Die Gemeinde befindet sich mitten im Weltenmeer. Deshalb wird sie auch als ein Schiff bezeichnet, sodass es zum Beispiel in einem Lied heisst: «Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt.» Der Längsraum eines Kirchengebäudes wird denn auch als «Kirchenschiff» bezeichnet.
»Ein Schiff, das sich Gemeinde nennt, fährt durch das Meer der Zeit. Das Ziel, das ihm die Richtung weist, heisst Gottes Ewigkeit. Das Schiff, es fährt vom Sturm bedroht durch Angst, Not und Gefahr, Verzweiflung, Hoffnung, Kampf und Sieg … Und immer wieder fragt man sich: Wird denn das Schiff bestehn? Erreicht es wohl das grosse Ziel? Wird es nicht untergehn?»
In diesem Zusammenhang ist die Beobachtung zumindest interessant, dass nie davon berichtet wird, dass Jesus auf einem Wagen unterwegs war, sehr oft aber wird Sein Reisen auf Schiffen bzw. Booten bezeugt.
Diese Bildsprache passt gut zu unserer heutigen Situation. Wir stellen alle fest, dass sich weltweit die Wolken verdichten und die Wellen höher zu schlagen beginnen. Jemand bemerkte: «Nein, Endzeitszenarien braucht man nicht an die Wand zu malen. Sie sind ja schon längst traurige Realität, von Menschenhand geschaffen!» Und ein anderer meinte dazu: «Da ist ein Sturm am Kommen und sehr wenige sind vorbereitet.»
Der Apostel Paulus ist der Apostel der Nationen und des Leibes Christi. Seine Geschichte steht gewissermassen analog zur Gemeinde. Die Apostelgeschichte berichtet uns seine Bekehrung, seine Mission und schliesslich seine Ankunft in Rom, womit die Apostelgeschichte endet. In den Kapiteln 27 und 28 lesen wir von seiner Gefangennahme und seinem Weg nach Rom, um sich vor dem Kaiser zu verantworten. Es ist umstritten, ob er wirklich nochmals freikam oder ob er nach zwei Jahren in der Todeszelle endete.
Die in Apostelgeschichte 27 und 28 geschilderten Ereignisse auf dem Meer und von der Rettung an Land werfen nun in chronologischer Reihenfolge ein symbolisch-prophetisches Licht auf die Heilsgeschichte und unterstreichen sie insbesondere im Hinblick auf das, worauf sie hinausläuft. – Machen wir uns daher mit Paulus auf die Reise.
Die Gefangenen
«Als es aber beschlossen war, dass wir nach Italien absegeln sollten, überlieferten sie sowohl Paulus als auch einige andere Gefangene einem Hauptmann, mit Namen Julius, von der kaiserlichen Schar» (Apg 27,1).
Was waren das für Gefangene? Wahrscheinlich handelte es sich um Menschen, die nach Rom gebracht wurden, um dort in den Arenen zu sterben. Sehen wir in ihnen nicht ein Bild für die Menschen dieser Welt? Für Gefangene des Teufels? Gefangene in Sünden, Bindungen und Bosheiten, aber auch in Hilflosigkeiten und grossen Nöten. – «Errette, die zum Tod geschleppt werden, und die zur Schlachtbank wanken, halte zurück!» (Spr 24,11).
Die Gefangenen, die mit Paulus reisten, wurden alle durch den Sturm hindurch gerettet. So lesen wir, wie der Apostel sagen konnte: «Und jetzt ermahne ich euch, guten Mutes zu sein, denn kein Leben von euch wird verloren gehen, nur das Schiff. Denn ein Engel des Gottes, dem ich gehöre und dem ich diene, trat in dieser Nacht zu mir und sprach: Fürchte dich nicht, Paulus! Du musst vor dem Kaiser erscheinen; und siehe, Gott hat dir alle geschenkt, die mit dir fahren» (Apg 27,22-24).
Nicht Paulus war mit den anderen unterwegs, sondern sie mit ihm. In gewisser Weise wurden sie zu seinen «Gefangenen». Und so glaube ich – auf uns heute angewandt –, dass alle, die dem Evangelium des Nationenapostels glauben und mit ihm unterwegs sind, gerettet werden. Das Schiff geht unter, Kirchengebäude, Traditionen, Denominationen bleiben zurück. Aber die wirklich Gläubigen innerhalb des Leibes Christi werden erlöst.
