Bedrückung, Botschaft und Berufung
Wenn es darum geht, dass Jesus Christus wiederkommt, müssen wir uns bewusst machen: Wir haben heute einen Auftrag. Wir sollen die Botschaft des Evangeliums verkündigen, die biblische Lehre weitergeben und nicht müde werden, immer wieder zu sagen: Der Herr kommt wieder. Und wir tun das so lange, bis er kommt. Auch beim Abendmahl erinnern wir uns daran: «Dies tut, bis er kommt.»
Der Abschnitt aus Markus 1,14-20 lässt sich in drei Gedanken gliedern: Bedrückung, Botschaft und Berufung.
1. Bedrückung: Johannes ist gefangen – Jesus kommt
Markus berichtet nüchtern: «Nachdem aber Johannes gefangen genommen worden war, kam Jesus nach Galiläa und verkündigte das Evangelium vom Reich Gottes» (Mk 1,14).
Jesus beginnt seinen öffentlichen Dienst vor dem Hintergrund einer bedrückenden Tatsache: Johannes der Täufer ist ausgeschaltet worden. Er wurde gefangen genommen und später durch Herodes hingerichtet. Doch Markus schreibt beinahe lapidar: Nachdem Johannes gefangen genommen worden war, kam Jesus.
Was lernen wir daraus?
Johannes war der grosse Wegbereiter des Herrn Jesus Christus. Er bereitete Israel auf das Kommen des Messias vor. Jesus selbst bezeichnet ihn sinngemäss als den Türhüter, der dem Hirten der Schafe die Tür öffnet. Johannes verschaffte dem Herrn Jesus Eingang zu Israel. Seine Botschaft lautete: «Tut Busse, denn das Reich der Himmel ist nahe herbeigekommen!» Der Messias, der König, steht vor der Tür.
Heute sind wir in gewisser Weise Wegbereiter für die Wiederkunft Jesu Christi. Wir sollen das Evangelium verkündigen, die Lehre weitergeben und nicht aufhören, daran zu erinnern: Der Herr kommt wieder.
Ein weiterer Gedanke: Der treue, berufene Diener des Herrn ging selbst durch irdisches Leid. Johannes hatte sich hingegeben, verzichtet, gedient. Menschlich gesprochen hätte man sagen können: Er hätte etwas anderes verdient. Doch im Reich Gottes geht es um andere Massstäbe. Johannes erhielt auf dieser Erde keine grosse Belohnung. Seine Belohnung wartet im Reich Gottes auf ihn. Dort liegt das grosse Happy End.
Johannes klagte nicht. Nur einmal, aus dem Gefängnis heraus, stellte er eine ängstliche, vielleicht zweifelnde Frage. Er liess Jesus fragen: «Bist du derjenige, der kommen soll, oder sollen wir auf einen anderen warten?» Jesus ging nicht selbst zu ihm, sondern sandte die Jünger zurück mit der Botschaft: Sagt ihm, was ihr seht und hört. Damit gab sich Johannes zufrieden. Kurz darauf wurde er hingerichtet.
Auch die Gemeinde Jesu hat keinen irdischen Triumph verheissen bekommen, sondern himmlischen Triumph. Christen irren, wenn sie meinen, einem Kind Gottes müsse es immer gut gehen. Das sogenannte Wohlstandsevangelium widerspricht der biblischen Wirklichkeit. In unseren Gemeinden und Familien sehen wir oft viel Leid. Und ein grosser Teil der weltweiten Gemeinde Jesu lebt unter Verfolgung.
Auch Jesus selbst ging diesen Weg. Bei seiner Taufe sprach der Vater aus dem Himmel: «Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Wohlgefallen!» Und unmittelbar danach führte ihn der Geist in die Wüste, wo er von Satan versucht wurde. Das geschah nicht, weil Jesus versagt hätte, sondern gerade weil er der vollkommene, gehorsame Sohn Gottes war. Diese Versuchung hatte einen tiefen geistlichen Sinn: Was im Garten Eden durch Adam und Eva verloren ging, musste gewissermassen neu aufgerollt werden. Jesus bestand die Probe.
Darum gilt auch: Wenn ein Kind Gottes leidet, hat das niemals sinnlosen Charakter. Gott verliert nicht die Kontrolle.
Noch ein dritter Gedanke liegt in diesem Vers: Gott bleibt nicht stehen, wenn ein Diener weggenommen wird. Die Ausschaltung des Johannes führte zur Einschaltung des öffentlichen Dienstes Jesu. Johannes hatte seinen Lauf erfüllt. Erst dann wurde er weggenommen – nicht sinnlos, sondern weil jetzt der Sohn Gottes hervortrat.
Nach dem Tod Abrahams sprach Gott zu Isaak. Nach dem Tod Moses sprach Gott zu Josua. Elia erhielt den Auftrag, Elisa an seiner Stelle zum Propheten zu salben. Als Herodes starb, konnte Josef mit Maria und dem Kind nach Israel zurückkehren. Und als Agrippa Jakobus hinrichten und Petrus gefangen nehmen liess, wurde er selbst von Gott gerichtet. Danach heisst es in der Apostelgeschichte: «Das Wort Gottes aber wuchs und mehrte sich.»
