Ruht ein wenig aus …

«Die Apostel versammeln sich zu Jesus; und sie berichteten ihm alles, was sie getan und was sie gelehrt hatten. Und er sprach zu ihnen: Kommt, ihr selbst allein, an einen öden Ort und ruht ein wenig aus! Denn diejenigen, die kamen und gingen, waren viele, und sie fanden nicht einmal Zeit, um zu essen» (Mk 6,30-31).

Wir leben in einer rastlosen und hektischen Zeit, einer Zeit der Terminpläne und des Zeitdrucks. In den rund 6 000 Jahren Menschheitsgeschichte hat es keine Epoche gegeben, die so schnelllebig war. Darum ist es wichtiger als je zuvor, dass Menschen, deren Leben dem Herrn gehört, die Ruhe in Ihm suchen. Für den natürlichen Menschen ist es wichtig, regelmässig zu schlafen. Für die neue Natur eines Christen ist es ebenfalls notwendig, regelmässig geistliche Ruhe zu finden, in der Gemeinschaft mit dem Herrn. Gott hat den Menschen nicht ohne Grund auf eine Weise geschaffen, die wiederkehrende Ruhephasen erfordert. «Der Sabbat wurde um des Menschen willen geschaffen …» (Mk 2,27).

Geistliche Ruhe. Der Herr Jesus lebte uns dies als der vollkommene Mensch vor, indem Er die Ruhe mit Gott, Seinem Vater (vgl. Lk 6,12), und auch mit Seinen Jüngern suchte (vgl. Mk 6,31). Diese Ruhe ist keineswegs eine Form von «Beine hochlegen». Die Ruhe, von der die Rede ist, fusst häufig sogar auf einer gewissen Aktivität. Geistlich gesehen finden wir zum Beispiel Ruhe in den Stunden der Gemeinschaft mit anderen Gläubigen, in der Gemeinde und im Haus- oder Gebetskreis. Sie besteht mitnichten in den vier «F»s des heutigen Durchschnittsbürgers: «Feierabend, Filzpantoffeln, Fernsehen, Flaschenbier», sondern vielmehr darin, sich aufzuraffen und die Ruhe dort zu suchen, wo sie wirklich zu finden ist.

Der Herr Jesus blieb die ganze Nacht zum Gebet wach: «Er verharrte die Nacht hindurch im Gebet zu Gott» (Lk 6,12). Diese Verbundenheit zum Vater schafft eine weitaus tiefere Ruhe in unserem Inneren als alles, was die Welt zu bieten hat. Wir können sie ebenfalls in der geistlichen Gemeinschaft mit unserem Ehepartner oder einem guten Freund finden, wenn man zum Beispiel miteinander betet, nach dem Wort des Herrn: «Denn, wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich in ihrer Mitte» (Mt 18,20). Aber hin und wieder sollten wir diese Ruhe alleine mit Gott suchen.

Unruhe überall. Vor 100 Jahren war das Wort «Stress» noch völlig unbekannt. Es ist eine Bezeichnung für eine Überlastung unserer psychischen sowie physischen Kondition. Alles muss heute schnell gehen und wir meinen oft, keine Zeit mehr zu haben, um wirklich ruhig werden zu können und allein mit Gott zu sein. Satan versteht es ausgezeichnet, die Menschen so lange auf Trab zu halten, bis sie glauben, keine Zeit mehr für wahre Ruhe finden zu können. Das betrifft auch Christen, denn der Feind ist ein glänzender Stratege. Ein General, der Kriegspläne schmiedet, wird alles Mögliche unternehmen, um dem Gegner den Versorgungsweg abzuschneiden. Irgendwann gehen diesem dann ganz von alleine die Munition, die Lebensmittel und die Kraft aus.

Ein Christ holt sich seine Kraft in der Ruhe mit dem Herrn. Hier gibt der Herr ihm, was er für den täglichen Kampf benötigt. Wenn Satan nun erreicht, dass wir diese Zeit mit dem Herrn nicht mehr finden, dann hat er erfolgreich den lebenswichtigen Versorgungsweg unterbrochen und die Folgen werden nicht lange auf sich warten lassen. Wir werden anfällig für Sünden. Unser alter Mensch gewinnt die Oberhand und unsere neue Natur verkümmert.

