Die Entrückung: Fakten und Mythen Teil 3 Fr. 2. Oktober 2020

Fr. 2. Oktober 2020

«Die Prophetie hat aus mehreren Gründen einen schlechten Ruf … wegen vieler falscher Voraussagen von wohlmeinenden, aber fehlgeleiteten Seelen» (Erwin W. Lutzer). Eine Richtigstellung.

Von Ed Hindson, Mark Hitchcock

Die Bibel warnt, «dass der Tag des Herrn so kommen wird wie ein Dieb in der Nacht» (1Thes 5,1-2). Das wird ein dramatisches Ereignis sein, das die Welt unvorbereitet erwischen wird. Die Menschheit hat permanent und unwiderruflich bewiesen, dass sie dieser Welt keinen dauerhaften Frieden bringen kann. Alle menschlichen Friedensbemühungen waren bestenfalls von kurzer Dauer und letzten Endes zum Scheitern verurteilt. Zur Zeit des Endes, wenn am meisten auf dem Spiel steht, wird der grösste jemals unternommene Friedensversuch in der gewaltigsten Schlacht aller Zeiten enden – Harmageddon.

Theologische Extreme werden im Allgemeinen von übertriebenen Reaktionen verursacht. Eine an einen theologischen Kontext gewöhnte Person kommt in Kontakt mit einer anderen Perspektive und ändert ihren Standpunkt ins völlige Gegenteil. Das gilt insbesondere für eschatologische Fragen. Stellen Sie sich beispielsweise vor, Sie würden die prätribulationistische Sicht vertreten [d.h. Entrückung vor der Drangsal], ohne zu wissen, warum. Dann werden Sie plötzlich von einigen Fragen herausgefordert, auf die Sie keine unmittelbaren Antworten haben. Unkritisch und naiv nehmen Sie die entgegengesetzte Sicht an. Viele tun das; sie tauschen eine Position gegen die andere ohne genaue Überprüfung. Und wie jemand, der die Gemeinde ohne stichhaltigen Grund wechselt, können sie ihre neue Sicht nicht annehmen, ohne die alte zu kritisieren, um ihre Entscheidung zu untermauern.

Jede eschatologische Position enthält Aspekte der Wahrheit, andernfalls würde ihr niemand glauben. Prätribulationisten glauben, dass Jesus jederzeit kommen könnte, und wenn es so weit ist, wollen sie bereit sein. Vertreter einer Entrückung zur Mitte bzw. nach der Drangsalszeit sind der Ansicht, dass wir vor Seiner Rückkehr bereit sein müssen, für unseren Glauben zu leiden.

ostmillennialisten meinen, wir müssten dem König dienen und Sein Reich verbreiten, bevor Er kommt. Amillennialisten erinnern uns daran, dass die Eschatologie letzten Endes auf den Himmel als unserem endgültigen Ziel hinweist.

Gleichzeitig kann jede dieser eschatologischen Sichtweisen ein gefährliches Extrem erreichen. Eine Überbeschäftigung mit der prätribulationistischen Entrückung hat einige dazu bewogen, sich nicht länger mit den gesellschaftlichen Realitäten unserer Zeit auseinanderzusetzen. Vertreter einer Entrückung zur Mitte bzw. nach der Drangsalszeit haben sich so sehr mit Täuschung und Irrtum befasst, dass sie die positive Erwartung des Kommens Christi vernachlässigt haben. Zu den postmillennialistischen Extremen gehören der Dominionismus und Ansprüche auf das «Königreich jetzt», die zu unrealistischen Versprechen und der Erwartung auf Erfolg und Wohlstand geführt haben. Einige Amillennialisten sind so sehr auf eine himmlische Geistlichkeit fokussiert, dass sie irdische Anliegen praktisch vernachlässigen.

Die Gefahren liegen nicht in den Ansichten selbst, sondern in den Extremen, zu denen sie führen können. Jeder eschatologische Standpunkt befasst sich mit den biblischen Realitäten über Israel, die Gemeinde, das Reich Gottes, die Rückkehr Christi, die Gerichte und Himmel und Hölle. Verbunden damit sind auch die Entrückung und die Fragen über das Wann, Wie, Warum und Wer.
Fast 2000 Jahre sind vergangen, seit Jesus verheissen hat: «Ich komme wieder» (Joh 14,3). In den nachfolgenden Generationen der Kirchengeschichte haben die Gläubigen an dieser Verheissung festgehalten. Der Apostel Paulus nennt es «die glückselige Hoffnung … und die Erscheinung der Herrlichkeit des grossen Gottes und unseres Retters Jesus Christus» (Tit 2,13).

Hinter den historischen Ereignissen erkennen Christen einen gewaltigen geistlichen Konflikt mit den Mächten der Finsternis. Gott hat in der Menschheitsgeschichte deutlich gewirkt, ebensowie der Teufel. Die Menschheit hat ihre Heiligen und ihre Sünder hervorgebracht – ihre Florence Nightingales und ihre Adolf Hitlers. Nichtchristen betrachten alles als einen Prozess der natürlichen Auslese. Christen hingegen sehen, dass Gott souverän über dem natürlichen Prozess steht. Das Christentum beginnt mit der Voraussetzung, dass Gott in der Menschheitsgeschichte wirkt. Es lehrt, dass Gott schon immer in die Menschheitsgeschichte eingegriffen hat und es auch in Zukunft tun wird.

Der Säkularismus des letzten Jahrhunderts hat die heutige Gesellschaft in Richtung Relativismus, Egoismus und Materialismus treiben lassen. Mittlerweile hat die postmoderne Gesellschaft einen Punkt auf ihrer intellektuellen Reise erreicht, an dem sie die Konsequenzen einer säkularen Welt ohne Gott nicht länger tragen will. Doch anstatt sich an Gott zu wenden, fliehen heute viele Menschen in eine Art wissenschaftlichen Mystizismus, der Transzendentalismus, Spiritualismus, transpersönliche Psychologie und Globalisierung miteinander kombiniert.

