Der Durchschnittsmensch könnte denken, dass es schwierig wäre, eine antike Stadt zu verlieren. Schliesslich ist das ja nicht so, als würde man eine Brille oder ein Mobiltelefon verlegen. Städte wurden damals aus Ziegeln und Stein gebaut, zwei Materialien, die lange Zeit überdauern. Die Bewohner der Städte verloren Münzen, warfen zerbrochene Töpfe weg und begruben ihre Toten – kurzum, sie hinterliessen Dinge, die heute deutlich machen, dass dort irgendwann in der Vergangenheit Menschen gelebt hatten.
Aber es scheint, dass die Stadt Bethsaida schon immer schwer zu finden war. Ein Teil des Problems bei der Lokalisierung einer antiken Stadt besteht darin, den Namen der Stadt zu kennen. Und Namen können sich im Laufe der Zeit ändern. Im Neuen Testament schreiben die Verfasser der Evangelien von einer Stadt namens Bethsaida. Der Name bedeutet «Haus der Fischerei» oder «Haus der Jagd». Laut Johannes 1,44 war Bethsaida die ursprüngliche Heimatstadt von Philippus, Petrus und Andreas. Und ihre Verbindung zu Bethsaida sollte keine Überraschung sein, denn Petrus und Andreas waren beide Fischer. Aber wo genau lag diese Stadt, und wie lautete ihr offizieller Name?
Der jüdische Historiker Josephus liefert einige Hinweise, die bei der Identifizierung von Bethsaida helfen. Er sagte, dass die Stadt durch Philippus, den Sohn von Herodes dem Grossen, eine physische Umgestaltung und einen neuen Namen erhielt; er «erhob dann den Flecken Bethsaida, der am See Gennesar lag, zum Range einer Stadt, verschaffte derselben Einwohner und Hilfsquellen und nannte sie nach des Caesars Tochter ebenfalls Julias». Mit anderen Worten: Philippus hat die Stadt instand gesetzt und ihren Namen geändert, um die Familie des Herrschers zu ehren, der ihn an die Macht gebracht hat. Josephus erzählt seinen Lesern auch, dass der Jordan «unterhalb der Stadt Julias mitten durch den See Gennesar hindurchfliesst» – das ist der See Genezareth. Die Stadt lag also am Nordufer des Sees Genezareth am Fluss Jordan.
Und doch wusste bis vor Kurzem niemand genau, wo Bethsaida lag. Viele Forscher nehmen heute an, dass ein Ort namens Et-Tell der wahrscheinliche Standort von Bethsaida ist. Andere bezweifeln jedoch die Verbindung zwischen Et-Tell und Bethsaida. Sie haben mindestens zwei weitere mögliche Standorte für die Ortschaft vorgeschlagen. Warum halten sie nichts davon, dass dieser Ort Bethsaida sein soll? Genau wie bei Immobilien ist das Wichtigste dabei die Lage, die Lage, die Lage.
Wenn der Name Bethsaida «Haus der Fischerei» bedeutet, wo ist dann das Wasser? Et-Tell befindet sich über anderthalb Kilometer nördlich des Sees Genezareth. Für die Skeptiker ist die Identifizierung dieses Ortes als Bethsaida ein Marketingtrick, der eines cleveren Immobilien-Projektentwicklers würdig ist, der versucht, die Leute zur Investition in ein zweifelhaftes [im englischen Originaltext: «fishy» als Wortspiel, der Lektor] Projekt zu verleiten. «Ich habe ein Angebot für Sie! Sie können sich am Erdgeschoss unseres neuesten Seeufer-Bauprojekts in Galiläa beteiligen – Haus der Fischerei! Es liegt fast am Ufer des wunderschönen Sees Genezareth!»
