Markus 4,30-34

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 21

Klein wie ein Senfkorn

Vom verborgenen Wachstum des Reiches Gottes

Die frohe Botschaft von Jesus Christus muss geistlich verstanden werden. Es geht dabei nicht in erster Linie um den Kopf, um Studium oder Intellekt, sondern um das Herz. Denn, wie es in Sprüche 1,7 heisst: «Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.»

Diese Wahrheit ist wichtig, wenn wir uns mit den Gleichnissen Jesu beschäftigen. In Markus 4,30-34 spricht Jesus vom Reich Gottes und vergleicht es mit einem Senfkorn: Es beginnt unscheinbar und klein, wächst aber schliesslich zu einer grossen Pflanze heran, in deren Schatten die Vögel des Himmels nisten können.

Warum aber sprach Jesus überhaupt in Gleichnissen?

Warum Jesus in Gleichnissen sprach

Besonders deutlich wird der Hintergrund im Matthäusevangelium. In Kapitel 12 wird berichtet, wie Jesus einen besessenen Mann heilt, der blind und stumm war. Dieses Wunder war mehr als irgendein aussergewöhnliches Ereignis. Es war ein sogenanntes messianisches Wunder – ein Zeichen, das klar auf Jesus als den verheissenen Messias hinwies.

Entsprechend reagierte die Volksmenge erstaunt und fragte sich, ob Jesus nicht tatsächlich der Sohn Davids, der verheissene Erlöser, sei.

Eigentlich hätte es nun nur noch der Bestätigung durch diejenigen bedurft, die geistlich und religiös als Autoritäten galten: die Schriftgelehrten und Pharisäer. Angesichts dessen, was Jesus getan hatte, wäre die naheliegende Antwort gewesen: Seine Taten sprechen eine eindeutige Sprache. Dieser Mann ist der Messias, der Sohn Davids.

Doch diese Bestätigung blieb nicht nur aus – die religiösen Führer behaupteten sogar das Gegenteil.

Sie konnten das Wunder nicht leugnen. Deshalb brauchten sie eine Erklärung dafür, weshalb Jesus trotz dieses offensichtlichen Zeichens nicht der Messias sein sollte beziehungsweise nicht sein durfte. Ihre Erklärung lautete: Jesus treibe die Dämonen durch den Obersten der Dämonen aus.

Mit anderen Worten: Das Übernatürliche wurde anerkannt, aber seine Herkunft wurde verdreht. Das Wunder, so behaupteten sie, komme nicht von Gott, sondern von Satan.

Das war nicht lediglich eine falsche Schlussfolgerung oder ein Irrtum. Es war eine bewusste Verdrehung der Tatsachen: Das Wirken des Geistes Gottes wurde dem Geist Satans zugeschrieben. Darin bestand die Sünde gegen den Heiligen Geist.

Diese Begebenheit wurde zu einem Wendepunkt im öffentlichen Auftreten Jesu. Sie machte deutlich, dass die damalige Generation Israels den Messias verwarf und nicht glauben wollte – selbst angesichts der deutlichsten Zeichen.

In Jesus hatten die Menschen das Wirken Gottes gesehen. In dem, was er sagte und tat, war das Reich Gottes sichtbar und greifbar geworden. Dennoch lehnten sie ihn ab.

Nach dieser bewussten Ablehnung begann Jesus verstärkt in Gleichnissen zu sprechen. Im Matthäusevangelium ist diese Entwicklung besonders deutlich: Auf die Ereignisse in Kapitel 12 folgen in Kapitel 13 die grossen Gleichnisreden.

Als die Jünger Jesus fragten, warum er in Gleichnissen rede, erklärte er ihnen, dass es ihnen gegeben sei, die Geheimnisse des Reiches Gottes zu verstehen, anderen aber nicht.

Der Grund lag nicht in mangelnder Intelligenz. Es ging nicht um den Intellekt, sondern um die Haltung des Herzens. Die Menschen hatten die Beweise gesehen und dennoch abgelehnt. Sie hatten sich dem Reden und Wirken Gottes widersetzt. Sie hörten und waren doch taub; sie sahen und waren doch blind.