Das Bedürfnis der Menschen nach einem moralischen Kompass hat sie veranlasst, sich um Natur, Tiere und Menschenrechte zu kümmern und nur wenig Interesse an der objektiven biblischen Wahrheit zu zeigen. In einem solchen Umfeld verwundert es kaum, dass die letzten Generationen wenig Lust haben, sich mühevoll mit den objektiven biblischen Aussagen über die Zukunft auseinanderzusetzen.

Unterdessen sieht der sich am Horizont zusammenbrauende Sturm immer unheilvoller aus. Die politischen Spannungen nehmen zu. Auf der ganzen Welt wird die Wirtschaft immer instabiler. Der soziale Stoff unserer Gesellschaft löst sich auf. Die Neuausrichtung der Staaten auf dem europäischen Kontinent wirft viele Fragen hinsichtlich der Zukunft Europas auf. Das Wiederaufleben Russlands und die anhaltenden Konflikte im Nahen Osten machen uns alle nervös, da sie uns ständig daran erinnern, wie schnell der Marsch nach Harmageddon beginnen könnte.

Die westliche Welt entfernt sich immer weiter von ihren biblischen Wurzeln und nimmt denselben Weg, den Israel in der Zeit der Richter einschlug, als jeder tat, «was recht war in seinen Augen» (Ri 21,25). Israels Abwärtsspirale fing mit einer Reihe von geistlichen Kompromissen an, die schliesslich zu moralischer Verdorbenheit führten und in einer zivilen Katastrophe endeten. Mit der Zeit löste sich der geistliche, moralische und soziale Stoff der israelitischen Gesellschaft auf. Die letzten Kapitel des Buches der Richter (17–21) dienen dem restlichen Buch als eine Art Anhang. Sie geben dem Leser einen Blick hinter die Kulissen auf das, was in diesen Tagen falschlief. Es war eine Zeit geistlichen Versagens und moralischen Chaos, was letztlich in einem Bürgerkrieg endete. Das Volk, das Gott zu segnen verheissen hatte, stand kurz vor der Ausrottung.

Man muss nicht weit blicken, um heute ein ähnliches Muster in Amerika und Europa zu erkennen – ja, in der ganzen zivilisierten Welt. Der materielle Wohlstand, beschleunigt durch technologischen Fortschritt, lässt uns so sehr auf uns selbst vertrauen, dass wir kaum noch Verwendung für Gott haben. Biblische Konzepte von Wahrheit und Moral werden als überholt angesehen. Al Mohler hat festgestellt: Wenn das, was einst gefeiert wurde, heute verurteilt wird, und das, was einst verurteilt wurde, heute gefeiert wird, und jene, die dabei nicht mitmachen wollen, an den Rand gedrängt werden, dann ist die Gesellschaft tot.

Angesichts unserer dunklen Zeiten zitiert David Jeremiah den grossen schottischen Prediger Duncan Campbell, der sagte: «Überall nimmt die Überzeugung zu, und vor allem unter nachdenklichen Menschen, dass ohne eine Erweckung andere Kräfte das Feld übernehmen werden, was uns tiefer im Sumpf des Humanismus und Materialismus versinken lassen wird.» Anschliessend fügt Dr. Jeremiah hinzu: «Die gute Nachricht ist, dass Erweckung möglich ist – und die Geschichte beweist das.» Nachdem er die Geschichte amerikanischer Erweckungen der letzten zwei Jahrhunderte zurückverfolgt hat, ruft er heutige Christen zu einem Erweckungsgebet auf. Das alles von einem Prätribulationisten, der an eine zukünftige Entrückung glaubt und sein Interesse an der gegenwärtigen Welt nicht aufgegeben hat!

Es gab schon immer zwei entgegengesetzte Extreme unter den prophetischen Standpunkten: Das eine Extrem sieht prophetische Erfüllungen in nahezu jedem zeitgenössischen Ereignis, während das andere Extrem zynisch seine Augen verschliesst vor jeder möglichen Erfüllung. Wir glauben, der Schlüssel zur richtigen Auslegung der Eschatologie findet sich in einer ausgewogenen Haltung, die beide Extreme vermeidet. Übertriebene Spekulationen, das Festlegen von Daten und das Errechnen von Daten mit Hilfe komplizierter mathematischer Kalkulationen haben zu falschen und lächerlichen Schlussfolgerungen geführt, die die Menschen oft veranlassten, das rechtmässige Studium der biblischen Prophetie aufzugeben.

Das Studium der biblischen Prophetie zu vernachlässigen, bedeutet gleichzeitig, mehr als 25 Prozent des Bibeltextes aus dem Weg zu gehen. Insgesamt gibt es in der Bibel mehr als 1000 Prophezeiungen, von denen die Hälfte bereits erfüllt wurde. Sie liefern uns ein Muster von Vorhersagen und Erfüllungen, von dem wir uns bei der Auslegung der zukünftig noch zu erfüllenden Prophezeiungen leiten lassen können. Jedes rechtmässige Studium dieser Prophezeiungen muss mit einem Studium der Schrift an sich starten. Mit anderen Worten, lassen Sie die Bibel für sich selbst sprechen! Der Apostel Petrus erinnert uns daran, «dass keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist. Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet» (2Petr 1,20-21). Wenn ihre Botschaften von Gott inspiriert waren, wagen wir es nicht, ihren Warnungen und Verheissungen keine Beachtung zu schenken.