Ist der moderne Staat Israel wirklich Teil biblischer Prophetie?

Fr. 22. Oktober 2021

Oft erhalten wir die vorwurfsvolle Frage, woher wir das Recht nehmen, die Prophetie von der Sammlung Israels auf die Gegenwart zu beziehen. Es habe doch immer wieder Rückwanderungen nach Israel gegeben, auch wenn sie von kleinerem Ausmass waren (z.B. aus der Babylonischen Gefangenschaft). Eine Erklärung.

Der Prophet Jesaja kündigte an: «Er wird ein Feldzeichen aufrichten und die Vertriebenen Israels zusammenbringen und die Verstreuten Judas wird er sammeln von den vier Enden der Erde» (Jes 11,12). Es gibt nur einen einzigen Abschnitt in der Weltgeschichte, wo wir von einer weltweiten Rückkehr aus allen vier Himmelsrichtungen nach Israel sprechen können. Kamen die Juden vor der Zeit Christi in ihr Land zurück, so geschah dies immer nur aus einer Himmelsrichtung (Babel) und in einem verhältnismässig kleinen Umfang. Aber ab Ende des 19. Jahrhunderts, infolge des plötzlichen Aufkommens des Zionismus, fing die weltweite Rückkehr der Juden an – genau wie es die Bibel vorausgesagt hatte. Zunächst war dieser Strom noch relativ gering, aber nach den furchtbaren Ereignissen des Nationalsozialismus schwoll er rapide an.

Es war am 5. Januar 1895, auf dem Paradeplatz der Kriegsakademie in Paris. Einem französischen Offizier wurden öffentlich Rangabzeichen des Generalstabs abgerissen und sein Degen wurde mit drastischer Geste zerbrochen. Dazu schrie die zusammengelaufene und aufgebrachte Menge: «Tod dem Juden!» 

Was war geschehen? Aus der französischen Spionageabwehr war hochbrisantes Geheimmaterial des Generalstabs an die Deutschen ausgeliefert worden. Der Chef der französischen Spionageabwehr, Oberst Sandherr, war ein überzeugter Antisemit und als er bei Durchsicht der Namensliste seiner Behörde auf den jüdischen Namen Dreyfus stiess, war für ihn klar: «Nur Juden können einen solch ungeheuren Verrat begannen haben!» 

Alfred Dreyfus wurde in einem Skandalverfahren ohne echte Beweise verurteilt und auf die Teufelsinsel verbannt, wo er unter dem tropischen Klima und schlechten Haftbedingungen litt. Später kam der neue französische Spionageabwehrchef Picquart dem wahren Täter auf die Spur. Obwohl er Dreyfus’ Unschuld bewies, wollte man ihn nicht anhören. Der Jude musste unbedingt auf der Teufelsinsel bleiben. Picquart liess nicht locker. 1906 hatte er endlich Erfolg: Dreyfus wurde anstelle seiner Degradierung zum Ritter der Ehrenlegion geschlagen und rehabilitiert.

Zu den Beobachtern des Scheinprozesses gegen Dreyfus gehörte auch der Korrespondent einer Wiener Zeitung. Dieser Mann war selbst ein Jude. Das Skandalurteil warf bei ihm viele Fragen auf. Er begann über sein Volk nachzudenken, das in alle Welt zerstreut war. Keine Heimstätte, kein Staat, der die Interessen seiner Bürger vertrat und verteidigte. Und so schrieb der Wiener Korrespondent Theodor Herzl seine Broschüre «Der Judenstaat», was ihn zum Begründer des Zionismus und menschlich gesehen zum geistigen Vater von Israels nationaler Wiedergeburt machte.

Mit der Zerstörung Jerusalems durch Titus hatte sich das Gebilde Israel scheinbar in Nichts aufgelöst. Seitdem gab es auch unter Fremdbesatzung keinen jüdischen Staat mehr. Doch nun zeichnete sich mit Theodor Herzl ab, was in Hesekiel 37 vorausgesagt war. Die vertrockneten Gebeine bewegten sich. Gott gebrauchte Herzl, um das zu beginnen, was nach dem prophetischen Zeugnis das Kommen des Messias einleiten sollte, die Sammlung Israels! 

Theodor Herzls Zionismus läutete die geistige Geburt einer jüdischen nationalen Heimstätte ein. Aber damit war noch nichts über den Ort der Heimstätte ausgesagt. So kam es zum zionistischen Kongress in Basel. Fritz Grünzweig gibt den Bericht eines Besuchers wieder: Zu diesem Kongress waren Juden aus ganz Europa zusammengekommen (Händler, Banker …). Sie diskutierten verschiedene Möglichkeiten einer Judenheimstätte (Madagaskar, Afrika). Mitten in der Diskussion rief ein alter Rabbiner das Psalmwort: «Wenn ich dich vergesse Jerusalem, so werde ich meine Rechte vergessen.» Da standen diese mit allen Wassern gewaschenen Männer auf, fielen sich unter Tränen in die Arme und sagten: «Kommt, lasst uns ziehen ins Land der Väter.» Damit war nicht nur die Gründung einer jüdisch nationalen Heimstätte geboren, sondern die Auferstehung des Staates Israel in seinem ursprünglichen Land.

1895 fabrizierte die zaristische Geheimpolizei in Paris auch die sogenannten Protokolle der Weisen aus Zion. Die gefälschten Schriften redeten davon, dass die Juden im Geheimen eine Weltverschwörung planten und die Übernahme der Weltregierung vorbereiteten. Diese angeblich geheimen Protokolle dienten als Vorwand, um Pogrome gegen die osteuropäischen Juden auszulösen. Sie sind ein antisemitistisches «Standardwerk», das eine wichtige Rolle im Dritten Reich spielen sollte. Bis heute werden die Protokolle in den arabischen Ländern gelesen. Auch erwähnen sie manche angeblichen Aufklärungsbücher über das Freimaurertum als Belege. 