So ist es bis heute. Gott ist nicht aufzuhalten. Selbst dort, wo Christen am härtesten verfolgt werden, wächst seine Gemeinde. Auch in Ländern wie Nordkorea, wo das Evangelium kaum Raum zu haben scheint, ist Gott nicht auszubremsen.
2. Botschaft: Die Zeit ist erfüllt
Jesus kam nach Galiläa und verkündigte: «Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Tut Busse und glaubt an das Evangelium!» (Mk 1,15).
Die Botschaft Jesu ist dreifach.
Zuerst sagt er: Die Zeit ist erfüllt. Alle prophetischen Vorhersagen auf sein erstes Kommen hatten sich erfüllt. Nun konnte der Messias erscheinen. Das Markusevangelium beginnt mit den Worten: «Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes, wie geschrieben steht in den Propheten …» Was die Propheten Jahrhunderte, teilweise Jahrtausende zuvor angekündigt hatten, wurde mit dem Auftreten des Sohnes Gottes Wirklichkeit.
Paulus schreibt in Galater 4,4: «Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn.» Genauso wird es wieder geschehen. Wenn die Zeit erfüllt ist – und diesen Zeitpunkt kennt allein Gott, der Vater –, wird Jesus Christus wiederkommen. Dann werden die Toten in Christus auferstehen, die noch lebenden Gläubigen entrückt werden, und später wird das messianische Reich sichtbar in Erscheinung treten.
Der zweite Teil der Botschaft lautet: Das Reich Gottes ist nahe. Mit dem Erscheinen Jesu, des Messias, brach das Reich Gottes in seiner Person an. Es war in ihm sichtbar gegenwärtig.
Darum tat Jesus Wunder. Seine Zeichen standen in Verbindung mit dem Anbruch des messianischen Reiches. Auch die Zeichen und Wunder der Apostel in der frühen Apostelgeschichte gehörten in diesen Zusammenhang. Im messianischen Reich wird Leben sein, das Böse wird gebannt sein. Deshalb trieb Jesus Dämonen aus, heilte Kranke und weckte Tote auf.
Der Hebräerbrief spricht von Menschen, die «das gute Wort Gottes und die Kräfte der zukünftigen Weltzeit geschmeckt haben» (Hebr 6,5). Die Wunder waren Zeichen des zukünftigen Zeitalters. Darum geschahen sie damals in dieser besonderen Dichte.
Heute ist das messianische Reich noch nicht aufgerichtet. Israel lehnte seinen Messias ab, und die Gemeinde Jesu wurde eingesetzt. Die Gemeinde hat eine himmlische Berufung. Gott kann auch heute Wunder tun; er ist souverän und allmächtig. Auch heute erleben Christen Gottes Eingreifen. Aber nicht mehr in derselben heilsgeschichtlichen Dichte wie damals, als das Reich in der Person Jesu anbrach.
Das Reich brach mit Jesus an, aber es brach nicht durch, weil man ihn ablehnte.
Der dritte Teil seiner Botschaft lautet: Tut Busse und glaubt. Damals richtete sich diese Botschaft zunächst an Israel. Jesus hatte das Werk am Kreuz zu diesem Zeitpunkt noch nicht vollbracht. Die Botschaft lautete: Wenn ihr Busse tut und glaubt, kann das messianische Reich kommen. Theoretisch hätte es so geschehen können. Zugleich wissen wir, dass Gott in seiner Vorsehung die Kreuzigung Jesu zum Heil der ganzen Welt einbezogen hatte.
Nach dem vollbrachten Werk von Golgatha gilt für uns: «Denn aus Gnade seid ihr errettet durch den Glauben, und das nicht aus euch – Gottes Gabe ist es; nicht aus Werken, damit niemand sich rühme» (Eph 2,8-9).
Eine heutige Bekehrung beinhaltet Busse. Wer zu Jesus kommt und sagt: «Herr Jesus, ich brauche dich. Bitte rette mich», der bekennt damit bereits seinen Bankrott. Er erkennt: Ich bin am Ende. Ich habe versagt. Ich brauche dich. Genau das sehen wir beim Kerkermeister in Philippi. Er war innerlich zerbrochen und fragte: «Was muss ich tun, dass ich gerettet werde?» Paulus und Silas antworteten: «Glaube an den Herrn Jesus Christus» (Apg 16,30-31). In diesem Glauben lag die Busse bereits eingeschlossen.
Oft kommt nach der Wiedergeburt eine immer tiefere Sündenerkenntnis. Dann merkt man erst, wie sehr man die Gnade Gottes braucht.
3. Berufung: Folgt mir nach
Markus berichtet weiter: Jesus ging am See von Galiläa entlang und sah Simon und Andreas, den Bruder Simons. Sie warfen ihre Netze aus, denn sie waren Fischer. Jesus sprach zu ihnen: «Folgt mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen!» Sogleich verliessen sie ihre Netze und folgten ihm.
