Herr, wie lange noch? (Teil 4)

Manch einer stellt sich die Frage angesichts von Not, Leid und Ungerechtigkeit, in Ehe, Familie, Verwandtschaft, in der Nachbarschaft, auf der Arbeit oder in der Gesellschaft: Wie soll das weitergehen? Psalm 94 gibt die Antwort, die wir heute alle brauchen.

Beunruhigende Warnungen

«Nehmt doch Verstand an, ihr Unvernünftigen unter dem Volk! Ihr Toren, wann wollt ihr einsichtig werden?» (V. 8). Die Bibel ist hier sehr direkt und «politisch unkorrekt». Denn David sagt: Gottlose Menschen sind unvernünftig und dumm. Mit unvernünftig werden an anderer Stelle instinktgetriebene Tiere bezeichnet. (vgl. z.B. Ps 49,21). Was für eine vernichtende Beurteilung des modernen Menschen, der Wissen mit Weisheit vertauscht hat.

«Der das Ohr gepflanzt hat, sollte der nicht hören? Der das Auge gebildet hat, sollte der nicht sehen? (V. 9).

Was für ein genialer Gott, der gesprochene Worte in Form von Schallwellen in unser Innenohr dringen lässt, dort in Nervenimpulse umwandelt und schliesslich zum Gehirn transportiert! Was für ein genialer Gott, der das Auge geschaffen hat, das von Gegenständen ausgehende elektromagnetische Wellen in einem hochkomplexen Vorgang so umformt, dass wir Farben, Licht und Formen wahrnehmen! «Sollte der nicht hören und sehen?»

Er steht aber nicht nur über den kleinsten Nervenzellen, sondern hat auch die grossen Ereignisse dieser Welt unter Kontrolle: «Der die Völker züchtigt, sollte der nicht strafen, er, der die Menschen Erkenntnis lehrt?» (V. 10).

Gott setzt Könige ein und setzt Könige ab. Er ist der Herr über die Geschichte. Er hat einen Plan, einen Heilsplan für diese Welt: «sollte der nicht strafen?» Wo sind denn die gottlosen römischen Kaiser, vor denen sich die Juden und Christen so gefürchtet hatten? Heute nennen wir unsere Hunde Cäsar und Nero!

«Der Herr erkennt die Gedanken der Menschen, dass sie nichtig sind» (V. 10). Was für eine erschreckende Aussage, dass Gott nicht taub, blind und unwissend ist, sondern alles sieht, was wir sehen, alles hört, was wir hören, und auch alles registriert, was wir sagen und tun. Sogar die tiefsten Gedanken im Herzen sind Ihm bekannt. Alle unsere Machenschaften, Erfindungen und Pläne. Gott merkt sie sich und einmal muss sich jeder Mensch dafür vor dem gerechten Richter verantworten. Das sind beunruhigende Warnungen!

Für denjenigen Menschen aber, der sich diese zu Herzen nimmt, der seine totale Verderbtheit Gott gegenüber eingesteht und der sein Vertrauen auf Gott setzt, für den hat David in der vierten Strophe seines Liedes:

Befreiende Gewissheiten

Während Notzeiten für die Völker Gericht ist, sind Notzeiten für Kinder Gottes ein Segen. Mit einer besonderen Seligpreisung für gottesfürchtige Menschen in Not wechselt nun der Fokus auf Worte der Hoffnung, des Glaubens und Vertrauens.

«Wohl dem Mann, den du, Herr, züchtigst, und den du aus deinem Gesetz belehrst, um ihm Ruhe zu geben vor den Tagen des Unglücks, bis dem Gottlosen die Grube gegraben wird.» (Vv. 12-13).

Warren Wiersbe bemerkt: «Wenn Gott seine Kinder sofort von ihren persönlichen Problemen befreite, würde er sie nicht erziehen, sondern verziehen. Dann könnten diese ‹verzogenenen Gören› niemals im Glauben oder Charakter reifen» (Kommentar zum AT, Bd. 1). 

Im Neuen Testament gibt es fast ein ganz Kapitel, das sich damit beschäftigt. Hebräer 12 zeigt deutlich, dass Züchtigung niemals Strafe ist, sondern Ausdruck der besonderen Liebe des Vaters für Seine Kinder. Und das schwer Verständliche: Mitunter benutzt Gott sogar gottlose Menschen dazu, wie dieser Psalm zeigt. 

