Seit einiger Zeit beschäftigt mich die Frage, wer denn die Nationen sein werden, denen die Blätter dieses Baumes zur Heilung dienen. Es gibt doch in der Ewigkeit keine Menschengruppe, ausser der, die beim Herrn ist, und der, die im Feuersee ist. Wovon sollte ich als «verwandelter Christ» (also ehemaliger Mensch aus den Nationen) in der Ewigkeit meinen neuen Leib heilen? Oft wird dann auf die Stelle in Hesekiel 47,12 verwiesen. Das hilft mir persönlich nicht weiter. Denn dort sind es mehrere Bäume, diese Bäume stehen auf der Erde, während des Millenniums. Da gibt es natürlich noch Nationen auf der Erde. Aber das sind doch zwei verschiedene Paar Schuhe? Auch die Verbindung mit 1. Mose bringt mich nicht so recht weiter (vgl. 1Mo 2,8). Oder sollte es etwa am weissen Thron auch Menschen geben, die nicht den zweiten Tod sterben … und ausserhalb des neuen Jerusalems herumlungern? … Also welche, die mit einer Bewährungsstrafe davonkommen und sich dann mit diesen Blättern am «ewigen Leben» erhalten sollen? Das würde mich doch sehr wundern! … Wie kann man diese Stelle schriftgemäss auslegen und wer wird da wovon geheilt?
In Offenbarung 21 und 22 wird ein Abschnitt in der Heilsgeschichte beschrieben, in dem die Ewigkeit in die Zeit hineinwirkt – in gewisser Weise damit verschmelzt. Es ist sozusagen «der Himmel auf Erden». Es wird am Ende ähnlich sein wie am Anfang. Im Garten Eden sehen wir auch, wie die Ewigkeit Gottes in die Zeit der Schöpfung hineinwirkte. Gott wandelte im Garten; es war direkte Kommunikation zwischen Mensch und Gott möglich; es gab den Baum des Lebens; der Mensch lebte in ungetrübter Harmonie mit seinem Schöpfer, sodass ein paradiesischer Zustand herrschte. Als die Sünde eintrat, verloren der Mensch und die gesamte Schöpfung diese Beziehung zu Gott und somit den Garten Eden.
Jesu Kommen als zweiter Adam (1Kor 15,45-47) und Sein vollbrachter Sieg wirken eine letztendliche Wiederherstellung des verlorenen Zustandes – zunächst geistlich, innerhalb der Gemeinde, dann aber auch im kommenden Friedensreich bei der Rückkehr Jesu. Wenn der Herr in Herrlichkeit zurückkommt, bringt Er uns das «Paradies zurück». Sein messianisches Tausendjähriges Reich bringt uns wieder den Himmel auf Erden. Aus diesem Grund beginnt Offenbarung 21 mit den Versen: «Und ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde; denn der erste Himmel und die erste Erde waren vergangen, und das Meer gibt es nicht mehr. Und ich, Johannes, sah die heilige Stadt, das neue Jerusalem, von Gott aus dem Himmel herabsteigen, zubereitet wie eine für ihren Mann geschmückte Braut» (V 1-2).
