Markus 4,21-25

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 19

Das Licht gehört auf den Leuchter. Markus 4,21-25 zeigt, wie Israel am Licht versagte, die Apostel den Auftrag aufnahmen – und warum die Gemeinde Jesu heute verantwortlich ist, das empfangene Licht weiterzutragen.

Jesus sagt in Markus 4,21-25 zu seinen Jüngern: Eine Lampe wird nicht gebracht, um sie unter einen Scheffel oder unter ein Bett zu stellen, sondern auf den Leuchter. Nichts soll verborgen bleiben, sondern offenbar werden und ans Licht kommen. Darum gilt: Wer Ohren hat zu hören, der höre. Und weiter: Wir sollen darauf achten, was wir hören. Denn mit dem Mass, mit dem wir messen, wird auch uns zugemessen werden. Wer hat, dem wird gegeben; wer aber nicht hat, von dem wird selbst das genommen, was er hat.

Der Zusammenhang: Das Gleichnis vom Sämann

Um diese Worte Jesu richtig einzuordnen, müssen wir auf die vorhergehenden Verse zurückblicken. Dort spricht Jesus im Gleichnis vom Sämann von vier verschiedenen Böden.

Ein Teil des Samens fällt auf den festgetretenen Weg. Vögel kommen und picken ihn auf. Jesus erklärt später, dass hier Satan den Samen wegnimmt, bevor er in den Boden eindringen kann.

Dieses Bild passt zugleich zur damaligen Situation in Israel. Besonders die religiösen Führer, die Pharisäer und Schriftgelehrten, hatten sich in ihren Wegen und Traditionen festgefahren. Das Wort Gottes drang nicht mehr zu ihnen durch und blieb deshalb ohne Frucht.

Ein anderer Teil des Samens fällt auf felsigen Boden. Dort liegt etwas Erde, sodass die Saat schnell aufgeht. Weil sie aber keine Wurzeln bilden kann, verdorrt sie ebenso schnell.

Auch dafür gab es zur Zeit Jesu zahlreiche Beispiele. Viele Menschen waren von seinen Wundern und Zeichen begeistert. Tausende erlebten die Brotvermehrungen. Menschen wollten Jesus folgen und bekannten, an ihn zu glauben. Doch als es um die Tiefe ging, zeigte sich bei vielen, dass keine Wurzel vorhanden war. Johannes 6 berichtet, dass sich viele seiner Jünger von ihm abwandten, als seine Worte ihnen zu hart erschienen. Andere hatten noch «Hosianna!» gerufen und forderten wenig später: «Kreuzige ihn!»

Ein weiterer Teil der Saat fällt unter Dornen. Jesus erklärt diese mit den Sorgen dieser Welt und dem Betrug des Reichtums. Auch das entsprach der Situation im damaligen jüdischen Volk. Manche Menschen hätten sich Jesus anschliessen wollen, fürchteten jedoch die Konsequenzen. Wer sich offen zu ihm bekannte, musste damit rechnen, aus der Synagoge ausgeschlossen zu werden.

Hinzu kamen politische Sorgen: Was würde geschehen, wenn die Bewegung um Jesus immer grösser würde? Würden die Römer eingreifen und ihre Stellung, ihre Stadt oder ihre bisherigen Verhältnisse gefährden?

Und schliesslich gab es die Macht des Geldes. Judas scheiterte daran. Auch der reiche junge Mann ging traurig von Jesus weg, weil sein Herz an seinem Besitz hing.

Diese Bilder des Gleichnisses spiegeln somit die Situation wider, in der Jesus unter seinem Volk wirkte.

Doch es gibt noch den vierten Boden: gute, weiche Erde. Dort fällt der Same hinein und bringt Frucht. In diesem Zusammenhang können wir dabei besonders an die Jünger und Apostel Jesu denken – vor allem an die Elf, wenn wir Judas ausnehmen. Sie werden nun dazu berufen, Lichter zu sein und ans Licht zu bringen, was bisher verborgen war.

Später erfüllten sie diesen Auftrag unter anderem dadurch, dass die Evangelien und die apostolischen Briefe entstanden. Was in der Zeit Jesu geschehen war und welche Wahrheiten Gott offenbaren wollte, wurde auf diese Weise weitergegeben.

