kommen könnte, und dies, so hatten sie gemeint, würde ihnen erspart bleiben. Dadurch erlitten leider nicht wenige in ihrem Glauben Schiffbruch.»
Dieser Bericht lehrt uns aufzupassen, dass wir nicht unbegründete Erwartungen hegen oder den Glauben an die Entrückung vor der Trübsal von unserer Leidensscheue bestimmen lassen.
Wir sollten uns nicht von frommem, leidensscheuem Wunschdenken leiten lassen und dem Irrtum verfallen, dass die Glaubensfreiheit bei uns erhalten bleiben müsste, weil die Entrückung ja vor der Trübsal stattfindet. Vielmehr tun wir gut daran, uns auf die Trübsale und Bedrängnisse in der Nachfolge, von denen unser Herr gesprochen hat, einzustellen.
Ein Beispiel aus dem islamischen Bereich: Vor einigen Jahren sprach ich mit einem Bruder, der einen guten Einblick in islamische Länder hat, über die Frage der Entrückung. Dann sagte er mir sinngemäss, dass die damit verbundene Diskussion (ob die Entrückung vor oder aus der grossen Trübsal stattfinde) typisch westeuropäisch sei. Er meinte, dass die Verfolgten in den islamischen Ländern darüber nicht diskutierten. Sie riefen nur noch: «Herr, komme bald!» Und dann fügte er an, welchen Sinn das haben würde, der schwer leidenden Gemeinde zu sagen, dass ihr Leiden ja noch gar nicht so schlimm wäre, weil die grosse Trübsal erst noch komme. Unsere Glaubensgeschwister in Nordkorea oder den islamischen Staaten wissen, wie real das Wort unseres Herrn aus Johannes 16,33 ist. Und wir dürfen im freiheitlichen Westen einfach nicht diesem fromm verbrämten Aberglauben verfallen, dass wir die Garantie der Glaubensfreiheit gepachtet hätten.
Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem entgeht nicht, wie die Feindschaft und gesellschaftliche Ablehnung gegenüber dem Evangelium zunimmt und die Luft im Zeichen der totalitären Toleranzdiktatur immer dünner wird. Totalitäre Toleranzdiktatur, ist das nicht ein Widerspruch? Nein. Das heutige Toleranzdenken gibt genau vor, was zu tolerieren ist und was nicht. Deshalb ist dieses Denken totalitär. Beispielsweise wird jede Religion geduldet. Aber der Absolutheitsanspruch unseres Herrn wird abgelehnt. Früher bedeutete Toleranz, dass man eine feste Meinung hat und auch sagt, was man für richtig und gut ansieht und was schlecht und falsch ist. Aber wenn jemand eine andere Sicht hat, lässt man ihn mit seiner Auffassung trotzdem stehen. Die neue Toleranz ist anders, wie Josh McDowell und Bob Hostetler schon vor Jahren in ihrem Buch «Die neue Toleranz» deutlich machten. Die neue Toleranz darf nicht mehr sagen, dass sie etwas schlecht oder böse findet. Vielmehr muss man jegliches, was der andere tut, für gut halten oder darf es zumindest nicht generell bewerten.
Anstatt uns gegenseitig wegen der Frage zu zerstreiten, wann die Entrückung sein wird, geht es darum, dass wir ein Ja finden zu den Trübsalen, die heute mit der Nachfolge Jesu verbunden sind oder möglicherweise noch kommen. – Auch wenn wir von Natur aus alle denselben Reflex haben, dass wir unangenehmen Dingen am liebsten ausweichen oder sie verdrängen.
Nikolaus Graf von Zinzendorf nahm damals in Herrenhut die verfolgten böhmischen Brüder auf. Bei aller äusseren Freiheit, die sie nun hatten, war er sich aber im Klaren darüber, dass es weiterhin Bedrängnisse um Jesu willen geben würde. In seinem bekannten Lied «Jesu geh voran» (EG 391) hat er deshalb dem Sinne nach Johannes 16,33 in der zweiten Strophe aufgenommen:
«Soll’s uns hart ergehn,
lass uns feste stehn
und auch in den schwersten Tagen
niemals über Lasten klagen;
denn durch Trübsal hier
geht der Weg zu dir.»
