Markus 4,26-29

Eine Auslegung des Markus-Evangeliums: Teil 20

Der Same wächst – Gott schenkt die Frucht. Was Jesu Gleichnis vom Wachstum der Saat über unseren Auftrag, Gottes Wirken und die Reife unseres Lebens lehrt.

Gleicht mein Leben heute schon einer reifen Frucht? Oder ist sie noch unreif – vielleicht sogar ungeniessbar oder an manchen Stellen faulig? Diese Frage stellt sich, wenn wir über das Gleichnis Jesu vom Wachstum der Saat in Markus 4,26-29 nachdenken.

Jesus redete häufig in Gleichnissen. Er gebrauchte Bilder aus dem Alltag, um geistliche Wahrheiten zu vermitteln. Um diese Wahrheiten zu verstehen, sind wir auf den Heiligen Geist angewiesen. Er gebraucht das Wort Gottes, um zu uns zu reden – auch heute.

In Markus 4 erzählt Jesus von einem Menschen, der Samen auf die Erde wirft. Danach schläft er und steht wieder auf, Nacht und Tag. Währenddessen keimt und wächst die Saat, ohne dass der Mensch weiss, wie das geschieht. Die Erde bringt «von selbst» Frucht hervor: zuerst den Halm, dann die Ähre und schliesslich den vollen Weizen. Wenn die Frucht reif ist, kommt die Sichel, denn die Ernte ist da.

Menschen säen

Samen kann auf ganz unterschiedliche Weise verbreitet werden. Der Wind trägt Löwenzahn- oder Ahornsamen weiter. Tiere verbreiten Samen ebenfalls. Eichhörnchen vergraben Nüsse, aus denen später neue Bäume wachsen können. Vögel tragen Samen weiter, und selbst Wasser kann Samen aufnehmen und an einem anderen Ort wieder ablagern.

Im Gleichnis vom Reich Gottes ist es jedoch ein Mensch, der sät. Das ist bemerkenswert. Jesus spricht nicht von einem Bauern, einem professionellen Sämann, einem Fachmann oder einem besonders qualifizierten Experten. Er sagt schlicht: ein Mensch.

Das bedeutet: Menschen wie du und ich können säen. Dafür braucht es keine besondere Ausbildung und keine aussergewöhnliche Erfahrung.

Und was säen wir? Keine Blumen, keine Bäume und keine anderen Pflanzen. Es geht um den Samen des Reiches Gottes.

Um diesen Samen zu verstehen, müssen wir auf Jesus Christus selbst schauen.

Jesus Christus – das Samenkorn

Schon das Leben Jesu zeigt: Gott ist der Handelnde.

Jesus wurde von Maria empfangen, als sie noch unverheiratet war. Diese Schwangerschaft war weder geplant noch bewusst herbeigeführt oder gesucht. Sie war auch nicht das Ergebnis von Missbrauch oder Gewalt. Jesus hatte keinen menschlichen leiblichen Vater. Seine Empfängnis war ein Wunder Gottes, gewirkt durch den Heiligen Geist.

Von Anfang an wird damit deutlich: Gott handelt. Gott wirkt souverän, ohne menschliches Zutun.

Diesen Gedanken sollten wir im Hinterkopf behalten, wenn wir über das Gleichnis vom Wachstum der Saat nachdenken: Gott wirkt. Er wirkt souverän – trotz allem.

Schon als kleines Kind wurde Jesus zum Flüchtling. Seine Familie musste nach Ägypten fliehen, und seine ersten Lebensjahre verbrachte er im Ausland. Nach der Rückkehr zog die Familie schliesslich nach Nazareth, wo Maria und Josef bereits vor Jesu Geburt gelebt hatten. Dort lernte Jesus das Handwerk des Zimmermanns.