Israels Berufung zum Licht

Vor diesem Hintergrund bekommt das Bild von der Lampe in Markus 4 sein besonderes Gewicht.

Israel war dazu berufen, Licht für die Nationen zu sein. Besonders deutlich wird das in Jesaja 60: «Mache dich auf, werde Licht! Denn dein Licht kommt.» Die Herrlichkeit des Herrn sollte über Israel aufgehen, und die Völker sollten zu diesem Licht kommen.

Mit dem ersten Kommen Jesu geschah Entscheidendes: Das Licht kam zu Israel. Jesus selbst sagt in Johannes 8,12: «Ich bin das Licht der Welt.»

Indem Jesus als Licht der Welt zu Israel kam, sollte Israel selbst erleuchtet werden und wiederum Licht für die Welt sein.

Doch genau das geschah nicht.

Das Volk – insbesondere seine geistlichen Führer – verwarf das Licht, das in Jesus Christus zu ihm gekommen war. Das Licht wurde gewissermassen unter den Scheffel gestellt, statt auf den Leuchter.

Johannes beschreibt diese Situation mit den Worten: «Und das Licht leuchtet in der Finsternis, und die Finsternis hat es nicht begriffen» (Joh 1,5).

Jesus war mitten unter ihnen, doch sie lehnten ihn ab. Deshalb wurden sie auch selbst nicht zu dem Licht, zu dem sie berufen waren.

Die Folge war Gericht. Johannes 3,19 bringt den Grund dafür auf den Punkt: Das Licht war in die Welt gekommen, aber die Menschen liebten die Finsternis mehr als das Licht, weil ihre Werke böse waren.

Sie wollten das Licht nicht. Es stand ihnen im Weg.

Die Apostel übernehmen den Auftrag

Was geschieht nun?

An die Stelle derjenigen, die eigentlich hätten leuchten sollen und Jesus dennoch verwarfen, treten seine Apostel. In den Evangelien repräsentieren sie zunächst den treuen Überrest Israels. Mit diesem Überrest führt der Herr seine Geschichte weiter.

Darum sagt Jesus in der Parallelstelle Matthäus 5,14 zu seinen Jüngern: «Ihr seid das Licht der Welt.»

In den Evangelien stehen die Apostel zunächst ganz im Zusammenhang mit Israel. Erst später werden sie nach Epheser 2 zugleich als Fundament der neutestamentlichen Gemeinde sichtbar, wobei Jesus Christus selbst der Eckstein ist.

Mit Pfingsten begann sich der Auftrag der Apostel öffentlich zu entfalten. Sie hoben das Licht gewissermassen auf den Leuchter. In den ersten Kapiteln der Apostelgeschichte breitet sich das Evangelium zunächst unter dem jüdischen Volk aus und erreicht schliesslich auch Juden in der Diaspora.

Dann erwählte Gott einen Juden namens Saulus, Paulus. Er wurde in besonderer Weise zum Apostel für die Heiden und brachte das Licht des Evangeliums in die nichtjüdische Welt.

Die apostolische Zeit ging schliesslich zu Ende. Nun folgte die nachapostolische Zeit – die Zeit der Gemeinde Jesu.

Damit tragen heute wir als Gemeinde weiter, was Israel ursprünglich sein sollte und was die Apostel in ihrer Zeit waren. Die Fackel wurde weitergegeben.

Paulus schreibt in Philipper 2,15, dass die Gläubigen inmitten eines verdrehten und verkehrten Geschlechts «wie Lichter in der Welt» scheinen sollen.

Das ist unsere Bestimmung.

Wir leben in der Finsternis dieser Welt und sollen sie erhellen.

Doch nur wer selbst Licht empfangen hat, kann seine Umgebung erhellen. Nur wer selbst erleuchtet ist, kann leuchten. Nur wer selbst entzündet ist, kann andere entzünden.

Nichts soll verborgen bleiben

Damit kommen wir zum nächsten Gedanken Jesu: Nichts ist verborgen, das nicht offenbar werden soll. Nichts bleibt geheim, das nicht ans Licht kommen soll.

