Markus 3,20-30

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 17

Wer ist Jesus?

Jesus steckt mit Satan unter einer Decke. Jesus lügt. Er ist ein Betrüger. Er handelt nicht in der Kraft des Heiligen Geistes, wie er vorgibt. Er ist nicht der Gesandte Gottes.

Das ist eine schreckliche Anklage. Und genau mit solchen Vorwürfen wurde Jesus konfrontiert. Wie reagierte Er auf diese krassen Anschuldigungen?

Die Frage, wer Jesus ist, begleitet die Menschheit seit seiner Geburt in Bethlehem. Sie zieht sich durch die Jahrhunderte bis heute. Ist Jesus nur ein guter Mensch? Vielleicht sogar der grösste Mensch, der je gelebt hat? Einer, der für seine Demut bewundert, für seine Lehre geschätzt und für seine Hingabe verehrt wird – aber eben nicht mehr?

Indem Jesus Christus behauptete, Gott zu sein, liess er seinen Zuhörern letztlich nur drei Möglichkeiten, wie C. S. Lewis einst deutlich machte. Sie konnten ihn als wahnsinnig abtun. Sie konnten ihn als dämonisch brandmarken. Oder sie mussten ihn als göttlich anerkennen. Einen Mittelweg gibt es nicht.

Genau diese drei Möglichkeiten begegnen uns in Markus 3,20-30.

Jesus – ein Wahnsinniger?

Markus berichtet: «Und sie kamen in ein Haus. Und es lief nochmals eine Volksmenge zusammen, sodass sie nicht einmal Speise zu sich nehmen konnten. Und als die, welche um ihn waren, es hörten, gingen sie aus, um ihn zu ergreifen; denn sie sagten: Er ist von Sinnen» (Mk 3,20-21).

Diese beiden Verse werden nur von Markus überliefert. Matthäus 12 und Lukas 11, die Parallelstellen in den synoptischen Evangelien, erwähnen sie nicht.

Jesus war mit seinen Jüngern gerade von einer Reise zurückgekehrt. Vermutlich ist mit dem Haus das Haus von Petrus und Andreas gemeint, wie bereits in Markus 1,29 und 2,1-4. Doch im Handumdrehen versammelte sich wieder eine grosse Volksmenge. Das Haus war so voll, dass Jesus und seine Jünger sich kaum noch bewegen konnten. Markus sagt sogar, dass sie nicht einmal essen konnten.

In einer Kultur, in der Mahlzeiten einen hohen Stellenwert hatten und fast rituellen Charakter besassen, musste ein solches Verhalten auffallen. Jesu Hingabe wurde nicht als geistliche Konsequenz verstanden, sondern als Übertreibung. «Er ist von Sinnen», sagten sie. Heute würde man vielleicht sagen: Er ist geistesgestört.

Mit denen, «die um ihn waren», sind offenbar Jesu Angehörige und Freunde gemeint. Sie kamen von Nazareth nach Kapernaum, ein Weg von ungefähr 50 Kilometern. Markus schreibt, sie wollten ihn «ergreifen». Im Griechischen steht hier ein starkes Wort, das an anderer Stelle auch für Verhaftungen verwendet wird. Es bedeutet: mit Gewalt festhalten, zurückholen, unter Kontrolle bringen. Offenbar gingen sie davon aus, dass Jesus freiwillig nicht mit ihnen kommen würde.

Das ist erstaunlich. Besonders, wenn man bedenkt, dass zu Jesu Angehörigen auch Jakobus gehörte, der Halbbruder des Herrn, der später Leiter der Jerusalemer Urgemeinde und Verfasser des Jakobusbriefes werden sollte.

Warum diese Besorgnis? Vermutlich liebten sie Jesus und wollten ihn – gut gemeint – vor sich selbst schützen. Sie befürchteten vielleicht, er würde sich in seinem Eifer verausgaben und seine Gesundheit ruinieren. In der damaligen Gesellschaft, in der Ehre und Scham eine grosse Rolle spielten, könnte auch die Sorge um den Ruf der Familie eine Rolle gespielt haben. Vielleicht hatten sie Angst, Jesus könne im Gedränge erdrückt werden. Vielleicht hatten sie gehört, dass er eine ganze Nacht im Gebet verbracht hatte, wie es der vorhergehende Abschnitt nahelegt. Vielleicht wollten sie ihn sogar vor Strafverfolgung bewahren.