Ein wenig weiter sah Jesus Jakobus, den Sohn des Zebedäus, und Johannes, seinen Bruder. Auch sie waren im Schiff und besserten die Netze aus. Jesus berief sie, und sie liessen ihren Vater Zebedäus mit den Tagelöhnern im Schiff zurück und gingen ihm nach.
Markus konzentriert sich hier auf vier Männer, auf zwei Brüderpaare: Simon Petrus und Andreas sowie Jakobus und Johannes. Jesus riss sie förmlich aus ihrem Berufsalltag heraus.
Das waren keine fertigen Glaubenshelden. Auch sie mussten wachsen. Auch bei ihnen gab es mehrere Anläufe und Aufforderungen. Der Herr führte sie Stück für Stück weiter – mit grosser Geduld, Treue und Langmut. Er liess sie nicht los.
Man kann drei Begegnungen der Berufung erkennen.
Die erste Begegnung schildert Johannes 1. Andreas war zunächst ein Jünger Johannes des Täufers. Als Johannes auf Jesus hinwies, folgten Andreas und ein weiterer Jünger Jesus nach. Jesus fragte sie: «Was sucht ihr?» Sie antworteten: «Rabbi, wo wohnst du?» Jesus sagte: «Kommt und seht!» Danach ging Andreas zu seinem Bruder Simon und sagte: «Wir haben den Messias gefunden.» Jesus blickte Simon an und gab ihm den Namen Kephas, was übersetzt Petrus heisst.
Das war eine erste Vorbereitungsphase.
Die zweite Begegnung finden wir hier in Markus 1. Jesus beruft sie in die Nachfolge.
Die dritte Begegnung wird in Lukas 5 geschildert. Jesus stieg in das Boot des Simon Petrus und liess sich ein Stück vom Land wegfahren, um von dort aus die Volksmenge zu lehren. Danach kam es zu einem aussergewöhnlichen Fischfang. Die Jünger hatten die ganze Nacht gearbeitet und nichts gefangen. Doch auf Jesu Wort hin warfen sie die Netze erneut aus und fingen eine gewaltige Menge Fische.
Petrus erkannte in diesem Moment seine eigene Sündhaftigkeit. Er fiel vor Jesus nieder und sagte: «Herr, gehe von mir hinweg, denn ich bin ein sündiger Mensch!» Auch Jakobus und Johannes wurden davon ergriffen. Sie waren offenbar Teilhaber eines grösseren Fischereibetriebs mit Angestellten, denn Markus erwähnt die Tagelöhner im Schiff.
Jesus sagte zu Petrus: „Fürchte dich nicht; von nun an sollst du Menschen fangen!“ Als sie die Schiffe ans Land gebracht hatten, verliessen sie alles und folgten ihm nach.
Gott geht manchmal stufenweise vor, weil wir oft träge, unsicher oder abhängig von Umständen sind. Wir können fragen: Wie soll ich meinen Beruf aufgeben? Was wird aus meinem Einkommen? Was wird aus meiner Familie? Was wird aus meinen Mitarbeitern? Was ist mit meinem Vater, meiner Mutter?
Doch sie folgten. Und Jakobus und Johannes liessen ihren Vater Zebedäus nicht lieblos im Stich. Der Hinweis auf die Tagelöhner zeigt: Der Vater blieb nicht mittellos zurück. Ausserdem blieb die familiäre Verbindung offensichtlich erhalten. Die Frau des Zebedäus, Salome, gehörte später zu den Frauen, die Jesus bis an sein Lebensende dienten.
Auch heute kann es sein, dass Gott Menschen ruft und die Familie diesen Weg mitträgt. Manchmal rechnet man mit Widerstand und erlebt dann überraschende Unterstützung. So kann ein Ruf in den Dienst nicht nur den Einzelnen betreffen, sondern auch die Familie in Gottes Führung hineinnehmen.
Menschenfischer werden
Jesus sagte: «Folgt mir nach, und ich will euch zu Menschenfischern machen.» Das ist der Schlüssel.
Nur wenn ich nahe bei Jesus bin, kann ich Menschen in seine Nähe bringen. Nur wenn ich auf ihn höre, kann ich reden. Nur wenn ich ihm gehorsam bin, habe ich Autorität.
Als die Apostel später vor den Hohenpriestern und Schriftgelehrten standen, erkannte man, dass sie ungelehrte Leute waren, aber man erkannte auch, dass sie mit Jesus gewesen waren. Genau darin lag ihre Autorität.
Nachfolge beginnt nicht mit Begabung, Ansehen oder menschlicher Stärke. Sie beginnt mit der Nähe zu Jesus. Wer bei ihm ist, wird von ihm geformt. Wer ihm folgt, wird brauchbar. Und wer nahe bei ihm bleibt, kann andere in seine Nähe führen.