Es gibt eine Lösung für dieses Problem. Die Stadt mag heute über anderthalb Kilometer vom See Genezareth entfernt sein, aber in der Antike könnte sie viel näher gelegen haben. Es ist möglich, dass die Sedimente, die den Jordan hinunterflossen, das Gebiet um Bethsaida auffüllten und ein Delta bildeten, das die Uferlinie weiter nach Süden verlagerte. Auch wenn der Ort heute nicht mehr am Wasser liegt, könnte er vor zweitausend Jahren sehr wohl am See Genezareth gelegen haben. Und als wollten Archäologen dabei helfen, diese Tatsache zu untermauern, haben sie an der Ausgrabungsstätte sogar ein Haus freigelegt, in dem sie Angelhaken, Anker und Bleigewichte für Netze fanden.
Aber Bibelleser entdecken vielleicht noch eine zweite zweifelhafte [im englischen Originaltext: «fishy» als Wortspiel, der Lektor] Tatsache über Bethsaida. Im Alten Testament ist keine Ortschaft mit diesem Namen zu finden. Und doch haben Archäologen in Et-Tell Überreste einer bedeuten- den Stadt aus alttestamentlicher Zeit freigelegt. Wie hiess diese Stadt also, bevor sie Bethsaida wurde? Wir wissen es nicht genau, aber Archäologen vermuten, dass es sich um die Stadt Zer handeln könnte, die in Josua 19,35 erwähnt wird. Viele meinen, dass die Stadt, wie auch immer sie heissen mochte, die Hauptstadt eines Königreichs namens Geschur war. Dieses Königreich erstreckte sich vom See Genezareth nach Nordosten bis fast nach Damaskus, und der König, der dort zur Zeit Davids regierte, hiess Talmai. David ging sogar ein Bündnis mit diesem König ein, indem er die Tochter von Talmai heiratete.
Die absolut grösste Fischgeschichte
Die wohl absolut grösste Fischgeschichte aus dieser Stadt ist die über den schleimigen Sohn, der vom Haken gegangen ist. Sie erinnern sich nicht an diese Geschichte? Das werden Sie bald, denke ich, sobald ich ein paar Details beigesteuert habe!
Die Geschichte beginnt genau an diesem Ort, aber Tausend Jahre vor der Zeit Jesu. Damals war dieser Ort die Hauptstadt des Königreichs Geschur. Es war noch früh in Davids Regierungszeit, und er war noch dabei, seinen Thron zu sichern. In der Bibel wird aus dieser Zeit berichtet, dass es «Krieg zwischen dem Haus Sauls und dem Haus Davids» gab (2Sam 3,1). Wir kennen den Ausgang der Geschichte, aber zur damaligen Zeit wussten andere Nationen nicht, wer als Sieger hervorgehen würde. Und in solchen Situationen war es immer besser, sich abzusichern. Das macht die historische Fussnote in 2. Samuel 3 so wichtig. Der Verfasser vermerkt den Anstieg von Davids Stärke und veranschaulicht dies durch die Nennung der sechs Söhne, die David in dieser Zeit geboren wurden (V. 2-5).
Jeder Sohn wurde von einer anderen Frau geboren, was den traurigen Zustand der Ehe in jener Zeit widerspiegelt. Aber der Verfasser hält beim dritten Sohn inne, um ein weiteres Detail zu nennen, das diesen Sohn von den anderen unterscheidet. Der dritte Sohn war «Absalom, der Sohn der Maacha, der Tochter Talmais, des Königs von Geschur» (2Sam 3,3). Zu dieser Zeit schlossen die Könige Bündnisse durch Heirat. Wir wissen nicht, ob David auf Talmai zugegangen war oder Talmai auf David, aber in jedem Fall heiratete David die Tochter des Königs von Geschur und zementierte damit die Beziehung zwischen den beiden Nationen.