1905 bekamen dann die Juden die Schuld für die Niederlage im russisch-japanischen Krieg und später auch den Schwarzen Peter für den Ausbruch der Revolution zugeschoben. Zwischen 1917 und 1920 wurden alleine in der Ukraine mindesten 75.000 Juden hingeschlachtet. In diese Zeit hinein erfolgte eine jüdische Einwanderungswelle aus Russland und Europa in das Gebiet Israels, entstand Tel Aviv und wurden die ersten Kibbuze gebaut. Ausserdem brach der Erste Weltkrieg aus. Das Osmanische Reich, oder besser gesagt der Rest von ihm, ging unter. 400 Jahre hatte das Land Israel unter osmanischer Herrschaft gestanden, nun geriet es als eine Art Niemandsland an den Völkerbund. 1920 erhielt England das Palästinamandat. Dadurch wurde die erste Voraussetzung zur Staatsgründung Israels geschaffen. 

In der Balfour-Deklaration von 1917 war den Juden das Recht auf eine nationale Heimstätte in dem als «Palästina» bezeichneten Gebiet gegeben worden. Das hatte zur Folge, dass zwischen 1919 und 1932 ein neue Einwanderungswelle einsetzte. Mit der zunehmenden Rückwanderung der Juden in ihre Heimat entwickelte sich der jüdisch-arabische Konflikt. In der kurzen Zeit zwischen den beiden Weltkriegen teilten die Engländer das Gebiet Palästina aus machtpolitischen Erwägungen. Aus dem grösseren der beiden Teile entstand 1922 Transjordanien.

Dann stürzte das Naziregime in Deutschland die Welt in eine Katastrophe, die den Ersten Weltkrieg an Grausamkeit und Opfer weit überbot. In dieser Zeit erreichte der Antijudaismus seinen Höhepunkt. Hitlers furchtbarer Holocaust hatte die totale Vernichtung der Juden zum Ziel. Auf schreckliche Weise liess er sechs Millionen Juden in Konzentrationslagern ermorden, davon eine Million Kinder. Der evangelische württembergische Landesbischof Theophil Wurm war einer der wenigen, der eine klare Stellung gegen das Naziregime bezog. Als die furchtbaren Flächenbombardements auf deutsche Städte anfingen, sagte er: «Warum kommt dieses Feuer vom Himmel? Es ist die Strafe für das, was wir an den Juden tun.»

Das Ergebnis des Zweiten Weltkrieges war genau das Gegenteil von dem, was Hitler wollte. Statt der völligen Vernichtung der Juden erlebte drei Jahre später der Staat Israel seine nationale Auferstehung. Hesekiel 37 wurde zu einer Realität: Aus dem Feld der Totengebeine (Auschwitz, Dachau, Bergen-Belsen etc.) kamen die selbst dem Tode nahe Überlebenden. Es war wie ein Öffnen der Gräber (V 11.12). 600.000 Juden gründeten den Staat Israel – der zehnte Teil der jüdischen Opfer, die unter dem Hitlerregime ermordet worden war. 

Die Staatsgründung Israels lässt uns erkennen, wie der lebendige Gott in Seiner Souveränität das gegen Ihn Gerichtete gebrauchte, um Seine Ziele zu erreichen. Der Mann, der die totale Vernichtung des Judentums wollte, musste dazu beitragen, dass Israel seine Auferstehung erlebte. Und als die arabischen Nachbarvölker 1948 im Unabhängigkeitskrieg den noch jungen Judenstaat angriffen, waren die ersten Kampfflugzeuge der israelischen Luftwaffe modifizierte Jäger vom Typ Me 109 aus tschechischer Produktion. Damit hatte das Standardjagdflugzeug aus Hitlers Luftwaffe massgeblichen Anteil an der Verteidigung der Existenz Israels. Wie heisst es so schön in Psalm 2? «Warum toben die Nationen und sinnen Eitles die Völkerschaften? Es treten auf Könige der Erde, und Fürsten tun sich zusammen gegen den Herrn und seinen Gesalbten: Lasset uns zerreissen ihre Bande und von uns werfen ihre Stricke. Der im Himmel thront lacht, der Herr spottet über sie.»

In der Auferstehung des Staates und Volkes Israel sehen wir ein eindrückliches Zeichen für die Erfüllung biblischer Prophetie. Die erste Phase aus Hesekiel 37 ist Wirklichkeit geworden. Die Totengebeine sind zusammengerückt und Fleisch und Haut ist an ihnen gewachsen. Damit warten wir auf die Erfüllung der zweiten Phase: die Errettung Israels und die damit verbundene Bekehrung und geistliche Erneuerung durch den wiederkommenden Herrn. Unser Herr wird auch hier Sein Wort einlösen, und dies könnte sehr bald sein.

«Und ihr werdet erkennen, dass ich der Herr bin, wenn ich eure Gräber öffne und euch aus euren Gräbern heraufkommen lasse als mein Volk. Und ich gebe meinen Geist in euch, dass ihr lebt, und werde euch in euer Land setzen. Und ihr werdet erkennen, dass ich, der Herr, geredet und es getan habe, spricht der Herr» (Hes 37,13–14).

Johannes Pflaum erhielt eine fünfjährige Ausbildung am theologischen Seminar der Liebenzeller Mission. Er gehört zur «Christlichen Gemeinde Sennwald» und ist seit 2000 als Verkündiger und Bibellehrer im Rahmen des «Bibel-Lehr-Dienst» im In- und Ausland tätig.
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