Fromme Bibelkritik Teil 3

Es sind nicht nur die sogenannten «Liberalen», die das Wort Gottes attackieren. Oft verbirgt sich bibelkritisches Denken auch hinter frommen Floskeln, religiösen Traditionen und vermeintlicher Geistlichkeit. Eine Darlegung.

Im Laufe der vergangenen Jahrzehnte hat sich ein Grossteil der westlichen Christenheit von vielen, ehemals sicheren Aussagen der Heiligen Schrift verabschiedet. Zumeist versuchte man dann die entsprechenden Texte der Bibel generell zu umgehen oder es ohne umfassendere Begründung als selbstverständlich hinzustellen, dass man sich heute nicht mehr nach deren Forderungen richte. Gelegentlich wird es sogar als Zeichen geistlicher Flexibilität oder als Fortschritt gefeiert, dass man sich von biblischer Sexualethik (2.Kor 12,21), Prinzipien der Gemeindeleitung (1.Tim 3,1ff.) oder der positiven Wertung von Leid (Phil 1,29; 2.Tim 3,12) verabschiedet hat. Demnach sei es beispielsweise unsinnig, Homosexualität abzulehnen, da man sich doch zwischenzeitlich auch nicht mehr um die Züchtigung von Kindern oder die Kopfbedeckung der Frau (1.Kor 11,3ff.) kümmere.

Eine gewisse Plausibilität kann man dieser Argumentation sicher nicht absprechen. Denn zu Recht stellt sich die Frage, warum die Abschaffung der Sklaverei als sozialer Fortschritt gefeiert wird, obwohl die Bibel diese Form der Unfreiheit nicht prinzipiell ablehnt. Ebenso könnte man in hundert Jahren vielleicht auch die absolute Gleichberechtigung von Frauen in der Gemeinde als wünschenswerte Überwindung veralteter Strukturen werten.

Diese Argumentationsstruktur aber als allgemeingültige Methode der Bibelauslegung zu akzeptieren wirft zahlreiche Probleme auf.

  1. Zukünftig könnte man nach diesem Muster jede Aussage der Bibel relativieren und schliesslich über Bord werfen, selbst wenn es sich um geistlich unverzichtbare Themen handelt. Immer mehr Menschen betrachten es beispielsweise als unerträglichen Ausdruck der Intoleranz, wenn Muslimen generell das ewige Heil abgesprochen wird. Nun könnte man dementsprechend argumentieren, «wenn wir schon die Unauflöslichkeit der Ehe oder die Ablehnung esoterischer Heilverfahren überwunden haben, sollten wir doch auch die Ausschliesslichkeit christlicher Erlösung korrigieren.»
  2. Zu Recht könnte man auch genau gegensätzlich reagieren und den Hinweis auf das Abrücken von deutlichen biblischen Aussagen als geistliche Warnung betrachten. Vielleicht sollten Christen neu darüber nachdenken, ob sie nicht zu vorschnell und zu leichtfertig Forderungen der Heiligen Schrift in den Wind geschrieben haben. Dann würden Christen vielleicht nicht immer mehr Glaubensüberzeugungen aufgeben, sondern wieder zu den klaren Anweisungen der Bibel zurückkehren. Ehrlicherweise müsste man dann sicher auch dazu stehen, dass Gott Sklaverei nicht prinzipiell verurteilt (Phlm), ebenso wenig die Todesstrafe (1.Mo 9,6; Röm 13,4). Sehr wohl aber kritisiert die Bibel ungerechte Arbeitsverhältnisse und Selbstjustiz (Eph 6,9; Kol 4,1).
  3. Ganz allgemein ist die Argumentation: «weil ihr das nicht mehr macht, braucht ihr auch jenes nicht mehr zu beherzigen», logisch nicht stimmig. Jede einzelne theologische Frage muss gesondert und für sich gründlich bedacht und dann beantwortet werden, unabhängig davon, zu welchem Schluss man in einer ganz anderen Angelegenheit gekommen ist.

Eine Form frommer Bibelkritik besteht also darin, deutliche Aussagen der Bibel einfach deshalb nicht zu beachten, weil man auch schon andere Forderungen der Heiligen Schrift übergangen hat. Ganz offensichtlich rechtfertigt ein Ungehorsam oder eine Fehlinterpretation keine andere. Weit eher sollte der Hinweis auf Nichtbeachtung einer biblischen Aussage zur ernsthaften Prüfung führen, ob hier wohlmöglich eine gerechtfertigte Anweisung Gottes übergangen wurde und gegebenenfalls Korrektur erforderlich ist.