Das besondere Evangelium des Apostels Paulus gründet sich auf das Evangelium Jesu, ist aber eine Weiterführung in die vollkommene Gnade. Sein Evangelium – das des Nationenapostels – ist ihm von Jesus gegeben worden und ergänzt die anderen Briefe der Apostel. Und es steht ausser Frage, dass das Evangelium des Paulus ein überragendes Evangelium ist. Damit ignorieren wir nicht die anderen Briefe, aber besonders die Offenbarungen, die Gott Paulus für die Gemeinde gegeben hat, festigen uns in der Heilsgewissheit. Denn wer mit Paulus unterwegs ist, der hat:
Die Ruhe vor dem letzten Sturm
«Und als wir mit Mühe daran entlangfuhren, kamen wir an einen gewissen Ort, Schönhafen genannt, in dessen Nähe die Stadt Lasäa war» (Apg 27,8).
Die Scofield-Bibel nennt den Ort «Guthafen». Die Fahrt dorthin ging nur schleppend voran. Die Winde standen dem Schiff entgegen und es kam nur mit Mühe vorwärts. Das symbolisiert die lange Zeit der Gnade: Guthafen, und zwar bis zur grossen Trübsal. Der Wind des Geistes weht in dieser Zeit mal mehr, mal weniger stark. Mal scheint das Gemeindeschiff nicht von der Stelle zu kommen, mal kommt es zu Erweckungen und Reformationen. Das hat man in der Kirchengeschichte zur Genüge erfahren und das erleben wir auch im persönlichen Leben.
Der Eintritt in die letzte Phase
«Da aber viel Zeit verflossen und die Fahrt schon unsicher war, weil auch die Zeit des Fastens schon vorüber war, ermahnte Paulus sie …» (Apg 27,9).
Es ist bereits viel Zeit verflossen; wir schreiben das Jahr 2022. Und plötzlich sind die Zeiten unsicher geworden. Gerade nach dem Zweiten Weltkrieg haben wir hier im Westen fast nur «Guthafen» erlebt. Wirtschaftsaufschwung, jeder besitzt ein Auto. Wir haben Essen und Trinken in Überfluss. Fast jeder kann sich fast alles leisten. Wir sind sozial abgesichert, die medizinische Versorgung ist auf dem höchsten Stand. Doch plötzlich wird alles unsicher, steht auf wackeligen Beinen, und die gesamte Welt ist verunsichert.
Eine Wirtschaftskrise bahnt sich an, die Inflation nimmt zu. Lebensmittel werden langsam teurer, Ernten fallen aus, es gibt Lieferengpässe. Die Angst und Warnungen vor Stromausfällen nehmen zu. Die Mündigkeit des Bürgers wird ihm scheibchenweise genommen, Kaufen und Verkaufen wird von Zertifikaten abhängig gemacht. Infolge der Corona-Pandemie sind Parteiungen und Spaltungen in der Gesellschaft, bis in die Gemeinden und Familien hinein, entstanden. Überall muss man sich registrieren, Wachpersonal vor öffentlichen Einrichtungen. Hinzu kommen die Flüchtlingswellen. Keiner weiss, wohin das alles führt. Die Rede ist von einer neuen Welt- und Wirtschaftsordnung. Und so manche erkennen den zunehmend marxistischen Einfluss auf Israel und die ganze westliche Welt. Zuerst Demontage des Bisherigen und dann Montage von etwas Neuem.
Passend scheint dazu das «Gedicht vom Schiff»: «Das eilende Schiff, es kommt durch die Wogen wie Sturmwind geflogen; voll Jubel ertönt’s vom Mast und vom Kiele: ‹Wir nahen dem Ziele!› Der Fährmann am Steuer spricht traurig und leise: ‹Wir segeln im Kreise.›»
Klaus J. Stöhlker bemerkte in der Schweizerischen Weltwoche: «Der Niedergang grosser Teile der Schweiz, mag er auch langsam vonstattengehen, ist Teil des entropischen Niedergangs Europas. Unsere grosse Zeit liegt hinter uns. Lasst uns den bunten Sonnenuntergang geniessen […] Die Nacht Europas hat längst begonnen» (Ausgabe 30.21, S. 13).
Die Endzeitereignisse der Offenbarung nehmen Konturen an. Nie wurden wir dermassen an die zukünftigen Ereignisse der Offenbarung erinnert wie in den letzten zwei Jahren.