Was bedeutet das in diesem Zusammenhang?

Während Israel versagt hatte, sollten die Apostel das ihnen anvertraute Licht weitertragen. Wahrheiten, die zunächst noch verborgen waren, sollten durch sie offenbart und ans Licht gebracht werden.

Im Verlauf der apostolischen Zeit wurde ihnen immer mehr anvertraut. Sie empfingen weitere Erkenntnis und legten sie in ihren Briefen dar.

Bemerkenswert ist, dass Jesus an dieser Stelle sagt: «Wer Ohren hat zu hören, der höre!»

Eine sehr ähnliche Aufforderung begegnet uns später wieder in der Offenbarung: Wer ein Ohr hat, soll hören, was der Geist den Gemeinden sagt.

Darin liegt ein Zusammenhang. Im letzten Buch der Bibel wird die Offenbarung zum Abschluss gebracht. Was zuvor nach und nach offenbar geworden war, liegt schliesslich vollständig vor. So erfüllt sich der Grundgedanke: Was verborgen war, sollte offenbar werden; was geheim war, sollte ans Licht kommen.

Mit dem Abschluss der biblischen Offenbarung haben wir das Licht empfangen, das Gott uns in seinem Wort geben wollte.

«Achtet auf das, was ihr hört!»

Unmittelbar nach der Aufforderung zum Hören sagt Jesus: «Achtet auf das, was ihr hört!»

Die Jünger sollten nicht denselben Fehler machen wie die Pharisäer, Schriftgelehrten und Ältesten des Volkes.

Diese hatten Gottes Wort zwar gehört, es aber nicht in der richtigen Weise zu Herzen genommen und selbst danach gelebt. Stattdessen legten sie anderen Menschen schwere Lasten auf. Schliesslich ernteten sie entsprechend ihrem eigenen Handeln und verloren alles.

Das sollte den Aposteln nicht geschehen.

Und diese Warnung gilt ebenso uns.

Was uns an Wahrheit anvertraut worden ist, dürfen wir nicht verbiegen oder sektiererisch gebrauchen. Wir sollen damit im Sinn des Geistes umgehen, der die Schrift inspiriert hat. Dazu gehört immer auch die Liebe.

Das Licht, das Gott uns schenkt, bringt deshalb Verantwortung mit sich. Es ist uns nicht gegeben worden, um uns über andere zu erheben, sondern um einander zu erbauen.

Wenn wir auf Gottes Wort hören und richtig damit umgehen, werden wir weitergeführt. Das ist ein göttliches Prinzip. Die Bibel fordert uns an vielen Stellen auf, in Liebe, Gnade, Glauben, Erkenntnis und Gehorsam zu wachsen.

Zum richtigen Umgang mit Gottes Wort gehört deshalb auch, unseren Mitmenschen würdevoll zu begegnen. Statt einer Haltung wie bei den Pharisäern sollen Barmherzigkeit und Liebe unser Verhalten bestimmen.

Und dazu gehören gute Werke.

Das sichtbare Licht guter Werke

Gute Werke haben in den apostolischen Briefen einen hohen Stellenwert. Sie können uns nicht retten. Aber wenn wir gerettet sind, sollen sie in unserem Leben sichtbar werden.

Sie lassen etwas von dem Licht erkennen, das in uns ist.

Martin Luther soll gesagt haben: «Gott braucht deine guten Werke nicht, aber dein Nächster.»

Genau darum geht es auch in Matthäus 5,16. Jesus fordert seine Jünger auf, ihr Licht so vor den Menschen leuchten zu lassen, dass diese ihre guten Werke sehen und dadurch den Vater im Himmel verherrlichen.

Christliches Licht bleibt also nicht theoretisch. Es wird sichtbar. Es zeigt sich darin, wie wir leben, wie wir anderen begegnen und was wir für sie tun.

Wer hat, dem wird gegeben

Dann sagt Jesus: «Denn wer hat, dem wird gegeben werden.»

Die Apostel hatten gehört. Sie hatten geglaubt. Petrus hatte ausgesprochen: «Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte ewigen Lebens.»