Der Kulturfaktor: «In der antiken Kultur hatte dieses Verhalten eine ganz wichtige Bedeutung. Da wir heute aber in einer anderen Kultur leben, ist dieser Brauch unverständlich geworden. Wir sind nicht mehr daran gebunden. Eventuell sollten wir allerdings das dahinterstehende Prinzip beachten.»

Besonders beliebt unter evangelikalen Theologen ist in den letzten Jahrzehnten der Hinweis auf den echten oder vorgeblichen Kontext einer bestimmten Bibelstelle. Besonders häufig finden sich langatmige Erklärungen zur antiken oder altorientalischen Umwelt, wenn am Ende eine eigentlich klare biblische Aussage in ihr Gegenteil verkehrt wird. Regelmässig wird das gemeindliche Publikum mit interessanten Details aus der Welt der Bibel in Erstaunen versetzt. Und tatsächlich können manche Aussagen der Heiligen Schrift besser verstanden werden, wenn man deren historischen, geographischen, politischen, kulturellen und sprachlichen Hintergrund kennt. So ist es für manche Abschnitte der Bibel durchaus von Vorteil zu wissen, wo die Moabiter wohnten (4.Mo 22,3), wie die judäische Wüste aussah (Ps 63,1), warum man Wein in Schläuche füllte (Mt 9,17) oder welche Lehren die Sadduzäer (Mk 12,18ff.) vertraten. Generell sollen diese Informationen dazu dienen, die Aussagen der Bibel besser verständlich zu machen oder gewisse Einzelheiten der Argumentation genauer nachvollziehen zu können. Vorsicht ist jedoch geboten, wenn mit Hinweisen auf die damalige Kultur eine deutliche Aussage der Bibel plötzlich in ihr Gegenteil verkehrt wird. Dann ist es durchaus möglich, dass in der Kultur lediglich nach einem Argument gesucht wurde, um die biblische Forderung in einem vom Ausleger gewünschten Sinne zu verändern.

Ganz allgemein darf nicht vergessen werden, dass jede einzelne Aussage der Bibel in einen konkreten historischen und kulturellen Kontext hineingesprochen wurde. Diese Feststellung hat in den meisten Fällen aber nichts mit der eigentlichen Aussage oder gar der zeitlichen Gültigkeit der jeweiligen Forderung zu tun. Nach eindeutigem biblischem Selbstverständnis spricht Gott durch die Heilige Schrift zu den Menschen, und zwar zu den Menschen aller Kulturen und Zeiten (Ps 119,89.160). Wenn in einem Bibeltext nicht eigens eine kulturelle Bedingung oder zeitliche Befristung genannt ist, sollte der Ausleger durch seine historischen Erläuterungen auch tunlichst keine hineinmogeln. Ob und wieweit eine konkrete biblische Aussage auf historische oder kulturelle Zusammenhänge bezogen ist, sagt noch nichts über deren Gültigkeit für die Gegenwart aus. Über den kulturellen und historischen Rahmen ihrer Entstehung hinaus beanspruchen gerade die lehrmässigen Passagen der Bibel eine überzeitlich, in der Weisheit Gottes verankerte Gültigkeit (1.Petr 1,25).

Beispiel:

  1. Ganz offensichtlich sind die Zehn Gebote in eine ganz besondere geschichtliche Situation zu einem Volk mit spezifischen kulturellen Bräuchen gesprochen worden. Diese Einbindung hat aber kaum einen Einfluss auf die dauerhafte Gültigkeit der Gebote für alle Menschen. Zumindest wird das im Neuen Testament so verstanden (vgl. Mt 5,17ff.)
  2. Das Abendmahl ist biblischer Auskunft entsprechend ein umgedeutetes Passahmahl (Lk 22,15ff.). Im religiös-kulturellen Kontext des neutestamentlichen Judentums waren die Symbolik von Wein und Brot als Fleisch und Blut eines Opfertieres allgemein bekannt. Trotz dieses eindeutigen kulturellen und zeitbezogenen Kontextes wäre es unsinnig, die Abschaffung des Abendmahls zu fordern, weil das im Hintergrund stehende Brauchtum des Judentums heute in Deutschland weitgehend unbekannt ist (vgl. 1Kor 11,17–34).

