Der Bibelschatz aus dem Wüstenkloster (Teil 1)

Constantin von Tischendorf und die Entdeckung der ältesten Bibel der Welt.

Der Codex Sinaiticus, eine der wertvollsten Bibelhandschriften der Welt, ist heute im World Wide Web mit wenigen Klicks abrufbar (www.codex-sinaiticus.net/de/). Die digitale Bereitstellung der antiken Pergamenthandschrift ist eines der umfangreichsten und teuersten Forschungsprojekte des Internetzeitalters und kostete über 5 Millionen EUR. Das 1.600 Jahre alte Bibelmanuskript enthält grosse Teile des Alten Testaments in griechischer Sprache (sog. Septuaginta) und das komplette Neue Testament. Der Codex (= Buch) stammt aus dem 4. Jahrhundert n.Chr. und gilt neben dem Codex Vaticanus (4. Jh. n.Chr.) und dem Codex Alexandrinus (5. Jh. n.Chr.) als eine der drei ältesten Vollbibeln (AT und NT) der Welt. Doch nur der Codex Sinaiticus kann den Anspruch erheben, die älteste komplett erhaltene Handschrift des Neuen Testaments zu sein! Mindestens 3 Schreiber haben diese Bibelabschrift in Cäsarea Maritima oder Ägypten angefertigt. Das hauchdünne Pergament wurde aus der Tierhaut von Kälbern und Schafen hergestellt. Man schätzt, dass 350 Tiere dafür ihr Fell geben mussten. Ein ganze Kuh- bzw. Ziegenherde für eine einzige Bibel! «Das geht auf keine Kuhhaut», das konnte ein Schreiber mit Recht beim Abschreiben der Bibel sagen. 

Die Blätter haben eine Höhe von 38 cm und eine Breite von 34 cm, wodurch sie auch die grössten der Bibelhandschriften sind. Man schätzt die ursprüngliche Zahl der Blätter auf 739 (= 1.478 Seiten). Erhalten sind leider nur noch 411 Blätter. Jede Seite hat vier Spalten (ausser bei den poetischen Büchern, wie den Psalmen, die nur zwei Spalten haben), wobei jede Spalte im Normalfall 48 Zeilen hat.

Auch wenn die Blätter des Codex im Internet «virtuell» vereint und alle zusammen abrufbar sind, befinden sie sich in Wirklichkeit verteilt über die ganze Welt:

Der Löwenanteil der Handschrift (347 Blätter) wird seit 1933 in der British Library in London aufbewahrt. Es handelt sich um den Grossteil des Alten Testaments nach dem Kanon der Septuaginta, also inklusive der Apokryphen, sowie um das ganze Neue Testament. Die Anzahl der neutestamentlichen Bücher entspricht unseren heutigen Bibelausgaben. Nur die Anordnung ist unterschiedlich; so befindet sich der Hebräerbrief nach dem 2. Thessalonicherbrief und die Apostelgeschichte nach dem Philemonbrief und vor dem Brief des Jakobus. Ausserdem enthält der Codex Sinaiticus auch noch die beiden frühchristlichen Schriften Der Hirte des Hermas und den Barnabasbrief. Bis 1933 wurden diese Bibelseiten in der Zarenbibliothek in St. Petersburg/Leningrad aufbewahrt, dann verkaufte sie Stalin für 100.000 Pfund an die Engländer. Das entsprach dem Wert von 3 Gutenbergbibeln oder auf heute umgerechnet ca. 25 Millionen EUR.

In der Universitätsbibliothek Leipzig liegt seit 1844 der zweitgrösste Teil (43 Blätter) mit Teilen aus 1. Chronik und 2. Esra, Esther (komplett), Tobit (eine Seite), ein Teil aus Jeremia und ein Teil aus den Klageliedern.

Teile von 4 Blättern sind in St. Petersburg, und zwar nur Fragmente aus 1. Mose, 4. Mose und Judith sowie aus dem Hirten des Hermas.

18 Blätter (z. T. fragmentarisch) werden im Katharinenkloster aufbewahrt. Sie enthalten Teile aus allen fünf Büchern Mose, Josua, Richter, 1. Chronik, Josua 1 und dem Hirten des Hermas. 

Der Fund dieser Pergamentblätter ist ein wahrer Wissenschaftskrimi der Bibelgeschichte und ist mit dem Namen Constantin von Tischendorf unzertrennlich verbunden.

Geboren wurde Tischendorf vor über 200 Jahren am 18. Januar 1815 in Lengenfeld im Vogtland (Sachsen). Bereits in der Schule zeigte sich die altsprachliche Begabung des jungen Knaben, der in der Schule stets der Klassenprimus und auf der Universität in Leipzig ein hervorragender Student war und sein Studium 1838 als Dr. phil. abschloss. Während des Theologiestudiums wurde Tischendorf, dessen Mutter ihm den Weg zum christlichen Glauben gezeigt hatte, auch mit der liberalen Theologie und heftigen Angriffen gegen den christlichen Glauben konfrontiert. Diese Angriffe stützten sich zum Teil auf die Art der Überlieferung des Neuen Testaments und genau hier wollte Tischendorf aufgrund seiner hervorragenden Kenntnisse der Altsprachen tätig werden. Es reifte in ihm der Wunsch, sich auf die Suche nach den ältesten Abschriften des Neuen Testaments zu begeben, um diese für eine neue Textedition auszuwerten. Die Textüberlieferung des Neuen Testaments sollte so auf einen festen Grund gestellt und den Kritikern den Boden unter den Füssen entzogen werden. Doch warum war das nötig?