Das ist eine völlig andere Sicht, als wie sie in einem Teil der neuen Worship-Lieder anklingt, die suggerieren, dass man schon heute vor dem Thron Gottes steht und sich an der Herrlichkeit Gottes berauschen kann.
Unser Herr hat uns Bedrängnis, Not, Druck, Angst in dieser Welt vorausgesagt. Und es sollte uns auch ein Gebetsanliegen sein, dass der Herr uns innerlich auf die Zeit vorbereitet, wenn es darum geht, um des Glaubens willen zu leiden. Dass Er uns fest macht und wir auch ein Ja dazu finden. Leiden und Bedrängnisse sind keine Selbstläufer. Das können wir auch nicht einfach aus eigener Kraft oder mit einem starken Willen durchstehen. In Johannes 16,33 sagt unser Herr, dass wir in dieser von Gott losgelösten Welt Bedrängnis haben werden. Wie schon gesagt, wünscht sich das niemand von uns. Deshalb ist es umso erstaunlicher, wie dieser Vers weitergeht: Wir sollen trotzdem guten Mutes sein! Nicht aufgrund des Kleinredens der Bedrängnis, wie das unverbesserliche Optimisten versuchen. Nicht wegen der Freude am Schmerz. Das wäre eine masochistische Theologie. Auch nicht, weil die Bedrängnis aufhört, sobald wir das gerne hätten, oder wir uns entsprechend stark fühlen. Es hat einen anderen Grund.
Wir sollen guten Mutes sein, weil Christus die Welt überwunden, den Sieg schon errungen hat. Fritz Rienecker macht in seinem Sprachlichen Schlüssel zum Griechischen Neuen Testament darauf aufmerksam, dass der Sieg schon als gewonnen verkündigt wird, obwohl das Leiden für die Jünger erst noch kommt: «So wie ein Mensch auf einer Segeljacht. Im wilden Sturm ist er durch die Sicherungsleinen an Deck fest verankert. Nun sieht er einen Brecher auf sich zukommen. Er weiss, dass dies ganz unangenehm wird und er unter Wasser geht und hin und her gewirbelt wird. Aber er weiss auch, dass dieser Brecher ihm letztendlich nichts anhaben kann, weil seine Sicherung stark genug ist.»
Am Anfang dieses Verses spricht unser Herr davon, dass Er Seinen Jüngern Seinen Frieden gibt, am Ende, dass sie guten Mutes sein sollen. Durch unseren Wohlstand sind wir ja geneigt zu denken, dass wir den Jesusfrieden und den guten Mut nur dann haben können, wenn es uns weiterhin gut geht und wir Glaubensfreiheit haben. Wem es gut geht, der soll Gott loben und Psalmen singen. Das lesen wir im Jakobusbrief. Aber in Johannes 16,33 steht der Friede unseres Herrn und der gute Mut, im Hinblick auf Seinen Sieg, in einem untrennbaren Zusammenhang mit dem Druck und der Bedrängnis in einer von Gott losgelösten Welt. Deshalb brauchen wir nicht zu verzagen, wenn die äussere Freiheit sich verändern sollte. In Johannes 16,33 haben wir eine grosse Verheissung und Ermutigung, die ihre Kraft mitten in der Bedrängnis entfaltet. Es ist Christus selbst, der den Sieg vollbracht hat und den Seinen mitten in der Bedrängnis an diesem Sieg Anteil gibt.
Auch wenn mit der Entrückung vor der Trübsal zu rechnen ist, kann es für uns als Gemeinde Jesu in Westeuropa noch durch Verfolgung und Bedrängnis gehen. Alles hat den Anschein, dass wir diesbezüglich auch vor einer Zeitenwende stehen, wonach der jahrzehntelange Ausnahmezustand der völligen Glaubensfreiheit wieder dem Normalzustand, der bedrückten Gemeinde Jesu, weicht. Aber über allem steht diese grosse Verheissung, dass der Herr gerade in der Bedrängnis Seinen Frieden verheissen hat und wir guten Mutes sein dürfen, dass Er die Welt besiegt und überwunden hat.