Es ist möglich, dass David diesen Ort besucht hat – und auf seinen Strassen umherging. Doch das wissen wir einfach nicht. Aber wir wissen, dass Davids Sohn Absalom hier Zeit verbrachte. In 2. Samuel 13 lernen wir das verräterische Wesen von Absalom kennen, als er den Mord an seinem Bruder Amnon plante. Es war ein erbärmlicher Zeitabschnitt in Davids Familiengeschichte. Amnon hatte Absaloms Schwester Tamar vergewaltigt, und Absalom wollte sich rächen. David hatte es versäumt, gegen Amnon vorzugehen, was falsch war, aber das gilt ebenso für Absaloms Betrug und sein Verlangen, Rache zu üben. Absalom ermordete seinen älteren Bruder, der der Erste in der Thronfolge war, und danach heisst es:
«Absalom aber war entflohen und ging zu Talmai, dem Sohn Ammihuds, dem König von Geschur» (2Sam 13,37).
Drei Jahre lang lebte Absalom im Exil im Königreich Geschur. Er verbrachte drei Jahre damit, über all das nachzudenken, was er getan und was er zurückgelassen hatte. Aber anstatt sein Herz zu erweichen, schien die Zeit an diesem Ort Absalom noch mehr zu verhärten. Schliesslich durfte er nach Jerusalem zurückkehren, und nach zwei weiteren Jahren versöhnte er sich mit David. Oder zumindest dachte David, sie hätten sich versöhnt. David hat Absalom vergeben, aber Absalom hat seinem Vater David nie vergeben. Zuletzt reiste Absalom nach Hebron und verkündete, er sei jetzt König. Was folgte, war ein weiteres trauriges Kapitel, das den letzten Teil von König Davids Herrschaft trübte und Absalom das Leben kostete.
Bei den Ausgrabungen an dieser Stätte entdeckten die Archäologen einen Schrein, der dem Mondgott gewidmet war. Der Schrein befand sich direkt vor dem Stadttor. Die Hörner des Stiers bilden einen Bogen, der die Mondsichel symbolisiert. Leider wurde der Schrein an dieser Stätte von Vandalen beschädigt. Aber zum Glück war der Originalstein bereits in das Israel-Museum in Jerusalem gebracht worden, wo er ausgestellt ist.
Die Stadt umbenennen
Zur Zeit Jesu war die Stadt in Bethsaida umbenannt worden, zumindest bis Herodes’ Sohn Philippus beschloss, sie erneut umzubenennen. Philippus baute zwei Städte in seinem Königreich wieder auf – eine im Norden am Fusse des Berges Hermon und diese im Süden am See Genezareth. Er benannte beide Städte zu Ehren von Cäsar um, dem römischen Kaiser, der ihm geholfen hatte, seine Position als König zu sichern. Er benannte die nördliche Stadt Panias in «Cäsarea Philippi» um, damit sie von der gleichnamigen Stadt an der Mittelmeerküste zu unterscheiden war, die sein Vater erbaut hatte. Philippus benannte auch die Stadt Bethsaida in «Julias» um, zu Ehren von Cäsars Tochter. Die lokale Bevölkerung nannte beide Städte jedoch weiterhin bei ihren ursprünglichen Namen.
Das zweifelhafte Wunder
Matthäus 11 zählt Bethsaida zu den drei Städten, in denen Jesus die meisten seiner Wunder vollbrachte. Aber können Sie ein Wunder nennen, das in Bethsaida geschehen ist? Wenn Sie gut in Bibelkunde sind, werden Sie vielleicht auf Markus 8 kommen. Das ist der Bericht über die Heilung des Blinden durch Jesus, bei dem Jesus das Wunder zweimal vollbringen musste. Aber in dem Abschnitt heisst es, dass Jesus den Mann aus Bethsaida hinaus führte, bevor er das Wunder tat. Technisch gesehen war Jesus also in der Stadt, als der Blinde zu ihm gebracht wurde, aber der Mann wurde nicht in Bethsaida geheilt. Und abgesehen von diesem einen Wunder kennen wir keines der anderen Wunder, die Jesus tatsächlich in dieser Ortschaft vollbracht hat. Wie wir bereits sagten, ist etwas zweifelhaft an der Sache.