Sicher ist: Sein religiöser Eifer war ihnen zu radikal. Die Schlussfolgerung war schnell gezogen: Dieser Mann ist wahnsinnig geworden.

Das reinste, edelste, selbstloseste und hingebungsvollste Leben, das je auf dieser Erde gelebt wurde, wurde damals und wird bis heute auf diese Weise abgetan: Er ist ausser sich. Er ist verrückt.

Bis heute werden Musiker, Künstler, Sportler, Geschäftsleute oder Staatsmänner bewundert, wenn sie sich völlig für ihre Sache verausgaben. Doch wenn sich jemand ganz Gott hingibt und das Evangelium unverfälscht verkündigt, bleibt der Applaus oft aus. Dann heisst es schnell: Er übertreibt. Er ist fanatisch. Er ist verrückt.

James Russell Miller schrieb dazu: Wenn das eine Form von Geisteskrankheit ist, dann ist es eine gute Form. Es wäre bedauerlich, dass sie nicht häufiger vorkommt. Denn wenn mehr Christen so hingegeben wären, würden nicht so viele ungerettete Menschen im Schatten unserer Kirchen sterben. Es wäre nicht so schwer, Missionare zu berufen und Mittel zu finden, um das Evangelium bis in die dunkelsten Gegenden der Erde zu tragen. Es gäbe weniger leere Kirchenbänke, weniger lange Pausen in Gebetsstunden und mehr Menschen in Bibelstunden. Es wäre herrlich, wenn alle Christen wie ihr Meister – oder wie Paulus – «ausser sich» wären.

Doch Jesus ist kein Wahnsinniger. Er handelte im völligen Einklang mit dem Willen Gottes und in der Kraft des Heiligen Geistes. Das einzig Irrationale an dieser Situation war die Behauptung seiner Angehörigen, er sei wahnsinnig.

Die Schriftgelehrten hielten Jesus allerdings nicht nur für geisteskrank. Sie gingen einen Schritt weiter.

Jesus – ein Betrüger?

Markus schreibt: «Und die Schriftgelehrten, die von Jerusalem herabgekommen waren, sprachen: Er hat den Beelzebul, und durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus» (Mk 3,22).

Da im Haus zuvor ein dichtes Gedränge herrschte, ist diese Begebenheit vermutlich ein zeitlicher Einschub. Am Ende des Abschnitts kommen Jesu Angehörige wieder ins Blickfeld. Dazwischen berichtet Markus von den Schriftgelehrten aus Jerusalem.

Sie kamen «herab». Das stimmt geografisch: Jerusalem liegt ungefähr 750 Meter über dem Meeresspiegel, Kapernaum in Galiläa etwa 210 Meter darunter. Doch noch deutlicher als ihr geografisches Herabkommen ist ihr geistliches Herabkommen.

Der Anlass war ein unbestreitbares Heilungswunder an einem blinden und stummen Besessenen. Matthäus berichtet: «Da wurde ein Besessener zu ihm gebracht, der blind und stumm war; und er heilte ihn, sodass der Blinde und Stumme redete und sah. Und die Volksmenge erstaunte und sprach: Ist dieser nicht etwa der Sohn Davids?» (Mt 12,22-23).

Die Menschen erkannten: Wenn Jesus solche Macht hat, dann ist er vielleicht der verheissene Messias, der Sohn Davids. Genau diese Schlussfolgerung durfte aus Sicht der Schriftgelehrten nicht stehen bleiben. Also mussten sie eine andere Erklärung liefern.

Sie erhoben zwei bösartige Anklagen. Erstens: «Er hat den Beelzebul.» Aus dem weiteren Verlauf wird klar, dass damit Satan gemeint ist. Die Schriftgelehrten behaupteten also: Jesus ist besessen. Zweitens: «Durch den Obersten der Dämonen treibt er die Dämonen aus.» Mit anderen Worten: Jesus steckt mit Satan unter einer Decke.

Das bedeutet: Jesus lügt. Er ist ein Betrüger. Er handelt nicht in der Kraft des Heiligen Geistes, wie er vorgibt. Er ist nicht der Gesandte Gottes.