Wer einerseits Zeichen fordert, andererseits aber selbst angesichts gegebener Zeichen nicht glauben will, dem bleibt schliesslich nur noch das Zeichen Jonas: das Zeichen von Tod und Auferstehung Jesu Christi.

Was ist das Reich Gottes?

Vor diesem Hintergrund ist das Gleichnis vom Senfkorn zu verstehen.

Jesus fragt in Markus 4, womit das Reich Gottes verglichen werden könne. Matthäus spricht in der Parallelüberlieferung vom «Reich der Himmel». Gemeint ist dasselbe Reich.

Beim Begriff «Himmelreich» denken wir zunächst an die zukünftige und ewige Herrschaft Gottes, an den neuen Himmel und die neue Erde. Doch das Reich Gottes ist nicht ausschliesslich etwas Zukünftiges.

Das Reich Gottes ist dort, wo der König ist.

Deshalb konnte Jesus nach der Austreibung der Dämonen erklären, dass das Reich Gottes zu den Menschen gekommen sei (Mt 12,28). Seine Person und sein Wirken machten die Herrschaft Gottes sichtbar.

Dasselbe wird in Lukas 17 deutlich. Als die Pharisäer Jesus fragten, wann das Reich Gottes komme, antwortete er ihnen: «Denn siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch» (Lk 17,21).

Es war mitten unter ihnen, weil Jesus Christus selbst mitten unter ihnen stand. Wo Jesus ist, dort ist das Reich Gottes.

In diesem Sinn war das Reich Gottes bereits damals auf der Erde gegenwärtig. Mit der Wiederkunft Jesu und dem Anbruch des Tausendjährigen Reiches wird seine Herrschaft erneut sichtbar auf dieser Erde aufgerichtet werden.

Doch auch heute, obwohl Jesus nicht leiblich auf der Erde gegenwärtig ist, ist das Reich Gottes da: in den Gläubigen, in seiner Gemeinde, durch den Heiligen Geist. Christen sind bereits jetzt ihrer Stellung nach Himmelsbürger, obwohl sie noch in dieser Welt leben.

Beim Reich Gottes geht es letztlich um die Herrschaft Gottes. Sie ist bereits heute in den Gläubigen gegenwärtig, wird im tausendjährigen Reich ihren irdischen Höhepunkt erreichen und im neuen Himmel und auf der neuen Erde zu ihrer Vollendung kommen.

Klein und unscheinbar – und doch unaufhaltsam

Vor diesem Hintergrund bekommt das Gleichnis vom Senfkorn seine besondere Bedeutung.

Das Reich Gottes begann klein, unbedeutend und unscheinbar – und unter grossem Widerstand. Doch es wuchs und breitete sich immer weiter aus, trotz aller Versuche, dem Glauben an Christus seine Grundlage zu entziehen.

Wenn man so will, begann alles in einer Krippe, im unbedeutenden Bethlehem Efrata.

Gut drei Jahrzehnte später schien am Kreuz auf Golgatha bereits alles zu Ende zu sein. Doch dann folgten die triumphale Auferstehung Jesu Christi und seine Himmelfahrt. In Jerusalem entstand die erste Gemeinde. Von dort breitete sich die Botschaft weiter aus – nach Judäa, nach Samaria und schliesslich weit über die Grenzen Israels hinaus.

Genau das hatte Jesus seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt angekündigt. In Apostelgeschichte 1,8 verheisst er ihnen die Kraft des Heiligen Geistes und erklärt, dass sie seine Zeugen sein würden: in Jerusalem, in ganz Judäa und Samaria und schliesslich «bis an das Ende der Erde».

Das Reich Gottes begann klein wie ein Senfkorn. Doch aus diesem unscheinbaren Anfang breitete sich das Evangelium über die ganze Welt aus.

