Kommt das Weltreich Europa? Di. 4. September 2018

Di. 4. September 2018

Über Europas Rolle in der biblischen Prophetie wird viel spekuliert. Auch wenn so manches im Dunkeln bleibt, gibt es doch einige bemerkenswerte Hinweise bei Daniel und in der Offenbarung. Ein kurzer Überblick.

Babylon vor 2.600 Jahren: König Nebukadnezar hat einen Traum. Er sieht «ein erhabenes Standbild», das von einem grossen Stein zermalmt wird. Das Haupt des Bildes besteht «aus gediegenem Gold, seine Brust und seine Arme aus Silber, sein Bauch und seine Lenden aus Erz, seine Oberschenkel aus Eisen, seine Füsse teils aus Eisen und teils aus Ton» (Dan 2,31-34). Später erklärt der Prophet Daniel, dass dieses Bild vier aufeinanderfolgende Weltreiche darstellt: das Babylonische, das Medo-Persische, das Griechisch-Makedonische und das Römische Reich. Tatsächlich sind diese Reiche in der Weltgeschichte nacheinander aufgekommen und untergegangen. – Genauso wie es die biblische Prophetie sagt. Oder doch nicht? Das Römische Reich ist nicht auf einen Schlag zermalmt worden, sondern auseinandergebröckelt.

Die Erklärung ist einfach: Das Römische Reich wird wieder aufkommen und dann erst richtig untergehen. Nach der Beschreibung des «vierten Königreichs» (Dan 2,40) spricht Daniel deutlich von einem «gespaltenen Königreich» (Dan 2,41). Trotzdem ist hier nicht die Rede von einem fünften Weltreich. Beachten Sie, was Nebukadnezar gesehen hat: Das Babylonische Reich aus Gold wird vom Medo-Persischen Reich aus Silber abgelöst. Das Medo-Persische Reich wird vom Griechisch-Makedonischen Reich aus Erz abgelöst. Und das Griechisch-Makedonische Reich wird vom Römischen Reich aus Eisen abgelöst.

Das eiserne Reich wird also wieder auferstehen. Zum Eisen wird dann lediglich Ton hinzugefügt werden. Ansonsten handelt es sich beim «gespaltenen Reich» um dasselbe Reich wie das der «Oberschenkel aus Eisen».

In Daniel 7, wo diese Weltreiche als Tiere dargestellt werden, wird dies bestätigt: Es ist nur von vier Tieren die Rede. Die römische Herrschaft des vierten Tieres scheint sich hier als eine ununterbrochene Zeitperiode darzustellen. Trotz der zwei unterschiedlichen Stadien geht es um ein und dasselbe Römische Reich.

Patmos 700 Jahre später: Nebukadnezars Traum ist inzwischen grösstenteils Realität geworden. Das vierte, eiserne Römische Reich beherrscht die damals bekannte Welt. Johannes, der «um des Zeugnisses Jesu Christi willen» nach Patmos verbannt ist, empfängt vom Herrn eine Offenbarung. Es ist eine Enthüllung, «was bald geschehen muss» (Offb 1,1). Unter anderem sieht er «aus dem Meer ein Tier aufsteigen, das sieben Köpfe und zehn Hörner» hat «und auf seinen Hörnern zehn Kronen und auf seinen Köpfen einen Namen der Lästerung» (Offb 13,1). Vergleicht man Daniel 7 mit Offenbarung 13 wird deutlich: Johannes sieht das Aufkommen eines zukünftigen Weltreichs. Oder besser: die Wiederauferstehung eines Weltreichs. Immerhin heisst es: «Und ich sah einen seiner Köpfe wie zu Tode verwundet, und seine Todeswunde wurde geheilt» (Offb 13,3a; vgl. 17,8a). Ein wiederbelebtes Römisches Reich wird in der Zukunft die Weltbühne betreten. Über diese Wiederauferstehung werden die Ungläubigen «sich verwundern, wenn sie das Tier sehen, das war und nicht ist und doch ist» (Offb 17,8b; 13,3b).

Der «Drache», das ist der Teufel, wird dem wiederbelebten Römischen Reich «seine Kraft und seinen Thron und grosse Vollmacht» geben (Offb 13,2; vgl. V 4). Gemäss Offenbarung 17,8 wird es «aus dem Abgrund heraufkommen». Das wiederbelebte Römische Reich wird teuflischen Ursprungs sein. Das bedeutet, dass sich dieses Weltreich uneingeschränkt gegen Gott erheben wird (Offb 13,1). Der teuflische Charakter wird sich auch dadurch zeigen, dass die Gläubigen dieser Zeit aufs Schrecklichste verfolgt werden (Offb 13,7). Der menschliche Herrscher dieses Reichs wird in Daniel 7,21 ein «Horn» genannt, das «mit den Heiligen» Krieg führt und sie überwindet. Wie so oft wird das Antlitz des Reichs von seinem Herrscher bestimmt. Mit anderen Worten: das Reich widerspiegelt seinen Herrscher.

Dieser Herrscher und sein Reich werden aber «ins Verderben laufen» (Offb 13,2). Seine Zeit ist genau begrenzt: zweiundvierzig Monate oder dreieinhalb Jahre (Offb 13,5). Mit der letzten Schlacht von Harmagedon wird die römische Herrschaft für immer beendet (Offb 16,14; 19,19). Daniel 7,11 beschreibt dieses dramatische Ereignis auf eindringliche Art und Weise: «Ich sah zu, bis das Tier getötet und sein Leib umgebracht und einem brennenden Feuer ausgeliefert wurde.» Das Römische Reich wird dann nie wieder auferstehen, sondern vielmehr einem «ewigen Reich» weichen, nämlich dem Königreich Gottes (Dan 7,27).

J. C. Van de Haar