Petrus sagte einst dem jüdischen Volk, dass alle Dinge wiederhergestellt werden müssen, von denen die Propheten geredet haben: «Welchen freilich der Himmel aufnehmen muss bis zu den Zeiten der Wiederherstellung aller Dinge, von welchen Gott durch den Mund seiner heiligen Propheten von jeher geredet hat» (Apg 3,21). Der Herr Jesus ist bei Seiner Himmelfahrt in den Himmel zurückgekehrt und hat sich zur Rechten Gottes gesetzt, um später wiederzukommen und alle Dinge wiederherzustellen, von welchen die Propheten redeten. Diese redeten zum Beispiel von Jesu Ankunft in Herrlichkeit, der Auferstehung der Toten, von einem neuen Himmel und einer neuen Erde und von dem messianischen Reich, ja von einem neuen paradiesischen Zustand auf dieser Welt. Die Scofield-Bibel macht zu Apostelgeschichte 3,21 folgende Anmerkung:
«Das Wort ‹Wiederherstellung› ist eine Wiedergabe des griechischen Hauptwortes apokatastasis, das bedeutet Wiederherstellung eines früheren Zustandes (vgl. Apg 1,6). Die Bedeutung des Wortes wird durch den Zusatz begrenzt: ‹Von denen Gott geredet hat durch den Mund seiner heiligen Propheten.› Die Propheten reden von der Wiederherstellung Israels in Bezug auf das Land (siehe Israel, 1Mo 12,2.3; Röm 11,26; auch über den Bund in Palästina, 5.Mo 30,3, Fussnote); und von der Wiederherstellung der Theokratie unter Davids Sohn …»
Diese Zeit, in der der Herr zurückkommt, um auf Erden zu regieren, wird auch «Wiedergeburt» genannt. «Jesus aber sprach zu ihnen: Wahrlich, ich sage euch: Ihr, die ihr mir nachgefolgt seid, werdet in der Wiedergeburt, wenn der Sohn des Menschen auf dem Thron seiner Herrlichkeit sitzen wird, auch auf zwölf Thronen sitzen und die zwölf Stämme Israels richten» (Mt 19,28). Unsere Erde wird in dem Reich Jesu topografisch und geistlich so verwandelt, dass es einer Wiedergeburt gleich kommt. Es wird ganz neue Zustände und Verhältnisse geben (Sach 14,8-11; Hes 47; Offb 16,18-20).
Ja, es ist sogar so, dass man schon über diese Zeit von einem neuen Himmel und einer neuen Erde sprechen kann. Das ist der Grund, warum bereits die Propheten darüber schrieben. Der Prophet Jesaja bringt in Jesaja 65,17-25 den Begriff «neuer Himmel und neue Erde» in direkten Zusammenhang mit dem messianischen Reich auf Erden. Freilich wird es nach dem Tausendjährigen Reich zu einem vollkommen neuen Himmel und einer neuen Erde kommen (2Petr 3,10-11), aber das Tausendjährige Reich ist gleichsam die Vorstufe davon.
Vor diesem Hintergrund verstehen wir auch, dass die Offenbarung in Kapitel 21 und 22 eine Periode beschreibt, in der die Ewigkeit wieder in die Zeit übergreift, wie im Garten Eden. Manches beschreibt den Himmel, manches die Erde und manche Aussagen beschreiben beides miteinander bzw. ineinander verwoben. Den Unterschied – bzw. das Was, Wie und Wo – findet man heraus, wenn man berücksichtigt, was die gesamte Bibel zum jeweiligen Punkt sagt.
Im Folgenden ein Versuch der Aufschlüsselung:
Offenbarung 21,1 beschreibt meines Erachtens die kommende Ewigkeit nach dem messianischen Friedensreich. Da wir aber berücksichtigen müssen, dass bereits Jesaja über einen neuen Himmel und eine neue Erde schrieb, können wir davon ausgehen, dass das Tausendjährige Reich der Beginn der Ewigkeit ist, sozusagen einleitend. Darauf lässt auch Hesekiel schliessen, wenn er schreibt: «Sie werden wieder in dem Land wohnen, das ich meinem Knecht Jakob gegeben habe, in dem auch eure Väter gewohnt haben. Ja, darin sollen sie in Ewigkeit wohnen, sie und ihre Kinder und Kindeskinder; und mein Knecht David soll ihr Fürst sein auf ewig» (Hes 37,25).
Offenbarung 21,2 schildert praktisch, wie der Himmel auf die Erde kommt. Himmlische Zustände werden die Erde regieren; himmlische Herrlichkeit vermischt sich mit der Erde und so entsteht das Tausendjährige Reich.
