Naherwartung ist wie ein Brennglas

Fr. 1. Oktober 2021

Ein Gespräch mit Dr. Wolfgang Nestvogel über apostolische Sukzession, das endzeitliche Gefälle einer falschen Einheit, die Schlüsselfrage der Rechtfertigung und die aktuelle Offenheit der Evangelikalen gegenüber römisch-katholischen Verkündigern. Das Interview führte René Malgo.

Was sagen Sie zum Anspruch der römisch-katholischen Kirche, dass sie die älteste und einzig wahre und von dem Herrn und den Aposteln gegründete Kirche sei?

Die älteste Kirche ist die Urkirche, die unser Herr selbst gegründet hat und die an Pfingsten mit einem Paukenschlag an die Öffentlichkeit trat. Kennzeichen dieser einzig wahren Kirche durch die Jahrhunderte hindurch ist die einzig wahre «Lehre der Apostel» (Apg 2,42), wie sie in der Bibel letztgültig kodifiziert wurde. Die echte apostolische Sukzession hängt also nicht an Ämtern und Handauflegungen, nicht an Päpsten und Bischöfen. Sie ist vielmehr eine Sukzession der biblischen Wahrheit, die «ein für allemal den Heiligen überliefert ist» (Jud 3). Leider bekämpft und verfälscht die römisch-katholische Kirche wesentliche Bestandteile dieser Wahrheit. Deshalb kann sie nicht die einzig wahre Kirche sein, sondern erweist sich gerade als ihr Gegenbild. 

Die römisch-katholische Kirche betont allerdings, ihr Papsttum gehe auf den Apostel Petrus selbst zurück und daher stünde sie sehr wohl in der apostolischen Sukzession. 

Was hätte wohl der Apostel Petrus zu einem Prediger gesagt, der von sich behauptet: «Ich bin der heilige Vater. Ich bin der oberste Brückenbauer (pontifex maximus) zwischen Gott und Mensch. Ich bin der Stellvertreter Jesu Christi.» Er hätte ihn der Gotteslästerung bezichtigt, weil diese drei Würden, die das Papsttum für sich beansprucht, allein dem dreieinigen Gott gebühren. Wer das Gegenteil von Petrus lehrt, kann nicht in seiner Nachfolge stehen. Ausserdem hat der biblische, also historische Petrus sich selbst gar nicht als oberster Bischof der Urgemeinde verstanden. Er hatte im Apostelgremium eine Führungsaufgabe, aber er behauptete nie, der Leiter aller zu sein. Die Grossen der Geschichte konnten sich noch nie dagegen wehren, wenn Nachgeborene sich als ihre Erben feierten. Auch die Okkupation des Petrusamtes durch das Papsttum ist eine solche Anmassung.

Katholische Theologen bringen nun aber gegen den protestantischen Schlachtruf, «allein die Schrift», den Vorwurf vor, dass, wenn nur die Bibel die Autorität sei, jeder sie so auslegen würde wie er wolle – und deshalb gebe es so viele verschiedene protestantische Denominationen.

Dieser Vorwurf wurde schon gegen Martin Luther erhoben. Er hat darauf – sinngemäss! – etwa so geantwortet: «Wenn ein Kopf und ein Buch zusammenschlagen und es klingt hohl, dann muss das nicht am Buch liegen.» Wenn sündige und irrtumsfähige Menschen die Bibel lesen, wird es immer wieder Verwirrung  und Irrtümer geben. Aber die Köpfe des römischen Lehramtes sind mindestens genauso hohl (d.h. fehlbar), wie die Köpfe der einzelnen evangelischen Christen. Also sind wir alle darauf angewiesen, dass die Bibel sich mit ihrem Wortsinn selbst auslegt und durchsetzt. Und sie hat versprochen, genau das zu tun. Der Zentralismus des katholischen Lehramtes kann zwar eine Einheitsmeinung machtpolitisch erzwingen, aber keine Wahrheit garantieren. Das musste schon Galileo Galilei schmerzlich erfahren. 

Ist diese von der römisch-katholischen Kirche angeprangerte Zersplitterung des Christentums und Vielzahl der Denominationen ein Zeichen der Endzeit oder ist es eher die stärker werdende Ökumene zwischen Protestanten und Katholiken und ihr Versuch, die Zersplitterung zu überwinden?

Das Problem der Zersplitterung und Spaltung von Gemeinden ist schon seit dem Neuen Testament bekannt. Paulus hat sich ja sehr stark dafür eingesetzt, die Gemeinden zu einigen, ohne dafür jedoch den Preis einer Relativierung der Wahrheit zu bezahlen. Die Zersplitterung ist ein Problem, das die Gemeinde Jesu durch die Jahrhunderte hindurch begleitet. Die Gefährdung durch eine falsche Einheit, die durch institutionelle Machtapparate auf Kosten der biblischen Wahrheit hergestellt wird, ist allerdings ein sehr klarer Hinweis auf ein endzeitliches Gefälle. Das sehen wir in Offenbarung 17 und 18. Bekanntlich hat Luther das Papsttum mit dem Antichristen identifiziert. Wir müssen immerhin feststellen, dass die römische Kirche sich an die Spitze einer religiösen Einheitsbewegung gesetzt hat, die alle Religionen umarmen will. So sagt es das zweite Vatikanische Konzil sehr deutlich. Passend dazu kursiert seit Januar 2016 im Internet ein Video des Papstes (auffindbar unter «Gebetsmeinung des Papstes»), in dem eine Buddhistin, ein Jude, ein Moslem und ein katholischer Priester sich jeweils zu ihrem Gott bekennen. Dazu kommentiert Franziskus wörtlich: «Sie suchen und finden Gott auf unterschiedliche Weise.» Und: «Wir sind alle Kinder Gottes.» Wenn man so etwas hört, liegt die Erinnerung an Offenbarung 17 nicht fern.

