Warum Jesu Jünger nicht fasteten und was neuer Wein mit alter Gesetzlichkeit zu tun hat
Im Markusevangelium begegnen wir einer Frage, die auf den ersten Blick ganz praktisch klingt, in Wirklichkeit aber tief in das Zentrum des Evangeliums führt. In Markus 2,18-22 geht es um Fasten, aber nicht nur um Fasten. Es geht um eine Zeit, die damals war, um die Gegenwart Jesu unter seinem Volk und um eine Zeit, die noch kommen sollte.
Die Jünger des Johannes fasteten. Auch die Jünger der Pharisäer fasteten. Doch die Jünger Jesu taten es nicht. Das fiel auf. Deshalb kamen Menschen zu Jesus und fragten ihn: Warum fasten die einen, deine Jünger aber nicht?
Diese Frage klingt zunächst wie ein Vorwurf: Sind deine Jünger nicht fromm genug? Nehmen sie den Glauben nicht ernst genug? Sind sie weniger geistlich als die anderen?
Jesus antwortet nicht mit einer Verteidigung seiner Jünger, sondern mit einem Bild: Können Hochzeitsgäste fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist? Solange der Bräutigam da ist, wird gefeiert. Fasten passt nicht zu einer Hochzeit. Doch Jesus fügt hinzu: Es werden Tage kommen, da wird der Bräutigam von ihnen weggenommen werden. Dann werden sie fasten.
Damit öffnet Jesus den Blick für etwas Grösseres: Das Fasten der Jünger ist nicht einfach eine religiöse Übung, die man abhakt. Es hängt mit der Frage zusammen, wer Jesus ist und in welcher Zeit man lebt.
Fasten im Alten Testament
Das hebräische Wort für Fasten hat unter anderem mit Demütigung, Beugung und Selbsterniedrigung zu tun. Fasten war im Alten Testament keineswegs unbekannt. Interessanterweise wurde es aber nur in einem bestimmten Zusammenhang ausdrücklich von Gott geboten: am Versöhnungstag.
In 3. Mose 16,29-31 geht es um diesen heiligen Tag. Der Hohepriester trat in das Allerheiligste. Opfer wurden gebracht, zuerst für ihn selbst und seine Familie, dann für das ganze Volk. Mit Blut ging er vor Gott. Es war ein Tag der Gottesbegegnung, aber nicht leichtfertig, sondern mit Furcht und Zittern. Man wusste: Wir haben es mit dem lebendigen Gott zu tun.
Heilsgeschichtlich weist dieser Versöhnungstag klar auf Golgatha hin: auf das vollkommene Opfer Jesu Christi, auf sein Blut, das vergossen wurde, um uns zu erlösen. Der Vorhang, der den Zugang zum Allerheiligsten verschloss, zerriss von oben nach unten. Der Weg zu Gott wurde durch Christus geöffnet.
An diesem einen Tag war Fasten mit Gebet verbunden von Gott geboten. Darüber hinaus sehen wir im Alten Testament zwar viele Beispiele für Fasten, aber nicht als regelmässiges, direkt befohlenes Ritual.
Gefastet wurde in Zeiten nationaler Not und drohenden Gerichts. In Joel 1 und 2 ruft Gott sein Volk zum Fasten, Weinen und Umkehren auf. Fasten ist dort Ausdruck von Busse.
Auch Heiden fasteten: In Jona 3 reagieren die Menschen von Ninive auf Jonas Gerichtsbotschaft mit Umkehr. Sie fasten – sogar die Tiere werden in diese ernste Busshaltung einbezogen. Sie hatten verstanden: Wenn wir vor Gott treten wollen, dann nur in der Erkenntnis unserer Schuld.
Auch bei Josafat begegnet uns Fasten. In 2. Chronik 20,3 ruft der König angesichts feindlicher Bedrohung ein Fasten aus. Das Volk sucht Gott in seiner Not.
In Ester 4,16 fasten Ester und die Juden, bevor sie zum König geht. Auch hier ist Fasten mit Gebet verbunden. Es ist ein Hilferuf zu Gott.