Offenbarung 21,3: Hier wird das Gleiche bestätigt. Gott wird in dem Messias Jesus Christus auf dieser Erde wohnen und die Völker der Erde werden Ihm gehören.
Offenbarung 21,4-8 blendet wieder zurück in den Himmel. Da ja auf Erden – sogar im messianischen Reich – immer noch der Tod vorhanden sein wird (Jes 65,20) und das ewige Gericht sowie die ewige Verdammnis sich auf die Ewigkeit nach dem Tausendjährigen Reich beziehen, kann damit nur die Herrlichkeit im Himmel gemeint sein.
Offenbarung 21,9-27 beschreibt wieder beides «ineinander» verwoben. Einerseits das himmlische Jerusalem, das von Gott aus dem Himmel herabkommt, in das messianische Reich auf Erden hineinragt und es charakterisiert (V 9-10), und andererseits gleichzeitig nach oben in die Ewigkeit reicht (V 11-27). Es kommt aus der Ewigkeit und verbindet sich mit der Erde.
Offenbarung 22,1-5 weist wiederum auf ein Ineinanderlaufen der Grenzen zwischen Himmel und Erde. Zunächst liegt die Bedeutung sicher in der Ewigkeit beim Thron Gottes und des Lammes, wo es keinen Fluch mehr geben wird, keine Nacht und keine Sonne. Doch vergleicht man die Aussagen mit alttestamentlichen Hinweisen, so wird ersichtlich, dass uns darin gleichzeitig ein Abbild gegeben wird für den Segensfluss aus der Ewigkeit in das messianische Tausendjährige Reich hinein, denn in diesem wird es auch einen Fluss des Segens geben, der sich von dem messianischen Tempel aus ergiesst. Der irdische Bezug besteht darin, dass es im Friedensreich Jesu wieder den Baum des Lebens gibt, der Monat für Monat mit seiner Frucht der Heilung der Völker dient. Dass hiermit nicht der Himmel gemeint sein kann, machen die Ausdrücke «jeden Monat» und «zwölfmal Früchte trägt» deutlich, denn in der Ewigkeit gibt es keine Zeit mehr. John MacArthur schreibt zu Vers 2: «… der Begriff ‹Therapie› stammt von dem gr. Wort, das hier mit ‹Heilung› übersetzt ist.» Somit kommen die Völker unter einen herrlichen göttlichen Segen, der viele Menschen immer wieder auf Jesus lenkt, sie neu zur Besinnung kommen lässt und sie auf die Ewigkeit einstimmt.
«Und es wird geschehen an jenem Tag, da werden lebendige Wasser von Jerusalem ausfliessen, die eine Hälfte in das östliche, die andere in das westliche Meer; Sommer und Winter wird es so bleiben» (Sach 14,8).
«Aber an diesem Strom, auf beiden Seiten seines Ufers, werden allerlei Bäume wachsen, von denen man isst, deren Blätter nicht verwelken und deren Früchte nicht aufhören werden. Alle Monate werden sie neue Früchte bringen; denn ihr Wasser fliesst aus dem Heiligtum. Ihre Früchte werden als Speise dienen und ihre Blätter als Heilmittel» (Hes 47,12).
Wir sehen also, dass ähnlich wie im Garten Eden wieder ein paradiesischer Zustand herrschen wird. Dass in der Offenbarung nur von dem einen Baum des Lebens die Rede ist, im Gegensatz zu Hesekiel, der von «allerlei Bäumen» spricht, muss uns nicht beunruhigen. Das letzte Buch der Bibel ist der Abschluss und die Ergänzung aller Offenbarungen. Ich denke, dass wir beide Stellen zusammenziehen dürfen. Das würde zu dem Schluss führen, dass es tatsächlich viele Bäume im Tausendjährigen Reich geben wird, aber alle hinweisen auf den einen Baum des Lebens, der ein Abbild für Jesus ist. Er ist das Zentrum und der Ausgangspunkt für alle Segnungen.