In Markus 8 brachten ein paar Leute einen blinden Mann zu Jesus, damit er geheilt wird. Nachdem Jesus den Mann aus dem Ort geführt hatte, berichtet Markus, «spie» er «ihm in die Augen, legte ihm die Hände auf und fragte ihn, ob er etwas sehe» (Mk 8,23). Der Mann antwortete:
«Ich sehe die Leute, als sähe ich wandelnde Bäume!» (V. 24).
Das ist der Punkt, an dem viele ein Problem mit diesem Bericht haben, denn auf den ersten Blick sieht es so aus, als hätte Jesus einen schlechten Tag gehabt. Er versuchte, den Mann zu heilen, aber das Wunder gelang ihm nicht ganz. Jesus musste seine Hände ein zweites Mal auf die Augen des Mannes legen, bevor dieser endlich alles klar sehen konnte.
Ist dies ein Fall, in dem Jesus das Wunder wiederholen musste, um es richtig zu machen? Zum Glück lautet die Antwort: Nein!
Dieses zweistufige Wunder war nicht in erster Linie darauf angelegt, dem Wohl der Ortschaft oder des Mannes, der geheilt wurde, zu dienen. Vielmehr war es eine Veranschaulichung – ein Lehrstück – für die Jünger Jesu. Sie hatten eine gewisse Vorstellung davon, wer Jesus war, aber sie hatten noch vieles zu lernen. Genau wie dieser blinde Mann hatten auch die Jünger nur ein teilweises Sehvermögen, wenn es um ihr Verständnis von Jesus ging. Es war mehr Arbeit nötig, bevor sie klar sehen konnten.
Lektionen aus Bethsaida
Welche Lektionen können wir aus unserer Zeit hier in diesem zweifelhaften «Haus der Fischerei» mitnehmen? Lassen Sie mich zwei vorschlagen – eine aus dem Alten Testament und eine aus dem Neuen Testament. Erstens erinnert uns Absalom daran, dass wir vor Gott nichts auf die lange Bank schieben dürfen. Absaloms Bitterkeit gegen seinen Bruder und danach seine Bitterkeit gegen seinen eigenen Vater führten zu seinem Untergang. Der Verfasser des Hebräerbriefs formuliert es so: «Und achtet darauf, dass nicht jemand die Gnade Gottes versäumt, dass nicht etwa eine bittere Wurzel aufwächst und Unheil anrichtet und viele durch diese befleckt werden» (Hebr 12,15).
Zweitens erinnert uns Bethsaida an die Warnung, die jedem Aktienprospekt beiliegt: «Die bisherige Performance ist keine Garantie für zukünftige Ergebnisse.» Im Neuen Testament war Bethsaida eine wichtige Stadt, die Hauptstadt der Region, die von Herodes Philippus regiert wurde. Sie war eine der drei grössten Städte, in denen Jesus Wunder vollbrachte, und ein Viertel der wichtigsten Jünger Jesu kam aus dieser Stadt. Klingt beeindruckend, nicht wahr? Aber sehen Sie sich diese Stätte heute an. Bethsaida ist eine mahnende Erinnerung daran, nicht mit dem Blick in den Rückspiegel durchs Leben zu fahren. Nicht das, was wir bereits getan haben, ist wichtig, sondern das, was noch vor uns liegt. Gott ist unendlich viel mehr an unserer Zukunft interessiert als an unserer Vergangenheit. Und das zu vergessen, bedeutet, so zu werden wie Bethsaida heute ist – ein blosser Schatten dessen, was es einmal war.
Aus: Das Land des Buches erleben: Eine faszinierende Reise durch Israel, Charles H. Dyer, S. 123–131, beim Verlag Mitternachtsruf erhältlich, ArtikelNr. 180233