Kurz vor Luthers epochaler Übersetzung des Neuen Testaments (1522) hatte Erasmus von Rotterdam zum ersten Mal eine gedruckte griechisch-lateinische Fassung des Neuen Testaments (1516) veröffentlicht, die Luther als «Urtextausgabe» für seine Übersetzung auf der Wartburg nutze. Doch Erasmus hatte nur sehr wenige (7) und sehr späte griechische Handschriften aus dem 12. u. 15. Jh. seinem Druck des Neuen Testaments zur Grundlage gelegt. Dieser griechische Text aus den mittelalterlichen Handschriften wurde in den folgenden Jahrzehnten immer wieder abgedruckt und durch weitere Bearbeitungen seit 1633 als «Textus receptus» (der von allen angenommene/rezipierte Text) bekannt. Er wurde für Jahrhunderte die Grundlage der Bibelübersetzungen (so auch für die berühmte King James Version von 1611 oder Luther 1545/1912). Doch dieser «Textus receptus» war Tischendorf nicht alt genug, er wollte ältere, viel ältere Handschriften für eine neue kritische Textausgabe in griechischer Sprache zugrunde legen, denn – so die Überlegung Tischendorfs – je älter eine Abschrift sei und je näher sie an die Abfassungszeit der Evangelien heranreiche, umso geringer war die Chance, dass die Texte verfälscht worden waren. Für ihn stand fest, dass man bei der Suche nach dem originalen Text des Neuen Testamentes zunächst von den ältesten Handschriften ausgehen musste, auch wenn das hohe Alter nicht immer zugleich ein Garant für den besten Text darstellen muss. 

So begab sich Tischendorf 1839/40 auf Forschungsreisen in die Bibliotheken in Süddeutschland und der Schweiz. Bereits im Jahr darauf (er war mal gerade 26 Jahre!) veröffentlichte er unter dem Titel «Novum Testamentum Graece» seine erste Ausgabe des Neuen Testaments in griechischer Sprache, für das er die damals erreichbaren Handschriften ausgewertet hatte. Im Laufe seines kurzen Lebens – Tischendorf starb 1872 bereits mit 59 Jahren – sollten noch 23 (!) weitere Ausgaben des Neuen Testaments in griechischer Sprache folgen. Es handelt sich dabei um acht grundlegende Editionen. Die Vorrede zur Ausgabe seines ersten Neuen Testaments 1841 war zugleich seine Habilitationsschrift, die ihm das Recht gab, Vorlesungen an der Universität Leipzig zu halten.

Doch statt an die Universität zog es Tischendorf nach Paris, wo er im Laufe von zwei Jahren den Codex Ephraemi rescriptus, eine bisher unlesbare fragmentarische Bibelhandschrift des 5. Jh. n.Chr., entzifferte und sogleich veröffentlichte. Diese Arbeit machte ihn mit einem Schlag in den Fachkreisen bekannt. Und mit gerade mal 27 Jahren wurde ihm für diese Arbeit sein erster Ehrendoktor verliehen. Obwohl er sich kurz nach Abschluss seines Studiums in eine entzückende Pfarrerstochter verliebte und diese in der Nähe von Leipzig sehnsüchtig auf seine Rückkehr wartete, gab er sich mit diesem Erfolg nicht zufrieden. Er schrieb seiner Angelika: «Mich reisst das Schicksal gewaltig fort, ich muss folgen.» Angelika war bereit, auf ihn zu warten, und schrieb ihrem Constantin: «Geliebtes Herz, ziehe rüstig und froh, wohin Dich die innere Stimme ruft.» Sie ahnte nicht, dass es insgesamt über vier Jahre dauern sollte, bis sie ihn wiedersehen durfte. 

Noch während seiner Pariser Zeit bereiste er Holland und England. Hier waren es die Bibliotheken in London (Britisches Museum), Cambridge und Oxford, in denen er sich an die Arbeit machte. Als er seine Studien in Paris beendet hatte ging es 1843 über Strassburg nach Basel (4 Wochen Arbeit am Codex E); dann: Bern, Genf, Lyon, Avignon, Marseille. Es folgte ein Jahr Forschungen in Italien: Rom (Arbeit in der Bibliothek des Vatikans), Neapel, Florenz, Venedig, Modena, Verona und Mailand. Es gab damals weder Flugzeug noch Auto oder Eisenbahn. All diese langen Wegstrecken legte er mit der Postkutsche zurück! Und noch etwas anderes muss man sich vorstellen: Es gab damals weder Scanner noch Digitalfotografie und so kopierte Tischendorf Tag für Tag unter höchstem Arbeits- und Zeitdruck die alten Bibeln auf Griechisch. Aber auch die lateinische Übersetzung, die sog. Vulgata, erforschte er. In Florenz lag der Codex Amiatinus, eine Handschrift im Riesenformat (50 x 34 x 20 cm), die als einer der wichtigsten Textzeugen für die Vulgata galt. Tischendorf musste 1040 Pergamentblätter vergleichen bzw. komplett abschreiben. Eine unglaubliche Arbeitsleistung. Im Laufe seines Lebens hat er so ca. 50 Mal die Bibel komplett auf Griechisch bzw. Latein abgeschrieben!

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