Was ist der Kernpunkt der Unterscheidung zwischen Katholiken und Protestanten?

Der Kernpunkt ist genauso wie zu Luthers Zeiten die Frage der Rechtfertigung: Wie wird ein Sünder ein Gotteskind? Das ist die Schicksalsfrage, an der sich für den Einzelnen Himmel und Hölle entscheiden. An diesem Punkt ist die Abweichung am gefährlichsten und erfüllt den Tatbestand eines anderen Evangeliums von Galater 1,6–9. Nicht die Mariologie oder das Kirchenverständnis sind die entscheidenden Spannungspunkte zwischen den Konfessionen, sondern die Frage, wie ein Mensch seine Sünde los wird. Die Reformatoren predigten: «Jesus genügt, häng dich allein an Ihn.» Die katholische Kirche drängt sich selbst zwischen Gott und den Sünder und damit Jesus an den Rand. Die Folgen sind dramatisch. Leider haben viele Evangelische, auch evangelikale Funktionäre, diesen tragischen Gegensatz bis heute nicht verstanden. Deshalb träumen sie davon, durch «Kaffeepausen mit dem Papst» (so das Erlebnisbuch eines reisefreudigen Theologen) die Geschichte umschreiben zu können, was sowohl rührend als auch gefährlich ist. Auch die sogenannte «Gemeinsame Erklärung zur Rechtfertigungslehre» (von 1999) entpuppt sich, wie ich in meinem neuen Buch nachweise, als theologische Mogelpackung, als gut gemeinter Selbstbetrug.

Was sagen Sie nun zu den Bestrebungen der gemeinsamen Evangelisation? Können wir Protestanten angesichts dieses Befundes überhaupt mit Katholiken gemeinsam evangelisieren?

Wenn Evangelisation bedeutet, das Evangelium zu verbreiten, ist eine Zusammenarbeit unmöglich, da die römisch-katholische Kirche das Evangelium, wie es das Neue Testament offenbart, weder glaubt noch vertritt, sondern verfälscht. Wie will man es da gemeinsam verkündigen?

Viele Protestanten und Katholiken berufen sich auf das apostolische Glaubensbekenntnis (Apostolikum) und sehen darin den gemeinsamen Nenner, der uns verbinden könnte. Doch dieser Nenner erweist sich für die Evangelisation als zu klein, da er die beiden Hauptgegensätze nicht behandelt: Nämlich die Bedeutung der Heiligen Schrift und die Lehre der Erlösung. 

Trotzdem laden mittlerweile auch konservative freikirchliche Institutionen katholische Redner ein – nicht mehr nur die evangelischen Landeskirchen. Wie erklären Sie sich diese grosse Offenheit in evangelikalen Kreisen für katholische Verkündiger wie beispielsweise Johannes Hartl oder den Passauer Bischof Stefan Oster?

Viele Evangelikale lassen sich davon blenden, dass sie bei Oster oder Hartl fromme Begriffe wiederfinden, die ihnen aus der evangelikalen Tradition vertraut sind (und die sie bei liberalen, bibelkritischen Protestanten vermissen). Begriffe wie «Liebe zu Jesus», Wichtigkeit des Gebets oder eben «Evangelisation». In ihrer Begeisterung und Einheitssehnsucht überhören diese evangelikalen «Brückenbauer», was Oster und Hartl ebenfalls betonen: nämlich dass sie mit den klassischen römisch-katholischen Lehren völlig übereinstimmen. Das Dokument ist noch frisch, mit dem das Bistum Augsburg dem Augsburger Gebetshaus, das Hartl leitet, bestätigt hat: hier läuft alles gut katholisch und völlig im Sinne Roms. Damit ist offiziell bestätigt, was aufmerksame Zuhörer schon lange bemerkt hatten: auch mit ihren zum Teil evangelisch klingenden Signalwörtern transportieren diese Prediger katholische Inhalte, was ihnen keiner verdenken kann. Wie stark muss die Einheitssehnsucht und wie schwach das theologische Unterscheidungsvermögen sein, wenn manche Evangelikale diesen Zusammenhang nicht  mehr erkennen können.

Luther erwartete den baldigen Einbruch des Jüngsten Tages und ging deshalb auch so scharf gegen das Papsttum vor. Inwiefern könnte eine Naherwartung heute Einfluss auf unsere Haltung gegenüber der römisch-katholischen Kirche haben?

Naherwartung ist wie ein Brennglas, sie macht das Bild deutlicher. Je realistischer wir damit rechnen, dass Jesus jederzeit wiederkommen könnte, umso weniger werden uns diese Entwicklungen erstaunen. Umso besser sind wir vor der schwärmerischen Illusion geschützt, gemeinsam mit dem Papst die Weltevangelisation voranbringen zu können. Zugleich wissen wir, dass es auch innerhalb dieser Institution römische Kirche echte Glaubensgeschwister gibt, die zu ihrer Errettung auf Jesus allein vertrauen. Sie haben damit allerdings aufgehört, echte Katholiken zu sein, ob sie’s schon wissen oder noch nicht.

Vielen Dank für das Gespräch.

Wolfgang Nestvogel studierte evangelische Theologie, ist Rektor der Akademie für Reformatorische Theologie und Pastor der Bekennenden Evangelischen Gemeinde Hannover.
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