Die Macht der Stille

Fr. 26. August 2022
Ruhe ist eine innere Herzenshaltung, die es möglich macht, selbst in schweren Stürmen gestärkt zu bleiben. Ein Schlüsselvers ist Jesaja 30,15, den schon Martin Luther in den unruhigen Reformationszeiten zu seinem Leitwort erhob.

In Jesaja 30,15 lesen wir: «Im Stillesein und im Vertrauen läge eure Stärke.» Die Stille im Herrn ist eine der meist vernachlässigten Kraftquellen, die der Herr uns gegeben hat. Oft wird gesagt, man lebe in einer gestressten Zeit. Aber die Stille im Herrn ist für alle Gläubigen jederzeit zu haben! Die grosse Ruhe, die über unserm Herrn lag, kam äusserlich vollends zum Ausdruck, als Er so unsagbar litt, beschimpft, verspottet, geschlagen, angespien und provoziert wurde. – Und unser Herr blieb ganz stille. Jesaja hat dies schon vorausgesagt: «Er wurde misshandelt, aber er beugte sich und tat seinen Mund nicht auf, wie ein Lamm, das zur Schlachtbank geführt wird, und wie ein Schaf, das verstummt vor seinem Scherer und seinen Mund nicht auftut» (Jes 53,7). 

Gerade in diesem Schweigen Jesu entfaltete sich Seine wunderbare Siegesmacht. Das Brüllen der satanischen Todesmächte um Ihn herum vermochte Ihm nichts anzuhaben, im Gegenteil! Verschiedentlich lesen wir in den Evangelien: «Jesus aber schwieg» (Mt 26,63). In diesem erwähnten Fall schwieg Jesus, als zwei falsche Zeugen Seine Worte verdrehten, die Er gesagt hatte: «Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten!» (Joh 2,19). Jesus sprach hier vom Tempel Seines Leibes, nicht vom irdischen Tempel in Jerusalem. Obwohl niemand für Ihn eintrat, auch Seine vertrautesten Jünger nicht, schwieg Er still. Wollte Er sich denn gegen solche Mutmassungen und Niedertracht nicht verteidigen? Nein – Jesus schwieg! Auch vor Pilatus, dem römischen Statthalter, schwieg unser Herr (Mt 27,13-14).

Wenn wir den Herrn von ganzem Herzen lieben und Ihm dienen, dann werden wir genauso geführt wie Er. Wie gerne hätten die Ankläger den Herrn dazu gebracht, dass Er sich selbst verteidigte und rechtfertigte. Petrus umschreibt das so trefflich und ermahnt uns gleichzeitig: «Denn dazu seid ihr berufen, weil auch Christus für uns gelitten und uns ein Vorbild hinterlassen hat, damit ihr seinen Fussstapfen nachfolgt. ‹Er hat keine Sünde getan, es ist auch kein Betrug in seinem Mund gefunden worden›; als er geschmäht wurde, schmähte er nicht wieder, als er litt, drohte er nicht, sondern übergab es dem, der gerecht richtet. Er hat unsere Sünden selbst an seinem Leib getragen auf dem Holz, damit wir, den Sünden gestorben, der Gerechtigkeit leben mögen; durch seine Wunden seid ihr heil geworden» (1.Petr 2,21-24).

Mit dieser Beschreibung des Schweigens Jesu leuchtet unsere Berufung auf: In Jesu Kraft stille zu sein. Diese können Sie nur erfahren, wenn Sie in Ihrem Herrn ruhen, der gerade dann Seinen grossen Sieg errang, als niemand Ihm beistand und auch Seine besten Freunde davongeschlichen waren. 

Auch Paulus machte diese Erfahrung. Aus Rom schreibt er: «Bei meiner ersten Verteidigung stand mir niemand bei, sondern alle verliessen mich …» (2.Tim 4,16). Denn auch der Arzt Lukas und seine besten Freunde hatten ihn verlassen. Paulus fährt weiter: «… es werde ihnen nicht angerechnet! Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich» (V 16-17). 

Das ganze Gelände der Ruhe in dem lebendigen Gott liegt für jedes Kind Gottes offen! Denn unser Herr Jesus hat die Ursache des Nicht-mehr-Stillewerdens – die Sünde – hinweggetragen am Kreuz von Golgatha. «Es ist also noch eine Ruhe vorhanden für das Volk Gottes» (Hebr 4,9). Auch der Prophet Jesaja hat wunderbar darüber geweissagt: «Und der Gerechtigkeit Frucht wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit wird ewige Stille und Sicherheit sein» (Jes 32,17).

