Herr, wie lange noch? (Teil 2)

Manch einer stellt sich die Frage angesichts von Not, Leid und Ungerechtigkeit, in Ehe, Familie, Verwandtschaft, in der Nachbarschaft, auf der Arbeit oder in der Gesellschaft: Wie soll das weitergehen? Psalm 94 gibt die Antwort, die wir heute alle brauchen.

Jesus ist der König Israels und Herrscher über alle Nationen

  • Psalm 93 beschreibt den Herrn als König
  • Psalm 95 beschreibt die Anbetung des Königs
  • Psalm 96 beschreibt die Majestät des Königs
  • Psalm 97 beschreibt die Macht des Königs
  • Psalm 98 beschreibt den Lobpreis für den König
  • Psalm 99 beschreibt die Heiligkeit des Königs
  • Und schliesslich beschreibt Psalm 100 den überschwänglichen Dank für den König.

Innerhalb dieser Serie über die kommende souveräne Herrschaft Gottes über Israel und die Nationen steht Psalm 94. Aber wo ist der Zusammenhang? Im Psalm 94 geht es um das gerechte Gericht des Königs, das der Aufrichtung Seines Reiches direkt vorangeht! Und damit kommen wir zur ersten Strophe dieses prophetischen und so persönlichen Liedes. Sie ist die Einleitung zum ganzen Thema und besteht aus drei Versen. Darin geht es um:

Brennende Fragen

«Du Gott der Rache, o Herr, du Gott der Rache, leuchte hervor!» (Ps 94,1). Ein sehr bemerkenswerter Beginn. Denn dies ist die einzige Stelle in der ganzen Bibel, wo der Herr «Gott der Rache» genannt wird. 

Gerne bezeichnen wir den Herrn mit Ausdrücken wie: «Gott der Liebe» (2Kor 13,11), «Gott des Friedens» (Phil 4,9), «Gott der Hoffnung» (Röm 15,3), «Gott aller Gnade» (1Petr 5,10) oder «Gott alles Trostes» (2Kor 1,3). Aber Gott der Rache, und das gleich zweimal? Das ist in unserer so toleranten Zeit doch kaum erträglich! – Oder?

Arthur W. Pink hat diesbezüglich einmal geschrieben: «Es ist traurig, dass man so viele bekennende Christen findet, die anscheinend den Zorn Gottes als etwas empfinden, was sie entschuldigen müssen, oder zumindest wünschen sie, so etwas gäbe es nicht. […]. Andere geben sich der Täuschung hin, Gottes Zorn passe nicht zu seiner Güte, und so versuchen sie, ihn aus ihren Gedanken zu verdrängen. […] Aber Gott schämt sich nicht, kundzutun, dass Rache und Grimm zu ihm gehören. […] Der Zorn Gottes ist genauso Teil der göttlichen Vollkommenheit wie seine Treue, Macht und Gnade […] Das Wesen Gottes selbst macht die Hölle zu einer genauso notwendigen Realität wie den Himmel» (zitiert von William MacDonald, in Kommentar zum Alten Testament, Psalm 94).

Gott ist heilig, das bedeutet abgesondert. Von was? Von Sünde völlig abgesondert. Und diese Eigenschaft erfordert auch, Sünde zu hassen. «Deine Augen sind so rein, dass sie das Böse nicht ansehen können» (Hab 1,13). – Wie wollen wir vor diesem heiligen Gott bestehen und in Ewigkeit Gemeinschaft mit Ihm haben? Deshalb brauchen wir jemanden, der unsere Schuld auf sich nimmt. Und genau das hat Jesus am Kreuz getan! 

Gott ist nicht nur heilig, sondern zugleich auch allwissend. Er kennt die Motive aller Handlungen. Er ist der Einzige, der wirklich gerecht richten kann. Rache hat bei Gott aber nichts mit einem unbeherrschten Wutanfall zu tun, sondern mit gerechter Vergeltung für alle Ungerechtigkeit. Wenn nun der Psalmist nach Rache schreit, dann ruft er dort, wo die irdische Gerechtigkeit versagt hat, das Eingreifen Gottes herab. Für das Volk Israel war Rache und Vergeltung im Zeitalter des Gesetzes angemessen.

Für Gläubige, die im Zeitalter der Gnade leben, ist das deplatziert. Im Neuen Bund werden wir aufgefordert, «unsere Feinde zu lieben» (vgl. Mt 5,44), Böses mit Gutem zu überwinden (vgl. Röm 12,21), zu erdulden, erleiden und ertragen (vgl. Eph 4,1ff, Kol 3,13). Selbstverständlich geht es nicht darum, die Augen vor der Ungerechtigkeit zu schliessen, sondern, wie Römer 12,19 sagt: «Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt Raum dem Zorn [Gottes]». Und selbstredend ist davon Selbstverteidigung und Hilfestellung gegenüber akut bedrohten Menschen ausgenommen. Das ist unsere ureigenste Christenpflicht.

«Kein Mensch darf Rache üben, nur Der, dem alles Gericht übergeben ist. Die Rachepsalmen sind Lieder aus der Zeit des Wiederkommens des Herrn, wenn Er furchtbar Rache nehmen wird an allen, die Sein Volk verfolgt haben» (Dr. G. Wasserzug, Die Bibelschule für jedermann, S. 198).

Nur wenn wir die prophetische Bedeutung dieses Psalms erkennen, wird uns dessen Wortwahl verständlich: «Erhebe dich, du Richter der Erde, gib den Hochmütigen ihren Lohn! Wie lange sollen die Gottlosen, o Herr, wie lange sollen die Gottlosen frohlocken?» (Ps 94,2-3).

Wer ist dieser Richter der Erde? Das Johannes-Evangelium beantwortet diese Frage wie folgt: «Denn der Vater richtet niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohn übergeben» (Joh 5,22). Hier spricht der Psalmist also prophetisch von Jesus Christus! In der grauenhaften Trübsalszeit werden die verfolgten Gläubigen nach dem Richter, nach Jesus schreien, nach Seinem Hervorleuchten, nach Seinem Offenbarwerden, nach Seiner Wiederkunft. «Herr Jesus, komm! Herr, wie lange noch?»

Im Wortgebrauch der Psalmen sind die Hochmütigen Menschen, die sich ganz bewusst gegen Gott erheben und dabei frohlocken, wenn sie Seine göttlichen Ordnungen überschreiten. Jesu Erscheinen in grosser Kraft und Herrlichkeit wird das Frohlocken aller Gottlosen beenden. 

Dann werden alle Klageseufzer, die schon seit Generationen von Bedrückten, Verfolgten und Geplagten zum Thron Gottes emporsteigen, erhört. Dann werden auch insbesondere die Lästerungen des Gottlosesten aller Gottlosen – des Antichristen – aufhören. Paulus beschreibt das in 2. Thessalonicher 2,8 dramatisch: «den der Herr verzehren wird durch den Hauch seines Mundes, und den er durch die Erscheinung seiner Wiederkunft beseitigen wird».

In der nächsten Strophe, die wie alle weiteren Strophen dieses Liedes aus vier Versen besteht, geht es zweitens um:

Bedrückende Situationen > Siehe Teil 3

Fredy Peter ist Mitarbeiter und Verkündiger des Mitternachtsruf. Sein Aufgabenbereich ist die Öffentlichkeits- und Verlagsarbeit des Missionswerkes. Er absolvierte seine theologische Ausbildung in Deutschland und in der Schweiz.
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