Nicht nur geheilt, sondern neu geschaffen
Als Jesus nach einigen Tagen wieder nach Kapernaum kam, sprach es sich schnell herum: Er war im Haus. Die Menschen strömten zusammen, bis kein Platz mehr blieb, nicht einmal vor der Tür. Und Jesus tat, was im Zentrum seines Dienstes stand: Er verkündigte ihnen das Wort.
Da kamen vier Männer und brachten einen Gelähmten zu ihm. Weil sie wegen der Menschenmenge nicht zu Jesus gelangen konnten, deckten sie das Dach ab und liessen die Liegematte hinab, auf der der Gelähmte lag. Als Jesus ihren Glauben sah, sprach er zu dem Gelähmten: «Sohn, deine Sünden sind dir vergeben!» (Mk 2,5).
Dieser Satz ist der Schlüssel zum ganzen Geschehen. Für Jesus hatte die Vergebung der Sünden höhere Priorität als die körperliche Heilung. Sie war wichtiger als Gesundheit, wichtiger als materielles Wohlergehen, wichtiger als jede äussere Not. Doch gerade dieser Zuspruch setzte allem, was zuvor geschehen war, die Krone auf. Denn wer kann Sünden vergeben ausser Gott allein?
Die Schriftgelehrten und ihr unausgesprochener Vorwurf
Unter den Zuhörern sassen auch einige Schriftgelehrte. Ihr Interesse an Jesus war nicht zufällig. Das Auftreten dieses Mannes aus Nazareth hatte bereits grosses Aufsehen erregt. Darum sah sich die religiöse Elite gewissermassen in der Pflicht, ihn zu beobachten und zu prüfen: Wer ist dieser Wanderprediger und Wunderheiler? Welche Lehre verbreitet er? Steht das, was er sagt und tut, im Einklang mit dem Gesetz, den Propheten und der Überlieferung?
An sich war diese Prüfung nicht falsch. Schon Johannes den Täufer hatte man beobachtet. Nun stand auch Jesus unter besonderer Beobachtung. Auffällig ist jedoch: Die Schriftgelehrten stellten keine Fragen. Sie redeten nicht mit Jesus. Markus berichtet nur, dass sie in ihren Herzen überlegten.
Ihre Gedanken lauteten: «Was redet dieser solche Lästerung? Wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein?» Darin lagen sie nicht völlig falsch. Im Gegenteil: Nur Gott kann Sünden vergeben. Ja und Amen. Doch ihre Schlussfolgerung war falsch.
Bemerkenswert ist ausserdem, dass das Schicksal des Gelähmten für sie offenbar keine Rolle spielte. Kein Mitleid, keine Empathie, kein Staunen über die Not dieses Mannes. Ihre Sorge galt ausschliesslich der Frage, ob die Worte und Taten Jesu religiös korrekt waren und ihrem Massstab standhielten.
Für sie stand fest: Wenn dieser Jesus wirklich der Messias wäre, dürfte er nichts sagen oder tun, was dem Gesetz, der Überlieferung oder den Propheten widerspricht. Und da nach ihrem Verständnis allein Gott Sünden vergeben kann, musste jemand, der sich diese Vollmacht anmasst, ein Gotteslästerer sein. Nach 3. Mose 24,16 stand auf Gotteslästerung der Tod.
Ihr unausgesprochener Vorwurf lautete also: Dieser Jesus aus Nazareth verstösst gegen unser exklusives Glaubensbekenntnis, gegen das «Schma Jisrael» aus 5. Mose 6,4: «Höre Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein!» Nur Gott kann Sünden vergeben. Folglich, so ihre Schlussfolgerung, kann dieser Mann unmöglich der Messias sein.
Doch genau hier lag ihr schwerwiegender Denkfehler. Sie hatten eine falsche Vorstellung vom Messias. Sie erkannten nicht, dass der Messias selbst Gott ist: der Mensch gewordene Gott. Darum besitzt er auch das Recht und die Vollmacht, Sünden zu vergeben.