Mit etwa 30 Jahren kam Jesus an den Jordan und liess sich von Johannes taufen. Johannes hatte zunächst Mühe damit, denn er wusste, wer vor ihm stand. Er bezeichnete Jesus als das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt hinwegnimmt. Jesus machte ihm jedoch deutlich, dass auf diese Weise alle Gerechtigkeit erfüllt werden sollte.

Anschliessend wurde Jesus durch den Heiligen Geist in die Wüste geführt. Dort wurde er versucht und geprüft. Der Hebräerbrief sagt, dass er versucht wurde wie wir – und doch widerstand. Habsucht, Augenlust, Stolz und andere Versuchungen konnten ihn nicht zu Fall bringen.

Danach berief Jesus Menschen in seine Nachfolge und machte sie zu Menschenfischern. Er tat Wunder, heilte Kranke, weckte Tote auf und zeigte seine Macht über die Naturgewalten. Wind und Wetter mussten ihm gehorchen; er ging auf dem Wasser.

Doch immer wieder zog Jesus sich auch in die Stille zurück. Er suchte die Gemeinschaft mit seinem Vater und richtete sich neu auf dessen Willen aus. Was er später in Gethsemane aussprach, kennzeichnete sein ganzes Leben: Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe.

Aus dieser Gemeinschaft heraus konnte er den Widerspruch, die Kritik und die Anfeindungen seiner Zeitgenossen ertragen, ohne schuldig zu werden.

Schliesslich wurde Jesus von Judas verraten – von einem Mann, der drei Jahre lang eng mit ihm gelebt hatte. Jesus wurde wie ein Krimineller verhaftet. Obwohl man keine berechtigte Ursache für seine Verurteilung fand, wurde er zum Tod am Kreuz verurteilt. Er ging durch Todesangst und das Erleben tiefster Verlassenheit hindurch, bis er sein Leben in die Hände seines Vaters legte.

Das Weizenkorn muss sterben

Wenige Tage vor seinem Tod sprach Jesus selbst vom Bild des Samenkorns. In Johannes 12,24 heisst es nach der Schlachter 2000:

«Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, so bleibt es allein; wenn es aber stirbt, so bringt es viel Frucht.»

Das ist zunächst leicht nachzuvollziehen. Ein Weizenkorn, das nicht in die Erde gelegt wird, bleibt allein. Erst wenn es in die Erde kommt und gewissermassen stirbt, kann daraus neues Leben und viel Frucht entstehen.

Doch Jesus fährt fort und wendet dieses Prinzip auf unser Leben an: Wer sein Leben festhalten will, wird es verlieren. Wer ihm dienen will, soll ihm nachfolgen.

Jesu Worte sind zugleich eine Ankündigung seines eigenen Sterbens. Wie das Weizenkorn in die Erde gelegt wird und stirbt, so wird Jesus wenige Tage später sterben.

In diesem Sinn können wir vielleicht sagen: Jesus selbst ist der Same.

Kein Stein konnte das Wachstum verhindern

Nach Jesu Tod wurde sein Grab mit einem schweren Stein verschlossen und bewacht. Doch weder der Stein noch Soldaten noch irgendeine andere Macht konnten Gott, den Vater, daran hindern, seinen Sohn aus den Toten aufzuerwecken.

Der Same kommt aus der Erde hervor.

Genau das ist auch der zentrale Gedanke in Markus 4: Der Same wächst, obwohl der Sämann nicht versteht, wie das geschieht. Er schläft, steht wieder auf, es wird Tag und Nacht – und währenddessen keimt und wächst die Saat.

Wir müssen nicht verstehen, wie Gott dieses Wachstum bewirkt. Entscheidend ist: Er bewirkt es.

Schon nach der Sintflut sagte Gott zu Noah, dass, solange die Erde besteht, „Saat und Ernte, Frost und Hitze, Sommer und Winter, Tag und Nacht“ nicht aufhören sollen (1. Mose 8,22).