Weiter finden wir Fasten als Ausdruck von Trauer und persönlicher Demütigung. In 1. Samuel 7,6 fastet das Volk in Mizpa wegen seiner Sünden. David fastet, als sein Kind krank ist. Nehemia fastet und betet, als er von den Trümmern Jerusalems hört. In Psalm 35,13 ist Fasten mit dem Sich-Beugen vor Gott verbunden. Auch Daniel fastet, während er vor Gott auf Antwort wartet und sich vor ihm demütigt.
Fasten hat also sehr wohl seinen Platz. Aber in diesen Beispielen ist es nicht eine religiöse Pflichtübung, sondern Ausdruck einer inneren Not: Schuld, Gericht, Krieg, Trauer, Suche nach Gottes Führung. Fasten ist dort nicht Selbstzweck, sondern eine Haltung vor Gott.
Wenn Fasten religiöse Form wird
Später kam im Volk Israel eine weitere Art des Fastens auf. In Sacharja 7,5 fragt Gott sein Volk: Wenn ihr im fünften und siebten Monat gefastet habt, habt ihr wirklich für mich gefastet?
Während der babylonischen Gefangenschaft hatten sich bestimmte Fastentage etabliert. Im vierten Monat erinnerte man sich an den Durchbruch der Mauern Jerusalems, im fünften an die Zerstörung des Tempels, im siebten an die Ermordung Gedaljas und im zehnten an den Beginn der Belagerung Jerusalems. Diese Fastentage waren mit Trauer und Erinnerung verbunden.
Doch mit der Zeit wurde Fasten immer stärker Teil einer religiösen Kultur. Zur Zeit Jesu fasteten die Pharisäer zweimal in der Woche. In Lukas 18,12 sagt der Pharisäer im Gleichnis: Er faste zweimal in der Woche und gebe den Zehnten von allem, was er einnehme.
Gerade darin zeigt sich die Gefahr. Jesus hatte in Matthäus 6 gewarnt: Fasten soll nicht zur Schau gestellt werden. Es soll vor Gott geschehen. Nicht als religiöse Leistung vor Menschen, sondern als Ausdruck eines Herzens, das Gott sucht.
Natürlich kann eine Gemeinde gemeinsam fasten. Auch Familien oder einzelne Gläubige können mit einem Anliegen vor Gott treten. Aber das Fasten, das Jesus hier kritisiert, ist ein anderes: Fasten aus Tradition, Fasten als religiöse Selbstdarstellung, Fasten als Gesetzlichkeit.
Diese Gefahr gibt es nicht nur im Judentum. Auch im Christentum kann Fasten zu blosser Religiosität werden. Man denke an eine Fastenzeit vor Ostern, die äusserlich fromm wirkt, während vorher noch bewusst «das Fleisch» ausgelebt wird. Wenn Fasten nicht mit echter Busse, Trauer und Gottesfurcht verbunden ist, wird es sinnlos. Dann bleibt Religion, aber nicht das, was Gott sucht.
Warum fasten Jesu Jünger nicht?
Vor diesem Hintergrund bekommt die Frage in Markus 2 ihr Gewicht: Die Jünger des Johannes fasten, die Pharisäer fasten, aber die Jünger Jesu nicht.
Jesus antwortet mit dem Bild der Hochzeit. Bei einer Hochzeit wird nicht gefastet. Wenn der Bräutigam da ist, wird gefeiert. Niemand käme auf die Idee, an einer Hochzeit das Essen abzulehnen und zu sagen: Heute fasten wir.
Doch Jesus sagt mehr als nur: Jetzt ist eine fröhliche Zeit. Er nennt sich selbst den Bräutigam.
Das war für jüdische Hörer ein starkes Bild. Im Alten Testament ist der Bräutigam letztlich Gott selbst. Jahwe ist der, der sich Israel als seine Braut nimmt. Dieses Bild begegnet unter anderem in Jesaja 54, Jesaja 62, Hosea 2 und Hesekiel 16.
Wenn Jesus sich als Bräutigam bezeichnet, erhebt er damit einen gewaltigen Anspruch. Er sagt nicht nur: Ich bin ein Lehrer. Er zeigt: Der Bräutigam ist da. Gott selbst ist in der Mitte seines Volkes gegenwärtig.