Viele Menschen glauben Ruhe zu haben und merken gar nicht, wie sehr sie irren. Denn wenn man abends müde von der Arbeit nach Hause kommt, wird in so manchen Fällen als erste Amtshandlung der Fernseher eingeschaltet, womit die innere Unruhe weitergeht. Niemanden zum Nachdenken kommen lassen, genau das ist des Teufels Strategie. Wenn der Mensch nicht zum Nachsinnen über seinen Zustand kommt, dann wird er auch nicht zu Gott finden. So erreicht Satan bei Ungläubigen, dass sie gar nicht erst in den Genuss kommen, auf der Seite Gottes, der Seite des Siegers, zu sein, weil sie glauben, in der Ablenkung die Ruhe bereits gefunden zu haben. Ein Trugschluss.

Es ist eine Taktik des ehemaligen Lichtengels, das Böse immer in Gutem zu verpacken, damit es nicht auffällt. So verhält es sich eben auch mit dem Fernseher. Viel Gutes gibt es da zu sehen, wenn man es gezielt heraussucht. Zwischendrin aber wird der ganze Dreck unauffällig mitserviert und sei es nur in Form einer kurzen Vorschau.

Vor einiger Zeit musste ich täglich zwei Stunden lang Infusionen bekommen, weil ich eine Mittelohrentzündung verschleppt hatte. Als ich das erste Mal in den «RUHEraum» kam (welche Ironie), und schliesslich an der Nadel hing, brachte mir die Arzthelferin einen Fernseher ins Zimmer. Sie schien zu glauben, es sei unmöglich, zwei Stunden lang allein zu sein, ohne verrückt zu werden vor Langeweile. Beim Zahnarzt erlebte ich ein ähnliches Phänomen. Nicht nur im Wartezimmer, sondern auch auf dem Behandlungsstuhl quäkten Schlager aus den Lautsprechern.

Ist Ruhe gleich Ruhe? Was genau bedeutet eigentlich «Ruhen im Herrn»? Wir alle kennen die Begebenheit, in der Maria zu den Füssen des Herrn sass und Ihm zuhörte. «Diese (Marta) hatte eine Schwester, genannt Maria, die sich auch zu den Füssen Jesu niedersetzte und seinem Wort zuhörte. Marta aber war sehr beschäftigt mit vielem Dienen» (Lk 10,39-40). Wer von uns hat nicht schon mal den Gedanken gehabt, dass Maria doch eigentlich bei der armen Marta hätte mit anfassen sollen? Wie kann es angehen, dass nur die eine Schwester sich ein Bein ausreisst, um alle Gäste zu bewirten, den Herrn eingeschlossen? Trotzdem erklärt der Herr es für besser, scheinbar «faul» zu Seinen Füssen zu sitzen. Warum?

Ein Dienst für den Herrn ist immer gut und immer wichtig. Unsere täglichen Arbeiten sollen wir auch alle «als für den Herrn und nicht für Menschen» tun (Kol 3,23). Doch stellen wir uns vor, wir würden sechzehn Stunden am Tag arbeiten, und das an allen sieben Tagen der Woche. Wir würden überhaupt nicht mehr zur Ruhe kommen und genau das will Gott nicht. Ruhezeiten sollten einerseits regelmässig wiederkehrende Zeiten sein, die zur Gewohnheit werden, wie auch bei dem Herrn: «Er ging hinaus und begab sich nach seiner Gewohnheit an den Ölberg» (Lk 22,39). Andererseits sind es Zeiten, die wir spontan erkennen müssen; nämlich Zeiten, in denen der Herr redet. Und da hat alles andere in den Hintergrund zu treten, einschliesslich das Arbeiten für Ihn. Denn was nützt es uns, wenn wir übereifrig für den Herrn arbeiten, aber Seine Anweisungen gar nicht hören? Und um die zu hören, brauchen wir Ruhe, denn Gott ist ein Gott des ruhigen Redens. Nicht ohne Grund sprach Er zur Zeit des Alten Bundes oft in Träumen zu den Menschen – in einer Phase absoluter Ruhe.

Das Tragische am Bestreben des Feindes, den Menschen ständig in Unruhe zu halten, ist, dass das Los all derjenigen, die verloren gehen, ewige Unruhe sein wird: Sie «haben keine Ruhe Tag und Nacht …» (Offb 14,11).

Es gab im Leben vieler Männer Gottes Zeiten der Ruhe und des Lernens, die sich über etliche Jahre hinweg erstreckten. Das macht deutlich, für wie wichtig Gott es erachtet, in der Stille zu uns zu reden.

