Johannes der Täufer: Wegbereiter des Messias
«Und es ging zu ihm hinaus das ganze Land Judäa und die Bewohner von Jerusalem, und es wurden von ihm alle im Jordan getauft, die ihre Sünden bekannten. Johannes aber war bekleidet mit Kamelhaaren und trug einen ledernen Gürtel um seine Lenden, und er ass Heuschrecken und wilden Honig. Und er verkündigte und sprach: Es kommt einer nach mir, der stärker ist als ich, und ich bin nicht würdig, ihm gebückt seinen Schuhriemen zu lösen. Ich habe euch mit Wasser getauft; er aber wird euch mit Heiligem Geist taufen» (Mk 1,5-8).
Eine neue Bussbereitschaft im Volk
In diesem Abschnitt geht es zunächst um Johannes den Täufer und seine Taufe. Bereits in Vers 5 wird deutlich, dass im Volk eine grosse Bussbereitschaft vorhanden war. Viele bekannten ihre Sünden und liessen sich von Johannes im Jordan taufen.
Lange Zeit war in Israel kein vollmächtiger Prophet mehr aufgetreten. Nach Maleachi und seiner Verheissung, dass Gott den Propheten Elia senden werde, ehe der Tag des Herrn kommt, herrschten etwa 400 Jahre prophetischen Schweigens. In diesem Sinn sandte Gott keinen bevollmächtigten Propheten mehr zu seinem Volk.
Nun trat Johannes auf. Er füllte dieses geistliche Vakuum und nahm den prophetischen Faden wieder auf, wobei Gott selbst die Fäden der Welt- und Heilsgeschichte in seinen Händen hält. Das Volk war hungrig nach dem Wort Gottes. Es lebte in einer Erwartung des Messias und sehnte sich nach fester geistlicher Speise. Die Priester und Schriftgelehrten wirkten und lehrten ohne Vollmacht und ohne Kraft.
Das Auftreten dieses ungewöhnlichen Mannes aus der Einöde wirkte wie eine Erfrischung und Belebung. Manche glaubten sogar, Elia sei leibhaftig zurückgekehrt. Man spürte das Reden und Wirken Gottes. Dadurch entstand eine grosse Bereitschaft, Sünden zu bekennen und Busse zu tun. Es war wie eine kleine Erweckung.
Johannes und Elia
War dies womöglich die Erfüllung des letzten Wortes Maleachis? Dort heisst es sinngemäss, dass Gott den Propheten Elia senden werde und dass dieser das Herz der Väter zu den Kindern und das Herz der Kinder zu ihren Vätern wenden werde.
Johannes wurde tatsächlich mit Elia in Verbindung gebracht. Nicht nur in seinem Dienst, sondern auch in seinem Auftreten und sogar äusserlich finden sich Parallelen zu Elia. Der Herr Jesus selbst sagte rückblickend über Johannes:
«Ich sage euch aber, dass Elia schon gekommen ist; und sie haben ihn nicht erkannt, sondern mit ihm getan, was sie wollten. Ebenso wird auch der Sohn des Menschen von ihnen leiden müssen. Da verstanden die Jünger, dass er zu ihnen von Johannes dem Täufer redete» (Mt 17,12-13).
Wenn wir zu Markus 1 zurückkehren, lesen wir über Johannes: «Johannes aber war bekleidet mit Kamelhaaren und trug einen ledernen Gürtel um seine Lenden, und er ass Heuschrecken und wilden Honig» (Mk 1,6).
Auch über Elia lesen wir in 2. Könige 1,8, dass er an seiner besonderen Kleidung erkannt wurde: an einem haarigen Gewand und einem ledernen Gürtel um seine Lenden. Die Parallele ist offensichtlich.
Die Kleidung von Elia und Johannes entsprach der traditionellen Kleidung eines Wüstenbewohners. Unter «Wüste» ist dabei nicht nur eine Sandwüste zu verstehen, sondern ein unbewohntes Gebiet, eine Steppe, eine Einöde, eine abgeschiedene Gegend. Deshalb heisst es in Markus 1,5 auch, dass die Menschen zu Johannes «hinausgingen» – hinaus aus der Stadt, hinaus aus den Ortschaften, ausserhalb der gewohnten Zivilisation.
Auch seine Nahrung passte zu einem abgesonderten Leben. Johannes lebte schlicht und geweiht. Er war ein Nasiräer, ein für Gott Abgesonderter. Schon bei der Ankündigung seiner Geburt wurde über ihn gesagt:
«Denn er wird gross sein vor dem Herrn; Wein und starkes Getränk wird er nicht trinken, und mit Heiligem Geist wird er erfüllt werden schon von Mutterleib an. Und viele von den Kindern Israels wird er zu dem Herrn, ihrem Gott, zurückführen. Und er wird vor ihm hergehen im Geist und in der Kraft Elias» (Lk 1,15-17).
Johannes war also nicht der leibhaftige Elia. Aber in seiner Vollmacht, in Wort und Tat, ebenso in Kleidung und Lebensweise, erwies er sich als ein gottgeweihter Prophet, so wie Elia einer gewesen war.
Der Wegbereiter, nicht der Weg
Weiter heisst es in Markus 1,7: «Und er verkündigte und sprach: Es kommt einer nach mir, der stärker ist als ich, und ich bin nicht würdig, ihm gebückt seinen Schuhriemen zu lösen.»