Wenn wir über die Felder schauen, sehen wir dieses Prinzip jedes Jahr aufs Neue. Der Winterweizen wächst aus dem Boden. Der Bauer kann säen und seine Arbeit tun, aber das eigentliche Wachstum kann er nicht herstellen. Er kann den Samen nicht mit eigener Kraft zum Leben bringen.

Gott schenkt Wachstum. Gott schenkt Gedeihen.

«Von selbst» – ohne unser Zutun

In Markus 4,28 steht, dass die Erde «von selbst» Frucht hervorbringt. Hinter dieser Formulierung steht ein griechischer Begriff, von dem auch unser Wort «automatisch÷ kommt.

Der Same entwickelt sich ohne das Zutun des Menschen: zuerst der Halm, dann die Ähre und schliesslich das reife Korn.

Dabei sehen wir zunächst nur, was oberhalb der Erde geschieht. Der Halm erscheint, wächst und streckt sich der Sonne entgegen. Doch gleichzeitig geschieht etwas Entscheidendes im Verborgenen: Unter der Erde wächst die Wurzel.

Ohne diese unsichtbare Wurzel könnte der Halm nicht wachsen und das Korn nicht reifen.

Gerade das fasziniert mich an diesem Gleichnis. Je länger man darüber nachdenkt, desto deutlicher wird, wie vollkommen Gottes Schöpfung geordnet ist. Manche Phänomene bereiten selbst Wissenschaftlern Schwierigkeiten. Gott aber ist weiser als wir Menschen – unabhängig davon, wie viel wir wissen oder studiert haben.

Frucht ist schön

Am Ende entsteht Frucht.

Frucht ist schön. Sie ist lebensnotwendig und gesund. Und sie ist notwendig, damit neues Leben entstehen kann. Ohne Frucht würde das Leben nach einer Generation aufhören.

Auch Menschen können einer solchen Frucht gleichen. Es gibt Menschen, in deren Gegenwart wir uns gerne aufhalten. Nicht, weil sie aussergewöhnlich oder perfekt wären, sondern weil in ihrem Leben etwas heranreift.

Sie sind vielleicht weniger nachtragend geworden. Sie übernehmen Verantwortung. Sie können zu ihren Fehlern stehen und sich entschuldigen. In ihrem Leben wird etwas von der Frucht sichtbar, die Gott wachsen lässt.

Das Entscheidende dabei ist: Diese Frucht entsteht nicht in erster Linie deshalb, weil ein Mensch sich besonders stark anstrengt.

Gott ist der Wirkende. Gott bringt die Frucht hervor.

Hebräer 12,2 bezeichnet Jesus als den «Anfänger und Vollender des Glaubens». Und Paulus schreibt in Philipper 1,6, dass der, der in uns ein gutes Werk angefangen hat, es auch vollenden wird.

Gott beginnt. Gott wirkt. Gott führt zu Ende.

Eines Tages kommt die Ernte

Das Gleichnis endet jedoch nicht beim Wachstum. In Vers 29 kommt die Sichel ins Spiel.

Die Frucht reift, doch irgendwann ist der Zeitpunkt der Ernte gekommen. Bildlich gesprochen werden auch wir eines Tages geerntet oder heimgeholt. Wir leben nicht ewig auf dieser Erde. Wir alle müssen sterben.

Die Ernte geschieht zum richtigen Zeitpunkt.

Interessant ist dabei die Formulierung der Schlachter 2000: «Wenn aber die Frucht es zulässt», wird die Sichel geschickt. Der zugrunde liegende griechische Ausdruck ist nicht ganz leicht zu deuten. Das Bild kann den Eindruck vermitteln, als sei die Frucht nun bereit und stelle sich dem Erntenden zur Verfügung: Jetzt ist es so weit.

Das führt zurück zu einer sehr persönlichen Frage:

Gleicht mein Leben heute schon einer reifen Frucht?

Oder ist diese Frucht noch unreif? Vielleicht ungeniessbar? Vielleicht sogar an einigen Stellen faulig?