Eine schreckliche Anklage.

Doch Jesus reagiert nicht emotional oder unbeherrscht. Er entlarvt ihre schlechte Theologie und ihre mangelnde Logik.

Jesus – der Sohn Davids

Markus fährt fort: «Und er rief sie zu sich und sprach in Gleichnissen zu ihnen: Wie kann der Satan den Satan austreiben?» (Mk 3,23).

Jesus geht auf ihre frechen Anschuldigungen ein und widerlegt sie mit einem einfachen, anschaulichen Vergleich.

«Und wenn ein Reich in sich selbst uneins ist, so kann ein solches Reich nicht bestehen» (Mk 3,24).

Das versteht jeder. Ein Bürgerkrieg zerstört ein Staatswesen. Ein Reich, das gegen sich selbst kämpft, kann nicht bestehen.

Dann folgt ein zweiter Vergleich: «Und wenn ein Haus in sich selbst uneins ist, so kann ein solches Haus nicht bestehen» (Mk 3,25).

Jesus wechselt vom öffentlichen Bereich des Reiches in den privaten Bereich des Hauses. Gemeint ist der Haushalt, die Bewohner eines Hauses. Wie soll ein Haus gedeihen, wenn die Bewohner gegeneinander kämpfen? Auch hier liegt die Antwort auf der Hand: Das ist unmöglich.

Darum sagt Jesus: «Und wenn der Satan gegen sich selbst auftritt und entzweit ist, so kann er nicht bestehen, sondern er nimmt ein Ende» (Mk 3,26).

Wenn Satan durch Jesus Dämonen austreiben würde, würde er seine eigene Zerstörung fördern. Er würde gegen sich selbst arbeiten. Das wäre absurd.

Dann bringt Jesus die entscheidende Schlussfolgerung: «Niemand kann in das Haus des Starken hineingehen und seinen Hausrat rauben, es sei denn, er bindet zuvor den Starken; dann erst wird er sein Haus berauben» (Mk 3,27).

Mit dem Starken ist Satan gemeint. Mit seinem Haus ist sein Reich gemeint. Mit dem Hausrat sind seine Besitztümer gemeint: Menschen, die unter dämonischer Knechtschaft stehen.

Wer in das Haus eines starken Mannes eindringen und ihn berauben will, muss zuerst den starken Mann binden. Genau das tut Jesus. Schon zu Beginn des Markusevangeliums widersteht er den Versuchungen des Feindes. Er tritt in das Reich Satans ein, bindet den Starken und befreit die Gefangenen.

Das Kommen Jesu, das in Bethlehem begann und am Kreuz seinen Höhepunkt fand, ist der entscheidende Sieg über Satan. Es besiegelt dessen Verderben.

Damit ist die Schlussfolgerung klar: Jesus kann nicht vom Teufel besessen sein. Er kann nicht mit Satan unter einer Decke stecken. Satan wäre nicht so töricht, sich selbst anzugreifen.

Dass Jesus den blinden und stummen Besessenen heilte, war ein unwiderlegbarer Beweis: Jesus ist stärker als Satan. Und er ist tatsächlich der, den die Volksmenge erahnte, als sie fragte: «Ist dieser nicht etwa der Sohn Davids?»

Ja, er ist der Sohn Davids. Der Messias Israels. Der Sohn Gottes.

Die Lästerung gegen den Heiligen Geist

Nachdem Jesus die bösartige Anklage der Schriftgelehrten widerlegt hat, verkündigt er das Schicksal derer, die diese Anklage vorbrachten: «Wahrlich, ich sage euch: Alle Sünden sollen den Menschenkindern vergeben werden, auch die Lästerungen, womit sie lästern. Wer aber gegen den Heiligen Geist lästert, der hat in Ewigkeit keine Vergebung, sondern er ist einem ewigen Gericht verfallen. Denn sie sagten: Er hat einen unreinen Geist» (Mk 3,28-30).

Nur wenige Bibelstellen sind im Lauf der Kirchengeschichte so missverstanden worden wie diese. Manche Christen haben sich gefragt, ob sie vielleicht diese unvergebbare Sünde begangen haben könnten. Doch schon diese Sorge zeigt, dass ihr Gewissen lebendig ist. Sie haben ein Fragen, Hoffen und Verlangen nach Gott.