Das ist eine der grossen Botschaften der Evangelien: Jesus ist Gott. Im Johannesevangelium wird dies besonders stark betont, aber auch Markus zeigt es. Jesus tritt auf mit göttlicher Autorität. Wenn er sagt: Der Bräutigam ist da, dann heisst das: Die Zeit der Erfüllung ist angebrochen. Das Reich Gottes ist nahe. Eine neue Ära beginnt.
Doch Jesus deutet zugleich an, dass diese sichtbare Gegenwart nicht so bleiben wird. Der Bräutigam wird weggenommen werden. Damit weist er auf sein Leiden, seinen Tod und seine Himmelfahrt voraus. Dann wird für die Jünger eine Zeit kommen, in der Fasten wieder seinen Platz haben wird.
In der Apostelgeschichte sehen wir genau das: Die Jünger verharren in Gebet und Flehen. In Apostelgeschichte 13 und 14 begegnen uns Fasten und Beten im Zusammenhang mit wichtigen Entscheidungen und geistlicher Not. Im Neuen Testament wird Fasten jedoch nicht als allgemeines Gebot für alle Christen festgelegt. Es bleibt wichtig, aber im richtigen Kontext, in der richtigen Haltung und vor Gott.
Neuer Flicken auf altem Kleid
Nun erklärt Jesus mit zwei weiteren Bildern, warum das alte religiöse System nicht einfach mit dem Neuen vermischt werden kann.
Zuerst spricht er vom Flicken auf einem alten Kleid. Niemand näht ein Stück neuen Stoff auf ein altes Gewand, denn der neue Flicken würde sich vom alten lösen, und der Riss würde schlimmer werden.
Für uns klingt dieses Bild vielleicht fremd. Unsere Kleiderschränke sind oft übervoll. Kleidung wird schnell gekauft, kaum getragen und wieder weggegeben. Zur Zeit Jesu war das anders. Kleidung war kostbar. Man trug sie lange, pflegte sie und flickte sie sorgfältig.
Aber man konnte nicht einfach ein neues Stück Stoff auf ein altes Kleid nähen. Das alte Kleid war bereits getragen, gewaschen und gedehnt. Der neue Stoff dagegen würde sich noch verändern. Wenn er sich zusammenzieht oder anders arbeitet als das alte Material, reisst er das alte Kleid weiter auf. Am Ende ist beides beschädigt: der neue Flicken und das alte Gewand.
Was meint Jesus damit?
Das alte Kleid steht für das alte religiöse System: für Gesetzlichkeit, für die Traditionen der Pharisäer und letztlich auch für das Gesetz Mose, wenn es als Weg verstanden wird, vor Gott bestehen zu können.
Das Gesetz ist nicht schlecht. Es zeigt, wie heilig Gott ist. Aber es macht uns auch schuldig. Es zeigt uns, dass wir vor Gott nicht aus eigener Kraft bestehen können.
Der neue Flicken steht für die Botschaft Jesu: den neuen Bund, Gnade, Vergebung, Erneuerung. Das ist nicht etwas, das man einfach an das Alte annähen kann. Das Evangelium ist kein Zusatz zu menschlicher Frömmigkeit. Es ist kein frommer Aufsatz auf Gesetzlichkeit.
Wer versucht, das eine mit dem anderen zu vermischen, richtet geistlichen Schaden an. Das Gesetz sagt: Du musst tun, um vor Gott zu bestehen, und zeigt zugleich, dass du es nicht kannst. Jesus sagt: Ich habe alles für dich vollbracht. Gnade. Vergebung. Freiheit.
Das Evangelium kann nicht einfach in das alte System eingepasst werden. Das Gesetz macht schuldig. Christus macht frei.
Neuer Wein in neuen Schläuchen
Dann bringt Jesus ein zweites Bild: Niemand füllt neuen Wein in alte Schläuche. Sonst zerreisst der Wein die Schläuche, der Wein läuft aus, und auch die Schläuche verderben. Neuer Wein gehört in neue Schläuche.
Damals wurde Wein nicht in Glasflaschen gelagert, sondern in Schläuchen aus Tierhaut, oft aus Ziegenhaut. Die Haut wurde vorbereitet, zugenäht und als lederner Behälter verwendet. Neue Schläuche waren elastisch und konnten sich dehnen. Das war wichtig, weil junger Wein noch gärte und dabei Druck entstand.
