Jesus Christus: ganz Gott und ganz Knecht
Schon zu Beginn seines Evangeliums macht Markus unmissverständlich klar, wer Jesus ist: Er ist göttlich in seinem Wesen. Und doch zeigt Markus ihn zugleich von einer Seite, die tief bewegt: Jesus Christus, der Sohn Gottes, macht sich freiwillig zum Knecht.
«Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Wie geschrieben steht in den Propheten: Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird. Die Stimme eines Rufenden ertönt in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Pfade eben! So begann Johannes der Täufer in der Wüste, indem er die Taufe der Busse predigte zur Vergebung der Sünden» (Mk 1,1-4).
Markus beginnt sein Evangelium nicht mit einer Kindheitsgeschichte, nicht mit einem Geschlechtsregister und nicht mit ausführlichen biografischen Angaben. Er setzt direkt ein: mit Jesus Christus, dem Sohn Gottes. Dann verweist er sofort auf das Alte Testament, besonders auf die Propheten Jesaja und Maleachi. Obwohl Markus nur einen Propheten nennt, zitiert er zwei. Damals war es üblich, bei mehreren Zitaten den grösseren oder bekannteren Propheten zu nennen.
Damit zeigt Markus von Anfang an: Das Kommen Jesu steht nicht isoliert da. Es ist die Erfüllung dessen, was Gott im Alten Testament verheissen hat.
Die grosse Verheissung des Alten Testaments
Das grosse Thema des Alten Testaments lautet: Einer wird kommen. Ein Erlöser. Einer, der der Schlange den Kopf zertreten, die Bande der Sünde zerreissen und die Macht Satans brechen wird.
Schon in 1. Mose 3,15 sagt Gott zur Schlange: «Und ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen: Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen.»
Dieser rote Faden zieht sich durch das ganze Alte Testament. Immer wieder wird der Kommende angekündigt: als Erlöser, als König, als Herr aller Herren, als vollkommener Mensch, als Gott selbst in Menschengestalt – und auch als Diener und Knecht.
Mit den Evangelien beginnt deshalb ein neuer Abschnitt in Gottes Heilsgeschichte. Die Zeit des Wartens ist vorbei. Was verheissen war, ist erfüllt. Paulus schreibt: «Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn» (Gal 4,4).
Matthäus beginnt sein Evangelium mit den Worten: «Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams» (Mt 1,1).
Auch hier wird deutlich: Der verheissene König ist gekommen. Der Schlangenzertreter ist da.
Vier Zeugen für den einen Christus
Gott gebraucht vier Evangelisten, um aus verschiedenen Perspektiven zu bezeugen, wer Jesus ist: Matthäus, Markus, Lukas und Johannes.
Schon im Alten Testament galt: Eine Sache sollte durch zwei oder drei Zeugen bestätigt werden. In 5. Mose 19,15 heisst es sinngemäss, dass nicht ein einzelner Zeuge genügt, sondern dass eine Sache durch zwei oder drei Zeugen bestätigt werden soll. Gott aber gibt uns nicht nur zwei oder drei, sondern vier Zeugen.
Jeder Evangelist zeigt Jesus aus einem anderen Blickwinkel.
Matthäus war Zöllner, also jemand, der dem Staat, Herodes und Rom verpflichtet war. Eigentlich keine naheliegende Person, um den Messias als König Israels zu bezeugen. Und doch gebraucht Gott gerade ihn, um Jesus als den König der Juden vor Augen zu malen.
Lukas war Arzt. Er war gewohnt, genau zu beobachten, hinzuhören und menschliche Not wahrzunehmen. Gerade er beschreibt Jesus als den vollkommenen Menschen: als den, der verletzt wurde und doch kein verletzendes Wort sprach; als den, der von Hass umgeben war und dennoch voller Mitleid und Erbarmen blieb; als den, der geschlagen und misshandelt wurde und doch Barmherzigkeit und Wärme ausstrahlte.
Johannes, der Jünger, der in besonders inniger Gemeinschaft mit Jesus lebte, beschreibt ihn vor allem als den ewigen Sohn Gottes. Er zeigt: Jesus ist Gott.
Und Markus? Markus zeigt Jesus als den Gottesknecht.
Markus zeigt Jesus als Gottesknecht
Markus beginnt mit der klaren Aussage: «Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes» (Mk 1,1).
Damit stellt er zuerst die Göttlichkeit Jesu heraus. Jesus ist Gottes Sohn. Er ist von Gott ausgegangen. Ja, er ist Gott selbst.
Doch schon im nächsten Vers schwenkt Markus den Blick. Er sagt gewissermassen: Dieser göttliche Sohn kommt als Diener. Er hat einen Auftrag. Er kommt, um zu dienen.
