Braucht Israel das Evangelium, wenn es sowieso gerettet wird? (Teil 1)

Fr. 12. November 2021

Das jüdische Volk hat wieder eine eigene nationale Heimstätte. Das ist ein einzigartiger prophetischer Hinweis auf den Heilsplan Gottes. Und wenn nun gemäss Seinem Wort auf Israels nationale Wiederherstellung ohnehin die geistliche Erneuerung folgt, ist es da überhaupt nötig, Juden zu evangelisieren? – Stellungnahme eines messianischen Juden.

Oft höre ich: «Evangelisationsarbeit unter Juden ist voreilig, weil ohnehin alle jüdischen Menschen errettet werden – nämlich bei der Wiederkunft des Herrn. Schliesslich sichert Paulus uns ja zu, dass ‹ganz Israel gerettet› wird (Röm 11,26). Und aus Sacharja 12,10 erfahren wir, dass sich diese nationale Busse nach Jesu Wiederkunft ereignet, wenn das jüdische Volk auf denjenigen blickt, den sie durchbohrt haben. Diese nationale Errettung umfasst nicht nur alle dann lebenden Juden; vielmehr bezieht sich die Formulierung ‹ganz Israel› auf alle jüdischen Menschen aus Vergangenheit und Gegenwart, die Lebenden und die Toten. Und das alles passiert nach der Wiederkun  Jesu.»

Paulus teilt uns wahrhaftig mit: «Ganz Israel [wird] gerettet werden» (Röm 11,26). Daran gibt es überhaupt nichts zu rütteln. Allerdings teilt er uns auch mit, wie ganz Israel gerettet werden wird: einzig und allein, indem es den Namen des Herrn anruft. Tatsächlich erklärt er sogar, dass diese Notwendigkeit der ausschliesslichen Anrufung vom Namen des Herrn eine universelle Wahrheit darstellt: «Denn es ist kein Unterschied zwischen Jude und Grieche, denn er ist Herr über alle, und er ist reich für alle, die ihn anrufen; ‹denn jeder, der den Namen des Herrn anrufen wird, wird errettet werden›» (Röm 10,12–13).

Doch unmittelbar nach der Aussage, dass es für alle nur einen Herrn gibt und dass Rettung nur durchs Anrufen Seines Namens möglich ist, stellt Paulus eine Reihe herausfordernder Fragen: «Wie sollen sie aber den anrufen, an den sie nicht geglaubt haben? Wie sollen sie aber an den glauben, von dem sie nichts gehört haben?» (Röm 10,14).

Somit müssen alle Menschen (Juden und Nichtjuden) hören, um zu glauben; und sie müssen glauben, um den Namen des Herrn anzurufen; und sie müssen den Namen des Herrn anrufen, um errettet zu werden. Und damit überhaupt etwas von diesem allen geschehen kann, muss jemand die Evangeliumsbotschaft überbringen – nicht nur den Nationen, sondern auch den Juden. Darum fährt Paulus ja auch mit den Fragen fort: «Wie sollen sie aber hören ohne einen Verkündiger? Wie sollen sie aber verkündigen, wenn sie nicht ausgesandt werden?» (Röm 10,14–15).

Römer 11,26 vermittelt uns die Tatsache, dass ganz Israel errettet werden wird; Römer 10,12–15 indessen vermittelt uns die Art und Weise, auf die ganz Israel errettet werden wird – nämlich durchs Hören der Evangeliumsbotschaft, durch Glauben zur Busse und durch Anrufung vom Namen des Herrn.

Die Worte aus Römer 11 sind unser Herzenstrost: Ganz Israel wird gerettet werden. Doch die Worte aus Römer 10 sind unser Handlungsauftrag: Wir müssen dem jüdischen Volk von Jesus erzählen, damit sie hören, glauben, den Namen des Herrn anrufen und gerettet werden. Wenn der Handlungsauftrag auch vielleicht schwer zu ertragen ist – Paulus beendet den Abschnitt mit einer herrlichen Verheissung für alle, die zum Gehen bereit sind: «Wie lieblich sind die Füsse derer, die Gutes verkündigen!» (Röm 10,15).

Aber können wir die Juden nicht für den Augenblick einfach übergehen, da doch ohnehin ganz Israel gerettet werden soll? Schliesslich werden sie Ihn doch anrufen, wenn sie auf Ihn schauen, oder? Und auf Ihn schauen werden sie doch bei Seiner Wiederkunft, nicht wahr?

