Die «Heiligen Drei Könige» folgen dem Stern (Teil 2)

Worum geht es beim Brauchtum der «Heiligen Drei Könige»? Was ist sein historischer Hintergrund und was können wir für die Nachfolge Jesu daraus lernen?

In einer der Katakomben Roms werden nicht drei, sondern vier Weise neben der Krippe Jesu abgebildet. In einer anderen nur zwei. Eine syrische Quelle aus dem 7. Jahrhundert berichtet sogar von zwölf Weisen aus dem Morgenland, die nach Bethlehem gereist sein sollen. In ihrem Gefolge hätten sich mehr als 1000 Diener und Soldaten befunden. Für diese, deutlich spätere Version der biblischen Ereignisse spricht allerdings nicht wirklich viel.

An der Aussenwand der im 4. Jahrhundert in Betlehem erbauten Geburtskirche wurden die Weisen aus dem Osten in persischer Tracht abgebildet, was das Gotteshaus bei der brutalen persischen Eroberung Israels im 7. Jahrhundert vor der Zerstörung rettete. Im Bericht seiner ausgedehnten Entdeckungsreisen aus dem 14. Jahrhundert behauptet der Venezianer Marco Polo, in der persischen Stadt Sava die Gräber der «Heiligen Drei Könige» besichtigt zu haben. 

Gemäss dem biblischen Bericht war schon einige Zeit seit der Geburt Jesu vergangenen, ehe die geheimnisvollen Sterndeuter eintrafen. Einerseits schreibt Matthäus, dass Maria und Joseph nicht mehr in einem Stall, sondern in einem Haus lebten (Mt 2,11). Andererseits muss sich der Besuch der Weisen nach der Darstellung und Weihe Jesu im Tempel von Jerusalem ereignet haben (Lk 2,31-40). Denn unmittelbar nach der Abreise der «königlichen» Besucher floh die heilige Familie nach Ägypten (Mt 2,13-15). 

Der Evangelist Matthäus berichtet von Magiern, die sich nach einem für sie eindeutigen astronomischen Zeichen auf die Suche nach dem neugeborenen «König der Juden» gemacht hatten (Mt 2, 1-3). Der griechische Begriff «Magier» wurde damals vor allem für die Traum- und Sterndeuter aus Persien, dem heutigen Iran, gebraucht. Sie galten als besonders zuverlässige Spezialisten in diesen Fragen. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass diese nahöstlichen Gelehrten mit der jüdischen Gemeinde, die sich seit dem Exil Israels in Babylon befand, Verbindung hatten. Mit den nach Nebukadnezars Tod in Babylon herrschenden Medern und Persern kamen auch deren Magier ins Land. Das würde erklären, warum sich diese Männer überhaupt so für die Geschicke Israels interessierten. 

Was genau die orientalischen Weisen als deutliches Zeichen der Geburt des jüdischen Königs interpretierten, muss nach 2000 Jahren wohl offen bleiben. Heutige Deutungen gehen zumeist von einer bestimmten Planetenkonstellation, einer Supernova oder einem Kometen aus. Natürlich hätte Gott auch ein bis dahin ganz unbekanntes astronomisches Phänomen schaffen können. Dafür sprächen die kontinuierliche Bewegung des betreffenden Himmelskörpers und seine präzise Bezeichnung eines bestimmten Hauses. Schon im Alten Testament wurde im Zusammenhang mit dem Messias das Erscheinen eines Sterns erwähnt (4Mo 24,17). In der neutestamentlichen Offenbarung wird Jesus selbst auch als «Morgenstern» bezeichnet (Offb 2, 28; 22, 16). Jedenfalls war das himmlische Zeichen für die persischen Sterndeuter so eindeutig, dass sie sich schnellstens nach Jerusalem, in die Hauptstadt Israels, begaben. 

Den Geschenken der Weisen aus dem Osten könnte man durchaus begründet eine gewisse Symbolik zuschreiben. Gold war gewöhnlich eine Gabe für Könige. Damit wurde Jesus als himmlischer und endzeitlich-irdischer Herrscher bezeichnet. Myrrhe war eine allgemein verbreitete Medizinpflanze und könnte auf die späteren Heilungswunder Jesu verweisen, sowie auf Seine darüberhinausgehende Bedeutung als Heiland der Seele. Ausserdem wurde Jesu Leichnam vor Seiner Grablegung von Nikodemus mit Myrrhe behandelt (Joh 19, 29). Die von den Weisen geschenkte Heilpflanze könnte also auch ein verschlüsselter Hinweis auf Seinen Tod enthalten. Weihrauch hingegen gehörte in Israel zum Gottesdienst im Tempel. Hiermit wurde Jesus von Seinen weisen Besuchern als ewiger Hohepriester verehrt.