Was läuft schief, wenn Frucht nicht reift?

Das Gleichnis richtet unseren Blick erneut auf den Ausgangspunkt: Die Frucht reift, weil Gott wirkt.

Unsere Aufgabe: den Samen säen

Doch wenn Gott das Wachstum schenkt, was ist dann unsere Aufgabe?

Markus 4 sagt: Ein Mensch wirft den Samen auf die Erde.

Unsere Verantwortung ist das Säen.

Als Kinder Gottes sollten wir darauf achten, wie wir das tun: mit Geduld und Ausdauer, mit viel Liebe, ohne uns zu schämen, entschieden und überzeugt – und zugleich fröhlich.

Und was ist der Same, den wir ausstreuen?

Jesus Christus.

Gethsemane, Golgatha, sein Tod und seine Auferstehung stehen im Zentrum unserer Botschaft. Jesus Christus ist der Retter. Von ihm sollen wir sprechen. Auf ihn sollen wir hinweisen.

Bildlich gesprochen säen wir Jesus Christus, wenn wir Zeugnis von ihm ablegen. Wenn wir erzählen, was er getan hat und warum er es getan hat. Wenn wir davon sprechen, was er in einem Menschenleben bewirken kann und welche Veränderung möglich wird, wenn er darin Einzug hält.

Das ist unser Same. Das ist unsere Botschaft.

Kein Erfolgsdruck

Und dann dürfen wir etwas ausgesprochen Befreiendes wissen: Auch wenn wir schlafen oder es einmal etwas ruhiger angehen lassen, wächst der Same weiter.

Das nimmt uns den Erfolgsdruck.

Wir müssen nicht verzweifeln, wenn wir im Augenblick keine Ergebnisse sehen. Das Wort Gottes, das Zeugnis von Jesus Christus und die Botschaft von ihm wirken. Wir wissen vielleicht nicht, wann und wie Frucht sichtbar werden wird. Aber das Wachstum liegt nicht in unserer Hand.

Psalm 126,5 bringt diesen Gedanken wunderschön zum Ausdruck: «Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.»

Manchmal säen wir tatsächlich unter Tränen. Aber gerade dann ist es ermutigend zu wissen: Jesus schenkt Gedeihen. Gott wirkt die Frucht.

Nicht wir.

Das befreit uns von einem Druck, den Gott uns gar nicht auferlegt hat.

Wir müssen «nur» säen – wobei dieses «nur» keineswegs bedeutet, dass unsere Aufgabe unwichtig wäre. Unsere Verantwortung bleibt bestehen: Jesus bekannt zu machen, ihn in die Mitte zu stellen und auf ihn hinzuweisen.

Auch unser Leben kann zum Samen werden

Noch einmal zurück zum Weizenkorn in Johannes 12: Wenn wir Jesus nachfolgen, kann auch unser eigenes Leben gewissermassen zum Samen werden. Durch unser Leben kann neue Frucht entstehen.

Jesus sagt, dass derjenige, der sein Leben unbedingt festhalten will, es verlieren wird. Wer es dagegen hingibt und ihm nachfolgt, steht am Ende nicht auf der Verliererseite.

Das gilt überall dort, wo Gott uns hingestellt hat: in unseren Familien und zu Hause, in der Nachbarschaft, in der Schule und am Arbeitsplatz, im Altersheim, nach dem Gottesdienst oder nach einer Gebetsstunde, wenn wir miteinander sprechen.

Der Same ist Jesus Christus.

Darum sollten unsere Worte und unsere Botschaft immer wieder auf ihn hinweisen. Das bedeutet nicht, dass wir in jedem Gespräch künstlich Druck erzeugen müssten. Darum geht es nicht.

Aber unsere Verantwortung bleibt das Säen.

Und den Rest macht Gott.

Wir säen. Gott lässt wachsen. Gott bringt Frucht hervor. Und wenn die Zeit gekommen ist, hält er die Ernte.

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