Johannes machte deutlich, worum es in seinem Dienst ging: um die Wegbereitung für den Messias. Ein neues Heilszeitalter sollte anbrechen. Johannes hatte den Auftrag, dem Volk, das in Finsternis lebte, den Weg zu weisen. Er selbst war nicht der Weg. Er konnte niemanden ans Ziel führen. Aber er war ein Wegweiser, ein Rufer in der Wüste.
Johannes war sich seiner Stellung bewusst. Er wusste, dass es nicht um ihn ging, sondern um den, den er verkündigen und auf den er hinweisen sollte. Er war der Bote, der Herold des verheissenen Erlösers, des Messias, der gekommen war, um seine Mission zu beginnen und zu erfüllen.
Wenn Johannes sagt, er sei nicht würdig, dem kommenden Erlöser auch nur die Schuhriemen zu lösen, dann unterstreicht er damit nicht nur seine eigene Demut. Er betont zugleich die Grösse des Allmächtigen, die Grösse des Messias.
Das Lösen der Schuhriemen war, ebenso wie die Fusswaschung, eine der niedrigsten Aufgaben eines Sklaven. Es war etwas Einfaches, etwas, das jedes Kind hätte tun können. Dafür brauchte man weder Studium noch Ausbildung. Und doch sagt Johannes: Nicht einmal dazu bin ich würdig.
Wenn schon Johannes, der grösste aller Propheten, von Gott geweiht und berufen, nicht würdig ist, diese niedrige Aufgabe zu übernehmen, wie gross, wie erhaben und wie allmächtig muss dann derjenige sein, über den Johannes hier Zeugnis gibt?
Nicht umsonst sagt der Herr Jesus später über Johannes: «Wahrlich, ich sage euch: Unter denen, die von Frauen geboren sind, ist kein Grösserer aufgetreten als Johannes der Täufer; doch der Kleinste im Reich der Himmel ist grösser als er» (Mt 11,11).
Wie ist das zu verstehen?
Jeder, der durch Jesus Christus Erlösung und Neugeburt erlebt hat, steht auf der Grundlage des vollbrachten Werkes von Golgatha. Er ist Teilhaber des Triumphes, den der Herr Jesus am Kreuz errungen hat. Johannes selbst durfte das in dieser Weise noch nicht erleben. Er sah und glaubte, ohne zu wissen, dass die Schuld am Kreuz getilgt und der Tod durch die Auferstehung besiegt werden würde.
Johannes glaubte und hoffte auf ein Königreich auf Erden, auf das vollmächtige Auftreten des Messias, besonders in Israel. Die Gläubigen des neuen Bundes aber wissen um ein ewiges Reich im neuen Himmel und auf der neuen Erde. Das ist noch einmal eine ganz andere Dimension des Glaubens.
Sind wir würdig, dem Herrn Jesus die Schuhriemen zu lösen? Sind wir würdig, an den Tisch des Herrn zu treten?
Aus uns selbst heraus nicht. Nein, natürlich nicht. Aber wir sind würdig gemacht durch das kostbare Blut des Herrn Jesus, vergossen am Kreuz von Golgatha.
Mit Wasser getauft, mit Heiligem Geist getauft
«Ich habe euch mit Wasser getauft; er aber wird euch mit Heiligem Geist taufen» (Mk 1,8).
Johannes betont, dass er mit Wasser getauft hat. Diese Taufe war, wie bereits in der vorherigen Betrachtung erwähnt, eine Taufe zur Umkehr, eine Busstaufe. Wer bereit war, zu Gott umzukehren und Busse zu tun, sollte diese Bereitschaft durch die Taufe bezeugen und unterstreichen.
Damit verbunden war die Verheissung der Sündenvergebung, die in Jesus Christus erfolgen sollte. Auch darin sehen wir wieder den Dienst des Täufers: Er bereitete das Volk auf die Vergebung der Sünden vor.
Im Lobpreis des Zacharias, des Vaters von Johannes, kommt das deutlich zum Ausdruck. Nachdem Gott ihm den Mund wieder geöffnet hatte, brach der Lobpreis förmlich aus ihm heraus: «Gepriesen sei der Herr, der Gott Israels, denn er hat sein Volk besucht und ihm Erlösung bereitet» (Lk 1,68).
Und über seinen Sohn Johannes sagt Zacharias: «Und du, Kindlein, wirst ein Prophet des Höchsten genannt werden, denn du wirst vor dem Angesicht des Herrn hergehen, um seine Wege zu bereiten, um seinem Volk Erkenntnis des Heils zu geben, das ihnen zuteilwird durch die Vergebung ihrer Sünden» (Lk 1,76-77).
Die Taufe des Johannes war eine Vorbereitung auf die Taufe mit Heiligem Geist. Wie Markus 1,5 zeigt, war das Bekenntnis der Sünden die zwingende Voraussetzung für diese Wassertaufe. Es wurden nicht einfach alle getauft, die vorbeikamen oder neugierig waren. Getauft wurden diejenigen, die ihre Sünden bekannten.
Die Taufe des Johannes konnte selbst kein neues Leben schenken. Sie konnte aber eine Reinigung vollziehen und den reumütigen Sünder auf das neue Leben in Christus Jesus vorbereiten.
Dieses neue Leben bewirkt und beinhaltet die Taufe mit Heiligem Geist. Sie ist letztlich der Empfang des Geistes Gottes, den jeder empfängt, der zum Glauben an den Herrn Jesus kommt.