Wer die körperliche Züchtigung von Kindern (z.B. Spr 13,24; Hebr 12,6f.) oder die Unterordnung der Frau mit dem Argument ablehnt, dass diese Verhaltensweisen lediglich damaligen kulturellen Gepflogenheiten entsprächen und deshalb heute irrelevant seien, wird den deutlichen Aussagen der Heiligen Schrift nicht gerecht, die bei diesen Anweisungen gerade eine überzeitliche, dauerhafte Gültigkeit beansprucht.

Eine Form frommer Bibelkritik besteht also darin, historische oder kulturelle Aspekte aus der Umwelt der Bibel heranzuziehen, um damit die offensichtliche Aussage eines Bibelverses grundsätzlich zu verändern. Vor allem ist ein solches Vorgehen dann illegitim und unsachgemäss, wenn in dem entsprechenden Bibeltext selbst keine geschichtlichen oder kulturellen Gründe angegeben werden. Wenn von dem entsprechenden biblischen Autor hingegen sogar überzeitliche Gründe aus dem Heilsplan Gottes, der Schöpfungsgeschichte oder dem Wesen des Glaubens angegeben werden, ist die Bezugnahme auf kulturelle Faktoren irreführend und wird der Bibel nicht gerecht. Besonders problematisch erscheint es, dass kulturelle Argumente heute regelmässig von evangelikalen Theologen angeführt werden, wenn es darum geht, eine unzeitgemäss empfundene Forderung der Bibel mit dem heutigen Zeitgeist zu versöhnen (z.B. Kindererziehung, Stellung der Frau, Sexualethik).

Die geschichtlichen oder kulturellen Hintergründe sind für die Gültigkeit einer biblischen Forderung nur dann relevant, wenn diese im direkten Kontext oder in der Begründung des Autors erwähnt werden. Wenn der Bibeltext aber auf überzeitliche Prinzipien verweist, wie bei Homosexualität oder Familienordnung, dann spricht alles für eine dauerhafte Gültigkeit der entsprechenden Forderung. Das eigentliche Problem besteht dann zumeist eher in der Bereitschaft, Gott mehr zu vertrauen als den Menschen und die Spannung zur andersartigen Kultur der Gegenwart zu ertragen.

Wie anhand dieser Beispiele deutlich geworden ist, besteht Bibelkritik nicht nur in der rationalistisch geprägten Konzeption der historisch-kritischen Methode, sondern in jedem theologischen Ansatz, der die unmittelbar klaren Aussagen der Bibel uminterpretiert oder gar in ihr Gegenteil verkehrt. Theologie soll dem Christen helfen, die klaren Aussagen der Heiligen Schrift besser zu verstehen und anzuwenden, nicht, sie gemäss des gerade vorherrschenden Zeitgeistes umzudeuten. Wenn Gott beispielsweise ausgelebte Homosexualität mit dem Hinweis auf Ehe und Schöpfung kritisiert, dann dürfen alle theologischen Hinweise auf Sprache, Kultur und Umwelt nicht dazu führen, diese eindeutigen Aussagen als irrelevant für die Gegenwart zu erklären. Das gilt auch für andere gesellschaftlich umstrittene Positionen der Bibel, deren Neutralisierung sich die fromme Bibelkritik bewusst oder unbewusst zum Ziel gesetzt hat.

Christen sollten sich von jeder Form der Bibelkritik fernhalten, nicht nur von der historisch-kritischen Methode. Jede Art der Bibelkritik zerstört das Vertrauen in Gott und Seine Aussagen. Christen müssen es ertragen, dass Gottes Wort nicht immer dem gerade vorherrschenden Zeitgeschmack entspricht. Aber gerade in ihrer Andersartigkeit entfaltet die Bibel ihre notwendige, ideologiekritische Kompetenz. Gerade da, wo sie über das hinausgeht, was auch jeder Nicht-Christ zu wissen meint, gibt sie dem Gläubigen die dringend notwendige Orientierung.

«Dein Wort ist nichts als Wahrheit, alle Ordnungen deiner Gerechtigkeit währen ewiglich» (Psalm 119,160).

Michael Kotsch hat an der FETA Basel studiert und ist seit 1995 Lehrer an der Bibelschule Brake. Er ist Autor mehrerer Bücher und Vorsitzender des Bibelbund e.V.
Zurück