Wer ist gerecht und kann zu dieser Ruhe eingehen? Römer 3,10 gibt die Antwort: «Es ist keiner gerecht, auch nicht einer.» Wir sind allzumal Sünder. Aber Jesus Christus hat am Kreuz von Golgatha der geforderten Gerechtigkeit von Gott, dem Gerechten, volle Genüge geleistet. Indem Er unsere Sünde hinwegtrug, hat Er der Gerechtigkeit Bahn gemacht – und damit der Ruhe in Ihm, sofern wir denn gerecht geworden sind durch den Glauben an Jesus Christus. – Sie selbst können diese Ruhe in sich nicht bewerkstelligen, Sie müssen an Jesus Christus glauben, der für Sie gestorben ist. – Durch die Wiedergeburt haben wir die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt – und damit auch die ewige Stille. «Das Blut Jesu Christi, seines Sohnes, reinigt uns von aller Sünde» (1.Joh 1,7).

Die Stille, die von dem Lamm ausgeht, können Sie täglich erfahren, wenn Sie nur willig sind, dem Herrn nachzufolgen und selbst stille zu werden. Was hat der Herr Jesus denn getan, als Er dort unter furchtbaren Schmerzen am Kreuz von Golgatha hing? Hat Er diese Sadisten, die um das Kreuz herum standen, zurechtgewiesen? Nein. Er betete: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun!» (Lk 23,34).

Wir leben in der Zeit, in der wir im Angesicht des Feindes diese Stille erproben müssen, wie auch Israel es musste: «Der Herr wird für euch kämpfen, und ihr sollt still sein!» (2.Mo 14,14). Stellen wir uns die Situation Israels von damals vor: Als es aus Ägypten auszog, wurde es nicht nur vom Feind verfolgt, sondern konnte auch nicht entfliehen – das ganze Volk war eingeschlossen. Nun musste sich herausstellen, ob der Herr mit ihm war. Und weil der Allmächtige mit ihm war, konnte Israel schliesslich stille sein. Der Herr hatte ihm praktisch die Forderung aus Psalm 46,11 gestellt: «Seid still und erkennt, dass ich Gott bin.» Wie oft sind wir eingekesselt von Schwierigkeiten und finsteren Mächten und wissen uns nicht mehr zu helfen. Was sollen wir dann tun? Der Herr sagt: «Seid still und erkennt, dass ich Gott bin!» 

In Lukas 8 lesen wir von einem Ereignis, als Jesus mit Seinen Jüngern auf dem See Genezareth war. Ein Sturm war losgebrochen, und anstatt stille zu sein und auf den Herrn zu vertrauen, wurden die Jünger unruhig und sprachen zu Ihm: «Meister, Meister, wir kommen um! Er aber stand auf und befahl dem Wind und den Wasserwogen; und sie legten sich, und es wurde still» (V 24). Das Stille-Werden der Jünger kam zu spät, denn sie hätten stille sein sollen, während der Sturm tobte. Darum fragte Jesus sie: «Wo ist euer Glaube?» (V 25). Es ist, als ob Er damit sagen wollte: «Genügt es euch nicht, dass Ich bei euch bin, warum seid ihr nicht stille?»

Die Stille in Jesus bedeutet aber auf keinen Fall, dass man sich in den Schmollwinkel zurückziehen soll. Gerade die Stille in dem Herrn ist eine höchst aktive Macht, nicht ein In-sich-selbst-Zurückziehen. Sie bedeutet keineswegs ein bedrückendes Schweigen gegenüber der Umgebung. Durch die echte innere Stille bekommen Sie die Fähigkeit, den guten Kampf des Glaubens siegreich zu führen. Was für ein Kampf ist das? Unser grösster Kampf ist der, dass wir nicht mehr kämpfen müssen! Und doch ist es ein gewaltiges Ringen: «Ringet darnach, dass ihr stille seid» (1.Thess 4,11). Ist denn zwischen diesem «Ringen» und «Stillesein» kein Widerspruch? Nein. Wir müssen darnach ringen, zu glauben, dass Jesus alles vollbracht hat. Wir kämpfen nicht mehr zum Siege hin, sondern vom errungenen Siege Jesu aus. Das ist unser Kampf.

Unser Herr kommt bald! Wenn es je nötig gewesen ist, sich dem Stress zu entziehen, dann jetzt. Denn Sie können dem Herrn nur aus der inneren Stille heraus begegnen, sonst überhören Sie Seine Stimme! Im Alten Testament lesen wir unter anderem: «Aber der Herr ist in seinem heiligen Tempel – sei still vor ihm, du ganze Erde!» (Hab 2,20). Und Sacharja 2,17: «Alles Fleisch sei still vor dem Herrn, denn er hat sich aufgemacht aus seiner heiligen Wohnung!» Der Herr ist unterwegs und will jetzt Ihre Kräfte erneuern: «Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein» (Jes 30,15).

Wim Malgo (1922–1992) absolvierte seine theologische Ausbildung in Beatenberg, Schweiz, gründete das Missionswerk Mitternachtsruf und war weltweit als Evangelist und Verkündiger der biblischen Prophetie tätig.
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