Der Gedanke, dass die «Heiligen Drei Könige» sozusagen Repräsentanten der ganzen Welt und aller ihrer Völker sind, die Jesus als den menschgewordenen Gott anerkennen und verehren, ist durchaus beeindruckend. Denn tatsächlich, nach Auskunft der Bibel ist Jesus für alle Menschen weltweit gekommen, um ihnen den Weg zurück zu Gott zu ermöglichen. Auch werden einmal alle Menschen vor dem Thron Gottes stehen und sich vor Ihm verantworten. Sie alle werden Ihn dann als den einzigen und eigentlichen Gott, den souveränen Herrscher des Universums, anerkennen und loben, wird in der Bibel prophezeit (Hebr 1,8; Offb 5,8-14). 

Einige Fragen werden wohl auch längerfristig offen bleiben, wenn man sich nicht auf blosse Vermutungen und Spekulationen stützen will. Die genaue Herkunft der «Heiligen Drei Könige» bleibt ebenso im Dunkeln wie ihre Zahl, ihre weitere Geschichte und die Hintergründe des Sterns, dem sie folgten. Das alles lädt natürlich geradezu zum Spekulieren ein, weshalb es diesbezüglich nicht gerade wenige Thesen und Theorien gibt. Schlussendlich liegt die eigentliche Bedeutung der Magier aus dem Morgenland, wie die Bibel diese geheimnisvollen Besucher aus dem Orient nennt, wahrscheinlich an einer ganz anderen Stelle. Einerseits will Gott die Menschwerdung Seines Sohnes für spätere Zweifler mit einigen beeindruckenden Wundern beglaubigen, zu denen auch die astronomische Wegweisung der Sterndeuter gehörte. Andererseits macht Gott von Anfang an deutlich, dass Jesus und Seine Erlösung nicht nur dem Volk Israel gilt. Übernatürlich offenbarte Er sich sowohl einer Gruppe jüdischer Hirten als auch heidnischen, orientalischen Wissenschaftlern. Beide erfahren von der übernatürlichen Geburt des Gottessohnes und kommen nach Bethlehem, um Ihn zu verehren. Der Besuch der Weisen aus dem Morgenland beinhaltet das Versprechen Gottes, einen Weg zur Erlösung für alle Menschen zu schaffen.

Auch wenn man das katholisch geprägte Brauchtum um die «Heiligen Drei Könige» kritisch betrachten mag, lohnt sich die Erinnerung an die Weisen aus dem Osten allemal. Immerhin hat Gott nicht umsonst dafür gesorgt, dass uns dieses Ereignis langfristig überliefert wurde. 

Aus der Verbindung mit Gott heraus ist es sinnvoll, auch den Besuch dieser Sterndeuter gut in Erinnerung zu behalten und zumindest einmal jährlich an sie zu denken. Immerhin sind sie ein deutliches Zeichen für den umfassenden Heilsplan Gottes. Er hatte das Kommen Jesu lange vorher geplant und angekündigt. Dabei waren auch schon die Weisen aus Persien mit eingeplant. Diese unerwarteten Besucher sollten neben den jüdischen Hirten Jesus als König Israels und Erlöser der Welt beglaubigen, gerade auch wenn man sich nach Seinem Tod näher mit Seiner Lebensgeschichte auseinandersetzen sollte. Die Weisen und alle, die ihnen begegnet waren, konnten dann die ganz besonderen Umstände der Geburt Jesu glaubwürdig bezeugen.

Durch die Einbeziehung der heidnischen Sterndeuter wird von Anfang an deutlich gemacht, dass Jesus auch für alle Nicht-Juden als Vorbild und Sünden-Befreier gekommen war. Fast noch mehr als Weihnachten umfasst das Erscheinen der Weisen aus dem Morgenland die Herausforderung, Jesus heute im eigenen Leben anzubeten und zu beschenken.

Michael Kotsch hat an der FETA Basel studiert und ist seit 1995 Lehrer an der Bibelschule Brake. Er ist Autor mehrerer Bücher und Vorsitzender des Bibelbund e.V.
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