Bei Abfassung dieses Textes ist mein Vater David 97 Jahre alt. Er hat noch immer einen klaren Verstand. Er hat noch immer einen wachen Geist. Und er hat noch immer ein ungläubiges Herz, was Jesus anbetrifft. Wann immer ich ihn frage, wie es ihm geht, lächelt er und sagt: «Na, alt bin ich, aber lebendig bin ich auch – und das übertrifft die Alternative.»

Einige Christen würden dem tatsächlich nicht zustimmen. Im Wesentlichen würden sie argumentieren: Ob mein Vater nun jemals an den Herrn glaube oder nicht, oder ob er die Wiederkunft Jesu noch miterlebe – auf jeden Fall habe er nichts zu fürchten. «Entweder kommt dein Vater zum Glauben, nachdem er bei Jesu Wiederkunft auf Ihn schaut – oder dein Vater wird nach dem Tod errettet, selbst wenn er im Unglauben verstirbt.»

Aber hat Paulus das so gemeint, als er sagte: «Ganz Israel wird gerettet werden»? Und hat Sacharja das so vorausgesagt, als er verkündete: «Sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben»?

Was steht denn nun eigentlich genau in Sacharja 12,10?

«Aber über das Haus David und über die Bewohnerschaft von Jerusalem giesse ich den Geist der Gnade und des Flehens aus, und sie werden auf mich blicken, den sie durchbohrt haben, und werden über ihn wehklagen, wie man über den einzigen Sohn wehklagt, und werden bitter über ihn weinen, wie man bitter über den Erstgeborenen weint.»

Ich höre oft, dieses «auf mich blicken» müsse bedeuten, dass die Juden Ihn nach Seiner Wiederkunft sehen. Somit sei das der Augenblick der Umkehr und Busse für uns alle – nach Seiner Rückkehr. Aber aus mindestens drei Gründen wird dieses Argument unhaltbar. Der erste und wichtigste Grund: Das ist schlicht und einfach nicht das, was dieser Abschnitt des Propheten Sacharja sagt.

Sacharja 12,10 beginnt mit der Ankündigung, dass Gott zuerst einen zweifachen Geist über uns Juden ausgiessen wird: Seinen Geist der Gnade und dann Seinen Geist des Flehens. Das bedeutet: Durch Seinen Geist wird der Herr zunächst Seine Gnade über uns ausgiessen – eben jene Gnade, die uns den Glauben und damit die Errettung überhaupt erst möglich macht. Und in Seiner Gnade reizt Er uns zum Flehen, das heisst, Er bewegt uns zur Busse. Erst dann, nachdem wir gefleht und Busse getan haben, werden wir auf Ihn blicken, den wir durchbohrt haben. Das ist es, was der Text sagt. Das ist es, was die Wortfolge in diesem Vers verkündet.

Mit anderen Worten sagt der Text also keineswegs, dass wir nach Seiner Rückkehr auf Ihn blicken, Ihn als den von uns Durchbohrten erkennen und daraufhin umkehren. Vielmehr erklärt die Abfolge der Worte im vorliegenden Text, dass dieser Blick auf Ihn erst nach unserem Flehen und unserer Umkehr stattfindet!

Und ist das denn nicht genau die Reihenfolge von Ereignissen, die auch Jesus selbst uns angekündigt hat? «Denn ich sage euch: Ihr werdet mich von jetzt an nicht sehen, bis ihr sprecht: Gepriesen, der da kommt im Namen des Herrn» (Mt 23,39). Jahrhunderte vor dem ersten Kommen Jeschuas hat Gottes Geist durch den Propheten Hosea genau dieselbe Abfolge von Geschehnissen angekündigt: «Ich werde davongehen, an meinen Ort zurückkehren, bis sie ihre Schuld erkennen und mein Angesicht suchen werden» (Hos 5,15).

Avi Snyder kam 1977 dank eines «Juden für Jesus»-Traktats zum rettenden Glauben an Jesus Christus. Seit 1978 ist er bei «Juden für Jesus» tätig und leitete Zweigstellen in den USA, Grossbritannien, der ehemaligen Sowjetunion, Deutschland und Ungarn.
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