Noch ist Weihnachten nicht ganz vorbei, schon ziehen insbesondere in katholischen Gegenden phantasievoll als orientalische Könige verkleidete Kinder durch die Strassen, singen, sammeln Spenden und schreiben Segenswünsche an die Haustüren.
In der Orthodoxen Kirche denkt man noch einmal an die «Theophanie», die Sichtbarwerdung Gottes in Jesus Christus. Dreissig Jahre nach Seiner Geburt soll Jesus am 6. Januar von Johannes dem Täufer im Jordan getauft worden sein. Bei diesem Ereignis stellte sich Gott noch einmal mit einem Ruf vom Himmel in aller Öffentlichkeit zu Seinem Sohn. Ausserdem wird schon in der Frühzeit der Kirche angenommen, dass sich Jesus Christus an diesem Tag durch Sein erstes Wunder auf der Hochzeit zu Kana als Herr über die Natur offenbart hat.
Am 6. Januar feiern Christen weltweit die Ankunft der Weisen in Bethlehem, wodurch die Geburt des neuen Königs, Jesus Christus, aller Welt bekannt gemacht wurde. In vielen Kirchen werden am Dreikönigstag die Figuren der Weisen an die Krippe gestellt. Obwohl die Bibel diesbezüglich keine konkreten Angaben macht, nahm man aufgrund der Anzahl der Geschenke (Gold, Weihrauch, Myrrhe) an, dass drei Sterndeuter an der Wiege Jesu standen. Erst im 6. Jahrhundert betrachtete man die Magier aus dem Osten, wohl aufgrund der Erlesenheit ihrer Gaben, als Könige. Im 9. Jahrhundert setzten sich die Namen Kaspar, Melchior und Baltasar für die Besucher im Stall von Bethlehem durch. Theologen und Künstler schufen später ein dichtes Geflecht von Aussagen über die Magier aus dem Orient. Demnach stünden sie symbolisch für die drei Menschenrassen (Afrikaner, Asiaten, Europäer), die drei biblischen Völkergruppen (Semiten, Chamiten, Japhetiten) und die drei Lebensalter. Somit müssten sie als Vertreter der gesamten, damals bekannten Welt angesehen werden.
In den Dreikönigsspielen wurden während der vergangenen Jahrhunderte die dramatischen Ereignisse der Reise nach Jerusalem, des Besuchs bei König Herodes und der geheimen Rückreise nach der Anbetung des Kindes in Kirche und Schule nachgespielt. Das sollte helfen, der breiten Bevölkerung die biblische Geschichte ganz plastisch vor Augen zu stellen, zumal die meisten Menschen früher weder lesen noch schreiben konnten.
Recht alt ist auch der Brauch des Sternsingens. Am 6. Januar ziehen die Kinder mit einem an einer langen Stange befestigten und beleuchteten Stern von Haus zu Haus und tragen ihre traditionellen Lieder vor. Um an den biblischen Hintergrund des Tages zu erinnern, verkleiden sich drei Kinder mit prächtigen Gewändern und Kronen als Könige aus dem Morgenland. Das als Belohnung für die vorgetragenen Lieder erhaltene Geld wird nach dem Vorbild der historischen Weisen gespendet, meist einer Arbeit, die Kindern in der Dritten Welt zugutekommt. Das Sternsingen wurde vermutlich im 8. Jahrhundert von Bonifatius als Neujahrssingen eingeführt. Bis zum 14. Jahrhundert galt der 6. Januar in vielen Ländern Europas nämlich noch als Neujahrstag.
Weit verbreitet ist der Brauch der Sternsinger, nach ihrem Besuch die Zahl des neuen Jahres und die Buchstaben CMB mit Kreide an die Haustür oder an die Hauswand zu schreiben. Dadurch soll das Haus im neuen Jahr unter dem Segen und Schutz Gottes stehen. Viele Katholiken lassen diese Inschrift, in Hoffnung auf entsprechende Segnungen, auch über Jahre hinwegstehen, bis sie von Wind und Wetter verwischt werden. Die Inschrift 20*C+M+B+22 wird dabei folgendermassen gedeutet: Die Zahlen am Anfang und am Ende ergeben das jeweilige Jahr. Der Stern steht für den Stern von Bethlehem und die drei Kreuze für den dreieinigen Gott (Vater, Sohn und Heiliger Geist). Die Buchstabenfolge CMB wird von vielen Laien als Initialen der Königsnamen Caspar, Melchior und Baltasar angesehen, bezieht sich aber eher auf die lateinische Segensformel «Christus mansionem benedicat» (Christus schütze dieses Haus).
In der Schweiz werden in Erinnerung an die Weisen aus dem Osten Jahr für Jahr rund eine Millionen Dreikönigskuchen aus süssem Hefeteig produziert und gegessen. In dem blütenförmig aus Teig geformten und mit Hagelzucker bestreuten Kuchen wird eine kleine Königsfigur verbacken. Die Überraschung besteht dann darin, in wessen Stück des Gebäcks sich der König schlussendlich befindet. Derjenige bekommt dann eine aus goldener Pappe gefertigte Krone aufgesetzt.
Erstaunlicherweise gibt es heute sogar ein Grab der «Heiligen Drei Könige». Im Schatz des Kölner Doms befindet sich ein reich verzierter Schrein mit den Gebeinen der biblischen Weisen; so zumindest die Überlieferung. Dieser Schrein, das kostbarste Stück des Kölner Doms, ist wie eine mittelalterliche Basilika in zwei Stockwerken aufgebaut. In Goldblech gearbeitet finden sich darauf Abbildungen der ganzen biblischen Heilsgeschichte von der Erschaffung der Welt bis zum Jüngsten Gericht. Jährlich kommen viele zehntausend Pilger und Touristen, um dieses Kunstwerk zu bestaunen. Geschaffen wurde es zwischen 1190 und 1225 durch den Goldschmied Nikolaus von Verdun.
Helena, die Mutter Kaiser Konstantin des Grossen, soll auf ihrer Palästinareise im Jahr 326 die Gebeine der «Heiligen Drei Könige» entdeckt und nach Konstantinopel gebracht haben. Von dort aus sollen sie noch im 4. Jahrhundert nach Mailand gelangt sein. Nachdem der deutsche Kaiser Friedrich Barbarossa die Stadt 1158 erobert hatte, schenkte er die Reliquie dem Erzbischof von Köln. Seither werden die Gebeine sorgsam im Schatz des Doms aufbewahrt. Die Echtheit der Knochen ist allerdings mehr als zweifelhaft. Nach biblischen Aussagen verliessen die Sterndeuter Bethlehem und kehrten an einen unbekannten Ort im Osten zurück. In den nächsten dreihundert Jahren ist nichts mehr von ihnen zu hören. Dass dann plötzlich ihre Überreste wieder aufgetaucht und dann auch noch als die echten zuverlässig erkannt worden sein sollen, ist doch eher unwahrscheinlich. Vielen Verehrern der Reliquien ist das aber auch relativ gleichgültig. Für sie zählt alleine die anbetende Erinnerung an die Menschwerdung Gottes und die Weisen als wichtige Zeugen dieses heilsgeschichtlichen Ereignisses.