Die Vögel des Himmels, die nach dem Gleichnis in den Zweigen der ausgewachsenen Pflanze nisten, können dabei als Bild für die Nationen und Völker verstanden werden, die unter ihrem Schatten Platz finden und von seinem Segen profitieren.

Auch wenn die Welt in vieler Hinsicht von jüdisch-christlichen Werten profitiert hat, werden gläubige Christen vielfach gering geachtet, belächelt, verachtet oder sogar verfolgt.

Im Reich Gottes dagegen sind sie geachtet, wertvoll und kostbar.

Und das gilt nicht erst für das zukünftige Himmelreich. Es gilt bereits heute. Spätestens im tausendjährigen Reich werden schliesslich auch die Völker sichtbar in den Genuss dieser Herrschaft kommen, wenn Jesus Christus selbst mit den Seinen die Herrschaft über diese Erde übernimmt.

«Wie sie es zu hören vermochten»

Am Ende des Abschnitts heisst es in Markus 4,33-34, dass Jesus in vielen solchen Gleichnissen zu den Menschen sprach, und zwar so, wie sie es zu hören vermochten. Seinen Jüngern erklärte er dagegen alles besonders.

Diese Formulierung ist bedeutsam: Jesus vermittelte die göttlichen Wahrheiten so, dass die Menschen sie überhaupt aufnehmen und verstehen konnten.

Denn der menschliche Verstand ist seit dem Sündenfall nicht aus sich selbst heraus in der Lage, geistliche Wahrheiten allein intellektuell zu erfassen.

Das erklärt auch, weshalb selbst hochintelligente, gebildete und ausserordentlich belesene Menschen in geistlichen Fragen zu völlig falschen Schlussfolgerungen gelangen können. Intelligenz allein führt nicht zur Erkenntnis Gottes.

Das Evangelium – die frohe Botschaft von Jesus Christus – muss geistlich verstanden werden.

Paulus schreibt dazu in 1. Korinther 2,14, dass der natürliche Mensch das, was vom Geist Gottes kommt, nicht annimmt. Es erscheint ihm als Torheit, und er kann es nicht erkennen, weil diese Dinge geistlich beurteilt werden müssen.

Der «natürliche Mensch» ist dabei der Mensch ohne Gott. Das ist seit dem Sündenfall der natürliche Zustand des Menschen.

Darum geht es beim Verständnis des Evangeliums nicht zuerst um den Kopf, sondern um das Herz.

Blind für das Offensichtliche

Damit kommen wir noch einmal zum Ausgangspunkt zurück.

Die Menschen zur Zeit Jesu hatten offensichtliche Wunder gesehen und dennoch abgelehnt, was diese Zeichen bedeuteten. Sie hatten das Reich Gottes in Jesus Christus vor Augen und glaubten trotzdem nicht.

Wie viel weniger konnten sie dann die Gleichnisse verstehen?

Wer schon für das Offensichtliche blind ist – wie sollte der das Verborgene erkennen?

Die Gleichnisse Jesu waren deshalb nicht einfach nur anschauliche Geschichten, mit denen komplizierte Wahrheiten leichter erklärt werden sollten. Sie offenbarten Wahrheit und verhüllten sie zugleich. Wer im Glauben zu Jesus kam, durfte mehr erkennen. Wer sich dagegen dem bereits erkannten Licht verschloss, blieb auch gegenüber den tieferen Wahrheiten blind.

Für den Gläubigen bleibt deshalb vor allem Dankbarkeit. Durch den Glauben an Jesus Christus ist uns der Geist Gottes gegeben, damit wir das Geheimnis des Reiches Gottes erkennen und sein Wort verstehen können.

Nicht Studium, nicht Intellekt und nicht menschliche Klugheit sind der Ausgangspunkt geistlicher Erkenntnis.

«Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis» (Spr 1,7).

Darum geht es nicht zuerst um den Kopf, sondern um das Herz.

Thomas Lieth ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Er absolvierte seine theologische Ausbildung an der Bibelschule Neues Leben in Wölmersen/Deutschland. Sein Aufgabenbereich ist die Verlagsarbeit des Missionswerkes.
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