Alte Schläuche waren dagegen spröde und unelastisch. Wenn man neuen Wein hineinfüllte, platzten sie. Dann war alles verloren: der Wein und der Schlauch.
Auch hier ist die Aussage klar: Das Evangelium Christi kann nicht in die alten Formen gesetzlicher Religion hineingepresst werden. Jesus bringt nicht einfach einen Flicken für das alte System. Er bringt nicht neuen Wein, damit er in alte Schläuche gefüllt wird. Er bringt etwas Neues.
Darum sprechen wir vom neuen Bund und vom Neuen Testament.
Interessanterweise findet sich auch im jüdischen Denken die Vorstellung, dass die Tora, die ein Mensch in diesem Zeitalter lernt, nichts ist gegenüber der Tora des Messias. Mit dem Kommen des Messias beginnt etwas Neues. Das Alte hat dann nicht mehr denselben Platz.
Paulus: Alles andere für Schaden geachtet
Paulus ist ein starkes Beispiel dafür. Wenn jemand die alten Schläuche kannte, dann er. Er war Jude, Pharisäer, ein Eiferer für das Gesetz und die Traditionen. Er kannte das religiöse System von innen. Er setzte alles daran, durch eigene Kraft vor Gott bestehen zu können.
Doch als er Christus erkannte, änderte sich alles. In Philipper 3 schreibt er, was ihm einst Gewinn war, das hat er um Christi willen für Schaden geachtet. Ja, er achtet alles für Verlust gegenüber der alles übertreffenden Erkenntnis Christi Jesu, seines Herrn.
Das, was ihm früher Identität, Sicherheit und religiösen Stolz gegeben hatte, trat zurück. Nicht, weil alles daran böse gewesen wäre, sondern weil das Vollkommene gekommen war: Christus selbst.
Paulus hatte verstanden: Durch Christus bin ich gerecht vor Gott. Durch Christus habe ich Zukunft. Durch Christus habe ich eine Zuversicht, die mir niemand nehmen kann. Das Kreuz von Golgatha, die Erlösung durch Jesus Christus, das ist der neue Bund.
Darum ist Paulus im Galaterbrief so entschieden. In Galater 1,8 sagt er, dass selbst dann, wenn ein Engel vom Himmel ein anderes Evangelium verkündigen würde, dieser verflucht sei. Wenn es um die rettende Botschaft des Evangeliums geht, kennt Paulus keinen Kompromiss.
Denn genau hier liegt die Gefahr: alter Schlauch und neuer Wein, altes Kleid und neuer Flicken. Gesetzlichkeit und Evangelium lassen sich nicht zu einem heilsamen Mischsystem verbinden.
Die Gefahr bleibt aktuell
Das ist auch eine Warnung an uns. Wir Menschen sind religiöse Wesen. Das ist an sich nicht schlecht. Aber wir neigen dazu, in Gesetzlichkeit zu fallen. Wir beginnen zu denken: Weil ich dies tue, bin ich vor Gott wohlgefällig. Weil ich faste, bete, gebe oder bestimmte Regeln einhalte, stehe ich besser vor Gott da.
Doch das christliche Leben wird nicht durch Gesetzlichkeit getragen, sondern durch den Geist Gottes. Die Frucht des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Langmut, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut und Selbstbeherrschung. Diese Frucht soll in uns sichtbar werden, aber sie entsteht nicht durch religiösen Druck, sondern durch Gottes Gnade und seinen Geist in uns.
Gerade wer aus einem religiösen Hintergrund kommt, kennt diese Spannung. Auch unter messianischen Juden kann man sie erleben: Auf der einen Seite steht die Identität als Jude, auf der anderen die Freiheit in Christus. Dabei besteht die Gefahr, zum Alten zurückzukehren und wieder abhängig zu werden vom Gesetz. Dann geht die Freiheit in Christus verloren.
Solche Mischungen gehen meistens auf Kosten der Gnade.
Darum bleibt die Botschaft von Markus 2 so wichtig: Der Bräutigam ist gekommen. Christus bringt nicht bloss eine Verbesserung alter Formen. Er bringt den neuen Bund. Er schenkt Gnade, Vergebung und Freiheit.
Deshalb sollen wir bei Christus bleiben – in seiner Lehre, in seiner Gnade und in dankbarer Nachfolge vor ihm.