Man könnte sagen: Sie standen vor der richtigen Tür und hatten den passenden Schlüssel in der Hand, aber sie drehten ihn in die falsche Richtung.
Jesus kennt die Herzen
Markus berichtet weiter: «Und sogleich erkannte Jesus in seinem Geist, dass sie so bei sich selbst dachten, und sprach zu ihnen: Warum denkt ihr dies in euren Herzen?» Das hätte die Schriftgelehrten aufrütteln müssen. Kein Wort hatten sie ausgesprochen, und doch hatte Jesus jedes Wort ihrer inneren Überlegungen verstanden.
Hätten sie da nicht erschrecken müssen? Hätten sie nicht fragen müssen: Wer ausser Gott allein kann unsere Herzen erforschen? Wie kann es sein, dass dieser Jesus unser Herz kennt?
Schon im Alten Testament heisst es, dass Gott allein das Herz aller Menschenkinder kennt. Genau hier hätten die Schriftgelehrten den Schlüssel in die andere Richtung drehen können. Doch sie blieben in ihrer Voreingenommenheit gefangen.
Dann stellt Jesus die entscheidende Frage: «Was ist leichter, zu dem Gelähmten zu sagen: Deine Sünden sind dir vergeben!, oder zu sagen: Steh auf und nimm deine Liegematte und geh umher?»
Das Haus war überfüllt. Menschen standen bis vor die Tür. Vier Männer hatten sich mit dem Gelähmten auf spektakuläre Weise Zugang verschafft. Das Dach war geöffnet worden, die Liegematte hinabgelassen. Und nun zog Jesu Wort die ganze Aufmerksamkeit auf sich. Man kann sich die Stille vorstellen. Es war, als hätte man eine Stecknadel fallen hören können.
Nachdem viel geredet, gedacht und gehandelt worden war, trat Jesus nun zur Tat. Doch auch jetzt bleibt sein Wort im Zentrum. Er spricht. Und sein Wort wirkt.
Das Wort, das Wunder schafft
Jesus sagt: «Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf und nimm deine Liegematte und geh heim!»
Es ist wieder sein Wort, das im Mittelpunkt steht. Das Wunder geschieht nicht losgelöst vom Wort. Menschen brauchen nicht in erster Linie sichtbare Zeichen, um zum Glauben zu kommen; aber wo Glauben entsteht und Wunder geschehen, da steht Gottes Wort im Zentrum.
Sowohl das Wort, das Gesundheit wiederherstellt, als auch das Wort, das Sünden vergibt, ist kein Menschenwerk. Selbst wenn Jesus lediglich als Fürbitter aufgetreten wäre und für die Heilung gebetet hätte, hätte Gott ihn nach dem Zeugnis der Schrift nur erhört, wenn er ein Gerechter gewesen wäre.
Daran erinnert auch Johannes 9. Dort wird ein Blindgeborener von Jesus geheilt und muss sich anschliessend vor der religiösen Elite verantworten. Er sagt sinngemäss: Wir wissen, dass Gott Sünder nicht erhört, sondern den, der gottesfürchtig ist und seinen Willen tut. Wenn dieser nicht von Gott wäre, könnte er nichts tun.
Ganz gleich also, wie man Jesus beurteilte: In dem Moment, in dem der Gelähmte auf sein Wort hin geheilt wurde, war das ein untrüglicher Beweis. Dieser Jesus ist ein Gerechter. Er kann kein Gotteslästerer sein.
Darum verwundert es nicht, dass von den Schriftgelehrten kein Wort mehr zu hören ist. Ihnen verschlägt es die Sprache, denn die Fakten sprechen eine andere Sprache als ihre Voreingenommenheit.
Diese Gefahr besteht bis heute: Man kann so sehr an überlieferten Denkweisen, Traditionen und vertrauten Lehrmustern festhalten, dass man für das Wort Gottes nicht mehr wirklich offen ist. Nach dem Motto: Verschone mich mit Tatsachen; meine Meinung steht fest.