Mose: Erinnern wir uns an Mose, der nach seiner vierzigjährigen Ausbildung und Erziehung am Hof des Pharaos zu einem mächtigen Mann wurde. Geschichtsschreiber berichten sogar, dass er ein erfolgreicher Heerführer gewesen sei. Aber war das genug für Gott? Vierzig Jahre in der Stille, der Einöde, waren nötig. Schafe hüten, das war nach Moses Flucht aus Ägypten seine Aufgabe; um die Ruhe zu erlernen, die er für die grosse Herausforderung seiner letzten vierzig Jahre brauchte. Und diesem Mose sagte Gott auch Seine Ruhe zu, obgleich es manchmal nicht einfach war mit dem oft störrischen Volk: «Mein Angesicht wird mit dir gehen und dich zur Ruhe bringen» (2. Mo 33,14).

Paulus wurde ebenfalls Ruhe verordnet, der nach seiner Begegnung mit dem Herrn und seiner anschliessenden Bekehrung jahrelang in Arabien war, um mit Gott allein zu sein: «Ich ging auch nicht nach Jerusalem hi­nauf, zu denen, die vor mir Apostel waren, sondern ich ging sogleich fort nach Arabien» (Gal 1,17). Man könnte doch meinen, es sei nichts Schlechtes dabei, wenn Paulus bei den Aposteln «in die Lehre gegangen» wäre. Doch es war eine Vorbereitungszeit nötig, in der der Herr allein mit ihm reden wollte.

Ein schönes Beispiel der besonderen Ruhe im Herrn finden wir in der Apostelgeschichte. Paulus wollte nach segensreichen Tagen in Troas nach Assos weiterreisen. Er hätte es komfortabel an Bord eines Schiffes tun und sich ausruhen können. Stattdessen entschliesst sich Paulus, die rund 30 Kilometer allein zu Fuss zu gehen. Er ordnete es sogar ausdrücklich an, möglicherweise entgegen Empfehlung anderer (Apg 20,13). Sicher reagierten die Brüder besorgt, vielleicht haben sie so oder ähnlich argumentiert: «Auf dem Schiff, Paulus, da hast Du jede Menge Ruhe, mehr als Du auf dem beschwerlichen Fussweg jemals haben könntest.» Aber Paulus lässt sich nicht davon abbringen, ganz allein zu gehen. Das war nicht nur gefährlicher als die Schiffsreise, sondern auch anstrengender, zudem er dabei ein kleines Gebirge überqueren musste.

Mitchristen meinen es bei ihren Einwänden gar nicht mal böse, sondern sorgen sich vielleicht um uns. Aber wie wir schon bei Maria und Marta sehen konnten, müssen logische Dinge und auch die guten Aspekte zurücktreten, wenn der Herr alleine zu uns reden will.

Isaak wartete auf seine Braut, die der Knecht Abrahams ihm bringen sollte. Er war, als Rebekka ankam – offensichtlich gewohnheitsmässig – sinnend auf dem Feld: «Isaak war hinausgegangen, um auf dem Feld zu sinnen beim Anbruch des Abends» (1.Mo 24,63). Auch er befand sich in der Einsamkeit mit Gott, und empfing einen grossen Segen, nämlich seine Rebekka. «Wer eine Frau gefunden, hat Gutes gefunden, und hat Wohlgefallen erlangt von dem Herrn» (Spr 18,22). Obwohl er sie zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht kannte, gewann er sie lieb: «Er nahm Rebekka, und sie wurde seine Frau, und er gewann sie lieb» (1.Mo 24,67).

Luther und Schlachter übersetzen «sinnen» mit «beten». Die englischen und französischen Bibelausgaben übersetzen allesamt mit «meditate» bzw. «mediter». Warum Isaak sinnend – meditierend – auf dem Felde war, um mit Gott Gemeinschaft zu haben (der Herr nennt sich nicht umsonst auch der Gott Isaaks), sehen wir an seiner Lebenseinstellung. Er «wohnte bei dem Brunnen Lachai-Roi», das bedeutet beim «Brunnen des Lebendigen, der mich sieht» (1.Mo 25,11). Er wusste, dass Gott ihn zu jeder Zeit an jedem Ort sehen würde, und suchte daher in der Weite des Feldes die Gemeinschaft mit Ihm.