Und sie setzten das Gehörte später in die Tat um.

Denken wir an die Pfingstpredigt und an die ersten Kapitel der Apostelgeschichte. Wie mutig traten die Apostel auf! Sie liessen sich nicht zum Schweigen bringen. Und sie erlebten tatsächlich: Wer hat, dem wird gegeben.

Sie empfingen mehr, konnten mehr weitergeben und die Gemeinde wuchs.

Auf der anderen Seite stand das Volk, das das Licht verworfen hatte. An ihm wurde der zweite Teil des Wortes sichtbar: «Wer aber nicht hat, von dem wird auch das genommen werden, was er hat.»

Jesus ging von ihnen weg. Schliesslich wurde ihnen auch das genommen, was sie noch besassen, und das Evangelium breitete sich unter den Nationen aus.

Darin liegt eine ernste Konsequenz: Mit empfangenem Licht müssen wir verantwortlich umgehen.

Wie wir das Licht heute verdecken können

Zum Schluss stellt sich die ganz praktische Frage: Was bedeutet es für uns heute, das Licht unter einen Scheffel oder unter ein Bett zu stellen?

Wir sind dazu berufen, Lichter in dieser Welt zu sein. Trotzdem können wir dieses Licht verdecken.

Der Scheffel war damals ein Getreidemass. Stülpte man ihn über eine Lampe, wurde ihr Schein abgedeckt oder das Licht sogar ausgelöscht.

Das lässt sich unmittelbar auf unser Leben übertragen.

Wir können Dinge über das Licht stellen, die uns wichtiger werden als Christus und sein Auftrag. Dazu kann unser eigenes Ich gehören: Hochmut, Stolz oder Selbstbezogenheit.

Auch die täglichen Geschäfte können zum Scheffel werden. Getreide steht für etwas Lebensnotwendiges und führt uns damit zu Wirtschaft, Beruf, Versorgung und Alltag. All diese Dinge haben ihre Berechtigung. Wir müssen arbeiten und unseren Lebensunterhalt bestreiten.

Doch wenn sie wichtiger werden als das Licht selbst, wenn unser Denken nur noch um diese Dinge kreist, wird das Licht verdeckt.

Das Gleiche gilt für materielle Sorgen und für Oberflächlichkeiten. Alles, was wir über das Licht stellen, kann seinen Schein nach aussen schwächen.

Das Licht unter dem Bett

Jesus nennt noch einen zweiten Ort, an den niemand vernünftigerweise eine Lampe stellen würde: unter das Bett.

Ein Bett steht für Ruhe und Schlaf. Auch darin liegt für uns eine geistliche Warnung.

In Matthäus 25 heisst es von den zehn Jungfrauen: «Sie schliefen alle ein.»

Auch wir können geistlich müde werden.

Wir können lau werden und unsere Augen vor den Nöten unserer Mitmenschen verschliessen. Das Geschehen in dieser Welt kann aufhören, uns wirklich zu bewegen. Es treibt uns dann nicht mehr ins Gebet. Wir verlieren den Drang, Menschen anzusprechen und ihnen das Evangelium zu bringen. Geistliche Vision geht verloren.

Dann stellen wir unser Licht gewissermassen unter das Bett.

Das Licht ist jedoch nicht dafür da, verborgen zu werden. Es gehört weder unter den Scheffel noch unter das Bett. Es soll auf den Leuchter gestellt werden, damit es leuchtet und alle im Haus davon erreicht werden.

Die Gemeinde Jesu hat Licht empfangen. Darin liegt zugleich ihre Berufung: dieses Licht nicht für sich zu behalten, sondern es sichtbar werden zu lassen – in der Wahrheit, in der Liebe, in guten Werken und in der Weitergabe des Evangeliums.

Das Licht gehört auf den Leuchter.

Norbert Lieth absolvierte seine theologische Ausbildung an der Bibelschule des Mitternachtsruf in Südamerika und war dort auf verschiedenen Missionsbasen tätig. Ein zentraler Punkt seines weltweiten Verkündigungsdienstes ist das prophetische Wort Gottes.
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