Der Sohn des Menschen
In diesem Abschnitt verwendet Jesus den Titel «Sohn des Menschen». Er stammt aus Daniel 7,13 und ist eine messianische Bezeichnung. Jesus gebraucht ihn bewusst. Damit unterstreicht er seinen Anspruch, der verheissene Messias zu sein.
Den Schriftgelehrten war das sehr wohl klar. «Sohn des Menschen» war nicht irgendeine beiläufige Formulierung. Es war ein Titel von Gewicht. Wer ihn in diesem Zusammenhang auf sich selbst bezog, stellte einen messianischen Anspruch.
Und genau dieser Sohn des Menschen sagt zu dem Gelähmten: «Steh auf, nimm deine Liegematte und geh heim!»
Die Heilung ist dabei nicht das Wichtigste. Wichtiger ist die Vergebung der Sünden. Das gilt bis heute. Doch die Heilung ist Ausdruck des Erbarmens und der Liebe Gottes, eine gnädige Zugabe. Zugleich dient sie als Beweis dafür, dass Jesus kein Lästerer ist, sondern der Gerechte.
Wäre Jesus wirklich ein Gotteslästerer gewesen, hätte Gott diese Heilung nicht bestätigt. Psalm 66,18 sagt: «Hätte ich Unrecht vorgehabt in meinem Herzen, so hätte der Herr nicht erhört.» Doch siehe da: Gott hat gehört. Mehr noch: Jesus selbst ist der Herr.
Damit unterstreicht Jesus seine Vollmacht, auf Erden Sünden zu vergeben, etwas, das nur Gott tun kann. Daraus folgt: Jesus ist Gott. Die Schriftgelehrten konnten ihm nichts entgegnen. Kein Wort aus dem Gesetz, kein Wort aus ihren Überlieferungen, kein Wort aus dem Mund der Propheten hätte das Gegenteil bewiesen. Sonst hätte man ihn an Ort und Stelle anklagen können. Doch niemand hatte eine Handhabe. Niemand hatte das Recht, den ersten Stein zu werfen.
Eine neue Schöpfung
Dann geschieht das Unwiderlegbare: «Und er stand sogleich auf, nahm seine Liegematte und ging vor aller Augen hinaus, sodass sie alle ausser sich gerieten, Gott priesen und sprachen: So etwas haben wir noch nie gesehen!» (Mk 2,12).
Manchmal liest man diesen Bericht zu oberflächlich: Jesus hat eben ein Wunder getan. Doch hier geht es nicht um die Linderung einer Migräne. Es geht nicht um eine allmähliche Besserung nach Rezept, Salbe, Therapie, Muskelaufbau oder Gehhilfe. Der Mann steht auf und geht als wäre er niemals gelähmt gewesen.
Das war nicht nur ein Wunder. Das war eine neue Schöpfung.
Hier wurden Naturgesetze und jede medizinische Erwartung ausser Kraft gesetzt. Die Heilung trat sofort ein, vollständig und sichtbar vor aller Augen. Wer ausser dem Schöpfer selbst könnte so etwas vollbringen?
Auch der Gelähmte selbst ist bemerkenswert. Von ihm hört man kaum ein Wort. Er wirkt fast wie eine Randfigur. Und doch zeigt er etwas Entscheidendes: Er glaubt und tut, was Jesus sagt. Kein Zögern, kein Zweifeln, kein Nachfragen, nur Glaube und Vertrauen auf das Wort hin: Steh auf und geh.
An Zeugen mangelte es nicht. Ob gläubig oder ungläubig, skeptisch oder begeistert, Schriftgelehrter oder Dachaufbrecher: Alle sahen es. Jesus hat sich nie unbezeugt gelassen.
Am Ende steht die Verherrlichung Gottes. Die Menschen geraten ausser sich und preisen Gott. Genau so soll es sein, in guten wie in schweren Zeiten, gesund oder krank, sonntags oder werktags, im Gemeindesaal, im Wohnwagen oder zu Hause.
Darum gilt auch uns der Ruf: Gebt Gott die Ehre, der sich in seinem Sohn Jesus Christus den Menschen zu erkennen gegeben hat.