Unser Herr: Das vollkommenste Vorbild ist uns natürlich unser Herr Jesus Christus selbst. Sogar unser Herr war in den 33 Jahren Seines Lebens auf der Erde nur etwa drei Jahre lang öffentlich aktiv, von der Phase davor lesen wir wenig. Da Er in den Jahren Seines öffentlichen Wirkens immer wieder die Stille mit Gott dem Vater suchte, ist es sicher nicht vermessen anzunehmen, dass die Zeit bis dahin von dieser Stille geprägt war. Und einmal heisst es von Ihm, dass Er Seine Jünger nötigen musste, ins Boot zu steigen. Anschliessend war Er allein, allein mit Seinem Vater (Mt 14,22-23). Vor dem Tag, an dem Er Seine zwölf Apostel erwählte, betete Er alleine die ganze Nacht hindurch (Lk 6,12) und suchte so die Weisung des Vaters.

Wann ist Zeit für die besondere Ruhe im Herrn? Wann sollen wir die Einsamkeit mit dem Herrn suchen? Manchmal muss uns das nicht gesagt werden. Wenn wir in Trauer oder krank sind, dann suchen wir von alleine die Einsamkeit und somit die Zweisamkeit mit dem Herrn.

Ein einfaches Beispiel: Wenn wir uns mit jemandem für einen Spaziergang verabredet haben, und derjenige muss unerwartet absagen, aus welchen Gründen auch immer, dann sollten wir vielleicht nicht von vornherein enttäuscht zuhause bleiben, denn dies kann eine Situation sein, in der der Herr uns sagen will: «Geh alleine! Ich muss mit Dir reden.»

Doch warum ist es überhaupt nötig, dass wir alleine sind und absolute Ruhe haben? Gott könnte doch auch im grössten Stress und Lärm bei uns sein. Ja, Er kann es und Er wird es auch! Aber dieses Lauschen in Ruhe ermöglicht Ihm, uns Dinge zu sagen, die wir bei Unruhe nicht vernehmen würden. Denn Gott ist im Umgang mit uns kein polternder donnernder Gott – wenngleich das manchmal nötig ist –, sondern ein Gott des leisen Säuselns, wie es Elia erfahren musste (1.Kön 19,11-13).

Nicht immer ist es so, dass der Mensch Gott findet, weil er selber den Wunsch verspürt, Ihm nahe zu sein. Manchmal ergreift auch Gott die Initiative und sendet uns in die Einsamkeit. Viele Seiner Diener schickte Gott in die Stille, wenn Er ihnen etwas besonders Wichtiges zu sagen hatte. Mose musste alleine auf den Berg steigen, um die Gesetzestafeln zu empfangen (2.Mo 19,20). Ungefähr 2 000 Meter hoch war dieser Berg. Eine grosse Anstrengung, um Ruhe und Segen zu finden.

Elia wurde in die Höhle des Berges Horeb geschickt (1.Kön 19,7ff.), um das leise Säuseln Gottes zu hören. Horeb ist vermutlich die Bezeichnung für ein Gebirge, denn im Hebräischen gibt es für Berg und Gebirge nur ein Wort und der Sinai scheint ein Teil davon, vielleicht der höchste Gipfel, zu sein.

Wenn wir plötzlich krank werden und ruhen müssen: Ist das nicht auch eine Einsamkeit mit Gott? Schliesslich können wir auf dem Krankenlager nicht ununterbrochen Besuch haben oder versorgt werden. Hier ergeben sich viele Stunden der Stille und Einsamkeit mit dem Herrn. Sicher können einige von uns ein Lied davon singen, was es heisst, eine schlaflose Nacht zu verbringen. Wurde so eine wache Nacht – so schlimm sie uns auch vorkommt – nicht oft zu einem Segen, wenn man ganz allein mit dem Herrn war?

Möge der Herr uns die Fähigkeit geben, die Ruhe in Ihm aktiv zu suchen. Es mag verrückt klingen, dass das mit körperlicher Anstrengung verbunden sein kann. Aber die Ruhe im Herrn ist es, die uns so viel Kraft geben kann. Und letztendlich ist das unser Ziel: Die ewige Ruhe beim Herrn, die der ewigen Unruhe der Seelen in der Verdammnis so krass widerspricht. «Denn wer in seine Ruhe eingegangen ist, der ist auch zur Ruhe gelangt von seinen Werken wie Gott von seinen eigenen» (Hebr 4,10). Und Jesus ruft uns zu: «Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen! Und ich werde euch Ruhe geben» (Mt 11,28).

Zurück