Hier bekommen wir eine Antwort auf die Frage: Herr, wir lange noch? Nämlich bis dem Gottlosen die Grube gegraben wird. Die Abrechnung kommt, das ist dann der ultimative Tag des Unglücks. Niemand im Volk Israel und auf der ganzen Welt soll sich darüber im Unklaren sein: Das Gericht ist ohne Umkehr und Sündenvergebung absolut gewiss. 

Genauso gewiss ist aber auch Gottes bedingungslose Treue zu Israel. «Denn der Herr wird sein Volk nicht verstossen und sein Erbteil nicht verlassen» (V. 14). Laut dem amerikanischen Bibellehrer John MacArthur bildet dieser Vers die lehrmässige Grundlage für alle Königspsalmen 93 bis 100.

In Psalm 94 wird insgesamt elfmal der hebräische Eigenname Jahwe bzw. die Kurzform Jah verwendet, der in unseren Übersetzungen mit «Herr» (meist in Grossbuchstaben) wiedergegeben wird. Mit diesem Namen wird zum einen Seine unausforschliche, unveränderliche, ewige, Selbstexistenz betont. Er ist der: «Ich bin, der ich bin» (2Mo 3,14). Zum anderen wird mit diesem Namen Seine Treue als Bundesgott Israels betont. Die auffallend häufige Erwähnung in unserem Psalm will ganz besonders auf die eine Tatsache hinweisen: «Ich bin der, welcher im Bund mit dir steht» (1Mo 17,4). Ja, «der Herr wird sein Volk nicht verstossen und sein Erbteil nicht verlassen».

Dieser Vers ist zudem Basis für die herrliche Aussage von Paulus in Römer 11,1: «Ich frage nun: Hat Gott etwa sein Volk verstossen? Das sei ferne!» Dieser Ausdruck ist «das stärkste griechische Idiom (eine Redewendung) zum Zurückweisen einer Aussage. Es drückt das Entsetzen darüber aus, dass jemand die betreffende Aussage überhaupt in Erwägung ziehen könnte» (John MacArthur-Studienbibel).

Was für eine Beruhigung, wenn wir heute nach Nahost schauen. Und was für ein Trost für den gläubigen Überrest in der Trübsalszeit, wenn Israel in allergrösste Bedrängnis gerät. Was für eine Sicherheit auch für Kinder Gottes, dass genauso wie Israels Zukunft sicher ist, auch nichts und niemand «uns zu scheiden vermag von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn» (Röm 8,39).

Die letztendliche Befreiung von allen Problemen wird die Wiederkunft Jesu sein. Davon spricht der letzte Vers dieser Strophe: «denn zur Gerechtigkeit kehrt das Gericht zurück, und alle von Herzen Aufrichtigen werden ihm folgen!» (V. 15). 

Dieser Vers will sagen: In der Rechtsprechung wird wieder Gerechtigkeit herrschen. Wenn der Herr kommt, wird wieder gerecht gerichtet und die Aufrichtigen werden sich darüber freuen. Dieser Vers könnte aber auch noch einen anderen Hinweis enthalten, nämlich, dass Jesus nicht alleine kommt, sondern mit Seiner verherrlichten Gemeinde, so wie das Judas 14-15 beschreibt: «Siehe, der Herr ist gekommen mit seinen heiligen Zehntausenden, um Gericht zu halten über alle und alle Gottlosen unter ihnen zu strafen wegen all ihrer gottlosen Taten, womit sie sich vergangen haben, und wegen all der harten [Worte], die gottlose Sünder gegen ihn geredet haben.»

Interessanterweise finden wir in diesen beiden Judasbrief-Versen dieselbe Reihenfolge wie in Psalm 94: «Richter der Erde» (V. 2), «Gottlose» (V. 3), «freche Reden» (V. 4).

Vielleicht fragt sich nun der eine oder die andere: Die Zukunft ist herrlich, was ist aber mit heute? Wer hilft mir persönlich, und jetzt? Diese Fragen werden in der fünften Strophe beantwortet.

Belebende Tröstungen > Siehe Teil 5

Fredy Peter ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Sein Aufgabenbereich ist die Öffentlichkeits- und Verlagsarbeit des Missionswerkes. Er absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland und in der Schweiz.
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