«Siehe, ich sende meinen Boten vor deinem Angesicht her, der deinen Weg vor dir bereiten wird» (Mk 1,2).
Jesus ist Gott und macht sich zum Knecht. Er ist der Verheissene und wird zum Diener aller.
Gerade deshalb ist der Verweis auf Jesaja so bedeutsam. Jesaja beschreibt in mehreren Abschnitten den kommenden Gottesknecht: den vertrauenswürdigen, den heilsbringenden, den gehorsamen und den leidenden Knecht Gottes. Besonders deutlich wird das in Jesaja 42, Jesaja 49, Jesaja 50 sowie Jesaja 52 und 53.
Markus greift dieses Thema auf und entfaltet es in seinem ganzen Evangelium: Jesus ist der Gottesknecht. Er arbeitet. Er gehorcht. Er erfüllt den Willen des Vaters. Er gibt sich hin.
Auch Hebräer 10,7 beschreibt diese Haltung: «Siehe, ich komme – in der Buchrolle steht von mir geschrieben –, um deinen Willen, o Gott, zu tun!»
Das ist die Grundhaltung des Gottesknechtes: Er kommt, um den Willen Gottes zu tun.
Ein ungeeigneter Zeuge – und gerade deshalb passend
Interessant ist auch der Mensch Markus selbst. Von Natur aus war er nicht gerade das Bild eines entschlossenen Knechtes. Er war aus gutem Haus, gebildet und gut erzogen, aber in seinem Wesen offenbar nicht derjenige, der konsequent durchhielt. Er scheute die Konsequenzen und war hin- und hergerissen.
Und gerade diesen Markus gebraucht Gott, um den einen vollkommenen Gottesknecht zu beschreiben: Jesus Christus, der zielstrebig seinen Dienst tut; der unbeirrbar seinen Weg geht; der bereit ist, alles zu geben: Zeit, Kraft, Privatsphäre, Blut und Leben; der gehorsam bleibt bis nach Golgatha.
Der Schlüssel zum Markusevangelium steht in Markus 9,35: «Wenn jemand der Erste sein will, so sei er von allen der Letzte und aller Diener!»
Das ist nicht nur ein einzelner Satz. Es ist das Thema des ganzen Evangeliums.
Jesaja beschreibt diesen Knecht Gottes mit wunderbaren Worten: «Siehe, das ist mein Knecht, den ich erhalte, mein Auserwählter, an dem meine Seele Wohlgefallen hat. Ich habe meinen Geist auf ihn gelegt; er wird das Recht zu den Heiden hinaustragen. Er wird nicht schreien und kein Aufhebens machen noch seine Stimme auf der Gasse hören lassen. Das geknickte Rohr wird er nicht zerbrechen, und den glimmenden Docht wird er nicht auslöschen» (Jes 42,1-3).
Was für ein Geschenk: Jesus Christus, der Knecht Gottes.
Der Diener, der alles gibt
In einer Zeitungsnotiz war einmal von einem Butler zu lesen, «der alles könne für Millionäre». Der Butler wirkt heute vielleicht wie ein Relikt vergangener Zeiten, höchstens noch im Buckingham Palace denkbar. Und doch gibt es ihn weiterhin: in Luxushotels, in Adelshäusern oder bei Millionären.
Das Anforderungsprofil eines Butlers wurde so beschrieben: Ein Butler muss das Dienen im Blut haben. Vierundzwanzig Stunden ist er für seine Herrschaften da. Für eine eigene Familie bleibt meist keine Zeit.
Ein Butler wurde gefragt, was ihn zu seinem Dienst motiviere. Seine Antwort lautete: «Es ist einfach mein Wunsch, mein Leben für einen anderen Menschen aufzuopfern.»
Das trifft den Kern.
So zeigt Markus Jesus: als den Knecht. Als den, der nicht für sich selbst lebt, sondern sein Leben hingibt.
Kein Geschlechtsregister, keine Kindheitsgeschichte
Im Markusevangelium finden wir kein Geschlechtsregister. Das passt zum Thema. Wenn ein Knecht geboren wurde, interessierte seine Herkunft kaum. Ein Knecht war dazu da, zu arbeiten.
Markus erzählt deshalb keine Geburtsgeschichte und keine Kindheitsgeschichte. Er zeigt Jesus direkt im Dienst. Still, treu, eifrig, zurückhaltend. Da ist kein Tag zu lang, keine Arbeit zu schwer, kein Hilferuf zu gering. Jesus ist da, wenn er gebraucht wird.
Auffällig ist auch: Nur Markus berichtet ausdrücklich, dass Jesus früh am Morgen aufstand, als es noch dunkel war.
«Und am Morgen, als es noch sehr dunkel war, stand er auf, ging hinaus an einen einsamen Ort und betete dort» (Mk 1,35).