Was aber ist die Sünde gegen den Heiligen Geist?

Man darf diese Stelle nicht aus dem Zusammenhang reissen. Die Schriftgelehrten waren Zeugen einer unbestreitbaren Dämonenaustreibung durch Jesus. Jeder unvoreingenommene Mensch hätte darin etwas Herrliches erkennen müssen: Ein gebundener Mensch wurde aus der Knechtschaft Satans befreit.

Doch gerade dort, wo die Kraft des Heiligen Geistes hell aufleuchtete, schrieben sie dieses Werk den dunkelsten Mächten zu. Sie bezichtigten den Heiligen Geist, dämonisch zu sein. Genau das ist in diesem Zusammenhang die Sünde gegen den Heiligen Geist.

Diese Sünde konnte in dieser Form nur begangen werden, solange Jesus auf der Erde wandelte und in der Kraft des Heiligen Geistes Gottes Wunder tat. Nur damals, vor seiner Kreuzigung, konnte man ihn leibhaftig vor sich sehen, seine Wunder erleben und das Wirken des Heiligen Geistes bewusst und böswillig Satan zuschreiben.

Seit dem Sterben Jesu am Kreuz, seinem Blutvergiessen und der Ausgiessung des Heiligen Geistes an Pfingsten leben wir im Zeitalter der Gnade. Heute gilt: «Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde» (1Joh 1,7).

Nicht von fast aller Sünde. Nicht von aller Sünde ausser einer. Sondern von aller Sünde.

Und weiter: «Wenn wir aber unsere Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und uns reinigt von aller Ungerechtigkeit» (1Joh 1,9).

Auch hier steht nicht: von aller Ungerechtigkeit ausser einer. Alle meint alle. Das soll getrost machen.

Wer innerlich Not hat, darf sich dem Herrn neu hingeben und sagen: Herr, Du weisst alle Dinge. Du weisst, dass ich Dich lieb habe. So wie Petrus nach seinem schrecklichen Verrat. Der Herr reinigt von jeder Befleckung des Leibes, der Seele und des Geistes. Er reinigt von aller Sünde.

Das Beachten der heilsgeschichtlichen Zusammenhänge sorgt nicht nur lehrmässig für Klarheit, sondern ist auch seelsorgerlich befreiend. Im heutigen Zeitalter der Gnade kann diese Sünde nicht mehr in derselben Weise begangen werden wie damals, als Jesus sichtbar auf der Erde war und seine Wunder vor den Augen der Menschen tat.

Was sagst du über Jesus?

Die Angehörigen Jesu sagten etwas über ihn. Die Schriftgelehrten sagten etwas anderes. Doch die entscheidende Frage bleibt: Was sagst du über Jesus?

Die Evangelien des Neuen Testaments wurden geschrieben, um jedem Leser zu zeigen: Jesus Christus war weder ein Wahnsinniger noch ein Lügner. Wahnsinnige heilen keine Kranken. Wahnsinnige wecken keine Toten auf. Betrüger vollbringen keine unbestreitbaren Wunder. Und jemand, der von bösen Geistern besessen ist, würde seine Macht gewiss nicht dazu einsetzen, Dämonen auszutreiben.

Die Bibel lässt ihren Lesern letztlich nur eine Antwort: Jesus ist der Sohn Davids. Er ist der messianische König, der Messias Israels, der König aller Könige und Herr aller Herren. Er ist der Sohn des lebendigen Gottes. Er ist der Herr und Erlöser.

Gott, der Vater, hat ihn aus den Toten auferweckt und ihn zu seiner Rechten gesetzt: «… in den himmlischen Regionen, hoch über jedes Fürstentum und jede Gewalt, Macht und Herrschaft und jeden Namen, der genannt wird, nicht allein in dieser Weltzeit, sondern auch in der zukünftigen» (Eph 1,20-21).

Jesus ist Herr.

Jesus ist Sieger.

Fredy Peter ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Sein Aufgabenbereich ist die Öffentlichkeits- und Verlagsarbeit des Missionswerkes. Er absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland und in der Schweiz.
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