Der frühe Morgen ist die Zeit der Knechte. Während andere noch schlafen, beginnt der Diener seine Arbeit.
Auch Markus 3,20 passt in dieses Bild: «Und sie traten in das Haus. Und wiederum kam eine Volksmenge zusammen, sodass sie nicht einmal Brot essen konnten.»
Keine Zeit zum Essen; auch das ist typisch für einen Knecht im Dienst. Und genau so zeigt Markus den Herrn Jesus: ganz Gott auf der einen Seite, und völlig freiwillig ganz Knecht auf der anderen.
Johannes, der Wegbereiter
Dann richtet Markus unseren Blick auf Johannes den Täufer. Seine Taufe war eine Taufe der Busse, eine Taufe zur Umkehr. Sie ist nicht einfach mit der christlichen Taufe gleichzusetzen, wie wir sie heute praktizieren. Johannes rief die Menschen dazu auf, ihre Herzen vorzubereiten, damit sie bereit wären, wenn der Messias kommt.
«Die Stimme eines Rufenden ertönt in der Wüste: Bereitet den Weg des Herrn, macht seine Pfade eben!» (Mk 1,3).
Johannes ist der Bote, der den Weg bereitet. Und auch er passt genau in das Bild des Markusevangeliums.
Wenn ein Präsident ein anderes Land besucht, wird monatelang geplant. Sicherheit, Personal, Logistik, Fahrzeuge, Flugzeuge, Helikopter, medizinische Versorgung, alles wird vorbereitet. Hunderte Menschen sind beteiligt.
Doch als der Gottesknecht kommt, Gott in Person, der sich zum Knecht macht, da genügt ein einfacher Johannes in der Wüste.
Welch ein Gegensatz.
Johannes lebt schlicht: «Johannes aber war mit Kamelhaaren bekleidet und trug einen ledernen Gürtel um seine Lenden, und er ass Heuschrecken und wilden Honig» (Mk 1,6).
Sein Wohnort ist die Wüste. Seine Nahrung ist einfach. Seine Botschaft ist klar: Busse. Umkehr. Vorbereitung auf den Kommenden.
Und sein Dienst ist demütig. Johannes sagt: «Nach mir kommt einer, der stärker ist als ich; ich bin nicht würdig, mich zu bücken und ihm den Riemen seiner Schuhe zu lösen» (Mk 1,7).
Damals war es die Aufgabe eines niedrigen Dieners, einem Gast die Sandalen zu lösen. Der allerunterste Sklave wusch die Füsse. Johannes sagt: Nicht einmal für den niedrigsten Dienst an diesem Kommenden bin ich würdig.
Und dann sehen wir in Johannes 13, wie Jesus selbst den Dienst des alleruntersten Sklaven übernimmt und seinen Jüngern die Füsse wäscht.
Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen
Johannes wusste, wo sein Platz war. Er war nicht der Mittelpunkt. Er war der Wegbereiter. Sein Dienst bestand darin, auf Jesus hinzuweisen.
Als Johannes Jesus kommen sieht, sagt er: «Siehe, das Lamm Gottes!» (Joh 1,29).
Später bringt Johannes seine Haltung in einem einzigen Satz auf den Punkt: «Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen» (Joh 3,30).
Johannes war sogar bereit, seine eigenen Jünger an Jesus abzugeben. In Johannes 1 lesen wir, dass Johannes mit zwei seiner Jünger dastand. Als Jesus vorüberging, sagte er: «Siehe, das Lamm Gottes!» (Joh 1,36).
Die beiden Jünger hörten es und folgten Jesus nach.
Johannes machte sich nicht gross. Er gab Jesus die Plattform, die ihm zusteht. Er trat zurück, damit Christus sichtbar wurde. Sein eigener Weg wurde einsam. Am Ende kam er ins Gefängnis und wurde enthauptet. Doch er blieb der treue Wegbereiter.
Ganz Gott und doch aller Knecht
Das ist das grosse Thema des Markusevangeliums: Jesus ist ganz Gott und doch aller Knecht. Er ist der Ewige und doch bereit, sein Leben zu geben. Er ist der Herr aller Herren und doch der Diener.
Und das alles tut Jesus freiwillig, damit du und ich den Himmel gewinnen können.
Paulus fasst dieses Geheimnis in Philipper 2 eindrücklich zusammen: «Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war, der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäusserte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen; und in seiner äusseren Erscheinung als ein Mensch erfunden, erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz. Darum hat ihn Gott auch über alle Massen erhöht und ihm einen Namen verliehen, der über allen Namen ist, damit in dem Namen Jesu sich alle Knie derer beugen, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind, und alle Zungen bekennen, dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters» (Phil 2,5-11).
Jesus Christus, der Gottesknecht: Er wurde Knecht für dich und für mich.
Was für ein Geschenk.